20.03.2015

Früh morgens gleich die Ansage, dass Unterhosen für J. gekauft werden müssen, die alten sind zu klein. Also nichts wie auf zur Wilmersdorfer. Vorher noch in der Memorabilienkiste nach der SoFi-Brille von 1999 gesucht, ich war ganz sicher, dass die da drin sein müsse: war sie aber nicht. Ok, kein Problem, wirds auf der Wilmersdorfer ja auch geben und dann kann ich die Sonnenfinsternis direkt dort sehen. Strahlender Sonnenschein, ideale Bedingungen, anders als damals, als alles ein Zittern und Bangen war, Wolken hin und wieder weg, und als die totale Finsternis erreicht war, waren die Wolken vor der Sonne, die Leute fluchten schon im Nymphenburger Park, wo wir damals standen, und plötzlich hatte die Wolkendecke aufgerissen: Genau wo die verdunkelte Sonnenscheibe stand, war plötzlich ein Loch in den Wolken, und die versammelte Menschenmasse schrie auf, wir sahen den Lichtkranz, es war der Wahnsinn, ein Gänsehautmoment, den ich nie vergessen werde.

Heute ja nur partielle Verfinsterung, aber trotzdem: plötzlich ist man ein bisschen aufgeregt. Ich kaufte die Unterhosen, dann rüber zu Fielmann, wo man mich fast anpampte, als ich nach Sonnenfinsternisschutzbrille fragte. Gibts nicht, gibts nirgends, gibs auf! Ok, ich blieb ganz ruhig, macht ja nix, danke für die Info. Zeit genug noch, um nach einer neuen Jacke zu schauen, und siehe da: genau die Frühlingsjacke, die mir vorgeschwebt hatte, gab es zwei Häuser weiter wirklich zu kaufen, da hat man ja doch auch mal Glück. Wenn bloß die Frau vor mir an der Kasse nicht siebzehn Hosen umtauschen müsste, es dauerte gefühlte Ewigkeiten, ich drehte fast durch, in Gedanken schon gar nicht mehr bei der Sonnenfinsternis. Und als ich dann endlich zahlen durfte und aus dem Geschäft heraus trat, war da dieses seltsam runtergedrehte Licht, das mich sofort ergriff. Ein Blick auf die Uhr, mein Gott, genau jetzt der Zustand der höchsten Verfinsterung, es wirkte alles so surreal. Die Leute auf der Wilmersdorfer alle zur Sonne ausgerichtet, und da waren auch welche mit den alten Schutzbrillen von ´99. Ich stellte mich zu einer Gruppe, und bevor ich noch fragen konnte, reichte die Frau mir schon die Brille hin und ich sah die schwarze Scheibe, die sich vor die helle Sonne geschoben hatte. Toll. Paar Meter weiter drängte mir ein Herr seine Schweißerglasscheibe förmlich in die Hand und ich sah noch einmal rauf. Jetzt geht der Mond nach oben weg, sagte er, und ja: ganz schnell wurde es jetzt wieder heller.

Später C. von der Schule geholt und ihr von der Sonnenfinsternis erzählt. Ich war mir sicher, die würden das in der Schule auch irgendwie aufbereiten und netzhautsicher beobachten. Aber nein: Die durften nicht mal raus in der Hofpause, trotz schönsten Wetters. Übertriebene Augenangst, wenn ihr mich fragt. Die Sonne steht doch sonst auch am Himmel und keiner verbrennt sich die Augen. C. weinte bittere Tränen. Ich versprach ihr, wir würden zuhause ein Video von der Sonnenfinsternis anschauen. Das sei aber nicht dasselbe, sagte sie weinend, und leider hat sie recht.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s