Die Ränder der Texte

Kittler bemerkt in seinem Aufsatz über Kleists Erdbeben in Chili, das eigentlich Interessante an der Literatur finde sich immer an deren Rändern, und fügt in Klammern lapidar hinzu:

(Adreßbits im elektronischen Datenfluß, Stempel, Aktenzeichen und Verteilerschlüssel im bürokratischen zeigen zur Genüge, daß es die Ränder von Nachrichten sind, die ihre Vernetzung steuern und damit interpretatorische Unterstellungen vom Typ der Autorintention überflüssig machen.) [David Wellbery (Hrsg.), Positionen der Literaturwissenschaft, S. 24f.]

Mich überzeugt das vollkommen, aber wem das im Sound zu kittlerisch, zu technokratisch-kalkuliert daherkommt, der kann dasselbe auch nochmal beim liebenswürdigeren Gérard Genette nachlesen, der in der Einleitung zu seinem Buch „Paratexte“ schreibt:

Der Paratext ist also jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle […]; um eine „unbestimmte Zone“ zwischen innen und außen, die selbst wieder keine feste Grenze nach innen (zum Text) und nach außen (dem Diskurs der Welt über den Text) aufweist, oder wie Philippe Lejeune gesagt hat, um „Anhängsel des gedruckten Textes, die in Wirklichkeit jede Lektüre steuern“. [Genette, Paratexte, S. 10]

Kittlers Adressbits und Genettes Paratexte fungieren als Steuerelemente der Lektüre, und wenn Genette wenig später feststellt, dass im Grunde „jeder Kontext als Paratext wirkt“ (S. 15) dann wird klar, dass diese lektürebestimmenden Ränder je nach Blickwinkel gar nicht so schmal sind, wie man erstmal meinen könnte, sondern sehr breit, und damit kommt man dann eigentlich schon in die Gefilde der Rezeptionsästhetik. Genette fährt fort:

[…] so etwa fungieren für die meisten Leser der Recherche zwei biographische Fakten, nämlich die halbjüdische Abstammung Prousts und seine Homosexualität, unweigerlich als Paratext zu jenen Seiten seines Werkes, die sich mit diesen beiden Themen befassen. Ich sage nicht, daß man das wissen muß: Ich sage nur, daß diejenigen, die davon wissen, nicht so lesen wie diejenigen, die nicht davon wissen, und daß uns diejenigen zum Narren halten, die diesen Unterschied leugnen. (S. 15)

Wenn man das konsequent zu Ende denkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass es von jedem Buch exakt soviele unterschiedliche Lektüren gibt wie Leser, und keine davon wäre richtiger oder falscher als irgendeine andere. Auch wenn man, wie ich, den Proust nach 400 Seiten in Swanns Welt erschöpft weglegt und niemals wieder aufgreift, ist das keine defizitäre oder minderwertige Proustlektüre, sondern eben meine individuelle Erfahrung mit diesen Büchern.

Ich kann daher in Lothar Strucks Lamento nicht mit einstimmen, der beklagt, dass die Literaturkritiker des sogenannten Literaturbetriebes die Bücher, die sie besprechen, alle nicht zu Ende lesen würden, sie würden nicht genug am Text kleben, stattdessen mehr Porträts, Interviews usw., also tendenziell leichtverdaulichen Leserabholungsstoff liefern. Für mich liefern die alle erstklassigen Paratext, das ist mir tausendmal lieber als die haarkleine Nacherzählung irgendwelcher Plots, ja, die Plotnacherzählung ist der Teil einer jeden Literaturkritik, den ich verlässlich überspringe, einfach weil mich das zu sehr langweilt, und wenn die Rezension aus nichts anderem besteht als aus solcher Nacherzählung, dann weiß ich, oder glaube zu wissen, dass mir das in Frage stehende Werk wohl wenig zu bieten hat.

Mich interessiert wirklich die Botho-Strauß-Homestory: Wie öde, wie trostlos ist diese Uckermark wirklich? Wie redet der Botho mit seinen Nachbarn? Wie nimmt er seinen Tee oder haut er sich nachmittags auch schon mal einen Whisky rein? Das will ich von der Zeitung erfahren, die Straußschen Bücher lese ich dann im Zweifelsfall lieber selber, wenn mich der journalistische Paratext genug angeteast hat, und da ist es mir dann auch relativ, nein: völlig egal, wie weit der Journalist im neuesten Straußbuch gekommen ist, bevor er es weglegen musste, weil der Chefredakteur ihm schon wieder einen Stapel neuer Handke-, Hegemann- und Hoppebücher auf den Schreibtisch gehauen hat.

