Der Autor ist tot, es lebe der Superheld

Die Richtigkeit von Barthes’ These vom Tod des Autors ist nirgendwo deutlicher zu beobachten als im Superheldengenre. Wer ist der Autor von Batman? Eine Frage, die unmöglich zu beantworten ist. Seit der Erfindung der Figur vor 75 Jahren haben sich unzählige Schreiber, Zeichner, Regisseure, Schauspieler an der Figur und ihrem Universum abgearbeitet, und sie werden es weiter tun. Palimpsestartig legt sich Schicht über Schicht, die Schichten beziehen sich aufeinander und haben dennoch eine Geltung und Existenz für sich, die Grenze zwischen originärer Schöpfung und kommentierender Interpretation hat sich längst aufgelöst, existiert nicht mehr. Immer wieder muss Batman zurückkehren, immer wieder muss er den Joker bekämpfen. Eine finale Version, die diesen ewigen Kampf ein für allemal beenden würde, ist nicht vorstellbar. Um sich zu vergegenwärtigen, welche unendlich vielfältigen Möglichkeiten ein solches autorloses Palimpsestverfahren bietet, muss man nur mal die Batman-Serie von 1966 mit Adam West vergleichen mit der Dark-Knight-Trilogie von Christopher Nolan: Hier eine beständig sich selbst parodierende Tagfigur in überdeutlich ihre Kulissenhaftigkeit ausstellender Szenerie – legendär die bei jedem Faustschlag eingeblendeten Schriftbilder „BANG“, „POW, „ZACK“, die die Herkunft aus dem Comic betonen; schade eigentlich, dass sich dieses Stilmittel nicht durchsetzen konnte. Und dort, bei Nolan, eine von Selbstzweifeln zerfressene Nachtgestalt, immer von der Möglichkeit bedroht, ihr vermeintlich gutes Handeln könne in Wahrheit genauso fatal sein wie das ihrer bösartigen Widersacher. Was ich sagen will: Die prinzipielle Autorlosigkeit des Batman-Universums setzt unglaubliche kreative Energien frei, ermöglicht ungeahnte Abwandlungen und Variationen des Grundthemas, wie sie bei Asterix zum Beispiel, wo der Über-Autor Uderzo auch noch nach seiner eigenen Abdankung über jeden Pinselstrich wacht und nur von ihm ausgewählte Erben überhaupt autorisiert sind, die Heftreihe weiterzuführen, eben nicht möglich sind.

Womit nicht gesagt sein soll, dass im Superheldengenre nicht auch ein undurchschaubares Dickicht aus Urheberrechten und Lizenzkämpfen herrscht. Aber – vermutlich wegen der allgemein angenommenen Niedrigkeit des Genres – besteht eine Übereinkunft über die prinzipielle Möglichkeit, dass eine Vielzahl von Künstlern sich ein- und derselben Figur und ihrer Welt bemächtigt, und solange alternative Varianten ihrer Geschichte erzählt werden, bis keiner mehr weiß, was „das Original“ sein soll, bis die Frage nach dem Original gänzlich ihren Sinn verloren hat, genau wie die Frage nach dem „eigentlichen“ Autor und seinen vermeintlichen Intentionen. Im Grunde ist das ein antikes Verfahren, schon Aristoteles sagt ja in der Poetik, wenn ich mich recht erinnere, die Tragödie müsse immer einen bereits bekannten mythischen Stoff verarbeiten. Sophokles ist nicht der Erfinder der Ödipusgeschichte. Mehr oder weniger zufällig hat gerade seine Version des Stoffs die Zeiten überdauert und erscheint uns deshalb heute als die „gültige“ Variante.

Es ist sinnvoll, sich diese Zusammenhänge nochmal zu vergegenwärtigen, denn eigentlich will ich ja über die Netflix-Serie „Daredevil“ schreiben, muss aber vorher dazusagen, dass mir Daredevil ausschließlich über diese Serie bekannt ist. Ich wusste vorher nichts über diese Figur, habe bislang keine ihrer Präfigurationen im Comic gelesen und auch die (allgemein als misslungen bewertete) Verfilmung von 2003 nicht gesehen. Mir entgeht also womöglich eine ganz wichtige Dimension der Serie, nämlich wie sie sich zu ihren Vorläufern verhält, sich auf sie bezieht, wo sie von ihnen abweicht und bewusst eigene Akzente setzt. Aber jetzt zur Sache.

