Hogwarts-Express

Da gestern abend keine Zeit mehr dafür gewesen war, hatte H. das versprochene Harry-Potter-Vorlesen auf heute früh vertagt, wo naturgemäß auch wieder die Zeit zu knapp war, weswegen sie es nun kurzerhand auf die Autofahrt zur Schule hin umdisponierte, und las also, während ich das Auto zur Schule lenkte, vom Beifahrersitz aus den hinten sitzenden Kindern just die Szene vor, wo Harry und Ron in ihrem Zauberauto zur Zauberschule fliegen. Ich stellte den Wagen exakt in der Sekunde vor der Schule ab, als sie mit ihrem Vehikel in den Baum vor der Hogwartsschule krachen. Ich weiß nicht, ob außer mir noch jemand diese Parallelität zwischen Literatur und Leben wahrgenommen hat, um viertel vor Acht war ich selber noch zu verpennt, um es zu bemerken, erst später, als ich wartend in der Postschlange stand, um das Weihnachtspaket für die Neffen aufzugeben, fiel es mir auf.

Advertisements

Nicht sichten, nicht ordnen

Alte Tagebücher durchgeblättert. Chaotischer Mischmasch aus handgeschriebenen Notizen, durcheinandergewürfelt in viel zu vielen Heften, und Worddokumenten, ebenfalls unsystematisch über die ganze Festplatte verstreut. Erstaunliche Textmassen, obwohl manchmal über Monate gar nichts da ist. Im Grunde alles uninteressant, schrecklich, man hält das gar nicht aus. Schleef tippte seine Tagebücher alle nochmal ab, versah sie mit teilweise ausführlichsten Kommentaren, das war kurz bevor er starb. Vielleicht kann man das nur machen, so eine Auseinandersetzung mit diesen vielen Ichs, die man einmal gewesen ist, wenn man den Tod kommen spürt. Mir war es gestern dann jedenfalls nicht möglich, ich blätterte und scrollte immer schneller, brach schließlich ab.

Den Bürgersteig gegenüber haben sie jetzt zum dritten Mal in drei Jahren aufgerissen, irgendwas mit den dort vergrabenen Kabeln gemacht, und dann wieder zugeschüttet. Wenn alles fertig ist, rückt der Kopfsteinpflasterer an: Tagelang kniet er auf dem Boden, prüft für jede Stelle den geeigneten Stein, wiegt ihn in der Hand, schaut ob er passt, verwirft ihn manchmal wieder und nimmt einen neuen. Mit zwei oder drei Hammerschlägen präpariert er die sandige Erde, plaziert dann den Stein, den er mit vier oder fünf helltönenden Hammerschlägen dann einpasst. Eine sehr rhythmische Arbeit, wahnsinnig langwierig. Und nächstes Jahr reißen sie dann wieder alles auf, weil wieder ein neues Kabel verlegt wird, oder ein Anschluss neu gemacht werden muss, oder was weiß ich, was die da eigentlich immer machen. Ist Schreiben nicht etwas Ähnliches? Ein Sisyphosjob, immer klopfklopfklopf, tipptipptipp, aber nie sind die unter der Buchstabenoberfläche im Dreck vergrabenen Sinnkabel richtig verlegt?

Mythen, Monstren und Mirakel

02.12.2014: Es ist kalt geworden, fast richtig winterlich, bloß der Schnee fehlt noch. Dennoch die Lektüre des Prosa-Lancelot, den ich mir ja eigentlich als großes Winterleseprojekt besorgt hatte, zwischenzeitlich unterbrochen und Münklers „Mythen der Deutschen“ eingeschoben. Faszinierende Lektüre. Erstaunlich, wie wenig ich über Preußen weiß: Großer Kurfürst, Soldatenkönig, Alter Fritz sind mir im Grunde nur dem Namen nach bekannt, aber ich verbinde nichts mit ihnen, schon gar nichts Mythisches. Der Preußenmythos, das Mirakel des Hauses Brandenburg, die posthume Verklärung der Königin Luise – ist mir alles völlig unbekannt. Liegt das am Untergang des Preußenstaates oder an meiner Herkunft aus Bayern?

