28.06.2015 – Mit Hasenkötteln und drei Links

Ich erwachte heute morgen um vier Uhr vierzig, weil etwas an meinen Haaren knabberte. Ein durch keine Traumerzählung mehr zu übertünchendes, unangenehm ziehendes Nagen an meinem Haupthaar. Ich öffnete die Augen – erstaunlich, wie hell es schon ist um diese Zeit – und sah das graue Kaninchen auf meinem Kopfkissen sitzen. Nachdem wir uns in die Augen geschaut hatten, drehte es sich nun herum, zeigte mir sein Hinterteil und ließ aus selbigem einige braune Kügelchen direkt neben meinen Kopf kullern. „Fuck, du Hase, verschwinde aus meinem Bett! Verschwinde aus meinem Leben!“, waren die ersten Worte, die ich an diesem heutigen Tag artikulierte, und irgendwie war klar: Der Tag ist jetzt, um vier Uhr einundvierzig in der Früh, bereits gelaufen.

Fragen Sie nicht, wie es soweit kommen konnte, ich erspare Ihnen die Details, ich sage nur: Alarmstufe Rot ist auszurufen, wenn pubertierende Nachbarskinder Ihnen Haustiere zur Pflege andienen und dabei Worte wie „nur für Übergang“ oder „vielleicht höchstens paar Wochen“ verwenden. Das Wohnzimmer: Ein Steinway, der langsam in einem Misthaufen versinkt.

Es war aber dann doch nicht alles nur schlecht an diesem Tag. Immerhin hat ein eilig einberufener Kaninchenkrisengipfel das Ergebnis gezeitigt, dass die Mistviecher, die ja eigentlich gar keine Mistviecher sind, sondern bedauernswerte Kreaturen, die wegen menschlicher Blödheit zu einem unwürdigen Leben in Gefangenschaft verdammt sind, übermorgen wieder abgeholt werden. Und dann erreichte mich irgendwann noch die Message, dass meine Stats angeblich boomten und tatsächlich: Herr Buddenbohm hat mich einmal mehr verlinkt und meinen letzten Text seinen Lesern zur Lektüre anempfohlen. Das ist immer ein interessantes Erlebnis. Die Klickzahlen rauschen in ungeahnte Höhen, aber sonst bleibt alles still, keine Likes, keine Kommentare. Für mich wahnsinnig angenehm. Leser, die einfach nur lesen.

Ich mache ja keine solchen Linksammlungen, vermutlich vor allem aus dem Grund, um die zu Verlinkenden im Unklaren zu lassen über meinen normalerweise ja doch eher erbärmlich niedrigen Traffic. Das ist doch beschämend. Wenn ich einen Link setze, klicken da vielleicht zwei Leute drauf, wenn es hoch kommt. Aber andererseits ist es ja auch schäbig, vom Buddenbohm immer nur die Leser und die Klicks abzusahnen und nie was zurückzugeben, also verweise ich heute mal ausdrücklich auf ihn. Er hat nämlich diesen wunderschönen und mir aus tiefster Seele sprechenden Satz geschrieben: „Isch möschte in gar keine Community.“ Genau so ist es. Wenn sich alle Internet-Startups diesen Satz bitte kurz abschreiben könnten und bei ihren künftigen Unternehmungen im Hinblick auf die potentiellen Kunden auch berücksichtigten, das wäre schön.

Und jetzt ist schon wieder Schluss hier, denn ich will, bevor der kaninchenversaute Tag schon wieder ganz rum ist, noch eine Folge True Detective schauen, die erste Serie seit längerem, die mich wieder ganz vom Hocker reißt. Habe ich entdeckt auf Hinweis von Iris, in deren wildwuchernden Gärten man alles mögliche, und eben auch gute Tipps für Fernsehserien finden kann.

Alles weitere lesen Sie beim Fachmann für fiktionale Essays, essayistische Fiktionen, paranormale Werbebanner und die endlos fortgesetzte Reihe nie geschriebener Groschenromane: Dem Epizentriker.