Allen Superhelden gemeinsam ist das Motiv der zwei Identitäten: Superman ist Clark Kent, Batman Bruce Wayne, Spiderman ist Peter Parker. Genauso auch Daredevil: Im bürgerlichen Leben ist er der Rechtsanwalt Matt Murdock. Dieser Beruf ist schon das erste sehr interessante Motiv an der Daredevilfigur, denn während bei Superman, Batman, Spiderman usw. die bürgerlichen Identitäten sich sehr stark vom Treiben unter der Maske unterscheiden (Spidermans Alter Ego Peter Parker etwa ist ein schüchterner, schmächtiger Schüler, ein Nerd), macht Daredevil in beiden Identitäten im Grunde das Gleiche: Er kämpft für Recht und Ordnung, in der Anwaltskanzlei und maskiert auf der nächtlichen Straße. Diese Ausgangslage ermöglicht sehr interessante dramaturgische Konstellationen, denn einerseits hat er es bei Tag und bei Nacht mit denselben Fällen zu tun, die Schurken, die er nachts jagt, verteidigt er womöglich am nächsten Morgen vor Gericht – andererseits muss er als Anwalt besser als jeder andere wissen, dass sein nächtliches Treiben illegal ist, dass es eine unerhörte Anmaßung darstellt, wenn er sich als einsamer Rächer über das Gesetz stellt und also Selbstjustiz betreibt, den Outlaws, die er bekämpft, also prinzipiell gleichzustellen ist. Die daraus resultierenden moralischen Dilemmata bestimmen wesentlich den Fortgang der Serie.

Die zweite hervorstechende Eigenschaft von Matt Murdock alias Daredevil ist seine Blindheit. Während normalerweise der Superheld mit einer oder mehreren über das Menschliche hinausgehenden Extrafähigkeiten ausgestattet ist, ist Daredevils Abweichung vom Normalmenschen zunächst einmal ein Mangel, ihm fehlt etwas, das die meisten Menschen haben: Er kann nicht sehen. Diesen Mangel kompensiert er, wie alle blinden Menschen, mit einer Schärfung aller verbleibenden Sinne: Er kann wahnsinnig gut hören, riechen, nimmt jeden Windhauch überdeutlich wahr. Diese Fähigkeiten sind bei ihm nun aber deutlich stärker ausgeprägt als bei normal Blinden, wofür wohl auch die giftige (radioaktiv verstrahlte?) Flüssigkeit, die ihn als Kind erblinden ließ, verantwortlich gemacht wird, wie in der Serie angedeutet, aber nicht näher ausgeführt wird. Er läuft also tags mit schwarzer Brille und Blindenstock herum, kann sich aber in Wahrheit perfekt im Raum orientieren und beherrscht die verrücktesten Kampfkünste. Auch ohne seinen Gegner zu sehen, weiß er immer, wo dieser steht, von wo eine Faust auf ihn zuschnellt usw.

Murdocks Blindheit hat weitreichende Konsequenzen für die Bildästhetik der Serie: Ich glaube, es ist das düsterste, im Wortsinn dunkelste Stück, das ich je im Fernsehen gesehen habe. Dunkelgelbe Lichtflecken vor pechschwarzem Hintergrund sind das bestimmende bildliche Grundmotiv, das im Lauf der Serie durch alle möglichen Variationen getrieben wird. Murdock, der logischerweise kein Licht anmacht, wenn er einen Raum betritt, wird durchs Fenster schwach von der Straßenlaterne beleuchtet. Das ist grandios gemacht, denn es korrespondiert einerseits zur düster-pessimistischen Grundhaltung der Geschichte – das Böse hat seine Finger überall mit drin, Korruption, Betrug, Mord sind allgegenwärtig, hinter jeder Straßenecke tut sich ein Abgrund auf – und andererseits ermöglicht das eine sehr comichafte Ästhetik, die aber gleichzeitig durch Murdocks Blindheit eine realistische Erdung erfährt. Auf diesem schmalen Grat zwischen knallhartem Realismus und comichafter Überzeichnung balanciert die Serie wirklich meisterhaft. Und, ach ja, das wollte ich auch noch sagen: Natürlich ist das Format „Fernsehserie“ für die Comicadaption eigentlich viel geeigneter als das Format „Kinofilm“, das hatte ich nach all den ja auch zum Teil sehr guten Superheldenfilmen schon fast vergessen. Die prinzipielle Fortsetzbarkeit und Fortschreibbarkeit, der Einsatz von Cliffhangern als wichtiges Stilmittel, auch der Verschleiß einer wahren Überfülle an Personal – das sind alles Merkmale, die die TV-Serie mit dem Comic teilt, vom Kinofilm aufgrund seiner Abgeschlossenheit und Begrenztheit auf maximal drei Stunden aber kaum oder gar nicht übernommen werden können. Man kann also schon mal gespannt sein auf die zweite Staffel, die nächstes Jahr folgen soll. In der Zwischenzeit kann ich mir ja vielleicht mal die Comics zu Gemüte führen, um mein Bild von Hell’s Kitchen zu komplettieren. (Auch ein sehr schöner Zug übrigens, um das Oszillieren zwischen Realismus und Märchenhaftigkeit zu illustrieren: Daredevil spielt in New York, im Stadtteil „Hell’s Kitchen“. Dass der Teufel nun ausgerechnet in der Höllenküche sein Unwesen treibt, erschien mir klar als Fiktion, als comicmäßig plakative Überzeichnung. Stellt sich aber heraus: Das New Yorker Viertel „Hell’s Kitchen“ gibt es wirklich.)