Denn da hat Struck ja recht, leider schlachtet er das viel zu wenig aus, wenn er den Sundermeier für die Worte kritisiert, der Blogger brauche Klicks und müsse demzufolge ständig liefern. Was für ein Unsinn, der Blogger braucht überhaupt nichts: im Gegensatz zum Journalisten oder zum Verleger hat der Blogger ja nichts zu verkaufen, er hat die absolute Freiheit, kann machen, was er will. Was dem Blogger fehlt, ist jemand, der ihm die Zugfahrkarte und ein Hotelzimmer in der Uckermark für die Botho-Strauß-Homestory bezahlt. Auch fehlt ihm der Türöffner: „Hallo, ich bin der Sowieso vom SPIEGEL oder von der FAZ“, damit ihn der Botho Strauß überhaupt reinlässt. Was ihm aber nicht fehlt, ist ein Boss, der fragt: „Wo bleibt der Artikel?“ Wenn mir zu Botho Strauß nichts einfällt, naja, dann schreib ich dazu halt nichts. Und wenn ich nach ein paar Seiten abbreche, dann kann ich das auch so hinschreiben und muss nicht so tun, als hätte ich das fertiggelesen. Klicks brauche ich jedenfalls keine, Klicks zahlen nicht meine Miete und mir sitzen auch keine Werbekunden im Nacken und fragen nach Klicks, das ist doch wunderbar, so kann ich so ausladend literaturtheoretische und fast übermäßig zitatgesättigte Einleitungen schreiben wie ich will, und keiner klopft mir auf die Finger. Aber mir scheint fast, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen.

Es ging mir eigentlich um diesen einen Satz bei Struck, sein Postulat für eine ideale Literaturkritik: „Außerliterarische Bezüge sollten vernachlässigt werden.“ Der scheint mir einfach so fundamental falsch. Und wollte das illustrieren mit Kittlers Rede von den Rändern und Genettes Paratexten als Übergangszonen zwischen dem Inner- und dem Außerliterarischen. Die Wahrheit ist doch: Das Außerliterarische und das Innerliterarische bestimmen einander wechselseitig. Da aber das Außerliterarische für jedes Individuum völlig anders ausfällt, führt das zu jeweils völlig individuellen Lektüren, und nur an den Grenzen, den Schwellen oder Rändern, wird man im Glücksfall einen Fetzen der Wahrheit erhaschen. (So wie mir das bloße paratextuelle Preisschild am Ror-Wolf-Buch mitsamt Pressetext neulich alles mögliche über dieses Buch erzählt hat, ohne dass ich es gelesen oder überhaupt je in Händen gehalten hätte.) Eine total objektive und nur am reinen Text klebende Literaturkritik kann es daher überhaupt nicht geben, und wo sie dahin strebt, ist sie todlangweilig. Interessanter als der Text sind immer seine Ränder.

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29 Kommentare zu “Die Ränder der Texte

  1. hm, als alter textanalytiker würde ich da eine grenze ziehen. paratext als teil von text (der als veröffentlichter bzw. zugänglich gemachter jeweils auch einen zeitstempel hat) und dann eben (davon unterschieden) kontext und intertext.

    der/die literaturkritiker/in hat es mit beidem zu tun, finde ich. zuerst ist er zuständig für die herstellung des fremden, also für den text als fremdes system von bezügen, abgelöst vom lebenden autor und abstrahiert auch vom paratextuellen „autor“. (nicht aber von der eingeschriebenen „autorinstanz“, sofern vorhanden.)

    als literaturhistoriker (der ich war) interessierte mich dann die paratext-außenseite, kontext und intertext in der gegenwart des textes. (also in der regel der zeitpunkt der zeitnahen veröffentlichung/en.) dadurch entstand ein größerer, quasi kulturhistorischer „text“ als patchwork aus vielen texten im engeren sinn, die gleichzeitig „im raum“ sind. das muss aber literaturkritik nicht tun.

    wohl aber dann eben den text als teil von jetzt-kontext und jetzt-intertext lesen und dann auch ästhetisch einschätzen. aber das gleich ohne die vorhergehende distanzierende operation zu tun, die den idealtypisch „puren“ text quasi herstellt, habe ich immer sehr unbefriedigend und tautologisch gefunden. das ist dann sehr leicht bloßer leser-feuilletonismus.

