13.03.2015 – Lob des Algorithmus

Und zwar war es so, dass ich heute morgen zufällig den Diedrich Diederichsen im Radio hörte, und mir gefiel irgendwie, wie er da so locker auftextete, vielleicht sollte ich doch einmal sein großes Opus Über Pop-Musik lesen, aber das war doch so teuer, mal kurz bei Amazon schauen, ja tatsächlich: 39,99 €, das ist mir zu teuer für ein Buch, das ich dann wahrscheinlich doch nicht lese, aber halt, moment mal: Kunden, die dieses Buch kauften, kauften auch The Story of Pop von Karl Bruckmaier. Mein geliebter Karl Bruckmaier hat ein Buch über die Geschichte des Pop geschrieben, das er im Córdoba des Jahres 822 nach Christus beginnen lässt? Warum hat mir denn das bisher noch niemand erzählt? Ab in den Einkaufswagen damit.

Jetzt bricht vermutlich der nächste Shitstorm über mich herein. Er kauft bei Amazon! Ergreift ihn! Hängt ihn höher! Aber sehen wir der Wahrheit doch mal ins Auge: Die total sympathische Buchhändlerin zwanzig Straßen weiter hätte mir auf Anfrage den Diederichsen bestellt und fertig. Nie im Leben hätte sie mich auf die Existenz des Bruckmaierbuches hingewiesen. Das ist ihr auch nicht zum Vorwurf zu machen, sie kann ja unmöglich jedes Buch kennen, das in irgendeiner exotischen Minipresse erschienen ist, und dann auch noch richtig einschätzen, dass mich dieses Buch viel mehr interessieren würde als das, um dessen Bestellung ich gebeten hatte. Der Algorithmus kann das. Und er kann es unter anderem auch deshalb, weil ich ihn eben nicht nur als Recherchetool verwende und die Bücher dann bei meiner sympathischen Buchhändlerin zwanzig Straßen weiter kaufe, sondern direkt bei Amazon. So lernt der Algorithmus mich immer besser kennen und seine Beratung wird immer treffsicherer.

(Außerdem: So arg sympathisch ist die eigentlich gar nicht.)

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15 Kommentare zu “13.03.2015 – Lob des Algorithmus

  1. Shitstorm über dich!
    Nein. 😉
    Ich bin Buchhändlerin. Sollte ich mich jetzt in meiner Ehre angegriffen fühlen? Nö, warum? Du hast ja recht.
    In unserem Buchladen nutzen wir Amazon allerdings auch zur Recherche. Kann also gut sein, dass wir, hättest du dich über den Preis des Diederichsen und/oder eine mangelnde Alternative beklagt, auf Amazon nachgesehen hätten, ob die da nicht was Adäquates empfehlen … Höchst wahrscheinlich wäre ein solches Vorgehen dann, wenn du Stammkunde bei uns wärest und wir ein wenig vertraut wären mit deinen Vorlieben. Die nutzen wir dann nämlich ähnlich wie Amazon.
    Aber egal, ich will hier gar nicht behaupten, der Bucheinzelhandel könne das gleiche leisten wie Amazon. Kann er natürlich nicht, er ist ja keine Maschine. Dafür kann er anderes. Problem: Es gibt tatsächlich enorme Qualitätsunterschiede, was das Angebot, den Service und das Engagement von Buchhandlungen betrifft, da ist Amazon natürlich konstanter. Grundsätzlich bin ich aber für eine Haltung, die das Nebeneinander schätzt, fördert und sichert. Beide, Bucheinzelhandel und Amazon (plus weitere Variationen) haben ihre Stärken und Schwächen, man muss doch nicht, wenn man das eine gut findet und nutzt, automatisch das andere verteufeln und meiden. Leider findet sich dieses Gegeneinander aber überall. Wenn du wüsstest, wie oft ich schon Kunden unseres Ladens gegenüber Amazon verteidigt habe … Blödes, künstlich erzeugtes Ausschlussdenken. Hier wie überall im Leben. Als wäre nicht genug Platz für Verschiedenes, auch Gegensätzliches. *seufz*

    • Absolut, genau meine Meinung. Ich bin da auch weit entfernt von jeder Dogmatik und gehe ja selber nach wie vor auch in analoge, „echte“ Buchhandlungen hinein, stöbere herum und kaufe da dann auch ein, wenn ich etwas finde. Künstlich erzeugtes Ausschlussdenken bringt ja niemanden weiter, engt einen nur ein.

  2. „Grundsätzlich bin ich aber für eine Haltung, die das Nebeneinander schätzt, fördert und sichert.” Wohl gesprochen! Ich fürchte allerdings, dass der Unternehmensgeist von Amazon nicht danach ausgerichtet ist. – Ich bin ja zwar auch Buchhändler, bin Dir aber überhaupt nicht böse, wenn Du im Internet kaufst; nur selbst finde ich darin keinen Reiz. Obwohl ich also selber auf der Seite der Independents stehe, zucke ich immer ein wenig zusammen, wenn scharfe Kritik an Amazon oder Thalia, Hugendubel usw. geübt wird (wie gerade auf der Leipziger Buchmesse bei der Verleihung des Kurt Wolff Preises geschehen). Ich halte es grundsätzlich für fruchtbarer, für etwas zu sein. Die Gegnerschaft frisst Energie und gibt sie an den Gegner weiter.
    In Sachen Service hat der lokale Buchhandel von Amazon lernen können.

