Kinderkram

Das Tolle am Comic, wie mir im Gespräch mit dem G. auch wieder aufgefallen war, sind ja unter anderem seine einzigartigen Möglichkeiten in Bezug auf die Zeit. Manche Kunstformen bringen ihre eigene Zeit ja einfach mit, die Musik zum Beispiel. Ein Musikstück schnurrt eben so ab, wie es abschnurrt, und der Hörer muss dieses Tempo mitgehen. Das soll gar nicht so negativ klingen, diese Eigenschaft gehört einfach zum Wesen der Musik. Man kann natürlich die Appassionata schnell, normal, oder so quälend langsam wie Glenn Gould spielen, der diese Sonate einfach hasste und mit seiner Einspielung bewusst zerstören wollte. Aber als Rezipient hat man allenfalls noch die Entscheidungsfreiheit, welche Aufnahme man sich auflegt, dann aber, einmal auf Play gedrückt, bleibt einem nichts übrig, als dem Tempo der Musik zu folgen. Beim Film ist es noch deutlicher: Ein vorgetakteter Strom von Bildern, dem man sich völlig überlässt.

Beim Comic hingegen lenkt zwar der Künstler deinen Blick über die Seite, gibt also den Weg vor, auf dem deine Augen das Papier abfahren, kann aber unmöglich bestimmen, in welchem Tempo du dies tust. Erzählzeit und erzählte Zeit klaffen unter Umständen sehr weit auseinander, und zwar auf nochmal andere Weise als beim Buch, wo dieses Verhältnis zum größten Teil allein vom Autor bestimmt und gestaltet wird, und der Leser doch meistens in einem von ihm gewählten Grundtempo die Sätze so hintereinander wegliest. Beim Comic entscheidet der Leser selbst, wieviel Zeit er jedem einzelnen Bild widmet. Ein einzelnes Bild, das nur einen minimalen Zeitraum erzählt, eine Explosion zum Beispiel, betrachtet man vielleicht besonders lange, um alle möglichen Details zu erkennen und zu dechiffrieren: Da fliegt ein Stiefel, ist das nicht der Stiefel von X?, dann hat es X wohl erwischt?, oder ihm nur das Bein abgerissen?, usw. Wohingegen man über eine Reihe von Bildern, die besondere Langsamkeit zum Ausdruck bringen soll, mit den Augen eventuell ganz schnell hinwegfährt: Jemand geht langsam einen Flur entlang, Schritt für Schritt, Bild für Bild. Das überfliegt man als Leser nur ganz flüchtig: Aha, langsam, verstanden, weiter.

Neulich mit H. darüber geredet, dass wir als Kinder die exakt gleiche Erfahrung beim Comiclesen gemacht haben, nämlich einfach nur den Sprechblasentext zu lesen und fast gar nicht auf die Bilder zu achten, ja, die Bilder eigentlich nur im Augenwinkel wahrzunehmen, weil man sie eben nicht vollständig wegblenden kann, da sie ja nun mal um die zu lesenden Sprechblasen so außen rum gemalt sind. Manchmal, wenn mir bei einem Bild dann doch mal ein Detail auffiel, das für den Fortgang der Geschichte wesentliche Informationen transportierte, die so dem Sprechblasentext gar nicht zu entnehmen waren, dachte ich: Oh Gott, bestimmt ist das ganze Heft voll solcher gemalter Andeutungen, und ich übersehe das alles, krieg nur die Hälfte überhaupt mit. Dann nahm ich mir immer fest vor, das Heft noch einmal ganz genau zu lesen, und diesmal ganz bewusst jedes einzelne Bild zu kontemplieren. Aber es funktionierte nie. Zack, Peng, Bumm, war ich wieder beim Schlussbankett der Gallier, und hatte wieder nur am Text entlang gelesen.

Vielleicht kommt man eines Tages noch zu der Auffassung, Comics seien zu komplex und stellten zu hohe Anforderungen an den Leser, als dass man diese anspruchsvolle Lektüre einfältigen Kindern zumuten dürfe. Aber, äh, wenn ich es recht bedenke: Nein, das wäre dann auch wieder übertrieben.

Advertisements

4 Kommentare zu “Kinderkram

  1. Darf ich das noch ein bisschen steiler zuspitzen? Vielleicht handelt essich beim Comic somit um einen Hybrid, der zwei inkompatible Modi des Geistes verbindet, so als wolle man sich mit einem Rad und einem Bein fortbewegen (oder mit Flügeln schwimmen? – bessere Metapher hier einsetzen): Man kann sich nur in eines wirklich versenken, Text oder Bild.
    Als Teenager war ich manchmal etwas frustiert über „Die lustigen Taschenbücher“, weil ich damit so lange brauchte, wenn ich den Text komplett las. Wenn ich den Text aber nur querscannte zusammen mit den Bildern, dann verpasste ich vielleicht ein wichtiges Detail der Geschichte. Manche dieser Geschichten waren auch geradezu psychedelisch; abgedrehte Twists, Extra-Dimensionen-Welten, Meta-Kommentar(?).