    • Sicherlich muss man differenzieren zwischen den direkt am Buch klebenden Paratexten und Epitexten, und den das Buch in weiterem Orbit umkreisenden Kontexten und Intertexten. Das habe ich der Einfachkeit halber alles in einen Paratexttopf geworfen, aber natürlich sind all diese Textarten sehr unterschiedlich ihrer Funktion und Wirkung nach, wenn man das genauer beleuchtet. Worauf es mir ankam, war die Tatsache, dass es den puren Text wirklich nicht gibt, da bin ich ganz Rezeptionsästhetiker. Der Text wird immer erst lebendig in einem Leser, der jede Menge Vorwissen und Unwissen mitbringt, von jeder Menge Paratext umschwirrt ist. Und das schließt den Literaturkritiker eben nicht aus, auch dieser ist erstmal nur ein ganz normaler Leser und kann dieses Kunststück, den Text aus der ganzen Menge der ihn umgebenden Kontexte herauszuisolieren und als „puren“ Text in seiner Petrischale zu sezieren, nicht vollbringen. Drum mag ich eine Literaturkritik lieber, die diese Kontexte offensiv mit ins Spiel bringt, als eine, die das leugnet und so tut, als wäre der Purtext etwas Heiliges, Unantastbares, das man auf keinen Fall mit Fremdpartikeln beschmutzen dürfe. Wenn das Resultat dann ein Leser-Feuilletonismus ist, wie du es ausdrückst: Wo ist das Problem? Bücher sind wie Feuilletons doch für Leser da, dafür sind sie gemacht. Woher kommt eigentlich dieser seltsame Irrglaube, Unlesbarkeit sei das Merkmal für wahrhaft großartige und verehrungswürdige Literatur?

  2. Zustimm. Als Werbung funktioniert Literaturjournalismus gut. Mir so bei Pessoa, Arno Schmidt gegangen. Literaturkritik ist es nicht, aber bringt Leser, was will man mehr, und sagt zudem was über unsere Gesellschaft aus. „Ränder“ ist schön ausgedrückt.

    Kritik ist so sehr ex cathedra, hat was Bevormundendes, als wärn wir Leser Schafe, die einem Vor-Leser hinterhertrotten sollen. Ob ein Werk gut ist, bestimmt sich eh erst durch den Zahn der Zeit, und auch dann in Wellen, über den Anklang, den es findet. Das zeitnahe Urteil der Kritiker ist da zu aseptisch, taugt nicht viel. Frauen mitgemeint.

  3. Vielleicht sollten der begabte Herr Bersarin und der emsige Herr Wolf ein neues Illustriertenkonzept launchen: „Bunte – Literaturen“. Titelbild Ausgabe eins:
    Kinky Games: Helene Hegemann posiert im Berghain.
    Innenteil: Homestory des Monats: Judith Hermanns schwarze Höschen. Rainald Goetz: ein Pillendöschen.
    Aus der Rubrik Autoren hautnah: Hamburg kriegt die Pocken: Karen Köhler Starschnitt zum Anfassen und Ausschneiden.
    Theorie-Rant: Kittleritis – Diarrhoe am Texttraktrand.
    Aus der Rubrik Individuum und Freizeit gibt es die kleine Barfliege: Frau Nachbarin, Euer Fläschchen. Da gehen Dichterrinnen trinken!

    Wäre eine solche Illustrierte nicht ein feiner individualistischer Literatur-Spaß? Positivismus at its best und Poeten zum individualistischen Anfassen. Weshalb auch sonst lesen wir Literaturkritiken und Bücher? Individualistisch versteht sich. Die neue konservative und biedere Bürgerlichkeit will alles, bloß kein Wissen und schon gar keine Zusammenhänge verstehen. Lieber lesen die Braven: „Ich habe abgebrochen! Weshalb ich bei Proust nur bis Seite 10 kam.“ Das Vertiefen verdirbt eh bloß die gute Laune. So ganz individualistisch gedacht. Wußte Maggie Thatcher schon.

