18.03.2015 – Die Mauer

[Vor einem Jahr mit dem X verabredet, wir würden mal was über unsere Kindheit schreiben: er über seine im Osten, ich über meine im Westen. Was das bedeutet hat, der jeweils andere Deutsche zu sein, wie sich das angefühlt hat. Aber ich hab mich immer davor weggedrückt. Das Thema Osten, DDR, Kalter Krieg, deutsche Teilung – es drängt sich mir immer wieder auf und entzieht sich mir gleichermaßen, wie auch die folgende, ganz flüchtig hingeschriebene Notiz vom 18. März zeigt.]

Auf dem Weg zur DDR-Oma, Großmutter von Bernhards Nachbarin, die angeblich irgendwie aus der Zeit gefallen ist, das Ende der DDR nicht akzeptieren kann, in Zurückgezogenheit lebt und sich eine private Mini-DDR zurechtgebaut hat. Irgendwie so. Soll sie mit Bernhard zusammen im Café Oslo treffen, um 14.00 Uhr, um Genaueres herauszufinden. Am Gesundbrunnen stelle ich fest, dass die S-Bahn zum Nordbahnhof nicht fährt, muss den Schienenersatzbus nehmen, der aber auch nicht am Nordbahnhof hält. Ich frage einen Passanten, offenbar Türke, der rät mir, an der Bernauer Straße auszusteigen und von da ab mit der Tram, aber ich denke, von der Bernauer kann ich doch auch zu Fuß laufen. Verrückterweise geht der Fußweg genau entlang der Mauer-Gedenkstätte. Hier war ich noch nie, und ausgerechnet heute, wo man die DDR-Oma treffen soll, lande ich zufällig hier, laufe an originalen Mauerfragmenten (jetzt mit Denkmalsplakette versehen) entlang, zusammen mit Horden von Touristen, größtenteils Schulklassen. In den Bürgersteig eingelassen die Namen von Menschen, die offenbar an der Mauer den Tod fanden, auf der Flucht erschossen: vielleicht genau hier, gerade da, wo ich jetzt laufe, denke ich und kann es mir nicht vorstellen. Die Sonne scheint, die Schüler lachen. Hier soll ein Todesstreifen gewesen sein?

Im Café wartet der Bernhard schon, aber von der mysteriösen Oma keine Spur. An ihrem Dutt, so sei es am Telefon ausgemacht worden, würden wir sie erkennen. Hier im Café sind wir Vierziger schon die Ältesten, die andern eher so Twens, die in ihre MacBooks starren. Eine Oma, denke ich, ob mit oder ohne Dutt, würde sowieso sofort auffallen. Wir witzeln ein bisschen herum: Wenn die Oma nicht kommt, dann erfinden wir uns einfach unsere eigene Oma. „IM Dutt“, die mit dem Gewehr persönlich an der Mauer auf Flüchtige ballert. Reden dann bald über ganz andere Sachen, Baumhaushotel, Möglichkeit oder Unmöglichkeit eine nichtkonventionelle Galerie zu betreiben usw. Es ist jetzt drei, dass die Oma nicht mehr auftaucht, scheint abgehakt. Bernhard erzählt mir irgendwas, zeigt mir gleichzeitig was auf dem iPad, zufällig schaue ich auf, da steht, wie aus dem Nichts, eine alte Frau mit Dutt direkt vor unserem Tisch und schaut ein wenig ratlos suchend im Café herum. Ich stupse Bernhard an, zeige auf die Frau, Bernhard spricht sie an: „Sind Sie…?“ – „Ja, sind Sie!“, antwortet sie. Sie ist es. Schüttelt uns die Hände. Setzt sich.

