18.03.2015 – Das Ostend

Vor ziemlich genau zehn Jahren zogen wir ins Ostend, unsere erste gemeinsame Wohnung. Ich war vorher überhaupt noch nie im Ostend gewesen. Als wir die Wohnung besichtigten, die uns beiden sofort gefiel, war ich verwundert, dass in Frankfurt so nah am Zentrum so ein sympathisch-verschnarchtes Viertel mit bezahlbarer Miete überhaupt existieren konnte. Unten im Haus die Kutscherklause, die sich zwar mit vorgehängtem Bembel und Fichtekranz ein bisschen als traditionelle Apfelweinwirtschaft verkleidete, in Wahrheit aber doch nur ein völlig unspektakuläres Refugium halbgescheiterter Existenzen war, die sich dort bereits vormittags am Tresen versammelten. Im Hinterhof des Nebenhauses ein Getränkemarkt, der in einer kleinen Baracke untergebracht war, dahinter die Uhlandschule: hauptsächlich Ausländerkinder, die ich vom Küchenfenster aus beim Pausenhoftreiben beobachten konnte. Gegenüber der Kiosk, betrieben von einem Inder, der alle Kunden mit „Chef“ betitelte: Alles klar Chef, kommt sofort Chef, dreieurofünfzig Chef. Dahinter der Paul-Arnsberg-Platz, anfangs noch mit Wochenmarkt, der aber mangels Kundschaft bald wieder eingestellt wurde. Und wenn man den überquert hatte, stand man vor der ehemaligen Großmarkthalle, die jetzt leerstand und wegen Denkmalschutz nicht abgerissen werden durfte.

Na gut, dann bleibt sie halt stehen. Man ahnte nichts Böses. Es war eine fast dörfliche Atmosphäre damals im Ostend: Der Paketbote Alfredo, der uns in sein Herz geschlossen hatte, hielt auch mal mitten auf der Straße an, wenn er mich da laufen sah, kramte ein Paket für mich aus seinem Laster und dann redete man noch ein bisschen übers Wetter.

Irgendwann kamen die Gerüchte auf, ein EZB-Hochhaus solle auf dem Großmarktgelände errichtet werden. Erste Bohrtrupps rückten an und untersuchten den Untergrund. Plötzlich veränderte sich alles, und zwar ziemlich schnell. Die Getränkemarktbaracke wurde abgerissen, stattdessen ein Townhouse mit Eigentumswohnungen da hochgezogen, das mir den Blick rüber zum Schulhof vermauerte. Der Pflasterstrand, ein improvisierter Independent-Biergarten direkt am Main, musste einer hochpreisigen Erlebnisgastronomie für Besserverdienende weichen. Und die Mieten in unserem Haus wurden mit einem Schlag so drastisch erhöht, dass all die schrulligen Normalos, die da bisher mit uns gewohnt hatten, sich zum Auszug gezwungen sahen. Wir hatten gerade unser erstes Kind bekommen und hätten so oder so eine größere Wohnung gebraucht. Aber es war schon ein seltsames Gefühl, wie da ein ganzes Haus geschlossen den Exodus antrat, während gleichzeitig bei der Großmarkthalle gerade mal die allerersten Aushubarbeiten für den EZB-Bau begonnen hatten.

Und jetzt brennt es da. Während im verrammelten Bankhochhaus die Finanzheinis ihren Eröffnungsschampus schlürfen, brennen rundherum die Polizeiautos, Steine fliegen durch die Luft, Wasserwerfer werden aufgefahren. Ich sehe im Netz die Bilder und erkenne fast jede Ecke, jeden Straßenzug wieder. Und weiß gleichzeitig: das Ostend, das ich mal kannte, gibt es nicht mehr.

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2 Kommentare zu “18.03.2015 – Das Ostend

  1. Komme gerade zurück von einer Google-Stretview-Fahrt durchs Nordend. 5 Jahre Eckenheim, 15 Jahre her und ich träume manchmal immer noch nachts davon.

  2. ein sehr schöner text. me likes. und so wahr. traurigerweise gibt’s vermutlich so ein ostend in berlin, in münchen und vermutlich auch in rom und tokio hundertfach. winter is coming?!

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