Advertisements

Gerüstbauer

Am Haus gegenüber haben sie heute nachmittag das Gerüst wieder abgebaut, auf dem jetzt tagelang zuerst die Maler gemalt und dann die Spengler gespenglert hatten. Als ich vom Einkaufen zurück ging, hörte ich einen Dialogfetzen der das Gerüst abbauenden Gerüstbauer:

– Karnickeln tunse in Rumänien, aber zum Werfen kommse dann wieder nach Berlin.
– Sind aber in Köln und Hannover ooch noch jemeldet.
–Drecksrumänen.

Und brach innerlich zusammen. Dieses andauernde Gefühl, in so einem Lion-Feuchtwanger-Roman zu stecken, in den Zwanzigerjahren, alles scheint noch normal und okay, aber irgendwas schwelt, was ist das denn? Ach ja, stimmt: die Nazis sind plötzlich überall, aber die gehen ja bestimmt auch wieder weg, nur ein vorübergehendes Phänomen, eine Mode. Denkste.

Ich hab das ja noch erlebt, in den Achtzigern, als Jugendlicher, die alten Nazis, die dir vorschwärmten, wie man unter Hitler sein Fahrrad nicht habe absperren müssen, weil niemand je ein Fahrrad geklaut habe damals. So etwas wie ein Fahrradschloss habe es gar nicht gegeben in dieser wundervollen Zeit. Ein Deutscher klaue ja eh kein Fahrrad und die andern – die Andern! – hätten damals sehr genau gewusst, dass sie direkt ins KZ gehen für ein einem Deutschen weggeklautes Fahrrad und also brav die Finger gelassen von den Fahrrädern der Deutschen.

Ich weiß nicht, ich hab das Gefühl, die Nazis sind wieder groß im Kommen. Ihr sagt natürlich: Das war doch bloß ein Zufallsdialog von Gerüstbauern. Aber NSU, AfD, Freital, Pegida, es häuft sich doch jetzt wirklich langsam, und ich sehe es eben nicht mehr nur im Fernsehen, nicht nur Einzelfälle, weit weg, irgendwo, sondern die Leute auf der Straße reden so daher, ich höre es überall. „Heil Deutschland! Heil Reich!“, schrie neulich einer offen auf der Straße aus und reckte die Hand zum Hitlergruß, und ich würde ja gerne dazuschreiben: ein Irrer. Aber langsam werden die Irren zur Normalität, und da Irresein als Abweichung von der Normalität definiert ist, bin wohl ich so langsam der Irre.

Dazu die Lektüre der Zeitungen, das Scheitern der EU, das Scheitern der europäischen Idee, die Putinsche Wahnsinnspolitik und die Hölle im Nahen Osten. Wir schlittern in die nächste Katastrophe hinein, ich kann dieses Gefühl nicht mehr abschütteln. Aber scheiß auf Sommermärchen und selbstbewusstes Nationalgefühl im schwarzrotgoldenen Farbenmeer: Die Besinnung auf irgendwelche herbeifantasierten Volks- und Nationalidentitäten löst doch diese ganzen Probleme genau nicht, sondern befeuert sie im Gegenteil nur. Sieht das denn keiner?

Aber klar, selbst der SPD fällt als Antwort auf die NSA-Bespitzelung nichts Besseres ein, als die Überwachung der Bürger per Vorratsdatenspeicherung einfach selbst in die nationale Hand zu nehmen. Wenn die Amis schon wissen, welche Pornos sich unsere Bürger so reinziehen, dann wollen wir es wenigstens auch wissen.

Und als Normaldepp, der schon fast verzweifelt die Demokratie immer noch für die beste Staatsform hält, steht man jetzt da und fragt sich: Wen soll ich aber wählen in dieser Scheißdemokratie?

Ich würd am liebsten nur noch Griechen oder Rumänen oder Portugiesen in ein wirklich demokratisches Europaparlament hineinwählen, aber man lässt mich ja nur Deutsche wählen, selbst bei der Europawahl, und die stellen sich dann hin und sagen: Wählt mich, weil ich eure deutschen Interessen wahre.

Wie so richtig ehrlich arbeitende und niemals fahrradklauende nationalsozialistische Gerüstbauer.

