Keep it real

In einer Kritik über „The Story of Pop“ habe ich gelesen, man müsse sich durch Bruckmaiers Abhandlung der Sklaverei erstmal hindurchbeißen, aber dann würde das Buch richtig locker und gut. Ich hab das anders empfunden. Tatsächlich hält sich Bruckmaier ziemlich lange im 18. und 19. Jahrhundert auf, erzählt ausführlich vom Gestank und der Enge auf den Sklavenschiffen, vom massenhaften Tod auf Südstaaten-Plantagen, und ja: das erzählt sich nicht so locker und beschwingt. Aber mir schien das dennoch vollkommen logisch und richtig, diese schwarze Wurzel des Pop kann man doch gar nicht überbetonen, genau hier ist diese Musik entstanden, bei Leuten, denen man alles weggenommen hat: Heimat, Freiheit, Familie, Rechte, eben wirklich alles außer einer Stimme und einer Trommel. Hier, in diesem Dreck, entstand der Blues und elementare Formen wie das Call-and-Response-Schema und synkopierte Rhythmen. Bruckmaier weiß das und weiß auch darum, dass diese Antagonismen von Herr und Knecht und weiß und schwarz sich mit der Abschaffung der Sklaverei nicht einfach in Luft aufgelöst haben und fortan war alles ein heiteres Entertainmentspielchen, sondern dieses Erbe tragen nachfolgende Generationen immer weiter in sich fort und es wird im Pop immer wieder zum Motor für Innovation und Weiterentwicklung.

Umso unverständlicher ist mir, dass er den Hip-Hop auf knappen zwei Seiten pauschal abwatscht und ansonsten nicht weiter mitspielen lässt in seiner Story des Pop. Dabei haben wir doch im Hip-Hop geradezu den Paradefall von Pop: Unterprivilegierte Schwarze, die vom Rest der Gesellschaft ausgegrenzt, perspektivlos in Großstadt-Ghettos vor sich hin dümpeln, die zwischen Drogensumpf und Gangfights wirklich von dem Gefühl beseelt sind, dass ihre Situation sich nicht grundlegend von der ihrer baumwollpflückenden Urgroßeltern unterscheidet, ja, was machen die da eigentlich in dieser Scheißlage? Sie erfinden eine völlig neue Musik, in der sie ihre Wut und ihren Hass artikulieren und nach außen kanalisieren können. It’s like a jungle sometimes / It makes me wonder how I keep from goin‘ under.

Bei Bruckmaier leider kein Wort über die Blockpartys in der Bronx der 70er, die ersten MCs, den Dreiklang aus Rap, Breakdance und Graffiti. Er sieht nur Goldkettchengepose, Hinterngewackel und dicke Autos und zieht ratzfatz den Schluss, Hip-Hop sei also „die frauen- und menschenverachtendste Popvariante auf diesem Planeten […] Drogenhandel, Prostitution und Gewaltkriminalität gelten im Hip-Hop als Schritte eine Karriereleiter hinauf, an deren Ende ein eigenes Modelabel wartet, mit dessen Hilfe man weiße T-Shirts für hundert Dollar pro Stück an schwarze Brüder und Schwestern verhökern kann. […] Schlimmer ist nur noch, dass dieses Verhaltensmuster mit jedem Hip-Hop-Beat in die ganze Welt exportiert wird; ähnlich wie einst jeder Ton von Jazz, Rock und Folk von Freiheit erzählt hat, so erzählt jede Sekunde Hip-Hop von brutalstem Wirtschaftsnihilismus.“ (The Story of Pop, S. 332f.)

Leider falsch, Mr. Bruckmaier. Von Freiheit kann leicht flöten, wer sie hat. Die Realität in den Ghettos sieht anders aus. Und auch der Hip-Hop-Superstar mit eigenem Modelabel ist vor rassistischer Ausgrenzung keineswegs gefeit, wie sich gerade jetzt wieder zeigt, da über hunderttausend britische Rockfans gegen den Auftritt von Kanye West – (den Bruckmaier notorisch falsch als „Kayne“ schreibt und schon damit zeigt, dass ihm dieser Musikstil eigentlich nur am Arsch vorbeigeht) – beim Glastonbury-Festival protestieren, weil sie ihr schönes Rockmusikfestival gerne „echt“ halten wollen, und das heißt für sie wohl, in grotesker Verkehrung der Dinge: „weiß“.

