Die Fetischisierung der Papierschnipsel

Eine ehemalige Arbeitskollegin, die meinen Hang zu Büchern und zur Literatur teilte, fragte mich mal, ob ich Ror Wolf kenne. „Ach, mein Onkel Ror…“, antwortete ich und konnte sie mit ausgedachten Anekdoten über diesen meinen berühmten Onkel mehrere Stunden lang in dem Glauben lassen, ich sei wirklich der Neffe des Schriftstellers. Sie glaubte mir jedes Wort, egal wie grotesk meine Geschichten waren, ich musste schließlich auflösen. Natürlich bin ich nicht verwandt mit Ror Wolf, aber ich mag seine Bücher, sein geniales Hörspiel „Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika“ hat gewissermaßen mein Leben verändert, und seine Raoul-Tranchirer-Enzyklopädie ist ein würdiger Nachkomme der Aufsätze des Fritz Kocher meines geliebten Robert Walser. Was läge also näher, als dass ich mir sein neuestes Buch „Raoul Tranchirers Notizen aus dem zerschnetzelten Leben“ auch kaufte? Natürlich, alles klar, wunderbar, nichts wie her damit, aber hoppla: Da wäre noch der Preis: 298 € für ein Werk von 280 Seiten, Subskriptionspreis bis zum 16.03. wohlgemerkt, danach 348 €. Was ist denn da los?

Auf der Verlagshomepage von Schöffling & Co. löst sich das Rätsel auf, es handelt sich nämlich nicht einfach um ein schnödes Buch, wie man da lesen kann, sondern um ein

[…] Werk der Buchkunst, gefertigt bei ersten Adressen der Druckkunst und der Buchbinderei. In den Handel gelangen 250 Exemplare der in Ganzleinen gebundenen, streng limitierten Ausgabe, die nummeriert und von Ror Wolf signiert, im bezogenen Schuber geliefert wird. Dieser Ausgabe beigegeben ist eine versiegelte und mit dem Raoul-Tranchirer-Stempel verschlossene Pergamintüte, die Schnittmaterial aus der Collagenproduktion von Ror Wolf enthält – jeder Band wird so zum Original und gewährt einen einmaligen Blick in die Werkstatt des Künstlers. Der Band wird fadengeheftet, mit durchgefärbten Vorsätzen ausgestattet, in weinrotes Leinen gebunden und mit Kopfsprengschnitt versehen. [Link]

Bei aller Liebe zu Büchern aus Papier, für ein paar Euro mehr gerne auch fadengeheftet, aber da hätte ich jetzt doch lieber ein trashiges Taschenbuch oder gleich ein E-Book. Ich meine: „Kopfsprengschnitt“ – was soll das überhaupt sein, das klingt ja fürchterlich, da sprengt es einem ja förmlich gleich selber den Kopf. Und durch ein paar von Ror Wolf selbst geschnipselte Papierschnipsel wird jedes Exemplar zu einem Original? Das ist zuviel für mich, hier wird der Papierbuchfetisch in ein so überkandideltes Extrem getrieben, dass ich mich plötzlich gezwungen fühle, meine alten Vorbehalte gegen unnummerierte und nicht signierbare Digitalbücher nochmal zu überdenken.

Natürlich weiß ich, dass es von dem Buch wahrscheinlich in einem Jahr eine normal gebundene Ausgabe ohne den ganzen Schnickschnack geben wird, und vielleicht noch ein Jahr später ein Taschenbuch, das ich mir dann auch leisten kann. Bis dahin habe ich noch genug zu lesen, ich werde nicht in Bedrängnis kommen, das kann ich locker abwarten. Trotzdem nervt mich dieser Papierschnipselunikatsexzess, weil er in meinen Augen gegen das Grundprinzip des gedruckten Buches verstößt. Das gedruckte Buch ist einfach von seiner ganzen Idee her kein Unikat. Anders als Ölgemälde oder Skulpturen kauft man sich Bücher nicht aus dem Grund, um etwas zu besitzen, das kein anderer Mensch auf dem Planeten besitzen kann. Man kauft sie, um sie zu lesen und sich im Idealfall mit anderen Lesern, die denselben nichtprivilegierten Zugang zu dem in Frage stehenden Buch haben, darüber austauschen zu können. Das ist die Kernidee des gedruckten Buches, das hat Gutenbergs Druckerpresse zu diesem weltverändernden Megaerfolg gemacht, und jetzt soll mir der grotesk überteuerte Preis für ein solches Buch plötzlich dadurch schmackhaft gemacht werden, dass nur ich und 249 andere Auserwählte dieses Meisterwerk edelster Buchbinder- und Druckhandwerkskunst genießen dürfen?

Künstliche Verknappung zum Zwecke der Auraerzeugung ist ein Konzept, das mir schon in der Fotografie gegen den Strich geht, wo ebenfalls hohe Preise dadurch gerechtfertigt werden, dass die Künstler sich selbst dazu verpflichten, von einem Bild nicht mehr als so und so viele Abzüge zum Verkauf anzubieten. Auch hier scheint mir das nämlich dem Wesen des Mediums entgegenzulaufen: Das Foto ist seiner Natur nach beliebig oft reproduzierbar, von einem Negativ kann ich im Prinzip so viele Abzüge machen, wie ich möchte. Aber anstatt das als unschätzbaren Vorteil gegenüber den alten Bildtechniken zu erkennen, bleibt man lieber innerhalb der Gesetzmäßigkeiten des alten Marktes: Teuer ist, was knapp ist, am teuersten das Einzigartige, das Unikat.

