Mythen, Monstren und Mirakel

02.12.2014: Es ist kalt geworden, fast richtig winterlich, bloß der Schnee fehlt noch. Dennoch die Lektüre des Prosa-Lancelot, den ich mir ja eigentlich als großes Winterleseprojekt besorgt hatte, zwischenzeitlich unterbrochen und Münklers „Mythen der Deutschen“ eingeschoben. Faszinierende Lektüre. Erstaunlich, wie wenig ich über Preußen weiß: Großer Kurfürst, Soldatenkönig, Alter Fritz sind mir im Grunde nur dem Namen nach bekannt, aber ich verbinde nichts mit ihnen, schon gar nichts Mythisches. Der Preußenmythos, das Mirakel des Hauses Brandenburg, die posthume Verklärung der Königin Luise – ist mir alles völlig unbekannt. Liegt das am Untergang des Preußenstaates oder an meiner Herkunft aus Bayern?

„Saupreiß“ war in meiner Kindheit noch ein geläufiges Schimpfwort, mein Großvater verwendete es inflationär, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ich glaube, heute sagt man das nicht mehr so häufig. Dennoch: Wenn Münkler recht hat, dass gemeinsame Mythen von unersetzlicher Wichtigkeit sind für die Konstituierung eines Gemeinwesens, geht dann nicht ein mindestens so starker Riss zwischen Nord und Süd durch Deutschland, wie er in der Folge der deutschen Teilung immer noch zwischen Ost und West zu bestehen scheint? Mir kommt dieses Deutschland in all seinen geschichtlichen Erscheinungsformen immer wie etwas ganz Seltsames vor, ein Kunstprodukt, ein Monstrum, ein unverständliches Unding, und wenn man bei Münkler liest, wie geschichtliche Fakten zum Teil in ihr blankes Gegenteil zurechtgelogen wurden, um per mythischer Verdichtung eine nachvollziehbare Erzählung herzustellen, die das jeweils gerade aktuelle Deutschland narrativ legitimieren sollte, dann wird einem dieses Gefühl nur noch zwingender. Vielleicht war ich deshalb immer für die Idee der europäischen Einigung zu haben, weil da die Idee mitschwang, Deutschland könne so in Europa aufgehen und endlich aufhören als dieser unmögliche Nationalstaat zu existieren. Aber das europäische Projekt ist ja ebenfalls auf Abwegen, undemokratisch, ziellos, von den Bürgern abgelehnt, nationale Interessen bestimmen weiterhin das Geschehen. Guter Artikel dazu von Dieter Grimm im aktuellen Merkur, der die Geschichte der EU ziemlich schonungslos zerlegt. Auch hier: was fehlt ist ein gemeinsamer Mythos, eine gemeinsame Erzählung. Die Artussage hätte das vielleicht einmal leisten können, mir fiel das jedenfalls beim Prosa-Lancelot insbesondere auf, wie unbekümmert die Protagonisten da zwischen dem „groszen Brytanien“ (England) und dem „myndern Brytanien“ (Bretagne) hin- und herreisen und kaum erwähnt wird, dass man dabei über ein Wasser fahren muss. Und diese ganze Artusdichtung wurde ja damals auch praktisch sofort ins Deutsche, also Mittelhochdeutsche, übersetzt, wie im Fall des Prosa-Lancelot, oder in freier Adaption übertragen, wie im Falle von Wolframs Parzival oder dem Iwein von Hartmann von Aue. Unbekümmert um Nationalitäten oder territoriale Zugehörigkeiten war das ein supranationaler Stoff, mit dem offenbar alle sich identifizieren konnten, egal ob Engländer, Franzosen oder Deutsche. Aber das ist zu lang her, es dürfte kaum das Material hergeben, um ein heutiges Europa narrativ mit Bedeutung aufzuladen, zu fremd ist uns diese ganze mittelalterliche Welt geworden, ich selber glaub manchmal, dass ich irre bin, mir sowas reinzuziehen, im mittelhochdeutschen Original auch noch, dazu ein andermal mehr.

Jedenfalls fällt mir doch auf, dass Münklers Deutschlandmythen alle in Norddeutschland verortet sind: Nibelungenlied, Wartburg, Luther, Alter Fritz. Sein Fokus liegt deutlich auf dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (jedenfalls bis jetzt, bin ungefähr bei der Hälfte), und da war natürlich alles auf Preußen fixiert, alle die Luthermythen und Wartburgmythen und Preußenmythen wurden dahin gedeutet und zurechtgebogen: auf ein national geeintes Deutschland unter Preußens Führung. Was wäre, frage ich mich, der alternative Bayernmythos? Der crazy Märchenkönig mit seinem Opernwahn und den wahnwitzigen Traumschlössern? Der gemütliche Prinzregent mit der Trachtenjoppe? Wahrscheinlich eher der Wilderer Jennerwein: Bastard, Sänger, Säufer, Outlaw mit geschultertem Gewehr: das totale Gegenbild zur preußischen Obrigkeitsgläubigkeit. Auch das ist natürlich Lüge, Verklärung und Verkitschung. Aber das ist allen diesen Mythen ja inhärent.

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2 Kommentare zu “Mythen, Monstren und Mirakel

  1. a few notes gänzlich improvisiert:

    Es sind v.a. bis auf das Nibelungenlied protestantische Mythen und Preussen war ja auch der Hort des Protestantismus gegen das katholische und großdeutsche Habsburg.

    Demgegenüber ist Arthus/Lancelot/Parzival natürlich katholisches Mittelalter; freilich ist die Gralssuche eben auch kreuzzugskompatibel und damit nicht so ganz unproblematisch.

    • Ja, das stimmt, katholisch vs. protestantisch ist vielleicht der primäre Gegensatz, nur akzidentellerweise im Gefolge dann auch Nord vs. Süd. Die Kreuzzugskompatibilität des Gralssuch-Motivs finde ich interessant. So hab ich das noch gar nicht betrachtet.

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