17.06.2015

Gestern abend in der Kneipe mit dem G., den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe, kein wirklich lauer Sommerabend, eher ein bisschen frisch, aber man kann gerade noch draußen sitzen, also sitzen wir draußen. Tegernseer Bier im Willybecher, ideale Verhältnisse. Eine Frau, mit dem G. offenbar lose bekannt, setzt sich zu uns auf die Bierbank. Ob sie sich zu uns setzen dürfe, fragt sie, als sie schon sitzt, wir müssten auch nicht mit ihr reden. Ihr könnt mit mir reden, sagt sie, müsst aber nicht mit mir reden. Alles klar, die Introduktion ist ziemlich eindeutig, sie hat also vor, uns zuzuschwallen. Und genau so kommt es.

G. und ich reden über Comics, sie hakt ein, fragt, wo für uns der Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel liege, wo da genau die Trennlinie verlaufe. Wir antworten einstimmig, die Unterscheidung sei überflüssig und unsinnig, letztlich sei der Begriff Graphic Novel nur eine Marketingerfindung, um gewisse Comics aus der Schmuddelecke für Kinder und Nerds herauszuadeln und dem seriösen, intellektuellen Romanleser auch schmackhaft zu machen. Wenn man aber die erzählerischen und ästhetischen Mittel betrachte, sei kein grundlegender Unterschied erkennbar zwischen dem, was landläufig als Graphic Novel gehandelt werde, und dem ganzen Rest, der das Glück hat, einfach weiter Comic zu heißen. (Rosamunde-Pilcher-Romane dürfen ja auch „Roman“ heißen zum Beispiel, ohne dass das der Romankunst von Pynchon oder sonstwem einen Abbruch täte.)

Jetzt passiert das Faszinierende: Sie widerspricht nicht wirklich, argumentiert nicht dagegen, berichtet nur von ihren persönlichen Comicerfahrungen, lässt dabei aber ganz beiläufig immer wieder die Begriffe Comic und Graphic Novel fallen, wie um zu illustrieren, wie sinnvoll diese Unterscheidung entgegen unserer Meinung eben doch sei, verheddert sich dabei auf meine Nachfrage in offenkundigen Unsinn, wie zum Beispiel, der Comic sei per se reduzierter gezeichnet als die Graphic Novel, welche sich durch ganz ausgearbeitete Feinzeichnung auszeichne usw.

G. und ich verdrehen schon ein bisschen die Augen, mein innerlicher Unmut wächst, diese Diskussion will ich doch gar nicht führen, meine Widerworte verhallen ungehört, offenkundig kann diese Debatte nirgendwo mehr hinführen, ein Konsens ist nicht in Sicht, gleichzeitig beobachte ich mit wachsender Faszination: Die Stimmung am Tisch bleibt von außen betrachtet völlig ruhig: Keine Schimpfworte fallen, keine Fäuste knallen auf den Tisch, im Gegenteil: Wir lächeln alle. Im Internet, denke ich, wären wir uns schon längst an der Gurgel. Und tatsächlich löst sich dann alles ganz von alleine auf, ohne dass der ohnehin nichtige Dissens behoben worden wäre. Bald zahlt sie schon und geht ihres Wegs. Denkt wahrscheinlich: Deppen. Und zieht sich daheim ’ne schöne Graphic Novel rein.

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6 Kommentare zu “17.06.2015

  1. als Comic zeichner und Freund von G. bekommt die Szene so einen ganz ultrarealistischen Anstrich.
    Aber selbst als ein Urheber dieser Bildergeschichten kommt man mit den Begriffen durcheinander. Es handelt sich auch hier dann jedoch ganz klar um reine marketings-feinheiten … Dem verpustelten teenager entgegne ich auf nachfrage ich sei Comic-zeichner, wiederum der geneigten und reifen Leserin schwindel im small-talk nahkampf vor, es handle sich um graphic novels.

    Sehr schön beobachtet

    • Ja, so kann ich mit beiden Begriffen gut leben: Wenn man sie der Extension nach als Synonyme betrachtet und nur je nach Gelegenheit mal den einen, mal den anderen verwendet. Und im Small-Talk-Nahkampf sind sowieso alle Mittel erlaubt, denke ich.

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