30.11.2014: Erster Advent und mein Namenstag. Hielt es als Kind immer für äußerst bedeutsam, wenn die beiden Tage zusammenfielen, wie ein magisches Vorzeichen. War dann aber nie was besonderes, soweit ich mich erinnere. Briet dennoch heute festlich eine Ente, ab 13.30 in der Küche zugange, damit man auf jeden Fall nicht in Zeitnot kommt. Größere Kochaktionen sind mir immer Anlass, den ganzen Nachmittag in der Küche Musik zu hören, während ich schneide, rühre, brate, Töpfe zu- und wieder wegstelle usw. Da H. die Babyshambles jetzt nicht mehr hören kann, ließ ich zuerst Lambchop laufen, das war mir dann aber doch zu eintönig auf die Dauer, stieg um auf Playlist Richard Strauss, den ich fast immer hören kann, erst der Don Quixote, dann die Schauspielmusik zum Bürger als Edelmann, ein kaum bekanntes, unterschätztes Werk von Strauss, schließlich, als alles schon fast fertig, der Zarathustra.

Ich hatte eben die Ente nochmal bepinselt als die Anfangsfanfaren des Zarathustra dröhnten und H., die an der Küchentür vorbeieilte, nur im Vorübergehen sagte: „Man kann das nicht hören, ohne an die Affen zu denken, oder?“ Ich verstand sofort was sie meinte, bejahte automatisch, obwohl ich, wie mir später erst klar wurde, in dem Moment tatsächlich überhaupt nicht an die Affen gedacht hatte, dachte aber jetzt, da sie es erwähnt hatte, umso mehr an die Affen und den Tanz der Raumschiffe zu Johann Strauß’ Walzer „An der schönen blauen Donau“ und daran, wie ich den Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ zum ersten Mal gesehen habe, das war in der Schule, achte oder neunte Klasse vielleicht, die letzte Doppelstunde vor dem Schulschluss fiel aus, Lehrer krank, stattdessen kam der Lehrer Weiß als Vertretung und zeigte uns diesen Film im Fernsehsaal, der mit seinen Klappsitzen tatsächlich einen Hauch von Kinoatmosphäre vermittelte. Die Affen, die Raumschiffe, das gefährlich rot wabernde Licht des intelligenten Supercomputers HAL 9000. Der Film war noch nicht aus, als der Gong zum Schulschluss ertönte, die meisten gingen sofort, verließen das Fernsehzimmer, hatten vorher schon gefragt, was das eigentlich alles solle, Affen, Raumschiffe, sprechende Computer und endlos lange Sequenzen, in denen überhaupt niemand sprach. Ich wusste auch nicht, was das alles bedeuten soll, aber irgendetwas bedeutete es mir, es war toll, faszinierend, überwältigend. Eine Art Filmerlebnis, wie ich es noch nie vorher gehabt hatte. Mit ein paar Versprengten blieb ich sitzen, trotz Schulschluss, mochte der Schulbus ruhig abfahren. Nach dem Bus ist vor dem Bus, wir schauten diesen rätselhaften Film fertig bis zu seinem rätselhaften Ende und waren uns danach sicher, etwas ganz Besonderes erlebt und gesehen zu haben.

Keine Ahnung, warum der Lehrer Weiß uns an diesem Tag gerade diesen Film zeigen wollte, er war so ein seltsamer Hybrid zwischen lockerem Altachtundsechziger und streng-autoritärem Pauker, aber es war ein einprägsamer Moment, ich rieche förmlich noch die muffige Luft dieses Raumes mit den runtergezogenen Rolläden und darin die Bilder dieser psychedelischen Space-Odyssee. Das Beste, was Lehrer leisten können, tun sie vermutlich außerhalb der vorgegebenen Lehrpläne, und das war eine dieser Sternstunden. Was das alles bedeuten solle, die Affen, der Monolith, der im Weltall schwebende Embryo, bestürmten wir Übriggebliebenen ihn nach dem Filmende. Das wisse er auch nicht, sagte er lapidar, das sei eben so bei großer Kunst, die erkläre sich nicht, lasse einen ratlos zurück.

