An meine Hater

Ich solle doch mal was über Hater schreiben, sagte der Robert aus gegebenem Anlass. Ich winkte gleich ab: bloß keine Internetthemen, und sah drei Klicks später zu meinem unendlichen Bedauern, dass meine Hater per Backlink nun auch zur Mützenfalterin rübergewandert sind. Wahrscheinlich ein Riesenfehler, darauf jetzt nochmal einzugehen, die Trolle zu füttern mit der Aufmerksamkeit, nach der sie lechzen, aber sei’s drum, die Steilvorlage ist zu gut, den Ball kann ich einfach nicht an mir vorbei gehen lassen.

Bersarin schreibt also bei der Mützenfalterin: „Gibt es eigentlich auch beim Koran samt der daraus abgeleiteten Scharia kein richtiges und kein falsches Auslegen eines Textes? Wenn dem so ist, sollte es mich freuen, denn das beschert uns die ewigwährende Herrschaft des Patriarchats samt Stockhieben für unliebsame oder schwachmatische Blogger:innen. Keine schlechte Vorstellung, wenn ich länger darüber nachdenke.“

Vollständig zitiert, nichts aus dem Kontext gerissen oder verfälschend gekürzt: Das schreibt der da wirklich als Kommentar. Und das ist auf so vielen Ebenen dumm, falsch, überheblich, ekelhaft, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Zu allererst möchte man den Hegelversteher und Adornoerklärer Bersarin mal in den Logikgrundkurs I schicken: Wenn es bei einem Gesetzestext wie der Scharia keine richtige und falsche Auslegung gäbe, dann resultierten daraus nicht irgendwelche Stockhiebe für Blogger, sondern genau das Gegenteil, nämlich das Dilemma, dass das Recht dann nicht mehr angewendet werden könnte. Gesetzestexte können nur wirksam sein, wenn sie auslegbar sind im Sinne einer „richtigen“ Auslegung. Darum ringen Juristen Tag für Tag, das ist nämlich gar nicht so einfach, habe erst neulich einen interessanten Text darüber gelesen, dass Computer noch meilenweit davon entfernt sind, Gesetzestexte so adäquat zu interpretieren, dass sie sie auf Einzelfälle korrekt anwenden könnten. Aber das nur nebenbei. Interessant scheint mir Folgendes: Gesetzestexte – ich rede jetzt mal von unseren Gesetzbüchern, mit der Scharia kenne ich mich nicht so aus – sind ja so formuliert, dass sie nach Möglichkeit alle nur denkbaren Einzelfälle entscheidbar machen, das ist ein Grund für deren Unlesbarkeit. Die Mützenfalterin und ich, wir redeten von Literatur: die ist lesbar, aber eben immer auch mehrdeutig, vieldeutig, uneindeutig. Ich verstehe gar nicht, wie man das bezweifeln kann, das ist doch offensichtlich. Literatur darf auch so sein, weil sie ihrer Bestimmung nach nicht angewendet, nicht exekutiert werden muss. Was an dieser simplen, ja fast schon banalen Aussage provoziert denn solchen Hass, man sieht ja förmlich den Schaum vor Bersarins Mund, ich versteh das gar nicht. Ok, ich mag seine Art des Schreibens auch nicht, aber ich habe auch nie in seinem Blog kommentiert, hab ihn da nie angekotzt, ich les das halt einfach nicht, da bin ich Epikureer: Ich will nach Möglichkeit nur Dinge tun, die mir angenehme Gefühle verursachen. Schwer genug im Alltag, aber dann muss man sich doch nicht noch die Freizeit selbst vergällen.

Der Hater sieht das offenbar anders: Er zieht sich wie ein Süchtiger das Zeug rein, das ihm gegen den Strich geht, bis es schön schäumt vor dem Mund, und dann legt er los und kommentiert. Ein mir unverständliches Verhalten.

Und das geht dann mitunter soweit, dass einer phantasiert, die ihm missliebigen Blogger würden mit Stockhieben gezüchtigt.

Der Mützenfalterin, die wirklich wie keine andere um eine ernsthafte poetische Art von Erkenntnis bemüht ist, so einen Stuss vom ewigwährenden Patriarchat hinzuknallen, das regt mich so auf, dass ich selber fast zum Hater werde, denn das wussten vielleicht manche noch nicht: Auch wenn ich aus Gründen des Sprachgefühls und vermutlich auch der bloßen Gewohnheit am generischen Maskulinum festhalte, bin ich doch ein ganz entschiedener Feminist, und finde es den Wahnsinn, den wirklichen Wahnsinn, einer Frau mit so einer perfiden „Blogger:innen“-Formulierung indirekt Stockhiebe anzudrohen für ihre Ansichten über Literatur, herrgottnochmal, wo sind wir eigentlich?

Und komme mir keiner mit Meinungsfreiheit, ihr könnt das ja alles schreiben und euern Hass abhaten, aber doch bitte nicht bei mir. Ich bitte also den Bersarin und alle anderen Hater, sowohl ihre einzig wahren und einzig richtigen, total korrekten Literaturauslegungen, als auch ihre Hasstiraden bitte auf ihren eigenen Blogs zu veröffentlichen, denn dann muss ich das nicht lesen und mich damit herumärgern. Das wäre das Beste für uns alle. Danke.