Da wir selber von ihrem nicht mehr erwarteten Auftauchen völlig überrumpelt sind, gerät der Gesprächsbeginn etwas holprig, bzw. sie übernimmt sofort die Gesprächsführung: Warum wir denn gestern nicht im Deutschen Historischen Museum gewesen wären, da hätten wir was lernen können, alle seien da gewesen, die Gremien, alle ihr Alter, die die letzte DDR-Wahl gemacht hätten, sie selbst ja auch usw. Ich verstehe nur Bahnhof, wo soll man da anknüpfen? Ich bin erstmal nur verwirrt. Bernhard versucht es nochmal andersrum, das Gespräch in den Griff zu kriegen: Er sehe viele Parallellen zwischen seiner Jugend in der bayerischen Provinz und Gleichaltrigen, die in der DDR aufgewachsen seien: Eine wilde Jugend, das sei doch auch in der DDR möglich gewesen. Wieder verstehe ich ihre Antwort nicht richtig, aber sie klingt irgendwie mehr nach FDJ und Junge Pioniere als nach Wildheit und Freiheit. Bernhard fügt an, seine Eltern seien ja auch beide arbeiten gegangen, die Oma (Frau G. sollte ich jetzt eigentlich schreiben, sie hat sich ja mittlerweile vorgestellt), Frau G. also unterbricht ihn etwas harsch: „Ja, aber in ihr eigenes Portemonnaie! Entschuldigung, aber das muss ich doch mal sagen!“ Was meint sie damit? Ist die korrekte sozialistische Lesart nicht die, dass im Kapitalismus die Leute eben genau nicht fürs eigene Portemonnaie arbeiten, sondern der Hauptteil der geleisteten Arbeit nur kapitalistischen Ausbeutern zugute kommt, die sich privat bereichern, während andere ackern? Beziehungsweise, umgekehrt gefragt: In wessen Tasche arbeiteten denn die Leute in der DDR nach ihrer Meinung? Ich will nachfragen, aber ihr vom einen zum anderen hüpfender Redefluss lässt kaum Lücken, wo man einhaken kann. Während ich noch überlege, wie ich die Portemonnaie-Frage formulieren soll, ist sie schon ganz woanders. In Schönwalde habe sie früher gelebt, das liege hinter Spandau (Eiskeller, kältester Punkt Berlins!), habe da dies und das gemacht, später dann Berlin, alles sehr wirr, weder die Orte noch die Zeiten kriege ich klar geordnet aus ihrer Rede. Das sei doch sicher seltsam gewesen, frage ich, wenn man in Schönwalde lebt, direkt vor den Toren der Stadt Berlin, aber man kann da nicht einfach rein, denn das sei ja West-Berlin, und um nach Ost-Berlin zu kommen, habe man doch von Schönwalde aus einen riesen Umweg fahren müssen. Nein, erwidert sie lapidar. Natürlich sei sie nach Spandau reingegangen, na klar! Meint sie jetzt nach ´89? Oder vor ´61? Bevor man das durch Nachfragen klarkriegen könnte, ist sie schon wieder woanders, erzählt, wie sie mit ihrer Mutter Eier oder Pilze nach Westberlin hineingeschmuggelt hat, jetzt klar von der Zeit vor ´61 sprechend: Diese Eier habe sie immer verstecken müssen, weil die Mutter immer kontrolliert worden sei, und die hätten sie dann am Gesundbrunnen verkauft. – Für Westgeld? – Ja, Westgeld, das hätten sie aber meist an Ort und Stelle gleich wieder gegen andere Waren eingetauscht. Wäre jetzt auch wieder interessant gewesen, welche Waren das waren, aber es ist quasi unmöglich, fragend einzuhaken. Bevor ich etwas fragen kann, ist sie immer schon ganz woanders.

Jetzt plötzlich bei der Flucht, sie kommt eigentlich aus Breslau, sei mit fünf Jahren von dort geflohen, vor den Russen, habe das brennende Breslau gesehen und dann, auf der Flucht, auch noch das brennende Dresden. Derselbe Jahrgang wie meine Mutter, schießt es mir durch den Kopf: 1939 geboren, nichts als Krieg erlebt die ersten Lebensjahre, und dann, genau wie bei meiner Mutter, mit fünf Jahren die prägenden, unauslöschlichen Erinnerungen an Bombennächte, brennende Städte und Flucht. Bei meiner Mutter das brennende Jena, die Flucht allerdings erst vier Jahre später: raus aus der DDR, rüber nach West-Berlin.

Ob das nicht ganz zwiespältige Erfahrungen seien, frage ich: Erst vor den Russen fliehen, und dann ein paar Jahre später in der DDR ankommen und die Russen sind plötzlich das geliebte sozialistische Brudervolk? Ja, sehr zwiespältig, bestätigt sie, erzählt eindringlich, wie nachts auf der Flucht die Frauen immer in irgendwelchen Kornfeldern versteckt wurden, die Kälte, die Finsternis, und wie sie in ihrem fünfjährigen Hirn nicht verstanden habe, was das bedeute, wohl aber, dass es da um etwas Furchtbares ginge. Und im Flüchtlingslager in Neu-Ruppin eine Essensausgabe, ein russischer Soldat, der da Essen aus einem Fenster reichte, aber sie sei immer weggeschickt worden. Sie ahmt die Handbewegung des Russen nach: Geh weiter, du kriegst nix. Das habe sie ihr Leben lang nicht vergessen.