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28.11.2014

Schon wieder einen Monat lang nichts geschrieben, mit dem ganzen Blog seit über einem halben Jahr irgendwie in einer Art Dauerkrise, die Gründe dafür sind vielfältiger Natur, schwer zu benennen, einer davon sicherlich der Moment, das war noch im Sommer, als der Mikele mich fragte, ob ich denn gar nichts mehr auf Facebook mache, ich verstand erst gar nicht, es dauerte ein paar zäh durchtickende Sekunden bis mir dämmerte, dass er das ganze Blog für einen Teil von Facebook hält, Facebook, mein Gott, das inkorporierte Böse, die Datenkrake, Werbekanone, unbarmherzige Privatsphärennihilierungsmaschine. Aber eigentlich ist es auch egal, was die Leute denken, was das ist oder wo das ist, und wenn ich die Artikel auf Facebook annonciere, einen Link dort setze, dann hat der Mikele natürlich völlig recht, dann ist das erstens tatsächlich eine Aktivität auf Facebook, und zweitens ist es völlig nebensächlich, wordpress.com steht schließlich auch nicht gerade im Verdacht besonderer Heiligkeit, also was solls.

Das eigentliche Problem, in das ich mit meinem Schreiben hineingeschlittert bin, ist selbstgemachter Natur: mein wachsender Zwang, nur fertige, runde, in sich abgeschlossene und wohlstrukturierte „Artikel“ zu veröffentlichen, ganz im Gegensatz zu meinem früheren Credo, das Fragmentarische, Fetzenhafte, wie es sich in der durch nichts als die Reihe der aufeinander abfolgenden Tage strukturierten Form des Tagebuchs zeigt, sei die angemessenste Weise der schriftlichen Repräsentation dessen, was man so ein Leben nennt, angemessener jedenfalls als die Romane mit ihrer Totalitätsillusion, und eben auch angemessener als Artikel oder Essays, die ebenfalls immer eine Illusion vorgaukeln, nämlich die, der Schreiber habe einen Gedanken, eine Idee schön fertig durch- und zu Ende gedacht und präsentiere hier nun in Schriftform schön säuberlich und wohlstrukturiert seine Ergebnisse.

Den Schleier von den Augen gerissen hat mir mein derzeitiges Lieblingsblog fortlaufend, wo André Spiegel vorgestern schrieb:

„Mindestens drei Sachen vor Augen, die ich dringend schreiben will, und gleichzeitig fällt es mir schwer, mich auf das hier zu konzentrieren. Herauszufinden, was in den nächsten Eintrag, also diesen hier, soll. Und trotzdem ist das hier das wertvollste, was ich habe. Kann Dinge leisten, die ich nirgendwo anders machen kann. Passiert hier das, worauf’s ankommt. Gerade dann, wenn nicht klar ist, wie es weitergeht.“

Dieser Gedanke, das Nichtwissen, was in den nächsten Beitrag hinein soll, stelle kein Defizit sondern im Gegenteil einen unschätzbaren Wert dar, wirkte wie das Umlegen eines Schalters in meinem Hirn (Achtung: Maschinenmetapher ganz ohne Mollakkord, extra für Phorky!). Will also in Zukunft wieder mehr bloggen, unstrukturiert, unfertig, ohne hochgesteckte Relevanzansprüche, zurück zum Tagebuch, und werde dementsprechend neue Einträge nicht mehr oder nur noch sporadisch auf Facebook oder Twitter annoncieren, weil solche Selbstverlinkungen immer eine Wichtigkeit und Dringlichkeit suggerieren, von der ich mich ja gerade losmachen will. Mal schauen, was daraus wird…