 

Kinderkram

Das Tolle am Comic, wie mir im Gespräch mit dem G. auch wieder aufgefallen war, sind ja unter anderem seine einzigartigen Möglichkeiten in Bezug auf die Zeit. Manche Kunstformen bringen ihre eigene Zeit ja einfach mit, die Musik zum Beispiel. Ein Musikstück schnurrt eben so ab, wie es abschnurrt, und der Hörer muss dieses Tempo mitgehen. Das soll gar nicht so negativ klingen, diese Eigenschaft gehört einfach zum Wesen der Musik. Man kann natürlich die Appassionata schnell, normal, oder so quälend langsam wie Glenn Gould spielen, der diese Sonate einfach hasste und mit seiner Einspielung bewusst zerstören wollte. Aber als Rezipient hat man allenfalls noch die Entscheidungsfreiheit, welche Aufnahme man sich auflegt, dann aber, einmal auf Play gedrückt, bleibt einem nichts übrig, als dem Tempo der Musik zu folgen. Beim Film ist es noch deutlicher: Ein vorgetakteter Strom von Bildern, dem man sich völlig überlässt.

Beim Comic hingegen lenkt zwar der Künstler deinen Blick über die Seite, gibt also den Weg vor, auf dem deine Augen das Papier abfahren, kann aber unmöglich bestimmen, in welchem Tempo du dies tust. Erzählzeit und erzählte Zeit klaffen unter Umständen sehr weit auseinander, und zwar auf nochmal andere Weise als beim Buch, wo dieses Verhältnis zum größten Teil allein vom Autor bestimmt und gestaltet wird, und der Leser doch meistens in einem von ihm gewählten Grundtempo die Sätze so hintereinander wegliest. Beim Comic entscheidet der Leser selbst, wieviel Zeit er jedem einzelnen Bild widmet. Ein einzelnes Bild, das nur einen minimalen Zeitraum erzählt, eine Explosion zum Beispiel, betrachtet man vielleicht besonders lange, um alle möglichen Details zu erkennen und zu dechiffrieren: Da fliegt ein Stiefel, ist das nicht der Stiefel von X?, dann hat es X wohl erwischt?, oder ihm nur das Bein abgerissen?, usw. Wohingegen man über eine Reihe von Bildern, die besondere Langsamkeit zum Ausdruck bringen soll, mit den Augen eventuell ganz schnell hinwegfährt: Jemand geht langsam einen Flur entlang, Schritt für Schritt, Bild für Bild. Das überfliegt man als Leser nur ganz flüchtig: Aha, langsam, verstanden, weiter.

Neulich mit H. darüber geredet, dass wir als Kinder die exakt gleiche Erfahrung beim Comiclesen gemacht haben, nämlich einfach nur den Sprechblasentext zu lesen und fast gar nicht auf die Bilder zu achten, ja, die Bilder eigentlich nur im Augenwinkel wahrzunehmen, weil man sie eben nicht vollständig wegblenden kann, da sie ja nun mal um die zu lesenden Sprechblasen so außen rum gemalt sind. Manchmal, wenn mir bei einem Bild dann doch mal ein Detail auffiel, das für den Fortgang der Geschichte wesentliche Informationen transportierte, die so dem Sprechblasentext gar nicht zu entnehmen waren, dachte ich: Oh Gott, bestimmt ist das ganze Heft voll solcher gemalter Andeutungen, und ich übersehe das alles, krieg nur die Hälfte überhaupt mit. Dann nahm ich mir immer fest vor, das Heft noch einmal ganz genau zu lesen, und diesmal ganz bewusst jedes einzelne Bild zu kontemplieren. Aber es funktionierte nie. Zack, Peng, Bumm, war ich wieder beim Schlussbankett der Gallier, und hatte wieder nur am Text entlang gelesen.

Vielleicht kommt man eines Tages noch zu der Auffassung, Comics seien zu komplex und stellten zu hohe Anforderungen an den Leser, als dass man diese anspruchsvolle Lektüre einfältigen Kindern zumuten dürfe. Aber, äh, wenn ich es recht bedenke: Nein, das wäre dann auch wieder übertrieben.