  4. Mich überzeugt das Lob der Ränder nicht. Es scheint doch komplizierter zu sein und man muss wohl zumindest differenzieren, ob denn jede Randbemerkung Wert hat.
    Ein typischer Effekt, wenn wir Nebensächlichkeiten beim Betrachten eines Bildes oder beim Lesen eines Buches im Kopf haben, ist der verstellte Blick auf die Sache selbst. Walter Benjamin bemerkte schon zu der Wirkung von lapiadaren Bildunterschriften, dass sie nur dem „Erledigen“ des Bildes dienten – man sieht dann nicht mehr das Bild, stöbert in seinen Rätseln herum sondern das Bewusstsein kann schnell dazu übergehen, die Sache zu erledigen. Ähnliche Effekte oft rührseliger Art haben dramatische Biographien – van Goghs Bilder sind eben gar nicht mehr anders zu betrachten als durch das Sentiment, dass seine Biographie erzeugt. Hier eine interessante Ausführung von einem Ökonomen, besonders interessant ab Minute 2″50′ …
    Wie auch immer, es ist ungeheuer schwer, die Dinge zu sehen, wie sie sind. Wenn Randphänomene eine Rolle spielen, dann muss man zumindest dafür einen besseren Grund haben, als dass sie irgendwie unterhaltsam sind.

    • Für Benjamins Bildunterschriften gilt eigentlich etwas Ähnliches, was ich oben jetzt schon zu Martin Lindners Kommentar schrieb: Auch wenn das Bild der Unterschrift entbehrt, so sind doch dennoch tausend Kontexte und Paratexte um das Bild herum. Hängt es im Museum, von Alarmanlagen gesichert, muss man da ganz still sein? Oder ist es in einem Buch, das dann ja sicherlich ein Vorwort, ein Nachwort, einen Klappentext und einen Preis hat? Oder fliegt es mir aus einem alten Fotoalbum entgegen, in dem noch andere Bilder es flankieren? Undsoweiter, undsoweiter. All diese Nebenumstände beeinflussen meine Wahrnehmung des Bildes und ich finde einfach, wir sollten aufhören, so zu tun, als wäre das nicht so.

    • Zeit für Aléa Torik? In der Tat darf es keine Rolle spielen, ob die Romane von einem Claus aus Essen sind oder einer zwanzig Jahre Jüngeren aus Mărginime, deren beider Lebenswege in Berlin einmünden. Aber das tut es auch nicht, zumindest habe ich nichts davon bemerkt, dass die Texte als weniger wert angesehen wurden, als sich die dahinter stehende Biographie veränderte. Aber ein weiteres Detail an Aufmerksamkeit hätte die Entblößung wecken können, die Neugier anfachen und somit Lesende zuführen … hätte!

      • Für Alea Torik gilt eigentlich genau das, was Genette über die Proustlektüre sagt: man muss das nicht wissen, dass die wunderhübsche junge Frau Torik ein Mann ist. Aber die, die das wissen, werden unweigerlich anders lesen, als die, die das nicht wissen. Das jeweile Vorwissen oder Nichtwissen im Leser ergibt einfach unterschiedliche Lektüren. Auch hier gilt: keine ist per se besser oder richtiger als die andere. Viel mehr kann ich hierzu allerdings nicht sagen, weil mich der Torik-Sound im Blog schon nicht überzeugt hat, als ich logischerweise noch annahm, es handle sich um eine Frau, und dementsprechend die Bücher nie gelesen habe.

  5. Bevor ich die, sicher sehr aufschlussreichen, vorangegangenen Kommentare lese, meine kleine Meinung zu dem Thema. Ich gebe Dir Recht und muss Dir widersprechen. Recht gebe ich Dir bei der Feststellung, dass es exakt so viele unterschiedliche Lektüren gibt, wie Leser und keine davon richtiger oder falscher ist als die andere. Für mich führt das aber nicht automatisch zu der Forderung, Literaturkritik sollte sich mehr um Botho Strauss Trinkgewohnheiten kümmern. Nacherzählungen möchte auch ich nicht lesen, aber ich möchte von einer Rezension schon so ungefähr erfahren, worum es in dem Buch geht, also um eine wenigstens minimalistische Inhaltsangabe kommt eine Besprechung meiner Meinung nach nicht herum. Wo ich davon abgesehen einen großen Unterschied sehe zwischen einer für mich wertvollen und einer eher wertlosen Besprechung, ist die Tatsache, ob sich der Rezensent wirklich mit dem Buch auseinander gesetzt hat, dann nämlich erfahre ich von Rändern, die mir eine eigene Lektüre nicht nur schmackhaft machen, sondern vielleicht sogar eine Tür öffnen, eine Perspektive erlauben, die ich ohne diese Besprechung womöglich nicht gehabt hätte. Und das kann, muss aber nicht unbedingt, mit den Lebensumständen des Autors zu tun haben.

