10.03.2015

Tagsüber gelesen, aber ohne jede Freude. Das schreckliche Gefühl, mit den Büchern fertig zu sein. Wenn keiner mehr Lust am Text empfinden kann, ohne gleichzeitig noch en passant auf Barthes’ „Lust am Text“ hinzuweisen, dann fickt der Text sich selber in den Arsch und die Lust ist plötzlich futsch. Überall nur Sprachverhunzung, Sprachvergewaltigung, Sprachverdrehung zu Distinktionszwecken. Funktioniert aber. Kriegt man noch für den hirnrissigsten Blödsinn den goldenen Orden für Rhetorik um den Hals gehängt. Lesen kann sowieso kaum jemand mehr, in Widersprüche verwickeln sich alle dementsprechend freimütiger, weil man den hanebüchsten Unsinn verzapfen kann und keiner kommt einem drauf.

Ich hatte mir die Blogosphäre mal als einen Ort vorgestellt, wo jeder was sagen darf, wo jeder schreiben darf, was er denkt, und wo nicht immer automatisch der Recht hat, der mit Doktor- oder Professortitel rumläuft. Aber in Wahrheit ist es nicht nur nicht so, sondern noch schlimmer: man muss bloß so tun, als sei man der Professor, muss sich selbst dafür erklären, und schon hat man die Diskurshoheit, ist automatisch derjenige, der immer Recht hat, und wenn mal einer was dagegen sagt, erklärt man einfach apodiktisch: Das ist unter meinem Niveau. Einer, der zweifelt, der seine Aussagen auch mal mit einem relativierenden Fragezeichen versieht und dazu auch noch in einer Sprache schreibt, die nicht zu Tode verdreht ist, der ist von vornherein schon der Depp, der Nixwisser, der anmaßende Idiot.

 

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7 Kommentare zu “10.03.2015

  1. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht recht, was das mit den Büchern zu tun hat? Womit bist du nun fertig; mit den Büchern oder mit den Blogs? Das ist doch ein himmelschreiender Unterschied.

    • Ja, guter Punkt. Ich glaub, ich habe in letzter Zeit zuviel in Blogs gelesen, wo einem vordoziert wird, was und wie man zu lesen habe, und man hat mir ja auch auf den Kopf zu gesagt, ich sei für das richtige Verstehen von Literatur sowieso zu blöd. Das hat mir, wie ich zugeben muss, einen ziemlichen Schlag versetzt und mir zeitweilig die Freude an den Büchern selber verdorben. Aber ich denke, ich kriege das schon wieder sortiert und dann geht es mit den Büchern ganz sicher weiter.

      • Ja, ganz sicher geht das mit den Büchern weiter, denn Du hast im Gegensatz zu den im Grunde zu bemittleidenden Menschen, die solche Sachen sagen, verstanden, dass es bei Literatur nicht um Verstehen geht, sondern um Begreifen.

  2. Die Frage der Mützenfalterin wollte ich in etwa so auch stellen. Wobei ich deine einleitenden Sätze sogar gut nachvollziehen kann. Die Gründe, weshalb, führen wohl zu weit. Die immer weniger werdende Zeit, die ich mir dafür einräume, ist jedenfalls einer der Gründe. Ein zweiter die Einsicht, wie wenige Bücher mir Freude machen, die meisten lege ich weit vor dem Ende genervt weg. (Ich will nur noch lesen, was mir unmittelbares Vergnügen bereit. Für jede darüber hinausgehende Auseinandersetzung, die ja vollkommen sinnvoll sein kann, scheint mir meine Lebenszeit zu schade. War das früher anders? Ja, doch.) Die mit den Jahren müder werdenden Augen, die Überreizung des Geistes durch andere Aufgaben und die Hektik der Sozialen Medien. Das wäre für mich ein Ansatz, etwas zu ändern. Tat ich zum Teil bereits, weil ich aus den zuerst genannten Gründen kaum mehr in Literaturblogs lese: Ich werde mir sowieso nicht die Zeit für die Bücher nehmen, weshalb dann die Zeit für die Auseinandersetzung anderer mit diesen Büchern, die ich nie lesen werde? Inzwischen auch eine regelrechte Allergie gegen alles “Leseverherrlichende”, da tritt einem manchmal eine Sinnstiftung durch Lesen entgegen, die mir ganz fremd geworden ist. Daher also die Vertrautheit, wenn ich deinen Satz lese: “Das schreckliche Gefühl, mit den Büchern fertig zu sein.” Letztlich einfach eine Sache der Prioritäten. Andere Fragen drängen mehr.

    • Ja, da gehts mir ganz ähnlich. Ich erwarte von Büchern keine Sinnstiftung, und was mich langweilt, lege ich weg. Und ja: Früher war das anders. Da hab ich mich auch durch irgendwelche schrecklichen Wälzer gequält, weil ich dachte, man müsse dies und jenes gelesen haben, um mitreden zu können. Aber das ist ganz schön lange her.

  3. Solche Muedigkeit und auch Wut kommt mir auch nur zu bekannt vor. (Schreibe dies und aergere mich, dass ich wieder so auf Gefuehlbits und Identifikation antrigger, aber ich bin halt auch nur eine biochemische Reiz-Reaktions-Maschine.)
    Was soll’s, die Professoren quetschen ihren Quark so zentnerweise durch die Kabel, da macht unser bisschen Kaese das Fett nich wett. (Erinnerst dich noch an: ‚Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich Kafka als den groessten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts lese.‘? SO lesen eben die Professoren.)

    • Erinnere mich bestens. Da wars noch lustig. Ich mache ja auch keinen Hehl daraus und bekenne freimütig, dass ich die 4 als das richtige Ergebnis von 2×2 lese. – Ich ärger mich ja selbst, dass ich so auf die Gefühlbits anspringe. Aber andererseits ist es mir lieber so, als eine emotionslose Eiszapfensimulation zu inszenieren.

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