Paradoxien des Krieges

Ehrlich gesagt, habe ich nie groß über die Frage nachgedacht, warum die Ilias das Nationalepos des antiken Griechenland gewesen ist, so klar schien das doch auf der Hand zu liegen. Wozu sollte der irrwitzige Schiffskatalog im zweiten Gesang sonst gut sein, außer um anschaulich zu machen, wie aus sämtlichen Teilen des späteren Griechenland völlig verschiedene Völker und Stämme sich zu einer gemeinschaftlichen Mission aufmachen: dem Krieg gegen Troia. Und sie gewinnen diesen Krieg nur gemeinsam, nur wenn alle mitmachen. Die Wiedereingliederung des abspenstig gewordenen Achilleus und den dadurch erst möglich gemachten Sieg der Achaier (Griechen) über Troia, habe ich, ohne je groß darüber nachzudenken, immer als einen griechisch-nationalen Solidaritätsappell verstanden, eine Art Gründungsmythos der vereinten Hellenen. Obwohl ich Odyssee und Orestie doch auch seit langem kenne, bin ich nie auf die Idee gekommen, den ganzen Komplex einmal ganz andersherum zu betrachten, so wie Joachim Latacz es hier tut:

„Daß der Erzählakzent und damit der Sinn der Ilias-Geschichte von den ersten Adressaten und frühen Rezipienten der Ilias eben darin gesehen wurde: in der Darstellung eines tiefgreifenden Normenkonflikts und seiner für eine Aktionsgemeinschaft verhängnisvollen Folgen, zeigen andere Gedichte, die später entstanden sind und die Homers Geschichte zu Ende erzählen. Dort wird berichtet, daß die Allianz die Festung Ilios/Troia militärisch nicht mehr nehmen konnte. Das stolze Aufgebot der Achaier – 1186 Schiffe mit über 100 000 Kämpfern, wie der zweite Ilias-Gesang zusammenrechnet – konnte nur noch mittels eines Holzpferds siegen – und danach, nach der wütenden und zum Teil brutalen Verwüstung der verhaßten Stadt, fielen die Sieger auseinander: Keine stolze Armada fuhr, über die Toppen geflaggt, in die Heimathäfen ein, bejubelt und bewundert, sondern jedes Kontingent suchte auf anderen Wegen in die Heimat zu gelangen. Die Helden, die noch lebten, wurden durch Stürme weit vom Ziele abgetrieben und durchs ganze Mittelmeer verschlagen und kamen oft nach vielen Jahren erst still und klein zurück, wie Odysseus, oder gelangten, wie der hochberühmte König von Mykene und Troia-Besieger Agamemnon, zwar noch nach Hause, aber nur, um dort von der eignen Ehefrau im Badezimmer umgebracht zu werden. Was für ein Ende…“ (Joachim Latacz, Troia und Homer, S. 245)

Als ich das las, musste ich unwillkürlich an Münklers Analyse des Ausgangs des Ersten Weltkriegs denken, und blätterte dort nach:

„Der Krieg ist der Meister der Paradoxien. Selten verkehren sich Absichten und Wirkungen so wie im Krieg und in seinen Folgen. […] Wenn der Frieden auf die Zähmung solcher Paradoxien durch die Geltung von Regeln und das Verbot bestimmter Handlungsoptionen hinausläuft, so setzt der Krieg die Macht des Paradoxen frei. Der Erste Weltkrieg hat das mit besonderer Intensität getan. Die größte Paradoxie dieses Krieges besteht darin, dass die militärischen Sieger auf längere Sicht zu den eigentlichen Verlierern geworden sind: Frankreich hat, obwohl es als Sieger aus dem Krieg hervorgegangen ist, in dem es von allen beteiligten Großmächten relativ die meisten Opfer zu beklagen hatte, den Niedergang seiner politischen Stellung in Europa nicht aufhalten können; Italien ist trotz territorialer Gewinne im Norden und Nordosten nicht zu einer europäischen Großmacht aufgestiegen, und Großbritanniens Niedergang von seiner weltbeherrschenden Stellung wurde durch den Krieg eher beschleunigt als aufgehalten. Im Nachhinein betrachtet, so der Historiker Niall Ferguson, hätte es den britischen Interessen sehr viel mehr entsprochen, wenn man den Deutschen die Herrschaft über West- und Mitteleuropa überlassen und sich auf den Erhalt des Empire konzentriert hätte, anstatt die Blüte einer ganzen Generation auf den Schlachtfeldern Flanderns zu opfern. Unbestreitbar ist jedenfalls, dass die Briten als die Gläubiger der Welt in den Krieg hineingingen und als Schuldner der USA aus ihm herauskamen. […] Auch der Zugewinn an Macht und Reichtum, den Großbritannien aus den Trümmern des Osmanischen Reichs bezogen hat, erwies sich schon in den 1920er Jahren infolge von Rebellionen und Aufständen als ausgesprochen kräftezehrend und kostenintensiv und trug eher zur imperialen Überdehnung des Empire als zu seiner Konsolidierung bei. Überhaupt ist festzustellen, dass der Zugewinn an Protektoraten und Mandatsgebieten in Afrika und im Nahen Osten, den Großbritannien und Frankreich als Siegermächte des Krieges einstrichen, das Seine dazu beigetragen hat, dass aus dem Sieg ein Pyrrhussieg wurde: Sie allesamt haben mehr Kosten verursacht als Nutzen gebracht.“ (Herfried Münkler, Der Große Krieg, S. 785f.)

Es scheint, als habe Homer etwas schon gewusst, was wir bis heute noch nicht ganz kapiert haben: Kriege zu verlieren ist Scheiße, aber Kriege zu gewinnen ist unter Umständen auch nicht so ganz das Gelbe vom Ei.

Das Buch von Latacz habe ich verschlungen, es ist sehr interessant, man erfährt da sehr viel über neueste Ausgrabungsergebnisse, über die Großreiche von Hattusa und Mykene, über die Entstehung der Schrift einerseits und über das oral tradierte kollektive Gedächtnis schriftloser Kulturen andererseits, über die ganze hochkomplexe Vorgeschichte jenes antiken Griechenland, das uns immer so selbstverständlich als relativ voraussetzungsloser Anfang und Wiege des Abendlandes erscheint.

Aber eigentlich müssten wir, denke ich jetzt, den Homer vollständig als Zeitgenossen lesen: als eine Schrift, die nicht durch eine Kluft von 2800 Jahren von mir entfernt ist, sondern nur 20 Zentimeter vor meinen Augen steht, wie irgendein Berühmter einmal sinngemäß gesagt haben soll. (Hinweise zu genauem Wortlaut und Herkunft des Zitats nehme ich dankbar entgegen.) Das Räsonieren, ob dies und das nun ein historisches Troia und einen historischen troianischen Krieg belegt oder nicht belegt – und das scheint mir geradezu die Quintessenz aus dem Latacz zu sein, nachdem er jedes ausgebuddelte Tontäfelchen umgedreht und akribisch daraufhin abgeklopft hat, was es uns über den möglichen historischen Hintergrund von Homers Epos erzählen könnte – rückt uns die elementare Wahrheit der Dichtung doch nur weiter weg von den Augen.

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