    • Stimme dir in allen Punkten zu. Das mit den Straußschen Trinkgewohnheiten war natürlich eine heillose Überspitzung, die nur illustrieren sollte, dass die Kritik nicht notwendig immer nur am reinen Text kleben muss, sondern durchaus auch die Ränder ein bisschen in den Blick nehmen darf. Es ist scheinbar eine Schwäche von mir, dass ich manchmal glaube, durch gewisse Übertreibungen würde mein Punkt irgendwie deutlicher, und an den Reaktionen sehe ich dann, dass teilweise das Gegenteil der Fall ist. Aber ich denke, wir verstehen uns schon richtig, ich unterschreibe jedenfalls das alles, was du sagst.

      • ja, mir war nach Deiner Antwort auf den ersten Kommentar dann auch schnell klar, dass mein eigener Senf ziemlich überflüssig war, da wir tatsächlich dasselbe meinen, nämlich diesen Hohheitsanspruch der einen einzigen richtigen Leseart, der selbstverständlich den Literaturkritikern vorbehalten ist, anzuzweifeln, und dem den Reichtum von unterschiedlichen Zugängen zur Literatur entgegen zu setzen. Für mich ist das tatsächlich gerade aktuell, da ich an einer für mich sehr schwierigen und sperrigen Besprechung sitze, ermunternd und ermutigend.

  6. ich mag ja die alte sozialgeschichte da sehr gern, von mir aus auch im luhmann’schen gewand oder durch foucault gedreht oder wie auch immer. „ränder“ ist sogar ein bisschen zu schwach formuliert meiner meinung nach: ich hätte da lieber was von „kontext“, oder gleich „diskurs“ stehen. ohne den ist der text nie, als was er aktuell in der rezeption realisiert wird. (oder eigentlich: ohne „die“, den es sind ja zwei kontexte: einmal der der produktion, und dann noch einmal der der rezeption, und der eine geht ohne den anderen gar nicht.)

    • Genau so ist es, und das meint auch Kittler mit den Rändern, die die Vernetzung steuern: die Vernetzung im Diskurs, aus dem heraus sich so etwas wie Sinn überhaupt erst generieren kann und nicht durch interpretatorische Bemühungen, die Bedeutungen aus dem reinen Text als solchem herauspräparieren wollen.

  7. Okay, Kitschverdacht à la Coelho, aber so schön passend zum Thema: „Wir alle verpassen so viele Möglichkeiten an den Rändern dessen, was wir wirklich leben. An diesen Rändern leben wir, an den Rändern unserer Möglichkeiten.“, sagte Adrian (Aléas Ich, Seite 309). Und Jonathan: „Ich war an der Peripherie, suchte aber das Zentrum.“ (S. 331) Eigentlich auf der Suche nach andrem Zitat, das Sarah Schaschek am Ende ihrer Besprechung in der Zeit am 3.9.2013 anführt, bislang ohne Erfolg.

    Doch, da: „Aber die meisten suchen mich, hinter allen Worten immer nur mich.“, Aléa zu Actress Luise (S. 372 tief unten).

  8. Literaturkritik | muetzenfalterin

  9. Der Andreas Wolf hat leider kein Like-Knöpfchen eingebaut. Wie schade! Dummes Gefasel trifft es zwar einerseits gut, ist jedoch freundlich ausgedrückt. In jedem Fall werden hier Trivialitäten zu Theorie hochgebretzelt.

    Es passen Wolfs Ausführungen allerdings prächtig in die Zeit des Herumeierns: der eine so, der andere eben anders. Da hat jeder so seine Meinung. Weichgespülter Liberalismus. Schaffte es die FDP letztens nicht einmal mehr in den Bundestag und in die Landtage, so hält sie nun wenigstens Einzug in die Literaturkritik.

