20.05.2015 – Der Grashüpfer

Heute morgen, ich war noch gar nicht richtig erwacht, da sah ich auf dem Balkon einen Grashüpfer, winzig klein krabbelte er vor mir über den Tisch, er musste eben erst geschlüpft sein, ein ganz zartes, helles Grün, fast transparent. Mit seinen im Verhältnis zur Körpergröße übermäßig lang erscheinenden Fühlern tastete er wie mit einem Blindenstock das vor ihm liegende Gelände ab. Als er an der Tischkante ankam, zögerte er, hielt für einige Sekunden inne, während er mit den Fühlern weiterhin die Kante und das dahinter liegende Nichts bestrich. Dann sprang er ab, landete sicher auf dem Boden und krabbelte sofort weiter. Ich beobachtete ihn noch ein bisschen, wie er traumwandlerisch an den Spinnennetzen vorbeimanövrierte, die ihm wohl zur Todesfalle hätten werden können. Vermutlich ist es ein großes Unglück für ihn, ausgerechnet auf meinem verspinnwebten Balkon geboren zu sein, dachte ich. Denn selbst wenn er den Sprung nach unten wagte, erwartete ihn dort ja auch nur eine Asphaltwüste, aber ein Grashüpfer braucht doch ein Gras zum Leben, der heißt ja nicht zum Spaß so. Andererseits: Wenn Grashüpfer nicht in der Stadt auch leben könnten, dann wäre dieser ja nicht hier. Ich ging wieder hinein. Als ich später noch einmal nachsah, war vom Grashüpfer keine Spur mehr zu entdecken.

(aus der Reihe: „Der Monotonie Nuancen abringen“)

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2 Kommentare zu “20.05.2015 – Der Grashüpfer

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