17.06.2015

Gestern abend in der Kneipe mit dem G., den ich schon ewig nicht mehr gesehen habe, kein wirklich lauer Sommerabend, eher ein bisschen frisch, aber man kann gerade noch draußen sitzen, also sitzen wir draußen. Tegernseer Bier im Willybecher, ideale Verhältnisse. Eine Frau, mit dem G. offenbar lose bekannt, setzt sich zu uns auf die Bierbank. Ob sie sich zu uns setzen dürfe, fragt sie, als sie schon sitzt, wir müssten auch nicht mit ihr reden. Ihr könnt mit mir reden, sagt sie, müsst aber nicht mit mir reden. Alles klar, die Introduktion ist ziemlich eindeutig, sie hat also vor, uns zuzuschwallen. Und genau so kommt es.

G. und ich reden über Comics, sie hakt ein, fragt, wo für uns der Unterschied zwischen Comic und Graphic Novel liege, wo da genau die Trennlinie verlaufe. Wir antworten einstimmig, die Unterscheidung sei überflüssig und unsinnig, letztlich sei der Begriff Graphic Novel nur eine Marketingerfindung, um gewisse Comics aus der Schmuddelecke für Kinder und Nerds herauszuadeln und dem seriösen, intellektuellen Romanleser auch schmackhaft zu machen. Wenn man aber die erzählerischen und ästhetischen Mittel betrachte, sei kein grundlegender Unterschied erkennbar zwischen dem, was landläufig als Graphic Novel gehandelt werde, und dem ganzen Rest, der das Glück hat, einfach weiter Comic zu heißen. (Rosamunde-Pilcher-Romane dürfen ja auch „Roman“ heißen zum Beispiel, ohne dass das der Romankunst von Pynchon oder sonstwem einen Abbruch täte.)

Jetzt passiert das Faszinierende: Sie widerspricht nicht wirklich, argumentiert nicht dagegen, berichtet nur von ihren persönlichen Comicerfahrungen, lässt dabei aber ganz beiläufig immer wieder die Begriffe Comic und Graphic Novel fallen, wie um zu illustrieren, wie sinnvoll diese Unterscheidung entgegen unserer Meinung eben doch sei, verheddert sich dabei auf meine Nachfrage in offenkundigen Unsinn, wie zum Beispiel, der Comic sei per se reduzierter gezeichnet als die Graphic Novel, welche sich durch ganz ausgearbeitete Feinzeichnung auszeichne usw.

G. und ich verdrehen schon ein bisschen die Augen, mein innerlicher Unmut wächst, diese Diskussion will ich doch gar nicht führen, meine Widerworte verhallen ungehört, offenkundig kann diese Debatte nirgendwo mehr hinführen, ein Konsens ist nicht in Sicht, gleichzeitig beobachte ich mit wachsender Faszination: Die Stimmung am Tisch bleibt von außen betrachtet völlig ruhig: Keine Schimpfworte fallen, keine Fäuste knallen auf den Tisch, im Gegenteil: Wir lächeln alle. Im Internet, denke ich, wären wir uns schon längst an der Gurgel. Und tatsächlich löst sich dann alles ganz von alleine auf, ohne dass der ohnehin nichtige Dissens behoben worden wäre. Bald zahlt sie schon und geht ihres Wegs. Denkt wahrscheinlich: Deppen. Und zieht sich daheim ’ne schöne Graphic Novel rein.

Der Lehrer

In der Weltsicht meines Vaters gab es die eine Hassfigur schlechthin, und das war der Lehrer. Ich denke, man muss das verstehen. Als mein Vater elf Jahre alt war, hatte er endlich gelernt, dass der Rohrstock auf die Finger saust, wenn man den Herrn Lehrer nicht mit „Heil Hitler“ grüßt, und plötzlich, von einem Tag auf den anderen, setzte es den Rohrstock von genau dem selben Herrn Lehrer, wenn man ihm seinen Respekt mit selbiger Grußformel erweisen wollte. Vermutlich ist so eine Erfahrung gar keine so schlechte Lektion fürs Leben. Man lernt, wie weit es in Wahrheit her ist mit den Weisheiten und Dogmen, die die Lehrer Tag für Tag in einen hineinstopfen.