    Simpler geht Literaturkritik nimmer, und insofern liegt Wolf dufte im Trend. Weichspülphrasen, Ahnungslosigkeit und beliebiges Schwätzen samt rührseligem Empfindungsfaseln als Model für Literaturkritik. Georg Diez hat uns das als Kritiker bereits herrlich vorgeturn. Chapeau, Herr Wolf! Tiefer kann man das Niveau der Kritik nicht unterlaufen. Nur nichts in der Literatur entdecken, was den eigenen Horizont übersteigen oder gar erweitern könnte und immer schön die Texte mit dem je eigenen Außerliterarischen einkleiden, abdecken, abgleichen. Wie muß man sich das vorstellen? Herr Wolf schreibt eine Kritik über den „Zauberberg“ und setzt das Buch dann ins Verhältnis zu seiner Grippe? „Heute von Clawdia Chauchat gelesen. Mal sehen, ob ich fesche Russin in Charlottenburg treffen werde.“

    Wenn der Herr Wolf dann bei „Glanz und Elend“ schreibt, heißt das Zine irgendwann bloß noch „Elend“.

  10. Ich habe mich während des Lesens ein wenig hilflos gefragt: Meint er das vielleicht ironisch?

    Ich finde das schon (auch) ärgerlich: Man kann inhaltlich-interpretatorisch von mir aus sagen: Jeder liest anders, wenn man es ganz streng und eng sieht. Aber das war es dann doch noch nicht, oder?: Form, Ästhetik, Stil, alles eine rein individuelle Frage? Von jedem ganz anders wahrgenommen? Was könnten die Paratexte hier bewirken? Das ist als ob man sagte, dass Bosch, Monet und Malewitsch ästhetisch, stilistisch und formal einmal so und einmal anders gesehen werden könnten (gleichsam austauschbar wären, sogar: begründbar austauschbar). Ist das so?

    • Ich nehme deine Einwände ernst, aber ich kann mich jetzt im Moment auf keine weitere Debatte zu dem Thema einlassen. Die Bersarinschen Attacken unter jeder Gürtellinie nehmen mich gerade zu sehr mit. Geht mir wirklich an die Nieren dieses Gehate, und nimmt mir völlig die Lust am konstruktiven Argumentieren, überhaupt am Weiterbloggen. Vielleicht schreib ich demnächst mal was über diesen Aufsatz von Susan Sontag, von dem wir es ja auch auf Twitter kürzlich hatten. Da wird vielleicht manches klarer. Aber erstmal brauch ich eine Verschnaufpause von dem fürchterlichen Internetsäbelrasseln.

  11. »Wenn man das konsequent zu Ende denkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass es von jedem Buch exakt soviele unterschiedliche Lektüren gibt wie Leser, und keine davon wäre richtiger oder falscher als irgendeine andere.«

    Das ist sehr heikel. Lektüren, die Texte also mehr oder minder mißverstehen sind genauso viel/wenig wert, wie verständnisvollere Lektüren? (siehe Eco, zusammegfasst z.B. hier: http://molochronik.antville.org/stories/732083/ — dort insb. der Verweis auf Bibellektüre von Jack the Ripper.)
    Die Brüchigkeit der Behauptung, dass ein oberflächlicher Lektüreeindruck einer abgetriebenen Lektüre einer Komplettlektüre (oder gar: einer wiederholten Komplettlektüre inkl. Beschäftigung mit allem Möglichem um einen Text herum) ebenbürtig ist, ist doch evident:
    »Warst Du im Urlaub auf der Zugspitze?«
    »Nö, ich bin nach der Hälfte wieder runter.«

    Beachtenswert erscheint mir Ecos Hinweis, dass die Eigenschaften von Texten (z.B. Hürden, die ein Text stellt; Strategien des Managements von Erwartung & Gratifikation) zulassen, aus ihnen einen zur Modell-Leser abzuleiten.

    Was ist mit C.S. Lewis »Experiment in Literature«, mal nicht die Bücher oder ihre Kritiker zu bewerten, sondern die Leser? Es gibt einen Unterschied zwischen ›Ein-Weg-Fahrkarten‹-Lektüren (Lesen ›nur‹ als Zeitvertreib zur ›Unterhaltung‹), und intensiven Beschäftigungs-Lektüren inkl. Mehrfach-Leküren (siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/An_Experiment_in_Criticism).