    • Der Unternehmensgeist von Amazon ist sicherlich problematisch. Da wäre allerdings meines Erachtens die Politik gefordert, für vernünftige Arbeitsbedingungen zu sorgen und gegen Steuerschlupflöcher vorzugehen. Der Punkt, den ich oben am Beispiel demonstrieren wollte, wäre allerdings der, dass der Algorithmus etwas kann, was der normale Buchhandel gar nicht lernen kann, weil er es niemals wird leisten können: Mich auf Bücher aufmerksam machen, die in Kleinstauflagen in Miniverlagen erschienen sind, einfach weil sie zu meinem sonstigen Einkaufverhalten passen. Während sich also im stationären Buchhandel immer weniger Titel zu immer höheren Türmen stapeln, trägt Amazon paradoxerweise zum Erhalt der Vielfalt bei.

      • „Während sich also im stationären Buchhandel immer weniger Titel zu immer höheren Türmen stapeln, trägt Amazon paradoxerweise zum Erhalt der Vielfalt bei.“
        Da würde ich etwas differenzieren. So wie es aussieht, ist Amazon nämlich vor allem eine Konkurrenz für die großen Buchhandelsketten mit ihren Buchkaufhäusern, und gleichzeitig eine Chance für kleine inhabergeführte Läden, wenn sie sich denn profilieren und engagieren und damit eine echte Alternative bieten. Die Summe der verschiedenen kleinen Läden bietet dann auch wieder eine Vielfalt, anders als die Amazonvielfalt, aber genau aus dem Grund nicht unbedingt einem Konkurrenzzwang unterworfen, sondern eben etwas Eigenes, parallel Existierendes.
        Schade, wenn die Städte aussterben würden, weil alle alles nur noch im Internet kaufen. Das betrifft ja nicht nur den Buchhandel.

      • Das kann schon sein, da habe ich als Nichtbuchhändler nicht so den Einblick, ist mir auch fast egal, muss ich ehrlich sagen, wer sich da wie gegen wen profiliert, oder was die Buchläden jetzt tun müssten, um überleben zu können. Das ist so ein bisschen ähnlich wie beim Printjournalismus. Als der noch konkurrenzlos war, hat kein Mensch darüber geredet, auf welchem Geschäftsmodell das beruht, wie die Anzeigenpreise so steigen oder fallen usw. Und plötzlich wird den Lesern jetzt eingeredet, sie müssten sich darüber informieren und dann bewusst die Papierzeitung kaufen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Versteh ich nicht.
        Ich bin ganz sicher, dass gute Zeitungen und gute Buchhandlungen auf absehbare Zeit noch weiter existieren werden, es wird da immer viel zu viel apokalyptisiert, meiner Meinung nach.

  3. Naja, das der „Algorithmus“ Dich immer besser kennenlernt ist eine recht anthropomorphe Beschreibung der „Fähigkeiten“ eines Computerprogramms.

    Das übrigens in irgendeiner Programmiersprache geschrieben wurde (siehe den Post „Schrift“).

    • Das stimmt. Man müsste vielleicht eher sagen: Der meinem Account zugeordnete Datensatz wird immer größer, dadurch kann der Algorithmus diese Daten besser mit den Daten anderer Nutzer, sowie vermutlich einem internen Kategoriensystem, abgleichen und mir tendenziell passendere Empfehlungen aussprechen. Könnte man es so sagen?

      Dass das Computerprogramm in einer Programmiersprache geschrieben wurde, erscheint mir in dem Kontext trivial: Muss es ja, da es auf einem Computer laufen muss, denn die riesige Datenbank aller verfügbarer Bücher lässt sich nur maschinell – per Algorithmus – mit den Datensätzen der Nutzer so abgleichen, dass möglicherweise zum Profil passende Bücher in Sekundenschnelle ausgespuckt werden können. Entscheidend ist, ob es so gut programmiert ist, dass wirklich die entscheidenden Faktoren, die zum Buchkauf führen, sinnvoll vom Programm berücksichtigt werden. Das ist bei Amazon relativ gut, nach meinem Empfinden, ich hab da schon viel entdeckt, was mir sonst verborgen geblieben wäre. Aber viele Vorschläge sind natürlich auch uninteressant, bis hin zu völligem Nonsens, da muss man sich umgekehrt auch nichts vormachen.

    • Ja, dachte ich auch. Ein schwarzer Musiker namens Ziryab soll damals die Leute am Hof des Kalifen von Codoba begeistert haben, außerdem hat er die Laute durch Hinzufügung einer weiteren Saite weiter in Richtung moderner Gitarre entwickelt. Aber Bruckmaier macht auch deutlich, dass dieser Einstieg relativ willkürlich gewählt ist. Pop war, ist, und wird sein.

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