Das Ziel, dem Ding durch die künstliche Verknappung und die Beilegung papierner Fetische eine enigmatische Aura zu verleihen, wird dabei leider total verfehlt. Ein paar Sammelfreaks können sich vielleicht an dem Gedanken ergötzen, dass diese Papierschnipsel in der gestempelten und versiegelten Pergamintüte wirklich der einzig wahre und echt individuelle Ror Wolf selber höchstpersönlich geschnippelt hat. Alle anderen sehen es als das, was es ist: Eine Lächerlichkeit.

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10 Kommentare zu “Die Fetischisierung der Papierschnipsel

  1. Nummerierte Bücher finde ich okay, dafür gibt es solche Stempel. Ansonsten würde ich für 300 Euro lieber ein Antiquariat nach einem alten Schnickschnack durchstöbern, die Sachen haben manchmal wirklich Aura.

    • Der Hinweis aufs Antiquariat ist gut. Tatsächlich haben alte Bücher manchmal was Auratisches. Aber diese Art von Aura lässt sich nicht erzwingen, schon gleich nicht durch solche forcierten Marketingaktionen.

  2. Hm, obwohl ich deine Gedanken und deine Empörung genau nachvollziehen kann, schließlich finde ich auch, dass Kunst (und zwar in jeder Form) in erster Linie gesehen (gehört, gelesen, …) werden will und soll, und zwar potentiell von allen, obwohl ich dir also im Grunde meines Herzens zustimme, gefällt mir trotzdem die Idee dieses Buchobjekts. Ich finde es sehr reizvoll und kann nachvollziehen, dass man so ein Exemplar besitzen möchte und kann mir auch vorstellen, dass man dies nicht nur und in erster Linie aus einem elitären Besitzstreben heraus möchte, sondern tatsächlich aus Begeisterung für dieses Objekt, aus Liebe zur Buchkunst, die das Papiermedium nicht nur als funktionalen Träger von Text, sondern als Gesamtkunstobjekt betrachtet. Zumindest in Einzelfällen.
    Du siehst, in mir treffen widersprüchliche Reaktionen und Ansichten aufeinander, aber vielleicht sind sie auch nur scheinbar widersprüchlich und gibt es irgendwo eine Ebene, auf der sie sich gleichberechtigt und konkurrenzfrei begegnen können.
    Ich weiß es nicht.

    • Mir gehts da ja gar nicht unähnlich, ich schätze ja auch ein auf gutem Papier gedrucktes, ordentlich gebundenes Buch. Aber genau deshalb finde ich diese Edition so heillos überdreht, da wird der Bogen einfach maßlos überspannt. Denn das Buch als Objekt sollte doch auch die Botschaft mittransportieren, dass der künstlerische Aspekt beim Buch in erster Linie im Schreiben besteht. Der Rest ist Handwerk. Wenn der Buchbinder plötzlich als der größere Künstler als der Autor gefeiert wird, dann läuft für mein Gefühl etwas falsch.

  3. Ich bin da auch zwiegespalten. Zum einen wittere ich bei solch teuren Buchausgaben immer einen gewissen großbürgerlichen Kulturelitarismus, vor dem es mich unendlich ekelt. Ich denke da nur an die Erstausgabe von „Zettels Traum“, die als Prestigeobjekt zwar viel gekauft, aber kaum gelesen wurde.
    Zum anderen schätze ich hochwertige Buchkunst sehr und finde nicht, dass solche Projekte zwangsläufig oder gar automatisch dem Sinn des Buchdrucks zuwiderhandeln. Man kann das auch einfach in die Schublade „bibliophil“ einordnen und gut. Hoffen wir einfach auf günstigere Ausgabe in den nächsten Jahren.

    • Ja, ich glaube, ich hätte kein Wort darüber verloren, wenn eine preislich akzeptable Normalausgabe parallel zur bibliophilen Sonderedition erschienen wäre. Aber die gibt es nicht, ist auch noch nicht mal angekündigt. Sicher wird es die eines Tages geben, aber erst mal wird ein reiches, großbürgerlich-kulturelitäres Premiumpublikum bedient, lange bevor der nichtstinkreiche Normalleser auch mitspielen darf. Das hat mich so geärgert.

  4. Bücher sind Gebrauchsgegenstände. Wenn ein Leser aus Geldgründen nicht an das Werk herankommt, das für ihn bestimmt ist (weil es ihn interessiert und er es lesen möchte), läuft etwas falsch. Mir fiel das auf der Mainzer Minipressenmesse auf, wo der Verlag Klaus G. Renner, der auf Zahnarzteditionen abonniert ist – wie ich diese unerschwinglichen Etepetete-Ausgaben nenne – wunderbare Literatur feilbot, Walter Serner, Raymond Queneau, Guillaume Apollinaire … und ich dachte, das kaufen jetzt irgendwelche Geldleute, um es in ihren Regalen oder Safes zu beerdigen, oder um in einer elegischen Stunde einmal zart darüberzustreicheln.

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