Schrift

Mein größter Wahn, größter Irrtum vermutlich der, Resultat von Weltverarbeitung müsse notwendig Text sein. Welterkenntnis stelle sich notwendig als eine Aneinanderreihung von Buchstaben dar. Und obwohl ich das als Wahn, als Irrtum erkenne, kann ich nicht davon ablassen, weil ich trotz intensiven Nachdenkens keine Vorstellung davon kriege, wie sich die Welt auf andere Weise sinnvoll prozessieren ließe. Den Begriff „Denken“ habe ich mir immer schon, seit ich ein Kind war, als eine Schrift vorgestellt, die sich im Kopf so von alleine hinschreibt. Ein mechanisches Abrattern von Schriftzeichen.

Warum können wir nicht die Dinge das sein lassen, was sie sind? Woher das Bedürfnis, alles zu erklären, über alles zu reden, es zu zerreden, niederzureden, niederzuschreiben, es so lange schreibend zu zerreiben bis nichts mehr von der eigentlich zu beschreibenden Sache übrig ist?

Schrift ist immer defizitäres Substitut für gesprochene Rede unter echten Menschen, die einander ansehen, im Zweifelsfall sogar anfassen können. Deswegen, und aus keinem anderen Grund, läuft so viel Internetkommunikation fehl und aus dem Ruder: Weil wir die Gesichter nicht sehen, die Stimmen nicht hören, die die Rede begleitenden Gesten nicht deuten können. Ein Smiley ersetzt kein Lächeln.

Unsere ganze Kultur baut auf dieser kultischen Überhöhung von Schrift auf, bei der Heiligen Schrift schon angefangen. Als erstes schafft Gott die Welt und später schreibt er dann ein Buch, in dem er aufschreibt, wie er die Welt erschuf, und was seither sonst noch so alles passiert ist. Das gibt er dann den Menschen. Über die richtige Auslegung streiten diese bis heute. Aber warum sollte ein allmächtiger Gott sich zur Kommunikation mit seinen eigenen Geschöpfen missverständlicher Schriftzeichen bedienen?

Sah gestern zwei Kinder, zwölf Jahre alt vielleicht, die miteinander in Gebärdensprache kommunizierten. Sehr erregt beide, ich sah sie wild mit den Händen fuchteln. Wie ich genau beobachten konnte, sahen sie einander dabei direkt in die weit aufgerissenen Augen. Die die Zeichen artikulierenden Hände nahmen sie offenbar nur im Augenwinkel wahr. Ihre Münder bewegten sich auch, dennoch war die Szene völlig stumm, ohne Laut.

 

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An meine Hater

Ich solle doch mal was über Hater schreiben, sagte der Robert aus gegebenem Anlass. Ich winkte gleich ab: bloß keine Internetthemen, und sah drei Klicks später zu meinem unendlichen Bedauern, dass meine Hater per Backlink nun auch zur Mützenfalterin rübergewandert sind. Wahrscheinlich ein Riesenfehler, darauf jetzt nochmal einzugehen, die Trolle zu füttern mit der Aufmerksamkeit, nach der sie lechzen, aber sei’s drum, die Steilvorlage ist zu gut, den Ball kann ich einfach nicht an mir vorbei gehen lassen.

Bersarin schreibt also bei der Mützenfalterin: „Gibt es eigentlich auch beim Koran samt der daraus abgeleiteten Scharia kein richtiges und kein falsches Auslegen eines Textes? Wenn dem so ist, sollte es mich freuen, denn das beschert uns die ewigwährende Herrschaft des Patriarchats samt Stockhieben für unliebsame oder schwachmatische Blogger:innen. Keine schlechte Vorstellung, wenn ich länger darüber nachdenke.“

