Lesen, Schreiben, Hören, Sehen

Manchmal scheint es ja, als habe man selbst die Geister gerufen, die einen dann nicht mehr loslassen. So hatte ich hier zuletzt geglaubt, alles, was ich zum Thema Rechtschreibung und Schreibenlernen zu sagen hätte, gesagt zu haben, und das Thema damit ad acta legen zu können, da erscheint ein paar Tage darauf in der FAZ der Artikel „Analphabetismus als geheimes Bildungsziel“ eines gewissen Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor in Wien, über den ich mich so aufgeregt habe und immer noch aufrege, dass ich jetzt doch ein paar Gedanken dazu hier aufschreiben muss, zumal der Artikel mit seinen hysterischen Kassandrarufen über den Untergang des Abendlandes infolge des Verfalls von Schriftkultur soviel Applaus bekommen hat in den Leserkommentaren und sogar in meiner eigenen Twittertimeline, dass ich mich fragen musste, ob der Artikel nicht vielleicht doch paradoxerweise recht haben könnte und die Leute tatsächlich nicht recht lesen können, was da eigentlich wirklich drin steht. Schauen wir es uns an.

Der Artikel hebt an mit einem eindrücklichen Bild: Eine junge Grundschullehrerin fordert ihre Schüler auf, ihr Tierarten zu nennen, welche sie dann an die Tafel schreibt, und schreibt doch dann tatsächlich das Wort „Tieger“ an. Liessmann zieht sofort den Schluss: „Das war kein Fauxpas, keine einmalige Fehlleistung, wie sie vorkommen kann, sondern hatte System, war Konsequenz der Methode, mit der die junge Lehrerin selbst schreiben gelernt hatte: nach dem Gehör! Schreiben, wie man spricht, ohne dabei korrigiert zu werden – das könnte die Kinder traumatisieren –, wird schon seit geraumer Zeit praktiziert und zeitigt nun seine sichtbaren Erfolge: das Ende der Orthographie.“ Woher weiß Liessmann eigentlich, dass hier kein einzelner Fauxpas vorliegt, der, wie er ja selbst sagt, schon mal vorkommen kann? Das wird ohne weitere Begründung einfach behauptet: Der Lehrerin ist hier kein Ausrutscher unterlaufen, sondern sie beherrscht tatsächlich keine Rechtschreibung, und zwar weil sie selbst nach dem Gehör lesen gelernt hat. Punkt. Im Grunde eine petitio principii: das eigentlich zu Beweisende wird als nicht weiter begründungswürdige Prämisse einfach als wahr vorausgesetzt.

Aber nehmen wir an, Liessmanns Behauptung wäre tatsächlich wahr: Die Lehrerin schreibt konsequent alles falsch und zwar weil sie nach dem Gehör lesen gelernt hat. Nach dem Gehör! Für Liessmann ein solches Skandalon, dass er direkt ein Ausrufezeichen dahinterknallen muss. Man muss sich fragen, ob Liessmann schon mal über die Natur unserer Schrift nachgedacht hat. Es handelt sich, in der Nachfolge des griechischen Vokalalphabets, von dem sie sich ja auch herleitet, um eine phonetische Schrift. Der revolutionäre Vorteil phonetischer Schriften gegenüber Bilderschriften, wie etwa den ägyptischen Hieroglyphen, bestand darin, dass alles, was sagbar war, auch direkt angeschrieben werden konnte, während Bilderschriften zwar konkrete Gegenstände leicht symbolisch darstellen konnten, aber bei Abstrakta, Relationen, zeitlichen Verortungen und vielem mehr schnell in Schwierigkeiten gerieten. Zerlegt man hingegen die gesprochene Sprache in möglichst kleine Einheiten – die einzelnen Laute – und ordnet diesen Lauten jeweils diskrete Zeichen zu, so ist auf ziemlich einfache Weise alles Sagbare plötzlich auch schreibbar. Dass die deutsche Schrift nicht vollkommen diesem Prinzip „ein Laut = ein Buchstabe“ folgt, ist Folge ihrer historischen Evolution. So ist der Sch-Laut z.B. nicht durch einen, sondern durch drei Buchstaben repräsentiert, eben S, C und H, und andersherum muss der Buchstabe E gleich mehrere Laute darstellen, vgl. z.B. „Esel“, „Ernte“, „Euter“ undsoweiter. Das ändert aber nichts daran, das grundsätzlich die Schrift so aufgebaut ist, dass klangliche Laute eine zeichenhafte Entsprechung haben. Tatsächlich haben es gehörlose Menschen erheblich schwerer als Hörende, das Lesen und Schreiben zu lernen, da ihnen die phonetischen Korrelate der Grapheme aufgrund ihrer Behinderung unbekannt sind. Man kann also, denke ich, behaupten, dass auf die eine oder andere Weise alle hörenden Menschen das Lesen so lernen, wie es den Herrn Liessmann so auf die Palme bringt: Nach dem Gehör!