Ich erinnere mich an ein feierliches Abendessen mit meiner Familie in einem Restaurant, wo mein Vater plötzlich in eine Suada ausbrach, der Lehrerberuf, das sei natürlich der beste Beruf von allen, man arbeite nur halbtags und das halbe Jahr hätte man sowieso Ferien, als Beamter sei man unkündbar, das Geld immer sicher, die reinste Schlaraffenexistenz. Dass die Lehrer von nichts eine Ahnung hätten wäre ja sogar nur halb so schlimm, wenn sie sich dann bloß nicht in die Politik wählen ließen. Klar habe keiner außer einem Lehrer soviel Zeit und Muße, sich in einen Gemeinderat wählen zu lassen und da dann gescheit daherzureden, so wie er ja in der Schule auch immer nur gescheit daherredete, bloß habe nun leider der immer nur schwätzende Lehrer keinerlei Ahnung vom Geld, und schmeiße also das Steuergeld der Bürger nur so zum Fenster hinaus für die immer unsinnigsten Zwecke. Er selbst, mein Vater also, als ein wirklich arbeitender Mensch, habe natürlich nicht die Zeit und auch nicht die Nerven, sich abends in der Gemeinderatssitzung noch Lehrergeschwätz anzuhören, und müsse also tatenlos zusehen, wie diese Lehrer das Geld, das er verdiene und erwirtschafte, wahlweise zum Fenster hinaus schmissen oder im Ofen verbrannten.

Als er mit seiner Rede fertig war, herrschte beklommenes Schweigen am Tisch, was eventuell damit zusammenhängen könnte, dass der Anlass für das feierliche Zusammentreten der Familie das bestandene Lehramtsstaatsexamen meiner Schwester war.

Nichts gegen meine Schwester, ich sage auch zu ihrer Ehrenrettung, dass sie bis heute in keinem Gemeinderat sitzt. Aber den Lehrerhass habe ich dann doch von meinem Vater geerbt. Typen, die dir die Wahrheit, die sie gepachtet haben, auf Teufel komm raus reindrücken müssen. Ich hatte vielleicht auch ein paar gute Lehrer, aber die Mehrzahl waren doch die Gestörten. Der Mathelehrer und Leiter der Computer-AG, der sich gerne mal mit raushängender Zunge von hinten über mich lehnte, seine Arme links und rechts an meinem Hals vorbeischob und mir in dieser Haltung umständlich die Codezeilen umschrieb – es wunderte mich nicht wirklich, als vor ein paar Jahren bekannt wurde, dass er an Internatsschülern tatsächlich die verwerflichsten pädophilen Schandtaten vollzogen hatte.

Undsoweiter, undsoweiter, Achtung, jetzt kommt der Dreh: Wir sollten uns die Blogosphäre nicht zur Schule machen. Ich sehe mich hier jedenfalls absolut nicht als ein Lehrer, der andere zu irgendwelchen Wahrheiten bekehren will, und kriege andersrum halt relativ schnell die Krise, wenn ich für meine Texte dann so von der Seite angelehrert werde und man partout so lange insistiert, bis ich zu der anscheinend klausurrelevanten Meinung des Lehrers konvertierte. Das Spiel spiele ich nicht mit, dieses Schulspiel, auch des angeblich aufgeklärten 68er Paukers, der, anstatt dir ein Dogma reinzuprügeln, voll die Diskussion aufspannt, immer im sicheren Gefühl, am Ende würden seine Argumente ja sowieso siegen. Da stellen sich mir die Haare auf. Und ich hasse mich ja selbst dafür, dass ich mich dann so aufrege und zum Hulk werde, weil der Schulmeister mit seiner ziselierten Wortklauberei sich so fest in mir verbissen hat, dass ich keinen anderen Ausweg mehr sehe.

Ein Ausweg, allein darum geht es doch. Das nächste Mal, ich versprech’s, gehe ich einfach schweigend aus dem Klassenzimmer hinaus, im sicheren Bewusstsein, dass ich hier wirklich kein Abitur mehr zu bestehen habe, auch wenn die wiederkehrenden nächtlichen Albträume mir etwas anderes erzählen wollen.

