02.04.2015

Nutzlosester, dümmster, beknacktester, verlorenster Tag. Morgens um halb Sieben auf, letzte Dinge schnell in den Koffer gestopft, alles hektisch, so früh wie möglich auf der Straße sein, heim nach Bayern. Bei Potsdam dann schon erster Riesenstau, Unfall, nach endlos langem Stop-and-Go endlich auf der Standspur an den LKWs vorbei, die da gekippt breitlings die ganze Straße blockieren. Wetter schlecht, immer wieder Schnee, Schneeregen, windig. Und dann hinter Leipzig geht plötzlich einfach gar nichts mehr: Kolonne steht, Motor aus, Stillstand, stundenlang, bloß der Laster hinter mir macht einfach seinen verdammten Motor nicht aus, dieses Brummen, der Abgasgestank. Er selber steht gemütlich rauchend auf der Fahrbahn und sein verfluchter Motor läuft die ganze Zeit weiter. Irgendwann kommt endlich wieder Bewegung auf. Nachdem sich schon diverse Abschlepp- und Krankenwägen mit Blaulicht durch die Rettungsgasse gezwängt hatten, taucht nun auch Polizei auf, winkt die Autos von der Autobahn runter, über den Standstreifen zur nächsten Ausfahrt hin. Ich frage den Polizisten durchs Fenster, wie ich mich auf der Landstraße weiter orientieren solle, wo man auf die Autobahn wieder hinauf könne, er brüllt mich nur an: „Audobahn is Schlüss! Ründer von der Audobahn!“ Ah, danke Herr Wachtmeister, soviel hatte ich auch so schon verstanden. Arschgeige, alt genug, um noch bei der VoPo gelernt zu haben, denke ich, und finde mich plötzlich in tiefster Ost-Provinz wieder, verfallene Häuser, keine Menschen. Schreckliche Leere, wie ein Vakuum, schnürt einem die Luft ab. Die von der Autobahn verdrängte Kolonne zwängt sich jetzt ultralangsam diese kaputte Landstraße entlang, ich mache einfach, was alle andern machen, bin zittrig, zermürbt, seit sechs Stunden unterwegs jetzt und gerade mal 200 Kilometer weit gekommen. Im Deutschlandfunk werden sämtliche Autobahnen mit Staus durchgesagt, nur meine nicht, auf der A9 ist angeblich alles paletti, und ich beginne zu glauben, dass ich hier wirklich nicht mehr in Deutschland bin. Es schneit und es sieht ja auch alles aus wie Russland hier, wahrscheinlich sagen sie diesen Wahnsinnsstau deshalb nicht im Deutschlandfunk durch, weil das einfach gar nicht Deutschland ist, jedenfalls für die im Radio, ich höre nur Ortsnamen wie Bremen, Solingen, Heilbronn, Pforzheim, Stuttgart, München. Leider hänge ich irgendwo zwischen Droyßig und Bad Klosterlausnitz fest, was soviel heißen soll wie: Ich habe keine Ahnung, wo ich bin. Im Schneckentempo nähere ich mich einem Städtchen namens Eisenberg und wünsche mir inständig, jemand möge am Ortsschild ein H vor den Namen gemalt haben, aber ist dann natürlich nicht so. Bin mit den Nerven runter, mir wird klar: Ich schaffs nicht. Bis Oberammergau sind es noch 500km, das packe ich nicht mehr. Zurück nach Berlin sinds nur 200, das geht noch. Bei der nächsten Autobahnauffahrt – auf die ich hoffentlich ja zusteuere, ich folge weiterhin einfach nur der Herde und mache an jeder Gabelung das, was die andern auch machen, bestimmt haben die ja so supertolle Navis und wissen, was sie tun, ich hab hier nicht mal Handynetz – an der nächsten Auffahrt also einfach umkehren: nicht weiter Richtung München sondern zurück nach Berlin. Ja. Es fühlt sich wie die reine Befreiung an, als die Auffahrt endlich da ist, auszuscheren aus der Masse der weiter nach Süden Steuernden. Wäre aber zu einfach, wenn man jetzt bloß schnell 200 Kilometer wieder rückwärts rollen dürfte. Wie auf Knopfdruck setzt jetzt richtiger Schneesturm ein, sehe kaum noch was, Fahrbahn ist im Nu mit einer glitschigen Schmierschicht aus Schnee bedeckt, zwischen LKWs eingeklemmt quäle ich mich mit Tempo 30 voran, bei Dessau dann plötzlich wieder Sonnenschein. April, April. Um sechs Uhr komme ich an. Zehn Stunden Horrortrip im Auto, nur um genau da wieder zu sein, wo ich morgens losgefahren bin. In West-Berlin, Harald-Juhnke-Land, wundervoll. Dann noch schnell zu Edeka, denn morgen ist ja Feiertag und praktischerweise habe ich alle übrigen Lebensmittel gestern noch weggeschmissen, weil ich ja dachte, ich bin jetzt eine Woche weg. Im Edeka natürlich auch die Hölle los, aber das ertrage ich jetzt mit lächelnder Gelassenheit, alles ist wunderbar, solange ich nur nie wieder ein Auto steuern muss. Als ich den Koffer und die Einkäufe die Treppen hochwuchte, komme ich mir vor wie Odysseus höchstpersönlich, nach langer und sinnloser Irrfahrt endlich heimkehrend.

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2 Kommentare zu “02.04.2015

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