06.04.2015 – Fraktur

Man soll nicht sagen, Twitter verblöde nur die Leute, ich habe heute dort wieder mal was gelernt, nämlich dass man das runde s in Frakturschriften standardmäßig nicht nur am Wortende, sondern auch innerhalb eines Wortes am Silbenende setzt. Das war mir vorher nicht bewusst, obwohl ich schon ganze Bücher in Fraktur gelesen habe. Ich habe offenbar die runden und die langen Sse immer so weggelesen, wie sie gerade daherkamen, und nie versucht, eine Regel daraus abzuleiten.

Als ich bei Twitter heute darüber stolperte, erinnerte mich das an eine Episode aus dem Studium, und zwar war das in einem Seminar über Kants Prolegomena. Der Professor bat einen Studenten, eine Passage aus dem Buch laut vorzutragen, worauf dieser erwiderte, es tue ihm leid, er habe das Buch leider vergessen. Das Seminar fand in der kleinen Institutsbibliothek der Logiker statt, weswegen der Professor den Studenten anwies, sich die Prolegomena eben einfach aus dem Regal zu nehmen und dann bitte vorzulesen. Der Student entsprach dem und begann nun endlich zu lesen, allerdings – zur Verwunderung aller – so langsam und stockend wie ein Erstklässler. Nach wenigen Worten brach der Professor ab und fragte, was denn los sei, ob er nicht lesen könne, woraufhin der Student das Buch hochreckte und ausrief, das sei ja in Gotisch geschrieben, und Gotisch könne er nunmal tatsächlich nicht lesen, er habe schließlich nie gelernt, Gotisch zu lesen. Und da drehte der Professor jetzt durch, er sprang auf und hielt eine flammende Wutrede über den Verfall der Allgemeinbildung, die vorangaloppierende Verdummung der jungen Leute, die die simpelsten Dinge nicht mehr wüssten und die basalsten Lesekompetenzen nicht mehr mitbrächten, aber meinten, in ihre völlig leeren Köpfe jetzt unbedingt Kant hineinstopfen zu müssen, das gehe eben nicht, das müsse ja scheitern usw. Und dann, immer noch im Zustand höchster Erregung weitersprechend, über die Geschichte der Typographie, über Fraktur-, Antiqua- und Groteskschriften, und den Wahnsinn, dass alle Welt Frakturschrift als Gotisch bezeichne, bloß weil die Goten in dem entsprechenden Asterixband Fraktur in ihren Sprechblasen hätten.

Um ganz ehrlich zu sein: Ich hätte das damals auch nicht so genau gewusst mit den verschiedenen Schrifttypen und ihren genauen Bezeichnungen. Aber ich hätte den Kant aus dieser alten Ausgabe lesen können, das irritierte mich damals am meisten: dass der das nicht konnte. Ich hatte nie darüber nachgedacht, hatte auch nie „gelernt“, Fraktur zu lesen, ich konnte das einfach, mir schien der Unterschied zur normalen Schrift auch gar nicht so groß.

Übrigens geht, entgegen einer ebenfalls weit verbreiteten Assoziation von Fraktur als „Nazischrift“, im Gegenteil genau die Abschaffung von Fraktur als der allgemeinen deutschen Druckschrift auf die Nazis zurück, genauer gesagt: auf Adolf Hitler persönlich. Die Gründe dafür liegen nach wie vor im Dunklen, es wird vermutet, er habe sich davon eine leichtere Verwaltbarkeit der neu eroberten (frakturunkundigen) Gebiete versprochen. Die offizielle Begründung, die Schwabacher (die eigentlich gar keine echte Frakturschrift ist) sei eine „Judenschrift“, war wohl schon damals wenig überzeugend. Jedenfalls bestimmte Hitler im Februar 1941, mitten im Krieg, die Antiqua zur deutschen Normalschrift. Im September 1941 wurde dann auch noch die Kurrentschrift als deutsche Schreibschrift verboten, und nach 1945 behielt man das alles dann einfach bei, vermutlich hatte man andere Sorgen.