11.06.2015

Ach, Flame Wars, ich liebe sie einfach, was täte man denn sonst, wozu hätte man denn sonst Follower, früher gab es ja noch den Stammtisch, wo im Suff alle übereinander herzogen und am nächsten Tag war alles wieder vergessen. Und ich sauf mein Bier halt vor dem Laptop und warte, dass die Wadelbeisser mir eine orangene Markierung ins rechte obere Bildschirmeck pinkeln. So ändern sich die Zeiten, oder ändern sich halt eben genau nicht. Festzustellen ist eigentlich nur eine Verlangsamung der Kommunikation. Im Gegensatz zu früher, wo man dem ungehörig Redenden direkt den Maßkrug über den Schädel hauen konnte, warte und warte ich, aber keine neuen Mails kommen rein, keine neuen Kommentare, wo bleibt das Update unsinniger Sätze, die mich wieder in Bewegung setzten? Das wäre jetzt meine These, supersteil natürlich, und ich höre schon die verbalen Maßkrüge über meinen Kopf hinweg sausen: Internet bedeutet nicht Akzeleration, sondern im Gegenteil Verlangsamung. Irgendwann pennen wir alle ein dabei, weil es so fad ist.

Nicht so super Helden

Im aktuellen Merkur findet sich ein sehr lesenswerter Artikel von Claude Haas über die Drohnendebatte. Er zeigt darin, dass die Drohnenkritiker, die vordergründig die moralisch superiore Position zu vertreten scheinen, implizit für eine Rückkehr zu einem Ernst-Jünger-mäßigen heroischen Zweikampf Mann gegen Mann plädieren, ja, dass dieses heldische Narrativ, das seit der Ilias dem Erzählen über den Krieg unterlegt ist, unser Denken über den Krieg immer noch bestimmt, obwohl es durch die Technisierung und Industrialisierung des Krieges ja eigentlich schon zu Jüngers eigenen Zeiten obsolet war. Weil der Drohnenlenker sich selbst nicht in Gefahr begibt, sein eigenes Leben nicht aufs Spiel setzt, gilt er dem Drohnengegner als ein Feigling, der sich vor dem „echten“ Kampf drückt. Das geht dann bis zu der offenbar im Pentagon wirklich diskutierten Frage, ob man Drohnenlenker mit Kriegsorden auszeichnen solle, oder eher nicht, da sie ja ihren Körper nicht wirklich auf einem Schlachtfeld exponiert und bewährt haben.

Sehr interessant, von der Seite her habe ich das noch nie betrachtet, mir ist der Drohnenkrieg ja auch eher unheimlich, aber will man deswegen zurück zu den Schlachtfeldern von früher, wo sich „echte Männer“ echte Bajonette in den Leib gerammt haben? Helden? Wohl eher nicht, zu schweigen davon, dass das angesichts der ja nicht rückgängig zu machenden technischen Entwicklungen sowieso völlig unmöglich ist. Wie tief sind Heldenbilder und Heldenerzählungen in unseren Hirnen verankert, wie sehr bestimmen sie auch unser Denken über reale Kriegsführung?

Haas schreibt: „Eine Sehnsucht nach traditionellen heroischen Vorstellungen dürften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts paradoxerweise vor allem sogar der Antikriegsroman und auch der Antikriegsfilm geweckt haben. Schließlich folgt dieses Genre von Heinrich Böll über Bernhard Wicki bis hin zu Ron Kovic einem oft denkwürdigen Muster: Junge Männer ziehen voller heroischer Erwartungen in den Krieg, müssen aber bald feststellen, dass der moderne Krieg solchen Erwartungen Hohn spricht.

Der »klassische« Held wird somit nicht gestürzt, sondern als verlorenes Ideal betrauert und unterschwellig reaktiviert. Der Feststellung des faktischen Kollapses eines Achill oder Hector in Verdun, Stalingrad oder Vietnam entspricht in der kriegskritischen Tradition oft ein verkapptes imaginäres Verlangen nach genau diesen Figuren und der ihnen selbstverständlichen Form des Kriegs.“ (Merkur 793, S. 68f.)

Jetzt kenne ich Ungebildeter leider weder Bölls noch Wickis noch Kovics Beiträge zu den erwähnten Genres (wer ist überhaupt dieser Kovic?), aber der Zufall will, dass ich in letzter Zeit drei ganz hervorragende Vietnamfilme nochmal gesehen habe, nämlich Apocalypse Now, The Deer Hunter und Rambo – First Blood, und mindestens einer dieser Filme erfüllt mustergültig Haas’ Diagnose, nämlich Rambo.