Schauen wir, was Liessmann weiter schreibt, er schließt direkt an: „Die durch die unglückselige und misslungene Rechtschreibreform provozierte Unsicherheit und Gleichgültigkeit allen Fragen eines korrekten Sprachgebrauchs gegenüber wird durch eine Didaktik verstärkt, die den regelhaften Charakter unserer substantiellen Kulturtechniken systematisch verkennt und bekämpft.“ Auch hier muss man doch direkt sagen: Falsch. Die substantielle Kulturtechnik namens Deutsche Rechtschreibung zeichnet sich doch gerade durch ein hohes Maß an Regellosigkeit aus. Oder warum schreibt man „Liebe“, aber „Tiger“? Warum „Saal“, aber gleichzeitig „Schal“? Ja, weil das halt so im Duden steht, weil es halt so ist, weil man das eben so macht. Aber eine nachvollziehbare Regel, aus der derlei Einzelfälle logisch ableitbar wäre, die gibt es schlichtweg nicht. Zu einem ziemlich großen Teil bedeutet das Erlernen korrekter deutscher Rechtschreibung das stupide Auswendigpauken einer Unzahl von Einzelfällen, die genau keiner allgemeinen Regel folgen. Die hier angeprangerte Rechtschreibreform hat einerseits versucht, einige sehr komplizierte Regeln (etwa die „ss“- vs. „ß“-Schreibung) zu vereinfachen, andererseits manch Regelloses unter nachvollziehbare Regeln zu bringen (z.B. Angleichung der Schreibung etymologisch verwandter Wörter – „Stängel“ statt „Stengel“ wegen „Stange“ usw.), hat also gerade versucht, Liessmanns geliebter Kulturtechnik einen etwas regelhafteren Charakter überhaupt erst zu geben. Dass sie in diesem Bestreben nicht besonders weit gekommen ist, sagt mehr etwas über die Lebendigkeit von Sprache aus, die sich eben permanent verändert, und zwar von unten her, von der Ebene der Sprecher, und nicht von der oberen Ebene der Regelhüter, weswegen diese in ihrer Bemühung, der anarchisch sich fortentwickelnden Sprache im nachhinein ein kohärentes Regelwerk überzustülpen, letztendlich immer scheitern müssen.

Jetzt folgt bei Liessmann ein Rundumschlag gegen alles mögliche, was heutige Unterrichtsmethoden so an den Tag gebracht haben: Lesebücher in vereinfachter Sprache ohne komplizierte Satzkonstruktionen; Abschaffung der zusammenhängenden Schreibschrift zugunsten einer Grundschrift mit voneinander abgesetzten Buchstaben (wie sie in England schon seit langer Zeit ausschließlich gelehrt wird, ohne dass die Engländer dabei verblödet wären); Einsatz von Computern im Unterricht usw. Liessmanns Fazit hierzu: „Dass dabei mehr verlorengeht als nur eine überholte Kulturtechnik, wissen alle, die sich näher mit dem Zusammenhang von Lesenlernen und Schreibenlernen, von Feinmotorik und Hirnentwicklung, von Kreativität und Freiheit beschäftigt haben.“ Was hier implizit behauptet wird, finde ich nachgerade unerhört, nämlich dass jene universitär ausgebildeten Pädagogen und Erziehungwissenschaftler, die diese neuen Unterrichtskonzepte erarbeiten, sich noch niemals näher mit den genannten Zusammenhängen beschäftigt haben, denn sonst wüssten sie ja, nach Liessmanns Prämisse, wie schädlich das alles ist. Ehrlich gesagt glaube ich, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Diese Pädagogen haben sich intensiver mit all diesen Themen und Zusammenhängen beschäftigt als der Herr Liessmann, der in seinem Alltag wohl eher mit abstrakter Philosophie beschäftigt ist, haben Feldforschungen angestellt und Studien ausgewertet, haben theoretisches Wissen und praktische Erfahrungen gesammelt – warum soll ich glauben, dass das Ergebnis all dieser Forschungen ein geisttötender Schwachsinn ist? Ja, dass es geradezu das Ziel der modernen Schule sei, Analphabeten zu produzieren?