Interessanterweise verwendet Bormann in dem Verbotsschreiben ebenfalls den Terminus „gotische Schrift“, und wenn ich mich so bei Wikipedia durchklicke, scheint das als Oberbegriff für unterschiedliche gebrochene Schriften, von denen Fraktur nur eine Spielart darstellt, auch gar nicht so falsch zu sein. Der Wutausbruch des Professors war also eigentlich, wie ich jetzt feststelle, sachlich gar nicht gerechtfertigt und das Asterixheft kann als entschuldigt gelten. Wenn Leute anfangen, von Verfall der Bildung, Verdummung der Jugend und nahendem Untergang des Abendlandes zu kreischen, dann kann man eigentlich gar nicht skeptisch genug sein, wie sich hier wieder einmal zeigt.

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15 Kommentare zu “06.04.2015 – Fraktur

  1. Funfact: Unser ß war ursprünglich im Buchdruck eine Ligatur aus dem Binnen-S und dem Endungs-S. Da diese Kombination so oft zusammen verwendet wurde, wurde sie eben zu einer festen Kombination gemacht. Und im Laufe der Jahrhundete wurde daraus schließlich ein eigener Buchstabe.

  2. Las den Text meiner Frau vor. Der schnurrt nur so durch. Nice.

    – Da waren wir mit ein bis zwei Stunden Stau auf Hin- und Rückfahrt ja bestens bedient. Das hier klingt mehr nach Staupokalypse… {Als ich so im Stau stand, hab ich drüber nachgedacht, was daran die Leute so rasend macht, und ich dachte es ist: dieses Ausgeliefertsein, dass man nix ändern kann, und die Unruhe und Ungewissheit, wie lang es noch dauert. Das erlebt der moderne Mensch einfach so nicht mehr. Wir sind es gewohnt, dass wir die Dinge (scheinbar) immer entscheiden und beeinflussen können, das ist vielleicht sogar integraler Bestandteil unserer Selbstwahrnehmung als autonomes Subjekt. – Als die Leute noch dem Wetter ausgeliefert waren und Opfer darbrachten, war das vielleicht etwas anders. Daher wollte ich schon vorschlagen demnächst Stauopferzeremonien vor den Ferienzeiten abzuhalten.}

    • Du beziehst dich mit allem auf den vorigen Text, nehme ich an, aber ist ja egal. Ja, ich hatte ganz ähnliche Gedanken, als ich da im Stau stand. Hab auch überlegt: Was macht mich jetzt genau so verrückt an der Situation? Ich glaube auch, es ist die Ungewissheit über die Dauer und das Ausgeliefertsein, das Nichtsmachenkönnen. Die Menschen früher waren ja zu Fuß unterwegs, wenn da ein Hindernis auf dem Weg lag, dann latschte man halt außenrum. Die hatten ganz andere Probleme, Wetter zum Beispiel, wie du sagst. Als naturwissenschaftlich aufgeklärter Mensch fürchte ich nur leider, dass Opferzeremonien und Wetterkerzen denen de facto auch nicht viel gebracht haben.

      • Ja, der Kommentar ist leider verrutscht.

        [Ich stehe ja auf diese typographischen Sonderzeichen z.B. auch das: ñ – was wohl eine Abkürzung für ein Doppel-N ist – etwas Ähnliches habe ich auch schon als Überstrich im Deutschen gesehen. – Oder wie aus den hochgestellten kleinen „e’s“ die Ü-Punkte geworden sind (uͤ). Das ist faszinierend. Btw. das fiel mir noch auf:
        „Der mit ss geschriebene Laut, der auf ein ererbtes germanisches /s/ zurückgeht, unterschied sich von dem mit sz geschriebenen; das ss wurde als stimmloser alveolo-palataler Frikativ [ɕ] ausgesprochen, das sz hingegen als stimmloser alveolarer Frikativ [s]. Auch als diese zwei Laute zusammenfielen, behielt man beide Schreibungen bei. Man brachte sie aber durcheinander, weil niemand mehr wusste, wo ursprünglich ein sz gestanden hatte und wo ein ss.“
        Das zeigt doch wieder, wie willkürlich unsere Rechtschreibung ist. – Bei meinen eigenen Texten bin ich auch ein rechter Rechtschreibnazi, und Satz- oder Druckfehler können mich auch bei Fremdexten immer noch bös‘ irritieren, aber eigentlich sollte ich es besser wissen. (Meine Brüder und mein bester Freund aus Schulzeiten haben/hatten Legasthenie.) Zu Goethes Zeiten als es noch nicht genorm war, hat sich keine Sau drum geschert und verstehen und lesen konnte man die Texte trotzdem, aber jetzt wird es als Zeichen der Unbildung gesehen, wenn man diese Duden-DIN nicht erfüllt. – Wahrscheinlich noch von so dämlichen Professoren unterstützt, die sich über Rechtschreibreform oder Bologna aufregen und um die Pisa-Ergebnisse bangen. Ja, wegen so eines Dämlacks musste meine Bruder sein Studienfach wechseln!]

