Der Lehrer

In der Weltsicht meines Vaters gab es die eine Hassfigur schlechthin, und das war der Lehrer. Ich denke, man muss das verstehen. Als mein Vater elf Jahre alt war, hatte er endlich gelernt, dass der Rohrstock auf die Finger saust, wenn man den Herrn Lehrer nicht mit „Heil Hitler“ grüßt, und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, setzte es den Rohrstock von genau dem selben Herrn Lehrer, wenn man ihm seinen Respekt mit selbiger Grußformel erweisen wollte. Vermutlich ist so eine Erfahrung gar keine so schlechte Lektion fürs Leben. Man lernt, wie weit es in Wahrheit her ist mit den Weisheiten und Dogmen, die die Lehrer Tag für Tag in einen hineinstopfen.

Ich erinnere mich an ein feierliches Abendessen mit meiner Familie in einem Restaurant, wo mein Vater plötzlich in eine Suada ausbrach, der Lehrerberuf, das sei natürlich der beste Beruf von allen, man arbeite nur halbtags und das halbe Jahr hätte man sowieso Ferien, als Beamter sei man unkündbar, das Geld immer sicher, die reinste Schlaraffenexistenz. Dass die Lehrer von nichts eine Ahnung hätten wäre ja sogar nur halb so schlimm, wenn sie sich dann bloß nicht in die Politik wählen ließen. Klar habe keiner außer einem Lehrer soviel Zeit und Muße, sich in einen Gemeinderat wählen zu lassen und da dann gescheit daherzureden, so wie er ja in der Schule auch immer nur gescheit daherredete, bloß habe nun leider der immer nur schwätzende Lehrer keinerlei Ahnung vom Geld, und schmeiße also das Steuergeld der Bürger nur so zum Fenster hinaus für die immer unsinnigsten Zwecke. Er selbst, mein Vater also, als ein wirklich arbeitender Mensch, habe natürlich nicht die Zeit und auch nicht die Nerven, sich abends in der Gemeinderatssitzung noch Lehrergeschwätz anzuhören, und müsse also tatenlos zusehen, wie diese Lehrer das Geld, das er verdiene und erwirtschafte, wahlweise zum Fenster hinaus schmissen oder im Ofen verbrannten.

Als er mit seiner Rede fertig war, herrschte beklommenes Schweigen am Tisch, was eventuell damit zusammenhängen könnte, dass der Anlass für das feierliche Zusammentreten der Familie das bestandene Lehramtsstaatsexamen meiner Schwester war.

Nichts gegen meine Schwester, ich sage auch zu ihrer Ehrenrettung, dass sie bis heute in keinem Gemeinderat sitzt. Aber den Lehrerhass habe ich dann doch von meinem Vater geerbt. Typen, die dir die Wahrheit, die sie gepachtet haben, auf Teufel komm raus reindrücken müssen. Ich hatte vielleicht auch ein paar gute Lehrer, aber die Mehrzahl waren doch die Gestörten. Der Mathelehrer und Leiter der Computer-AG, der sich gerne mal mit raushängender Zunge von hinten über mich lehnte, seine Arme links und rechts an meinem Hals vorbeischob und mir in dieser Haltung umständlich die Codezeilen umschrieb – es wunderte mich nicht wirklich, als vor ein paar Jahren bekannt wurde, dass er an Internatsschülern tatsächlich die verwerflichsten pädophilen Schandtaten vollzogen hatte.

Undsoweiter, undsoweiter, Achtung, jetzt kommt der Dreh: Wir sollten uns die Blogosphäre nicht zur Schule machen. Ich sehe mich hier jedenfalls absolut nicht als ein Lehrer, der andere zu irgendwelchen Wahrheiten bekehren will, und kriege andersrum halt relativ schnell die Krise, wenn ich für meine Texte dann so von der Seite angelehrert werde und man partout so lange insistiert, bis ich zu der anscheinend klausurrelevanten Meinung des Lehrers konvertierte. Das Spiel spiele ich nicht mit, dieses Schulspiel, auch des angeblich aufgeklärten 68er Paukers, der, anstatt dir ein Dogma reinzuprügeln, voll die Diskussion aufspannt, immer im sicheren Gefühl, am Ende würden seine Argumente ja sowieso siegen. Da stellen sich mir die Haare auf. Und ich hasse mich ja selbst dafür, dass ich mich dann so aufrege und zum Hulk werde, weil der Schulmeister mit seiner ziselierten Wortklauberei sich so fest in mir verbissen hat, dass ich keinen anderen Ausweg mehr sehe.

Ein Ausweg, allein darum geht es doch. Das nächste Mal, ich versprech’s, gehe ich einfach schweigend aus dem Klassenzimmer hinaus, im sicheren Bewusstsein, dass ich hier wirklich kein Abitur mehr zu bestehen habe, auch wenn die wiederkehrenden nächtlichen Albträume mir etwas anderes erzählen wollen.

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4 Kommentare zu “Der Lehrer

  1. Daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Kann deine Einstellung aber gut verstehen und leide auch immer noch täglich an der bornierten Besserwisserei etlicher Kolleginnen, die immer ganz genau wissen, was Kinder zu können und wie sie zu sein haben, ohne den geringsten Respekt vor der Einzigartigkeit jedes ihnen anvetrauten Individuums. Liegt meiner Meinung nach am Beamten-Unterdrückertum, das man ohne humanistische Vorbildung oder anderweitige charakterliche Vorbildung nur als seelischer Krüppel „erfolgreich“ durchlaufen kann.

    • Witzig, in meiner Erinnerung hielt er diese Rede ungefähr einmal pro Jahr, eigentlich bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Obiges ist natürlich ein wilder Remix aus all diesen Vorkommnissen, aber ich erinnere mich deutlich, dass er auch bei dieser Gelegenheit über das Lehrertum herzog. Das mit dem Beamten-Unterdrückertum weißt du natürlich besser als ich, glaube schon, dass da was dran ist. Vielleicht sollten Schulreformen eher da mal ansetzen?
      Liebe Grüße,
      Dein Polyneikes

      P.S.: Die Götter sind mir ganz schnurz, also vergiss das mit dem Begraben und bring dich in Sicherheit!

      • Alles klar, aber ich wäre bereit gewesen! Und nein, diesen ausgeprägten Lehrerhass habe ich tatsächlich nie bewusst mitbekommen. Vielleicht hat er den doch eher dir gegenüber frei herausgelassen.

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