Vollständig zitiert, nichts aus dem Kontext gerissen oder verfälschend gekürzt: Das schreibt der da wirklich als Kommentar. Und das ist auf so vielen Ebenen dumm, falsch, überheblich, ekelhaft, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Zu allererst möchte man den Hegelversteher und Adornoerklärer Bersarin mal in den Logikgrundkurs I schicken: Wenn es bei einem Gesetzestext wie der Scharia keine richtige und falsche Auslegung gäbe, dann resultierten daraus nicht irgendwelche Stockhiebe für Blogger, sondern genau das Gegenteil, nämlich das Dilemma, dass das Recht dann nicht mehr angewendet werden könnte. Gesetzestexte können nur wirksam sein, wenn sie auslegbar sind im Sinne einer „richtigen“ Auslegung. Darum ringen Juristen Tag für Tag, das ist nämlich gar nicht so einfach, habe erst neulich einen interessanten Text darüber gelesen, dass Computer noch meilenweit davon entfernt sind, Gesetzestexte so adäquat zu interpretieren, dass sie sie auf Einzelfälle korrekt anwenden könnten. Aber das nur nebenbei. Interessant scheint mir Folgendes: Gesetzestexte – ich rede jetzt mal von unseren Gesetzbüchern, mit der Scharia kenne ich mich nicht so aus – sind ja so formuliert, dass sie nach Möglichkeit alle nur denkbaren Einzelfälle entscheidbar machen, das ist ein Grund für deren Unlesbarkeit. Die Mützenfalterin und ich, wir redeten von Literatur: die ist lesbar, aber eben immer auch mehrdeutig, vieldeutig, uneindeutig. Ich verstehe gar nicht, wie man das bezweifeln kann, das ist doch offensichtlich. Literatur darf auch so sein, weil sie ihrer Bestimmung nach nicht angewendet, nicht exekutiert werden muss. Was an dieser simplen, ja fast schon banalen Aussage provoziert denn solchen Hass, man sieht ja förmlich den Schaum vor Bersarins Mund, ich versteh das gar nicht. Ok, ich mag seine Art des Schreibens auch nicht, aber ich habe auch nie in seinem Blog kommentiert, hab ihn da nie angekotzt, ich les das halt einfach nicht, da bin ich Epikureer: Ich will nach Möglichkeit nur Dinge tun, die mir angenehme Gefühle verursachen. Schwer genug im Alltag, aber dann muss man sich doch nicht noch die Freizeit selbst vergällen.

Der Hater sieht das offenbar anders: Er zieht sich wie ein Süchtiger das Zeug rein, das ihm gegen den Strich geht, bis es schön schäumt vor dem Mund, und dann legt er los und kommentiert. Ein mir unverständliches Verhalten.

Und das geht dann mitunter soweit, dass einer phantasiert, die ihm missliebigen Blogger würden mit Stockhieben gezüchtigt.

Der Mützenfalterin, die wirklich wie keine andere um eine ernsthafte poetische Art von Erkenntnis bemüht ist, so einen Stuss vom ewigwährenden Patriarchat hinzuknallen, das regt mich so auf, dass ich selber fast zum Hater werde, denn das wussten vielleicht manche noch nicht: Auch wenn ich aus Gründen des Sprachgefühls und vermutlich auch der bloßen Gewohnheit am generischen Maskulinum festhalte, bin ich doch ein ganz entschiedener Feminist, und finde es den Wahnsinn, den wirklichen Wahnsinn, einer Frau mit so einer perfiden „Blogger:innen“-Formulierung indirekt Stockhiebe anzudrohen für ihre Ansichten über Literatur, herrgottnochmal, wo sind wir eigentlich?

Und komme mir keiner mit Meinungsfreiheit, ihr könnt das ja alles schreiben und euern Hass abhaten, aber doch bitte nicht bei mir. Ich bitte also den Bersarin und alle anderen Hater, sowohl ihre einzig wahren und einzig richtigen, total korrekten Literaturauslegungen, als auch ihre Hasstiraden bitte auf ihren eigenen Blogs zu veröffentlichen, denn dann muss ich das nicht lesen und mich damit herumärgern. Das wäre das Beste für uns alle. Danke.