Ok, jetzt aber genug geredet, bevor man mich noch der Spoilerei anklagt. Sollte zufällig jemand jemanden kennen, der beim diaphanes-Verlag arbeitet: Ich bin jederzeit gerne bereit, das Booklet zu Daredevil zu übernehmen…

 

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8 Kommentare zu “Der Autor ist tot, es lebe der Superheld

  1. Barthes‘ These ist ja nur interessant, wenn sie allgemein anwendbar ist und für Form bzw. Stil gilt; von Themen und Inhalten sagt man seit jeher — berechtigt oder unberechtigt? –, dass es nur einige gibt, die immer wieder variiert werden.

    Asterix lebt sehr von Goscinnys Ideen, den Geschichten und dem Sprachwitz; man merkt wie mit seinem Tod ab inklusive dem großen Graben jeder Band schwächer wird (würde da also vorsichtiger sein). — Im Superhelden Genre kenne ich mich einfach zu wenig aus.

    • „Man this is epic. We got epiccentrized.“ – Dort: Ausrufung des superheroic turn. Wurde aber auch Zeit, sind die Superhelden doch eindeutig moderne Mythen, Updates auf archaische Gelüste und Instinkte…

      • Genau, und der Epizentriker muss es schließlich wissen, war doch Bob Macha der erste Superheld der Blogosphäre, der originale Mr. Two-Million-Identities.

    • Völlig richtig, ich hab das natürlich nur angerissen und durch den Fokus auf die Comics vermutlich sogar den eigentlichen Kern von Barthes‘ These verfälscht. Die ist durchaus allgemein anwendbar, ich zitiere einfach mal: „Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, die einen einzigen, irgendwie theologischen Sinn enthüllt (welcher die ´Botschaft´des Autor-Gottes wäre), sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur. […] Ein Text ist aus vielfältigen Schriften zusammengesetzt, die verschiedenen Kulturen entstammen und miteinander in Dialog treten, sich parodieren, einander in Frage stellen. Es gibt aber einen Ort, an dem diese Vielfalt zusammentrifft, und dieser Ort ist nicht der Autor (wie man bislang gesagt hat), sondern der Leser.“

      Die Zitathaftigkeit eines jeden Textes tritt im Superheldencomic nur offener zutage als anderswo, weil er offen ausstellt, dass er auf anderen Schriften und Bildern von anderen Schreibern und Zeichnern aufbaut, und deren Schreibweisen sozusagen neu abmixt.

      Man kann das sicher auch andersrum sehen. Comicexperten können sicher stundenlang darüber reden, wie sich der Batman von X von dem von Y unterscheidet, welcher besser ist, welcher schlechter, worin die Eigenheiten des jeweiligen Zeichners oder Schreibers liegen usw. Aber mich interessiert eher dieses Archetypische, das aufscheint, wenn man derlei Insiderwissen beiseite lässt und das gesamte Superheldenuniversum als so ein Barthessches Gewebe aus unzähligen Texten betrachtet, die miteinander kommunizieren.