„Saupreiß“ war in meiner Kindheit noch ein geläufiges Schimpfwort, mein Großvater verwendete es inflationär, wenn mich die Erinnerung nicht trügt, ich glaube, heute sagt man das nicht mehr so häufig. Dennoch: Wenn Münkler recht hat, dass gemeinsame Mythen von unersetzlicher Wichtigkeit sind für die Konstituierung eines Gemeinwesens, geht dann nicht ein mindestens so starker Riss zwischen Nord und Süd durch Deutschland, wie er in der Folge der deutschen Teilung immer noch zwischen Ost und West zu bestehen scheint? Mir kommt dieses Deutschland in all seinen geschichtlichen Erscheinungsformen immer wie etwas ganz Seltsames vor, ein Kunstprodukt, ein Monstrum, ein unverständliches Unding, und wenn man bei Münkler liest, wie geschichtliche Fakten zum Teil in ihr blankes Gegenteil zurechtgelogen wurden, um per mythischer Verdichtung eine nachvollziehbare Erzählung herzustellen, die das jeweils gerade aktuelle Deutschland narrativ legitimieren sollte, dann wird einem dieses Gefühl nur noch zwingender. Vielleicht war ich deshalb immer für die Idee der europäischen Einigung zu haben, weil da die Idee mitschwang, Deutschland könne so in Europa aufgehen und endlich aufhören als dieser unmögliche Nationalstaat zu existieren. Aber das europäische Projekt ist ja ebenfalls auf Abwegen, undemokratisch, ziellos, von den Bürgern abgelehnt, nationale Interessen bestimmen weiterhin das Geschehen. Guter Artikel dazu von Dieter Grimm im aktuellen Merkur, der die Geschichte der EU ziemlich schonungslos zerlegt. Auch hier: was fehlt ist ein gemeinsamer Mythos, eine gemeinsame Erzählung. Die Artussage hätte das vielleicht einmal leisten können, mir fiel das jedenfalls beim Prosa-Lancelot insbesondere auf, wie unbekümmert die Protagonisten da zwischen dem „groszen Brytanien“ (England) und dem „myndern Brytanien“ (Bretagne) hin- und herreisen und kaum erwähnt wird, dass man dabei über ein Wasser fahren muss. Und diese ganze Artusdichtung wurde ja damals auch praktisch sofort ins Deutsche, also Mittelhochdeutsche, übersetzt, wie im Fall des Prosa-Lancelot, oder in freier Adaption übertragen, wie im Falle von Wolframs Parzival oder dem Iwein von Hartmann von Aue. Unbekümmert um Nationalitäten oder territoriale Zugehörigkeiten war das ein supranationaler Stoff, mit dem offenbar alle sich identifizieren konnten, egal ob Engländer, Franzosen oder Deutsche. Aber das ist zu lang her, es dürfte kaum das Material hergeben, um ein heutiges Europa narrativ mit Bedeutung aufzuladen, zu fremd ist uns diese ganze mittelalterliche Welt geworden, ich selber glaub manchmal, dass ich irre bin, mir sowas reinzuziehen, im mittelhochdeutschen Original auch noch, dazu ein andermal mehr.

Jedenfalls fällt mir doch auf, dass Münklers Deutschlandmythen alle in Norddeutschland verortet sind: Nibelungenlied, Wartburg, Luther, Alter Fritz. Sein Fokus liegt deutlich auf dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert (jedenfalls bis jetzt, bin ungefähr bei der Hälfte), und da war natürlich alles auf Preußen fixiert, alle die Luthermythen und Wartburgmythen und Preußenmythen wurden dahin gedeutet und zurechtgebogen: auf ein national geeintes Deutschland unter Preußens Führung. Was wäre, frage ich mich, der alternative Bayernmythos? Der crazy Märchenkönig mit seinem Opernwahn und den wahnwitzigen Traumschlössern? Der gemütliche Prinzregent mit der Trachtenjoppe? Wahrscheinlich eher der Wilderer Jennerwein: Bastard, Sänger, Säufer, Outlaw mit geschultertem Gewehr: das totale Gegenbild zur preußischen Obrigkeitsgläubigkeit. Auch das ist natürlich Lüge, Verklärung und Verkitschung. Aber das ist allen diesen Mythen ja inhärent.