Die Ränder der Texte

Kittler bemerkt in seinem Aufsatz über Kleists Erdbeben in Chili, das eigentlich Interessante an der Literatur finde sich immer an deren Rändern, und fügt in Klammern lapidar hinzu:

(Adreßbits im elektronischen Datenfluß, Stempel, Aktenzeichen und Verteilerschlüssel im bürokratischen zeigen zur Genüge, daß es die Ränder von Nachrichten sind, die ihre Vernetzung steuern und damit interpretatorische Unterstellungen vom Typ der Autorintention überflüssig machen.) [David Wellbery (Hrsg.), Positionen der Literaturwissenschaft, S. 24f.]

Mich überzeugt das vollkommen, aber wem das im Sound zu kittlerisch, zu technokratisch-kalkuliert daherkommt, der kann dasselbe auch nochmal beim liebenswürdigeren Gérard Genette nachlesen, der in der Einleitung zu seinem Buch „Paratexte“ schreibt:

Der Paratext ist also jenes Beiwerk, durch das ein Text zum Buch wird und als solches vor die Leser und, allgemeiner, vor die Öffentlichkeit tritt. Dabei handelt es sich weniger um eine Schranke oder eine undurchlässige Grenze als um eine Schwelle […]; um eine „unbestimmte Zone“ zwischen innen und außen, die selbst wieder keine feste Grenze nach innen (zum Text) und nach außen (dem Diskurs der Welt über den Text) aufweist, oder wie Philippe Lejeune gesagt hat, um „Anhängsel des gedruckten Textes, die in Wirklichkeit jede Lektüre steuern“. [Genette, Paratexte, S. 10]

Kittlers Adressbits und Genettes Paratexte fungieren als Steuerelemente der Lektüre, und wenn Genette wenig später feststellt, dass im Grunde „jeder Kontext als Paratext wirkt“ (S. 15) dann wird klar, dass diese lektürebestimmenden Ränder je nach Blickwinkel gar nicht so schmal sind, wie man erstmal meinen könnte, sondern sehr breit, und damit kommt man dann eigentlich schon in die Gefilde der Rezeptionsästhetik. Genette fährt fort:

[…] so etwa fungieren für die meisten Leser der Recherche zwei biographische Fakten, nämlich die halbjüdische Abstammung Prousts und seine Homosexualität, unweigerlich als Paratext zu jenen Seiten seines Werkes, die sich mit diesen beiden Themen befassen. Ich sage nicht, daß man das wissen muß: Ich sage nur, daß diejenigen, die davon wissen, nicht so lesen wie diejenigen, die nicht davon wissen, und daß uns diejenigen zum Narren halten, die diesen Unterschied leugnen. (S. 15)

Wenn man das konsequent zu Ende denkt, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass es von jedem Buch exakt soviele unterschiedliche Lektüren gibt wie Leser, und keine davon wäre richtiger oder falscher als irgendeine andere. Auch wenn man, wie ich, den Proust nach 400 Seiten in Swanns Welt erschöpft weglegt und niemals wieder aufgreift, ist das keine defizitäre oder minderwertige Proustlektüre, sondern eben meine individuelle Erfahrung mit diesen Büchern.

Ich kann daher in Lothar Strucks Lamento nicht mit einstimmen, der beklagt, dass die Literaturkritiker des sogenannten Literaturbetriebes die Bücher, die sie besprechen, alle nicht zu Ende lesen würden, sie würden nicht genug am Text kleben, stattdessen mehr Porträts, Interviews usw., also tendenziell leichtverdaulichen Leserabholungsstoff liefern. Für mich liefern die alle erstklassigen Paratext, das ist mir tausendmal lieber als die haarkleine Nacherzählung irgendwelcher Plots, ja, die Plotnacherzählung ist der Teil einer jeden Literaturkritik, den ich verlässlich überspringe, einfach weil mich das zu sehr langweilt, und wenn die Rezension aus nichts anderem besteht als aus solcher Nacherzählung, dann weiß ich, oder glaube zu wissen, dass mir das in Frage stehende Werk wohl wenig zu bieten hat.