      • Schon, aber man könnte die von Dir aufgezeigten inhaltlichen Ähnlichkeiten (Dominanten) am Beispiel der Superhelden als stilistisch-formale Schwächen erklären (etwas anders formuliert: die Ähnlichkeiten resultieren aus einem Mangel an eigener Stimme der jeweiligen Autoren oder Regisseure, sie haben sich mehr etwas angezogen als neu geschneidert).

        Natürlich erfindet niemand das Rad komplett neu oder alleine, aber er fügt etwas hinzu das z.B. aus dem eigenen Erleben (nicht: Erlebten) stammt (die Rolle des Lesers kommt dann noch hinzu, sie hat vor allem mit dem Medium Sprache zu tun). — Der Autor erscheint in dem Zitat nur als eine Art Schwamm oder Durchgangsstation, ohne die Möglichkeit etwas Eigenes hinzuzufügen, obwohl das m.E. durch Biographie, Psyche, Subjektivität, usf., als realistisch und wahrscheinlich anzusehen ist.

      • Schwamm oder Durchgangsstation, das sind doch schöne Bilder für die Funktion des Autors, genau so sehe ich das, ich sehe keinen Grund, da ein pejoratives „nur“ davorzusetzen. Man muss sich immer vor Augen halten, dass der Autorengeniekult ein Produkt der Neuzeit ist, der von der Muse geküsste Hölderlin, der halb im Wahnsinn seine genialen Poeme aufs Papier zittert. Im MIttelalter hingegen: Nibelungendichter unbekannt. Da gibt es Handschriften, die deutlich Zufügungen, Weiterdichtungen von fremder Hand enthalten, das war damals ein völlig gängiges Verfahren, niemand hätte das als frevelhaft betrachtet. Und die antiken Dramatiker haben ja auch immer wieder dieselben Mythen durch den Wolf gedreht, wie oben angedeutet.

        Man kann das alles auch als stilistisch-formale Schwäche deuten, klar. Dann könnte man aber auch sagen: Beethoven war kein besonders einfallsreicher Komponist, weil er sich den selben Sonatenhauptsatzanzug angezogen hat, wie Haydn und Mozart vor ihm.

        Ich denke, der Schreiber fügt naturgemäß immer Eigenes hinzu, durch Psyche und Biographie bedingt, wie du sagst. Die Frage ist doch nur: Muss mich das als Leser interessieren? Ist es meine Aufgabe, die psychische Verfasstheit des Autors aus dem Text herauszudestillieren, damit mir eine „richtige“ Interpretation des Textes gelingen kann? Und da sage ich halt mit Barthes und Susan Sontag und vielen anderen, die heute wieder gern als postmoderne Beliebigkeitsschwätzer gebrandmarkt werden: Nö.

      • Zwischen den Polen „Durchgangsstation“ und „Geniekult“ ist ja reichlich Platz: Die Tonsprache Beethovens und Mozarts ist (stilistisch oder ästhetisch) grundverschieden (ob der Sonatenhauptsatz bei Beethoven und Mozart bzw. Haydn tatsächlich gleich angewendet wurde, ich wäre da vorsichtig…).

        Meine Hör- und Leseerfahrungen sprechen gegen die These, dass es nichts Eigenes gäbe, manchmal gelingt es sogar den Stil eines Autors nachzuahmen ohne ihn zu plagiieren (Ein Beispiel: Wenn ich alle Symphonien Bruckners gut kenne, nur eine einzige nicht, dann weiß ich, sobald ich sie höre, dass sie von ihm ist; er hat sicher von den Werken anderer Komponisten profitiert, etwa Wagner, trotzdem einen eigenen Stil entwickelt, der in seiner letzten Symphonie schon in Richtung Zwölftontechnik deutet…).

        Es gab ohne Zweifel Zeiten in denen die Komponisten weniger Wert auf eigenen Stil gelegt haben, in denen kein Kunstbegriff existierte und oft „handwerklich“ produziert wurde, aber auch dort lassen sich stilistische Merkmale beschreiben (sicherlich nicht immer, aber das hat niemand behauptet).

        Ich meinte mit Biographie und Psyche keine inhaltliche Interpretation, sondern die Bedingungen, die eine Persönlichkeit „festlegen“, die einen eigenen Stil entwickeln kann.

  2. Serienjunkiez | Lafcadios Loch

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