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8 Kommentare zu “An meine Hater

  1. Zum Internet Fairday oder wie das heute hieß – also heute war dieser „Gedenktag“ habe ich in meiner Tageszeitung einen langen Artikel gelesen, der dies zum Thema hatte, was auch bei Dir dankenswerterweise benannt wird. Wie geht man anständig miteinander um auch in der digitalen Welt? Wieso meinen immer mehr Menschen, sie könnten hier ihren ganzen Hassgefühlen, Frustrationen etc. freien Lauf lassen? Und vor allem: Warum grassiert hier eine Frauenfeindlichkeit der untersten Schublade? Der von Dir hier geschilderte Fall ist also kein Einzelfall. Leider. Aber ein Einzelfall ist es, dass ein männlicher Blogger so dezidiert Stellung nimmt – gegen solche unsäglichen Äußerungen. Und das finde ich von Dir einfach: Ganz hervorragend. Chapeau für diesen Artikel, der die Hater dorthin stellt, wo sie hingehören – in ihre eigene Ecke, sollen sie bei sich schäumen.

    • Gern geschehen. Man sagt ja allgemein, es sei das beste, solche Gestalten einfach zu ignorieren, aber irgendwo ist auch mal eine Grenze, man muss sich ja nicht alles gefallen lassen.

  2. Andy, Andy, schade, daß Du für Witz und Ironie so wenig empfänglich bist. Aber egal. Also Klartext: Du begreifst nicht im Ansatz, worum es bei einer fundierten Literaturkritik oder in einer Polemik geht, statt dessen schreibst Du Banalitäten von den „Rändern des Textes“, die auf Äußerlichkeiten hinauslaufen, schräge Imitatio Kittler aufführend, und erzählst mir dann etwas von Adornoerklärern und Hegelverstehen. Schon lustig, wie unser Kittlernachahmer die Perspektiven setzt. Wenn Du Gegenwind nicht aushältst und den Unterschied zwischen Hatern sowie Glosse/Satire/Ironie/Kritik nicht realisierst, dann laß das Bloggen sein, aber komm hier nicht mit dieser Heulsusennummer! Vermutlich aber ist für Euresgleichen jeder ein Hater, der den gefühlsseligen Kuschelkonsens und die political correctness derer stört, die sich an der Literatur kulinarisch delektieren.

    Natürlich stehen Literatur, Musikstücke und Gemälde in einem Kontext. Was für eine Trivialität. Genauso gut hättest Du mitteilen können: Der Schriftsteller schreibt seinen Text mit Stift, Schreibmaschine oder Computertastatur. Ja, tut er! Tatsächlich. Vielleicht findet irgendwer dazu noch ein passendes und empfindsames Rilke-Gedicht? Illustrierend, illuminierend. Ringelschwätzereien wäre auch lustig oder Morgensterne. Hauptsache empfindsam und bloß keine Arbeit des Begriffs leistend und intellektuelle Anstrengungen in Kauf nehmen.

    Und nun zur Logik – nicht Grundkurs I, sondern Basic, 10. Klasse samt Rhetorikschulung (das ist ein Teilgebiet der Literaturwissenschaft):

    Die Mützenfalterin schrieb, Wolf zitierend: „Dazu hat Andreas Wolf auf Sichten und Ordnen kürzlich einen sehr lesenswerten Artikel geschrieben, in dem er die „Ränder der Texte“ preist, und im wesentlichen daran erinnert, dass es keine richtigen und falschen Auslegungen eines Textes gibt …“
    Bersarin antwortete: „Gibt es eigentlich auch beim Koran samt der daraus abgeleiteten Scharia kein richtiges und kein falsches Auslegen eines Textes?“ Usw. Davon abgesehen, daß Herr Wolf und Frau Sätzebirgit nicht die Differenz zwischen eigentlichem und uneigentlichem Sprechen beherrschen (diese Unterscheidung gilt übrigens auch für die Literatur: Was eine Romanfigur von sich gibt, ist nicht die Aussage des Autors), geschweige denn wissen, was Ironie und eine Polemik ist, gibt es nichts Klebrigeres als die dumpfe politische Korrektheit, die in ihrer Einfalt nicht einmal die rhetorischen Mittel zu unterscheiden vermag, sich dabei in Rechtschaffenheit suhlend, und – dümmer geht nümmer – reflexhaft Frauenfeindlichkeit liest. Aber Hauptsache Betroffenheitsgeleiere. Wölfchen, der Feminist. Klasse. (Schon mal drauf gekommen, daß Männer keine Feministen sein können? Da verhält es sich wie mit den Begriffen Schwester oder Hebamme.)

    Interessant auf alle Fälle, wie der Literatur Unverbindlichkeit und damit auch eine Harmlosigkeit zugebilligt wird, die ansonsten – gut beobachtet Andy – in anderen Bezirken niemand durchgehen läßt. Z.B. bei Gesetzestexten. In der Literaturkritik ist eben nicht jede Deutung gleich richtig; wie auch bei Gesetzen oder beim Koran nicht jede Auslegung zulässig ist. Wenn jeder freilich auf sein Empfindungsvermögen oder seine eingeschränkte Interpretationswelt rekurriert, ist allerdings ein Austausch sinnlos, weil sich über Empfindungen nicht debattieren läßt.

    Ihr könnt Eure Leseerfahrungen und was ihr sonst noch an Textranz ähm -rand hineinlesen wollt, gerne austauschen und es machen, wie Ihr denkt. Aber nennt das dann bitte, bitte nicht Literaturkritik!

    • Danke für den Kommentar. Schöner konnte man meinen Text nicht illustrieren. Alle weiteren Kommentare aus Ihrer Feder oder Computertastatur werde ich allerdings ungeachtet des Inhalts unbesehen löschen. Denn im Gegensatz zu Ihnen meine ich das ernst, was ich schreibe. Also bitte nutzen Sie für Ihre weiteren Glossen oder sonstigen Anfälle wieder das zum Schreien komische Satireblog „Aisthesis“.

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