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10 Kommentare zu “Keep it real

  1. Ohne gespielte Naivität: Was ist so völlig neu am Hip-Hop (und ohne irgendwelche Diskriminierungen in Abrede stellen zu wollen, ein Qualitätskriterium für Musik sind diese allerdings auch nicht)?

    Definiert Bruckmaier eigentlich was für ihn zum Pop gehört und ist dieses Phänomen für ihn ein rein musikalisches oder eines von Jugendkultur, o.ä.?

    • Hörst du z.B. hier:
      http://www.wdr3.de/hoerspielundfeature/thegoldenage100.html
      (Ob innovativ oder sonstwas, wenn man wollte könnte man sogar Parallelen zu den Minnesänger oder Troubadours ziehen, die eben ähnlich über die reinen „Lyrics“ und die Sprache das Publikum in den Bann ziehen mussten und die derben und zotigen Einlässen nicht immer abgeneigt waren (Neidhart z.B.).. und ich glaube die hatten sogar so was wie Disstracks für konkurrierende Sänger).

      Was Bruckmaier kritisiert mag man kritisieren, aber das kann man an Volksmusik, Klassik, Jazz, Rock und Pop genauso oder noch schärfer anprangern, denn die haben sich schon noch viel länger etabliert, ausgeleiert und verkauft, als der HipHop.

      • Danke. Habe mal ein bisschen quer gelesen: Richtiger Weise müsste man den Hip-Hop als die übergeordnete Jugendkultur lesen (als ein Beispiel des Phänomens Pop) und den Rap als den (ursprünglich?) wesentlichsten musikalischen Anteil, der sich nach und nach stark kommerzialisiert hat (Bruckmaiers Kritik wäre dann verkürzt und „systemimmanent“, also ein kapitalistisches Phänomen [von Vermarktung], wenn die Musik davon relativ unbehelligt geblieben ist, worüber ich mir keine Entscheidung anmaße … was die „Klassik“ betrifft, sehe ich diese Tendenzen überall [Ausführende, Festivals, Programme, Agenturen, etc.], vermute sie aber weniger bei den aktuellen Komponisten oder Kompositionen, weil die kaum jemanden interessieren).

      • Sehr interessante Sendung, danke, wo hast du nur immer diese Links alle her?

        @mete: Nein, Bruckmaier verzichtet dankenswerterweise auf Definitionen, hat auch gar keinen wissenschaftlichen Anspruch. Es ist mehr so, wie Luftikus unten mit dem Wort „Sternenstaub“ andeutet: Ein annäherndes Umkreisen des Gegenstands. Und er erzählt auch nicht die Geschichten, die eh schon jeder kennt, sondern nimmt sich eher Randfiguren und Randphänomenen an. Bleibt also auf jeden Fall ein sehr empfehlenswertes Buch, auch wenn ich in Sachen Hip-Hop nicht mit Bruckmaier übereinstimme. Du hast natürlich recht, dass irgendwelche gesellschaftlichen Bedingtheiten einer Musik noch nichts über deren Qualität aussagen. Ich will jetzt nicht in doofes Namedropping verfallen, aber im Hip-Hop passieren im Moment musikalisch sehr interessante Dinge, die neue Platte von Kendrick Lamar „To pimp a Butterfly“ z.B. vermischt Hip-Hop auf für mich noch nie gehörte Weise mit Jazzelementen, sehr aufregend, sehr gut.

  2. Aus der Reportage der Sendung Capriccio (BR) über das Buch:

    Zitat Bruckmaier: „Ich halluziniere nicht nur Inhalte herbei, ich halluziniere manchmal auch die Wörter für diese Inhalte herbei. Das Buch ist meine ‚Story of Pop‘.“

    Fazit von Capriccio: „Dieses Buch besteht aus Sternenstaub – und ein wenig heißer Luft. Umba Umba!“

    • Ja, das trifft es ganz gut. Zum allergrößten Teil bin ich diesen Halluzinationen ja auch sehr gerne gefolgt. Bleibt für mich auf jeden Fall das beste Buch, das ich über Popmusik bisher gelesen habe.

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