Mich interessiert wirklich die Botho-Strauß-Homestory: Wie öde, wie trostlos ist diese Uckermark wirklich? Wie redet der Botho mit seinen Nachbarn? Wie nimmt er seinen Tee oder haut er sich nachmittags auch schon mal einen Whisky rein? Das will ich von der Zeitung erfahren, die Straußschen Bücher lese ich dann im Zweifelsfall lieber selber, wenn mich der journalistische Paratext genug angeteast hat, und da ist es mir dann auch relativ, nein: völlig egal, wie weit der Journalist im neuesten Straußbuch gekommen ist, bevor er es weglegen musste, weil der Chefredakteur ihm schon wieder einen Stapel neuer Handke-, Hegemann- und Hoppebücher auf den Schreibtisch gehauen hat.

Denn da hat Struck ja recht, leider schlachtet er das viel zu wenig aus, wenn er den Sundermeier für die Worte kritisiert, der Blogger brauche Klicks und müsse demzufolge ständig liefern. Was für ein Unsinn, der Blogger braucht überhaupt nichts: im Gegensatz zum Journalisten oder zum Verleger hat der Blogger ja nichts zu verkaufen, er hat die absolute Freiheit, kann machen, was er will. Was dem Blogger fehlt, ist jemand, der ihm die Zugfahrkarte und ein Hotelzimmer in der Uckermark für die Botho-Strauß-Homestory bezahlt. Auch fehlt ihm der Türöffner: „Hallo, ich bin der Sowieso vom SPIEGEL oder von der FAZ“, damit ihn der Botho Strauß überhaupt reinlässt. Was ihm aber nicht fehlt, ist ein Boss, der fragt: „Wo bleibt der Artikel?“ Wenn mir zu Botho Strauß nichts einfällt, naja, dann schreib ich dazu halt nichts. Und wenn ich nach ein paar Seiten abbreche, dann kann ich das auch so hinschreiben und muss nicht so tun, als hätte ich das fertiggelesen. Klicks brauche ich jedenfalls keine, Klicks zahlen nicht meine Miete und mir sitzen auch keine Werbekunden im Nacken und fragen nach Klicks, das ist doch wunderbar, so kann ich so ausladend literaturtheoretische und fast übermäßig zitatgesättigte Einleitungen schreiben wie ich will, und keiner klopft mir auf die Finger. Aber mir scheint fast, ich bin ein wenig vom Thema abgekommen.

Es ging mir eigentlich um diesen einen Satz bei Struck, sein Postulat für eine ideale Literaturkritik: „Außerliterarische Bezüge sollten vernachlässigt werden.“ Der scheint mir einfach so fundamental falsch. Und wollte das illustrieren mit Kittlers Rede von den Rändern und Genettes Paratexten als Übergangszonen zwischen dem Inner- und dem Außerliterarischen. Die Wahrheit ist doch: Das Außerliterarische und das Innerliterarische bestimmen einander wechselseitig. Da aber das Außerliterarische für jedes Individuum völlig anders ausfällt, führt das zu jeweils völlig individuellen Lektüren, und nur an den Grenzen, den Schwellen oder Rändern, wird man im Glücksfall einen Fetzen der Wahrheit erhaschen. (So wie mir das bloße paratextuelle Preisschild am Ror-Wolf-Buch mitsamt Pressetext neulich alles mögliche über dieses Buch erzählt hat, ohne dass ich es gelesen oder überhaupt je in Händen gehalten hätte.) Eine total objektive und nur am reinen Text klebende Literaturkritik kann es daher überhaupt nicht geben, und wo sie dahin strebt, ist sie todlangweilig. Interessanter als der Text sind immer seine Ränder.