Das Grandiose an Rambo fand ich immer, dass es ein Vietnamfilm ist, der keine einzige Sekunde in Vietnam spielt, sondern vollständig auf amerikanischem Boden. John Rambo ist aus Vietnam zurückgekehrt, findet aber keinen Platz in der amerikanischen Gesellschaft mehr, die ihrerseits auch kein Interesse zeigt, ihn wieder zu integrieren, Kriegsverlierer werden offenbar nicht sonderlich geschätzt. Arbeits- und orientierungslos zieht er zu Fuß durchs Land und handelt sich Ärger mit einem Kleinstadtsheriff ein, der keine Landstreicher in seinem schönen Städtchen duldet. Apathisch lässt Rambo die Schikanen und Misshandlungen der örtlichen Polizeitruppe über sich ergehen, bis er plötzlich durchdreht, aus dem Gefängnis flieht, sich in die Wälder schlägt und als Einzelner, mit nichts als einem Messer bewaffnet, der technisch und zahlenmäßig weit überlegenen Polizei die Stirn bietet. Sogar als das Militär anrückt, lässt er sich nicht einfangen, am Ende gelingt es seinem ehemaligen Vorgesetzten aus Vietnam, ihn dazu zu bringen, dass er sich freiwillig stellt.

Der Film lässt sich auf zwei Ebenen lesen: Einmal faktisch als die Erzählung katastrophaler Ereignisse aufgrund von nicht erfolgter Reintegration des vom Krieg deformierten Menschen in die Gesellschaft. Und andererseits erzählt er metaphorisch den Vietnamkrieg als solchen noch einmal nach: Der ehemalige US-Soldat Rambo übernimmt hierin die Rolle des Vietcong: Er ist zwar technisch unterlegen, kennt sich aber in den Wäldern aus, er ist vertraut mit der Realität des asymmetrischen Guerilla-Kampfes und vor allem: Für ihn geht es ums Ganze, um die nackte Existenz. Für die anderen ist es bloß ein Job, in den ein schießwütiger Sheriff sie gegen ihren Willen hineinmanövriert hat, und der sich dann mehr und mehr als Albtraum erweist. Beide Lesarten stützen eine Einordnung des Films zum Antikriegsfilmgenre.

Aber – und das war mir vor der Lektüre des Haas-Artikels tatsächlich noch nicht so hundertprozentig bewusst – es ist natürlich drittens auch eine ganz klassische Heldengeschichte. Wir bewundern Rambo für sein Standhalten, seine Zähigkeit, seine listenreiche Kriegsführung, seine schier unglaublichen Fähigkeiten, seinen Mut, sein heldenhaftes Ausharren auf verlorenem Posten. Aus dieser Perspektive betrachtet, könnte das Drehbuch wirklich von Ernst Jünger sein, der ja trotz der in zwei Weltkriegen gemachten Erfahrungen immer die Ansicht vertrat, der Einzelne und sein Kampfgeist sei auch in Maschinenkrieg und Materialschlacht noch der entscheidende Faktor. Und bei Jünger, sowohl beim Kriegstagebuch 1914–18 als auch bei den Strahlungen, hatte ich ja genau diesen Eindruck, dass solche Passagen eigentlich von nichts anderem berichten als von einem „imaginären Verlangen“ nach einer Art von Krieg, die es nicht mehr gibt, eine, wo es noch die Möglichkeit eines Helden gab.

Vermutlich waren aber diese Heldenerzählungen immer schon imaginär, denke ich jetzt, und die Technisierung macht nur etwas sichtbar, was vorher noch von blumiger Erzählkunst verschleiert werden konnte, um junge Männer dazu zu bringen, überhaupt bei solchem Irrsinn mitzumachen. Ich jedenfalls würde mich auch vor den Mauern Trojas nur ungerne abschlachten lassen, selbst wenn Homer persönlich neben mir stünde und meinen Untergang für die Ewigkeit mitprotokollierte.

P.S.: Apocalypse Now und The Deer Hunter sind nun nochmal ganz andere Kaliber von Filmen, die müsste man nochmal gesondert darauf abklopfen, was da eigentlich erzählt wird. Dazu vielleicht ein andermal.