  3. Gebrochene Schriften wurden auch zur Zeit der Gotik verwendet, deshalb wohl die Bezeichnung „gotische Schriften“ (als Überbegriff für alle gebrochenen Schriften natürlich unrichtig, genauso wie Fraktur, die einen bestimmten Typ gebrochener Schriften darstellt). — Wenn es tatsächlich um Kants Prolegomena ging, ist die Einschätzung „gotische Schrift“ zeitlich völlig daneben, vielleicht hat das zur Erzürnung beigetragen.

    • Gebrochene Schriften wurden zur Zeit der Gotik nicht nur verwendet sondern geradezu erfunden. Alle gebrochenen Schriftarten leiten sich somit von der Gotischen Minuskel, der ersten gebrochenen Schrift überhaupt, her. „Gotisch“ zur Frakturschrift zu sagen, mag ja nicht hundertprozentig korrekt sein im Sinne von typographischer Fachterminologie, aber im Lichte dieser Evolution der gebrochenen Schriften eben auch nicht so völlig falsch, wie der Professor damals behauptete, und hat auf jeden Fall nichts mit der Verdummung durch Asterixhefte zu tun. Desweiteren hat doch die Schrift, in der ein Buch gedruckt ist, nichts mit seiner Entstehungszeit zu tun. Die Ausgabe war vermutlich aus den 1930ern oder 40ern, schätze ich mal. Dass die Prolegomena kein Werk der Gotik sind, war dem Studenten damals auch klar, und so hatte der Professor ihn auch nicht verstanden.

      • Habe den Professor auch nicht verteidigt … logisch gesehen hast Du recht: Das Buch hätte auch in gotischer Minuskel gedruckt worden sein können, wahrscheinlich war es aber Frakturschrift (und deren erste Formen stammen mit viel Wohlwollen aus den letzten Jahren der Gotik).

  4. Ist doch aber eigentlich eine glasklare Situation. Da redet Kant endlich mal Fraktur, und der Student? Versteht kein Wort! Als Professor der Philosophie wäre ich da auch ausgerastet!

    • Kant ist ja einer der wenigen, die das Kunststück fertiggebracht haben, sogar dann Fraktur zu reden, wenn sie in Antiqua gedruckt sind. Ich würd so gerne mal in Fraktur bloggen, gibt es da zufällig ein passendes WordPress-Theme?

  5. Der letzte Satz scheint mir ein bißchen schwach formuliert. Ich glaube, wenn jemand anfängt, „von Verfall der Bildung, Verdummung der Jugend und nahendem Untergang des Abendlandes zu kreischen,“ kann man grundsätzlich und zu hundert Prozent davon ausgehen, dass nichts davon zutrifft. Okay, das Abendland wird irgendwann untergehen, aber vorher wird jede Generation jeder nachwachsenden Generation die exakt selben Dinge vorwerfen und es wird nichts daran sein. Dazu ist das Leben dann doch ein bißchen zu lebendig.

  6. Als wäre es gestern gewesen! Hatte er dann nicht auch noch beklagt, dass das Buch in Sütterlin geschrieben sei, nachdem sich das mit Gotisch als Holzweg erwiesen hatte?

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