The Bletchley Circle

Das Problem von Netflix besteht, wie so oft, nicht in der Menge oder Qualität der zur Verfügung gestellten Inhalte, sondern in deren Strukturierung und Zugänglichmachung. Man kann nämlich nicht den Gesamtkatalog aller dort streambaren Filme und Serien aufrufen [oder bin ich nur zu blöd, um den richtigen Knopf zu finden?], sondern bekommt immer nur eine Teilauswahl vorgeführt, basierend auf Kriterien von allgemeiner Beliebtheit und angenommenen persönlichen Vorlieben. Nun denkt Netflix natürlich, aufgrund meiner kürzlich unternommenen Superheldenforschungen, ich sei vor allem an hollywoodeskem Blockbusterkino interessiert, mit besonderem Augenmerk auf Typen in hautengen Anzügen. Das trifft es jetzt leider nur zum Teil, aber zum Glück gibts ja Twitter. Da hat vor Monaten mal jemand, ich weiß gar nicht mehr wer, auf die britische Mini-Serie „The Bletchley Circle“ hingewiesen, und das blieb mir irgendwie hängen, weil ich mich damals gerade mit Alan Turing und John von Neumann beschäftigte. Und siehe da: Wenn man das bei Netflix als konkreten Suchbegriff eintippt, dann taucht das auch aus den Untiefen von deren Datenbank auf. Die haben also offenbar viel mehr im Angebot, als die Empfehlungsalgorithmen einem in den Vordergrund spülen.

Die Serie handelt von vier Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs in Bletchley Park als Codebreaker gearbeitet haben, dort einen nicht geringen Beitrag zum Sieg der Alliierten leisteten, nun aber, nach Kriegsende, zu absoluter Verschwiegenheit über ihre Kriegstätigkeit verpflichtet sind. Selbst die Ehemänner ahnen nichts über diesen Teil ihrer Vergangenheit. So muss insbesondere die Hauptfigur Susan ein Leben als braves Hausmütterchen führen und niemand weiß etwas über ihre Ausnahmebegabung für das Erkennen verborgener Muster und das Knacken kompliziertester Codes. Herablassend belächelt der Gatte ihre Vorliebe für die Logikrätsel in der Zeitung.

Natürlich glaubt ihr niemand, als sie in einer Reihe von Frauenmorden in London ein Muster zu erkennen glaubt, das zur Identifizierung des Täters führen könnte, also trommelt sie ihre alten Freundinnen aus Bletchley Park zusammen und zu viert beginnen sie, auf eigene Faust zu ermitteln. Das birgt natürlich einiges an Spannungspotential, ich will da jetzt auch gar nicht zuviel verraten, interessanter als die reine Kriminalgeschichte scheinen mir sowieso zwei andere Aspekte: Erstens das Porträt der sehr patriarchal strukturierten Gesellschaft im unmittelbaren Nachkriegs-England aus Frauenperspektive. Ohne irgendwie belehrend zu wirken oder mit feministischem Moralzeigefinger zu winken, wird hier eine Welt gezeigt, in der es problemlos durchgeht, dass ein Mann seine Frau verprügelt. Auch der andere, grundsätzlich als sympathisch charakterisierte Ehemann, verlangt von seiner Frau ganz selbstverständlich, dass sie die Rolle als Heimchen am Herd spielt, und kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass diese noch über andere außergewöhnliche Fähigkeiten verfügen könnte, die über das Lösen von Zeitungsrätseln hinausgingen. Neben der Kriminalgeschichte wird hier ganz nebenbei das Drama einer Gesellschaft erzählt, die – wenn nicht gerade ein Weltkrieg herrscht – das Potential der Hälfte ihrer Mitglieder ungenutzt verkümmern lässt.

Der zweite Aspekt, der mich fasziniert hat, waren die Ermittlungsmethoden dieser Frauen. In dieser computerlosen Welt der 50er Jahre tun sie auf analoge Weise das, was sie in Bletchley Park gelernt haben: Sie sammeln Daten, auch solche, die erstmal völlig irrelevant erscheinen, und werten sie systematisch aus, sie denken und arbeiten wie ein Computer, das unterscheidet ihre Methode grundsätzlich von derjenigen der Polizei. So können sie zum Beispiel einmal eine Liste von über fünfzig Zügen, die der Täter benutzt haben könnte, auf einen einzigen eingrenzen, weil sie für einen der Mordtage eine Unregelmäßigkeit im Fahrplan entdecken, die alle anderen Linien ausschließt. Auf die Idee wäre die Polizei nie gekommen. Mehrfach denkt man, wenn man sieht wie die vier sich durch Berge von Akten, Fahrplänen und anderen Papieren wühlen: Das wären heute ein paar Mausklicks. So ist das nebenbei auch eine schöne Studie über die Brisanz von Metadaten. Wer denkt, ein Geheimdienst, der den Inhalt der Mails nicht liest sondern nur festhält, wann ich an wen etwas sende, der wüsste eigentlich gar nichts über mich, ist ein Narr.

Nach den ganzen amerikanischen Serien, die ich in letzter Zeit studiert habe, war es übrigens wahnsinnig angenehm, mal wieder ein gepflegtes British English zu hören. Schade, dass die Serie so kurz ist und allem Anschein nach auch nicht mehr fortgesetzt wird. Aber es muss ja auch nicht immer die volle Epikbreite ausgewalzt werden.

 

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4 Kommentare zu “The Bletchley Circle

  1. Es gibt eine zweite Staffel (also vier Folgen, glaube ich), die aber stark abfällt. Es sind zwei weitere Fälle, die aber nicht mehr zum beruflichen Umfeld passen, so daß aus der Frauengruppe rasch Miss Marples mit detektivischem Hobby werden. Das ist zwar noch gut eingebettet in die Zeit, erforscht aber die Situation von Frauen nach dem Krieg, ihre „verlorenen“ Qualifikationen und herabgesetzte Position nicht weiter. Schade, war eine schöne und kluge Idee.

    • Ha, ich glaube, du warst das, der das mal auf Twitter empfohlen hat, kann das sein? Den ersten Fall der zweiten Staffel habe ich noch gesehen, den fand ich eigentlich auch ganz gut. Zwar wird die Frauenfrage nicht groß weiter getrieben, aber das Thema der Geheimhaltung und die Verknüpfung mit dem Militärkomplex fand ich schon auch interessant. Wenngleich, jetzt wo du es sagst: Eine gewisse Miss-Marpleisierung ist nicht von der Hand zu weisen, da war die erste Staffel tatsächlich besser.

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