    Ansonsten: keine Macht den Hatern! Widerstand macht Stark und bei unfreundlichen Leut kann man sich seelenruhig das kleine Privileg rausnehmen, sie nicht einmal zu ignorieren.

    Cheers
    molosovsky

    • Lustig, der Vergleich zwischen Lesen und Bergsteigen begegnet mir in letzter Zeit häufiger. Also mein Punkt wäre, dass jemand, der seine Zugspitztour an der Wiener-Neustätter-Hütte abbricht und wieder ins Tal absteigt, dass der eben auch etwas erlebt hat und über diese Erlebnisse auch berichten darf. Sicherlich hat er etwas anderes erlebt als der, der bis zum Gipfel gelaufen ist, aber dennoch kein Grund, verschämt zu schweigen, weil man es nicht ganz bis oben geschafft hat. Naja, der Vergleich hinkt vielleicht doch etwas zu arg. Sicher sind Lektüren denkbar, die einen Text völlig missverstehen, und die man dann auch als objektiv falsch bezeichnen kann: Etwa wenn einer meinte, die Buddenbrooks spielten eigentlich auf dem Mars oder sowas. Aber im Normalfall verstehen wir doch eigentlich ganz gut, was da steht und was das bedeutet.

      Der Hinweis auf den Lewis ist interessant, das kannte ich nicht, und um die Auflösung dieser Highbrow-Lowbrow-Distinktionen geht es mir ja im Grunde auch. Vielleicht les ich das mal bei Gelegenheit.

      • Ich finde den Vergleich nicht besonders gut, aber da wir schon dabei sind: Abbruch ist nicht gleich Abbruch. Man kann zur Umkehr gezwungen sein (Wetter) oder aber gar nicht hinauf wollen, weil es nicht freut, weil man die Lust verliert … man kann Bücher scannen, lesen oder nur durchblättern, man kann die Lektüre weiter vertiefen, wie oben es oben schon beschrieben wurde.

        Es gibt Haltungen, die man als äquivalent ansehen kann, für andere gilt das aber nicht (es darf ja jeder lesen wie er mag, aber dass gerade im Fall von Literatur, Überfliegen mit Lesen gleichgesetzt werden kann, glaube ich nicht, da sind wir noch gar nicht beim Verständnis, bei der Interpretation usf. angelangt).

      • Der Vergleich ist wirklich schief, denn wenn man eine Bergtour abbricht, liegt es wohl kaum an der mangelnden Qualität des Berges, sondern wie du sagst: am Wetter, an der Kondition oder anderen Umständen, die nichts mit dem Berg an sich zu tun haben. Also lassen wir von dem Vergleich lieber wieder ab.

        Tatsächlich gibt es diese verschiedenen Tiefegrade des Lesens. Es gibt ja auch Bücher, die geradezu dafür gemacht sind, eher in ihnen herumzublättern als sie stur von vorn bis hinten durchzulesen. „Celebration“ von Goetz nenne ich mal als Beispiel. Ich mag solche Blätterbücher gerne, aber das nur nebenbei. (Gedichtbände z.B. lese ich auch ausschließlich im Blättermodus.)

        Es gibt aber natürlich auch den Standardfall des Romans, der von vorn bis hinten durchgelesen sein will, mich aber nicht packt, aus welchen Gründen auch immer, so dass ich ins Blättern verfalle, eventuell dann auch abbreche. Alles, was ich sagen will, ist ja nur, dass man von solchen nicht-intensiven Lektüren auch berichten darf. Man kann dann in der Regel ja auch Gründe angeben, warum man das Buch langweilig fand und nach 200 Seiten weglegte.

        Mir scheint übrigens der umgekehrte Fall auch bedenkenswert: Die Bücher, die man liebt, die man fünfmal gelesen hat, ganz intensiv, mit heißen Ohren, und jedem Komma schon einen liebevollen Spitznamen gibt. Ich glaube, gerade über diese sehr intensiv gelesenen Bücher kann man nicht mehr objektiv urteilen, denn da spricht man dann entweder als blind liebender Fan oder von der entrückten Warte einer bescheidwisserischen Kennerschaft aus. Oder gar mit missionarischer Botschaft unterwegs: „Lesen Sie XY, das wird ihr Leben verändern, Sie müssen es lesen, wer XY nicht gelesen hat, hat nichts verstanden!“ Alles eher unangenehm, wie ich finde.