Plötzlich nochmal Zeitsprung, keine Ahnung, wie sie plötzlich darauf gekommen ist, wie da die Überleitung ging: Sie habe ja auch die Maueröffnung nicht miterlebt. Bernhard: „Wie gibt es das denn? Wo waren Sie denn da?“ Na, zuhause sei sie gewesen, von der Arbeit gekommen, habe den Fernseher angemacht, und dann wurde da der Genosse Schabowski mit einer Mitteilung angekündigt, und sie habe gedacht: „Nee, dit Arschloch guck ich mir jetzt nicht an!“, und habe den Fernseher ausgemacht. Am nächsten Tag – das berichtet sie jetzt mit unüberhörbar abschätzigem Unterton ­– seien dann alle ganz aufgekratzt herumgelaufen wie die aufgescheuchten Hühner, hätten auch sie gefragt: „Na, warste gestern ooch aufm Kudamm?“ Aber sie habe sich bloß gefragt, was mit denen nun los sei, ob die nun alle verrückt geworden wären.

Bernhard muss jetzt weg und ich ebenfalls, außerdem geht jetzt in mein Hirn auch nichts mehr rein. Bisschen schwierig, sich von ihr loszueisen, sie redet einfach immer weiter, offenkundig froh, einfach mal labern zu können. Dass sich überhaupt mal jemand für ihre Geschichten interessiert. Geht bestimmt ganz vielen alten Leuten so: Keiner hört ihnen zu, keiner will was wissen von diesen untergegangenen Ländern und Zeiten. Obwohl wir es anfangs beim Vorstellen schon gesagt hatten, nimmt sie erst jetzt erfreut zur Kenntnis, dass wir zwar aus Bayern stammen, aber doch in Berlin leben. Da sei sie aber froh, dass wir keine richtigen Bayern, sondern doch Berliner wären. Ich, ein Berliner?, durchzuckt es mich: In hundert Jahren nicht!

Zum Abschied strecken wir ihr die Hand hin, aber sie zieht beide Hände reflexartig zurück und in die Höhe: Nein, das mache sie nicht, habe zwar anfangs nicht gleich unhöflich sein wollen, aber nun, da wir uns kennen: Sie schüttle keine Hände. Seltsames Schlussbild, wie sie mit erhobenen Händen so da sitzt. Gehe mit Bernhard raus, sie bleibt im Café sitzen, ihre Tasse mit Grüntee ist ja immer noch ganz voll.

Schönwalde, wie ich jetzt auf Google-Maps sehe, war tatsächlich direkt an der Mauer gelegen. Das benachbarte Eiskeller, eine Exklave West-Berlins, war mit dem Rest der Weststadt durch einen Korridor verbunden. Schönwalde direkt dahinter, sie muss also diese Mauer täglich gesehen haben. Warum hat sie das nicht erwähnt, ist im Gegenteil unseren Fragen nach der Mauer immer ausgewichen? Die Mauer scheint das zu sein, worüber sie nicht reden kann, weil es das Bild vom paradiesischen Sozialismus stört. Ums Paradies hätte man keine Mauer bauen müssen, da wären die Leute auch freiwillig geblieben.

[Ich habe die Mauer nie gesehen, nie einen Fuß auf DDR-Boden gesetzt, kannte das alles nur aus dem Fernsehen. Als ich 1992 das erste Mal in Berlin war, war alles schon weggeräumt, so gründlich, als ob man jede Erinnerung an die Teilung einfach auslöschen wollte. Mit unserem Geschichtslehrer standen wir am Checkpoint Charlie und ich erinnere mich, wie er auf uns einredete, uns begreiflich machen wollte, wie das war, als genau hier, mitten in der Stadt, bewaffnete Soldaten eine Staatsgrenze bewachten. Und ich konnte es mir nicht vorstellen, damals nicht, und heute auch nicht.]

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2 Kommentare zu “18.03.2015 – Die Mauer

  1. Spannende ungestellte Fragen. Und mein erster Berlinbesuch lief sehr ähnlich ab. Merkwürdigerweise sind die Erinnerungen total verschwommen und an DDR-Elemente kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern. Da war der Besuch in einem Stadion, das was mit den Nazis zu tun hatte, und da war das neue Berlin, der Kudamm und so und auf der Museumsinsel minutenlanges suchendes Starren auf eine alte arabische Landkarte, bis ich endlich kapierte, dass die Karte gesüdet war und nicht genordet, wie es heute Norm ist. DAS sind meine ersten Berlinerinnungen. Mauer und so – das blieb nur in Form von zwei, drei Mauerpostkarten im Gedächtnis haften, die ich damals als Schüler gekauft hatte und immer noch habe.

    • Ich erinnere mich an eine Art Flohmarkt, der entlang der Straße Unter den Linden aufgeschlagen war. Da wurden massenhaft DDR-Memorabilien verhökert, sowjetische Uniformen, Hammer&Sichel-Anstecknadeln, auch Mauerbruchstücke. Ich fand das damals affig, kaufte nichts davon.

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