Gerüstbauer

Am Haus gegenüber haben sie heute nachmittag das Gerüst wieder abgebaut, auf dem jetzt tagelang zuerst die Maler gemalt und dann die Spengler gespenglert hatten. Als ich vom Einkaufen zurück ging, hörte ich einen Dialogfetzen der das Gerüst abbauenden Gerüstbauer:

– Karnickeln tunse in Rumänien, aber zum Werfen kommse dann wieder nach Berlin.
– Sind aber in Köln und Hannover ooch noch jemeldet.
–Drecksrumänen.

Und brach innerlich zusammen. Dieses andauernde Gefühl, in so einem Lion-Feuchtwanger-Roman zu stecken, in den Zwanzigerjahren, alles scheint noch normal und okay, aber irgendwas schwelt, was ist das denn? Ach ja, stimmt: die Nazis sind plötzlich überall, aber die gehen ja bestimmt auch wieder weg, nur ein vorübergehendes Phänomen, eine Mode. Denkste.

Ich hab das ja noch erlebt, in den Achtzigern, als Jugendlicher, die alten Nazis, die dir vorschwärmten, wie man unter Hitler sein Fahrrad nicht habe absperren müssen, weil niemand je ein Fahrrad geklaut habe damals. So etwas wie ein Fahrradschloss habe es gar nicht gegeben in dieser wundervollen Zeit. Ein Deutscher klaue ja eh kein Fahrrad und die andern – die Andern! – hätten damals sehr genau gewusst, dass sie direkt ins KZ gehen für ein einem Deutschen weggeklautes Fahrrad und also brav die Finger gelassen von den Fahrrädern der Deutschen.

Ich weiß nicht, ich hab das Gefühl, die Nazis sind wieder groß im Kommen. Ihr sagt natürlich: Das war doch bloß ein Zufallsdialog von Gerüstbauern. Aber NSU, AfD, Freital, Pegida, es häuft sich doch jetzt wirklich langsam, und ich sehe es eben nicht mehr nur im Fernsehen, nicht nur Einzelfälle, weit weg, irgendwo, sondern die Leute auf der Straße reden so daher, ich höre es überall. „Heil Deutschland! Heil Reich!“, schrie neulich einer offen auf der Straße aus und reckte die Hand zum Hitlergruß, und ich würde ja gerne dazuschreiben: ein Irrer. Aber langsam werden die Irren zur Normalität, und da Irresein als Abweichung von der Normalität definiert ist, bin wohl ich so langsam der Irre.

Dazu die Lektüre der Zeitungen, das Scheitern der EU, das Scheitern der europäischen Idee, die Putinsche Wahnsinnspolitik und die Hölle im Nahen Osten. Wir schlittern in die nächste Katastrophe hinein, ich kann dieses Gefühl nicht mehr abschütteln. Aber scheiß auf Sommermärchen und selbstbewusstes Nationalgefühl im schwarzrotgoldenen Farbenmeer: Die Besinnung auf irgendwelche herbeifantasierten Volks- und Nationalidentitäten löst doch diese ganzen Probleme genau nicht, sondern befeuert sie im Gegenteil nur. Sieht das denn keiner?

Aber klar, selbst der SPD fällt als Antwort auf die NSA-Bespitzelung nichts Besseres ein, als die Überwachung der Bürger per Vorratsdatenspeicherung einfach selbst in die nationale Hand zu nehmen. Wenn die Amis schon wissen, welche Pornos sich unsere Bürger so reinziehen, dann wollen wir es wenigstens auch wissen.

Und als Normaldepp, der schon fast verzweifelt die Demokratie immer noch für die beste Staatsform hält, steht man jetzt da und fragt sich: Wen soll ich aber wählen in dieser Scheißdemokratie?

Ich würd am liebsten nur noch Griechen oder Rumänen oder Portugiesen in ein wirklich demokratisches Europaparlament hineinwählen, aber man lässt mich ja nur Deutsche wählen, selbst bei der Europawahl, und die stellen sich dann hin und sagen: Wählt mich, weil ich eure deutschen Interessen wahre.

Wie so richtig ehrlich arbeitende und niemals fahrradklauende nationalsozialistische Gerüstbauer.

 

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5 Kommentare zu “Gerüstbauer

  1. An diesem scheinbar nicht einmal wegzudenkenden Nationalismus scheitert alles, nicht nur die europäische Idee. Scheinbar ist das so viel einfacher in Grenzen und Gegensätzen zu denken, dieses Ausgrenzen zu praktizieren, statt sich auf Gemeinsamkeiten zu konzentrieren. Ich habe da mal im März was drüber geschrieben und es gibt ja auch die andere Berichterstattung, die von Gemeinsamkeiten und Möglichkeiten berichtet, aber das geht irgendwie unter. Was kann man da nur machen? Ich wüsste das wirklich gerne.

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