      • Auf alle Anweisungen wie „Das müssen Sie gelesen haben…“, usw., die im Regelfall nicht einmal begründet werden, kann man verzichten, sie sind interessengeleitet, Werbung … aber das Langweiligfinden zeugt doch von einer anderen Art des Lesens, die dann zum Blättermodus geführt hat und das ist genau der Punkt: Ein Urteil, das sich anmaßt nicht einmal ein Mindestmaß von Lesegenauigkeit zu benötigen ist das Problem (zumindest dann, wenn es mit anderen, genaueren als gleichwertig angesehen wird).

  12. Ich bin ja via »Glanz & Elend« auf Deinen Text gestoßen, Andreas.

    Dort ist er ja eingebettet in die Debatte, wie lala, schlecht oder grottenschlecht es um die Literaturkritik bestellt ist, und die Debatte trifft eine (wie ich finde) ganz nützliche Unterscheidung zwischen ›Literaturkritik‹ (tatsächliche Beschäftigung mit dem Buch, Einordnung, Wertung usw) und ›Literaturjournalismus‹ (Lifestyle-Text ohne eigentliche Beschäftigung). — Mit dieser Einbettung kommt vor allem das oben von mir herausgestellte Zitat von Dir schon sehr hart rüber: »Alle Lektüren sind im Grunde gleich viel wert.«

    Lese ich Deine näheren Ausführungen hier in den Kommentaren, bin ich freilich geneigt, Dir schon zuzustimmen (obwohl ich auf meinem Standpunkt verweile, dass eben nicht alle Literaturkritik-/Literaturjournslimus-Texte gleich viel wert sind).

    Ich verharre auf meinem kritischen Standpunkt, wenn ich weiterhin davon überzeugt bleibe, dass Gründe für unvollständige (Abbruch, nur Blättern) oder unglücklichen Lektüren (Buch hat nicht gefallen), oder auch geglückte Lektüren (Buch hat gut gemundet) bis hin zu Lebenspartnerschaften zwischen Buch & Publikum (mehrmaligen Lesen, intensive Liebe) weder ganz dem Buch, noch ganz dem Leser angelastet bzw. zugesprochen werden können. Alles Mögliche kann geschehen, und hängt in verschiedenen Graden von beiden Partnern ab (nicht zu vergessen vom Umfeld und der Art und Weise, wie sich Leser & Buch begegnen; sprich: wie vorbelastet oder ausgerichtet begegnen man einem Buch; welchen Ruf hat man vernommen; wie preist Marketing, Handel, Schwarmkritik des Netzes das Buch an). — Extrembeispiel: ich lese Adorno als skurrilen Kabarettautor und habe vor vielen Jahren beschlossen, dass er als Humorist total unterschätzt, ja eigentlich noch unentdeckt ist (bis auf einige Pioniertexte zur Rezeption Adornos als Komiker durch Vertreter der »Frankfurter Neuen Schule«).

    Sprich: ich begrüße es, dass Du Dich für LeseErlebnisberichte aussprichst, denn ich stimme Dir zu, dass auch solche Berichte wertvolle & anregende Beiträge zur Debatte um ein Buch sein können.

    • Wahrscheinlich war die Einbettung des Textes in die laufende Debatte bei Glanz & Elend der Grund für viele Missverständnisse, denn so war der Text ja gar nicht gemeint, also als Debattenbeitrag, sondern ursprünglich nur ganz normaler Blogtext, der im Normalfall also auch unter dem Radar der Literaturpäpste durchsegelt. Durch die Zweitveröffentlichung bei G&E wurde vielleicht der Eindruck erweckt, ich hielte mich selber für einen Literaturkritiker oder Literaturjournalisten, was natürlich überhaupt nicht der Fall ist. Ich bin bloß ganz normaler Blogger, der hier ein bisschen von seinem Leben berichtet, und da darin auch immer wieder Bücher vorkommen, kommen die halt auch manchmal im Blog vor. So einfach ist das eigentlich. Und das sind dann eben diese LeseErlebnisberichte, wie du sie so schön nennst.

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