28.11.2014

Schon wieder einen Monat lang nichts geschrieben, mit dem ganzen Blog seit über einem halben Jahr irgendwie in einer Art Dauerkrise, die Gründe dafür sind vielfältiger Natur, schwer zu benennen, einer davon sicherlich der Moment, das war noch im Sommer, als der Mikele mich fragte, ob ich denn gar nichts mehr auf Facebook mache, ich verstand erst gar nicht, es dauerte ein paar zäh durchtickende Sekunden bis mir dämmerte, dass er das ganze Blog für einen Teil von Facebook hält, Facebook, mein Gott, das inkorporierte Böse, die Datenkrake, Werbekanone, unbarmherzige Privatsphärennihilierungsmaschine. Aber eigentlich ist es auch egal, was die Leute denken, was das ist oder wo das ist, und wenn ich die Artikel auf Facebook annonciere, einen Link dort setze, dann hat der Mikele natürlich völlig recht, dann ist das erstens tatsächlich eine Aktivität auf Facebook, und zweitens ist es völlig nebensächlich, wordpress.com steht schließlich auch nicht gerade im Verdacht besonderer Heiligkeit, also was solls.

Das eigentliche Problem, in das ich mit meinem Schreiben hineingeschlittert bin, ist selbstgemachter Natur: mein wachsender Zwang, nur fertige, runde, in sich abgeschlossene und wohlstrukturierte „Artikel“ zu veröffentlichen, ganz im Gegensatz zu meinem früheren Credo, das Fragmentarische, Fetzenhafte, wie es sich in der durch nichts als die Reihe der aufeinander abfolgenden Tage strukturierten Form des Tagebuchs zeigt, sei die angemessenste Weise der schriftlichen Repräsentation dessen, was man so ein Leben nennt, angemessener jedenfalls als die Romane mit ihrer Totalitätsillusion, und eben auch angemessener als Artikel oder Essays, die ebenfalls immer eine Illusion vorgaukeln, nämlich die, der Schreiber habe einen Gedanken, eine Idee schön fertig durch- und zu Ende gedacht und präsentiere hier nun in Schriftform schön säuberlich und wohlstrukturiert seine Ergebnisse.

Den Schleier von den Augen gerissen hat mir mein derzeitiges Lieblingsblog fortlaufend, wo André Spiegel vorgestern schrieb:

„Mindestens drei Sachen vor Augen, die ich dringend schreiben will, und gleichzeitig fällt es mir schwer, mich auf das hier zu konzentrieren. Herauszufinden, was in den nächsten Eintrag, also diesen hier, soll. Und trotzdem ist das hier das wertvollste, was ich habe. Kann Dinge leisten, die ich nirgendwo anders machen kann. Passiert hier das, worauf’s ankommt. Gerade dann, wenn nicht klar ist, wie es weitergeht.“

Dieser Gedanke, das Nichtwissen, was in den nächsten Beitrag hinein soll, stelle kein Defizit sondern im Gegenteil einen unschätzbaren Wert dar, wirkte wie das Umlegen eines Schalters in meinem Hirn (Achtung: Maschinenmetapher ganz ohne Mollakkord, extra für Phorky!). Will also in Zukunft wieder mehr bloggen, unstrukturiert, unfertig, ohne hochgesteckte Relevanzansprüche, zurück zum Tagebuch, und werde dementsprechend neue Einträge nicht mehr oder nur noch sporadisch auf Facebook oder Twitter annoncieren, weil solche Selbstverlinkungen immer eine Wichtigkeit und Dringlichkeit suggerieren, von der ich mich ja gerade losmachen will. Mal schauen, was daraus wird…

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8 Kommentare zu “28.11.2014

    • „Ja“ ist doch eigentlich immer gut und erzeugt mir keinen Druck, keine Angst. Ich sehe an den Kommentaren, dass schon genau die richtigen Leute das verstehen und hoffentlich weiter mit mir mitgehen, lesend und schreibend.

  1. Ach guck, das ist doch ein guter Plan! Keinen Stress! Nebenbei ist Text im Internet immer veränderbar, erweiterbar – nicht unumstößlich. Von Deinem Schweigen aber hat keiner was. Schweigen ist witzlos, wenn es nicht unterbrochen wird. (Allerdings meine ich, dass auch Schreiben und Sagen witzlos sind, wenn sie nicht, dann und wann, unterbrochen werden.)

    • Ja, das Schreiben ist immer Unterbrechung des Schweigens, wie das Schweigen immer Unterbrechung des Schreibens ist. So ist, egal was man macht, alles immer eine Unterbrechung, man unterbricht sich sozusagen fortwährend selbst beim Unterbrechen, und so gehts immer weiter.

  2. Verrückt, wie manchmal unsichtbare Wellen durch die Welt zu laufen scheinen. Gestern hatte ich einen (hoffentlich auf Dauer) befreienden Moment, als ich etwas von Anne Carson las, das ähnliche Auswirkungen auf mich hatte, wie der Satz in Deinem Lieblingsblog auf Dich. Es ging darum, dass Carson sagte, sie habe ständig falsch gelegen und dann überlegt, was sie nun damit mache, mit diesem ständigen falsch liegen und anderen unterlegen sein, und sie habe sich entschieden zu sagen: hier liege ich falsch, machen wir genau da weiter.
    Und ja, ich empfinde das auch als das Wertvolle und eigentlich Reizvolle an Blogs, dass hier Gedanken entwickelt werden, nicht fertig und perfekt präsentiert.
    Überflüssig zu erwähnen, dass ich mich freue, wenn hier wieder öfter etwas zu lesen sein wird.

    • Ich glaube ja fest an diese unsichtbaren Wellen, die durch die Welt laufen. Und wenn das die Botschaft der momentan kursierenden Welle ist, dass man genau da weitermachen muss, wo man falsch gelegen hat, dann lasse ich mich von der Welle gerne mit weg tragen. Vielleicht trägt sie uns ja wohin, wo wir nicht mehr ganz so falsch liegen, und das wäre ja schon mal was.

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