    Wie dem auch sei. Beim Lesen handelt es sich ja auch schon um eine Kulturtechnik, die einige Deformation unserem Geiste aufbürdet: diese kleinen, abstrakten Schriftsymbole aufzusammeln und mühsam Sinn und Bedeutung davon zusammenzupuzzlen. Vielleicht meistert unser Hirn dann irgendwann auch den Comic?

    • PS. Die andere These von dem anderen Verhältnis von erzählter und Erzählzeit im Comic überzeugt mich noch nicht so ganz: Auch bei einem Buch kann man Passagen wörtchenweise kauen und andere an sich vorbeihuschen lassen (oder heutzutage könnte man sie sich auch „spritzen“). – Aber vielleicht ist das ein interessantes Thema mit der Zeit in Comics. Man könnte ja versucht sein, sie mit Storyboards in Verbindung zu setzen. So als wären die Bilder film stills, die versuchten, die Dynamik einer Filmszene hervorzurufen.

      Wahrscheinlich eine höchst problematische These. Letztlich sah ich z.B. einen Comic von „Waltz with Bashir“ und dachte nur: Wozu braucht es denn das, wenn es den Film schon gibt. Haben die jetzt wirklich nur einzelne Bilder des Films eingefroren und hintereinandergepappt?

      So genug vom Wald- und Wiesengrund-Theoretiker.

      • Ja, vielleicht schließe ich da zu sehr von mir persönlich aufs Allgemeine. Ein Buch lese ich selber einfach in einem ziemlich gleichmäßigen Tempo, da muss schon was ganz Besonderes passieren, dass ich da innehalte, einen Satz nochmal lese und mir sozusagen auf der Zunge zergehen lasse. Aber andere Lesetechniken sind da natürlich nicht nur denkbar, sondern vielleicht sogar weit verbreitet, wer weiß. Und wenn ich mich beim Comiclesen beobachte, stelle ich fest, dass das sehr viel arhythmischer ist, ich bei manchen Bildern wirklich sehr lange verweile und dann andererseits längere Sequenzen nur so überhusche mit den Augen. Aber klar: auch hier liegen mir keine anderen Daten vor als nur das eigene Leseverhalten.

        Film Stills sind jedenfalls die einzelnen Comicbilder sicherlich nicht, denn im Film Still ist ja wirklich die Zeit eingefroren, ein festgefrorener Moment, während innerhalb eines Comicbildes ja unter Umständen sehr viel (erzählte) Zeit vergehen kann. Beispiel: Zwei Leute, zwei Sprechblasen, einer sagt was, der andere antwortet: Da vergeht auf jeden Fall Zeit, und zwar gar nicht so wenig, innerhalb eines einzelnen Bildes. Das Bild bildet also nicht einen Moment, sondern einen Zeitraum ab. Dann vergeht im Übergang zum nächsten Bild wieder eine relativ unbestimmte Menge Zeit usw. Sehr interessant. Eine ganz eigentümliche Kunstform, so viel scheint sicher, mit ganz eigenen Möglichkeiten.

        Mir scheinen im Übrigen die zwei Geistesmodi Lesen und Bildverarbeitung gar nicht so unkompatibel zu sein, wie die Comiclektüre ja geradezu beweist. Diese Fixierung auf den reinen Text, wie ich sie in meiner Kindheit hatte, habe ich ja heute nicht mehr. Der Comic muss halt auch gut gemacht sein, so dass die zwei Schienen, auf denen er dahinfährt, schön ineinandergreifen. (Hier bitte ebenfalls eine passendere Metapher einsetzen…)

        Die Lustigen Taschenbücher waren mir als Kind nicht lustig genug. Ich hab die Dinger zwar verschlungen, aber nur selten mal gelacht. Wirklich zum Lachen brachte mich der durchgeknallte Anarcho-Humor von Clever & Smart.

      • Die Zeit, die während eines Gesprächs vergeht bildet das Bild aber nicht ab, nur der Text. In den Action-Sequenzen, da würde ich vielleicht noch eher gelten lassen, dass dort über die angedeutete Bewegungs-Dynamik Zeit indirekt eingefangen wird. (Aber die Bewegung selbst muss unser Hirn doch mithinzukonstruieren, so wie die ganze Superheldenübergrößen-Awesomeness, oder?) – Aber liegt die Eigentümlichkeit des Mediums nicht eher darin, dass die Bilder oft noch etwas Atmosphärisches, vielleicht sogar Gestisches ausdrückt?

        Vielleicht hast du recht, dass ein Comic noch viel arhythmischer gelesen werden kann. Comics sind auch nicht so ganz das Gebiet meiner Leidenschaft, bevor ich also dumm Zeusch red’… Einfach mal abschalten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s