Unfassbar, aber das schreibt der wirklich: „So wohltönend können die Reden der Bildungsreformer und ihrer politischen Adepten gar nicht sein, dass sich dahinter nicht jene Geistfeindlichkeit bemerkbar machte, die den Analphabetismus als geheimes Bildungsziel offenbart.“ Man weiß nicht, welche Unterstellung die infamere ist: Die, dass sich Erziehungswissenschafler mit den zentralen Gegenständen ihres Faches überhaupt nicht beschäftigen, oder jene, dass flächig verbreiteter Analphabetismus von „denen da oben“ explizit erwünscht ist. Wie grotesk der Gedanke auch sei: Die Kommentarclaqueure nahmen diesen Faden dankend auf: Politiker zerstören bewusst und willentlich das Bildungssystem, weil eine analphabetische Masse leichter regiert und manipuliert werden könne. Klar, bei so steilen Thesen werden Verschwörungstheoretiker hellhörig. Wenn da mal nicht die Freimaurer dahinterstecken. Wenn man nur mal ein paar Sekunden drüber nachdenkt, ist natürlich klar, dass in einem Land wie Deutschland, wo der Bedarf an ungebildeten, einfachen Malochern stetig sinkt, der Bedarf an hochqualifizierten und gut ausgebildeten Fachkräften hingegen steigt, niemand ein Interesse an flächendeckendem Analphabetismus haben kann. Und dass Liessmann das Wort „Analphabetismus“ nicht metaphorisch, sondern wörtlich verstanden haben will, sagt er in dem Artikel ja ganz ausdrücklich selbst. Man möchte ihn wirklich fragen, ob er jemanden, der das Wort „Tiger“ falsch schreibt und vielleicht noch ein paar andere Wörter, jemanden, der vielleicht einfach unsicher ist bezüglich der korrekten Schreibweise mancher Wörter – ob er so jemanden wirklich als Analphabeten bezeichnen würde. Denn jemand, der zwar „Tieger“ schreibt, kann ja, wenn es ihm mal unterkommt, das Wort „Tiger“ durchaus lesen und richtig verstehen. Er kann sich auch schriftlich ausdrücken, seine Gedanken verschriftlichen, schriftlich kommunizieren. Diese hohe Fehlertoleranz ist ein weiterer, nicht zu unterschätzender Vorteil phonetischer Schriften.

Weil Liessmann aus allem die falschesten und hanebüchsten Schlüsse zieht, ist er verrückterweise da am schwersten zu ertragen, wo er etwas Wahres schreibt: „Ist der Prozess des Schreibens selbst kreativ, dann weiß man in dem Moment, in dem man den ersten Satz formuliert, nicht, wie der letzte Satz lauten könnte. Schreiben in diesem avancierten Sinn heißt nicht, Gedanken, Argumente, Überlegungen oder Theorien in eine angemessene sprachliche Form zu bringen, sondern im Vertrauen auf die mögliche Eigendynamik des Schreibens darauf zu bauen, dass aus dem Fortschreiben der Wörter die Gedanken und Ideen überhaupt erst entstehen. Die Voraussetzung dieses Vertrauens aber ist eine Freiheit, die den Schreibenden an keine Vorgaben bindet.“ Genau so ist es!, möchte man da ausrufen. Aber welche Vorgabe könnte hemmender sein für diese Eigendynamik des im Schreiben sich fortdenkenden Denkens, als die Einschränkung, es möge aber ja jedes einzelne Wörtlein richtig korrekt nach Duden geschrieben und jedes Komma an der rechten Stelle gesetzt sein? Ich habe in meiner Schulzeit Leute erlebt, die hatten hervorragende Ideen, eine lebendige Denkkraft und Fähigkeit zur Analyse, und dennoch keinerlei Interesse am Deutschunterricht, weil sie wussten: Da komm ich trotz allem nie zu einer guten Note: zuviele Rechtschreibfehler. Und eine andere Gelegenheit ist mir erinnerlich, wo ein Mitschüler eine Eins bekam für einen Aufsatz, in dem er Musils „Fliegenpapier“ als die Verarbeitung der im Ersten Weltkrieg erlittenen Traumata des Autors interpretierte, obwohl in der Aufgabenstellung das Jahr der Entstehung der Erzählung ausdrücklich mit angegeben war: 1913. Ein solcher sachlich-inhaltlicher Kardinalfehler, der doch eigentlich den ganzen Aufsatz nichtig machen müsste, war verzeihlich. Aber wer nämlich mit h schrieb, war dämlich. Oder wer das s vom t trennte, mein Gott, welch unfassbare Schmerzen fügte der diesen armen, heftigst ineinander verliebten Buchstaben zu.

Klar, dass so ein erzkonservativer und reaktionärer Geist wie Liessmann so einen Artikel nicht schreiben kann, ohne auch noch einen gehörigen Peitschenhieb gegen jene schlechte, schlimme, verderbliche Schrift auszuteilen, die über digitale Kanäle ausgetauscht wird: „[…] die beschwichtigenden Versicherungen kinderfreundlicher Lesedidaktiker, dass heute mehr denn je gelesen werde, weil ständig über Smartphones auch Texte oder Textfetzen ausgetauscht und weitergeleitet würden, klingen ungefähr so wie die Behauptung, dass heute mehr denn je geritten würde, weil fast jeder Mensch einige Dutzend Pferdestärken wenn nicht zwischen seinen Schenkeln, so doch unter seinem Hintern habe. Nein, wir [man beachte den Pluralis Majestatis, Anm. A.W.] halten die meist dämlichen Sätzchen auf Twitter, die Statusmeldungen und die dazugehörigen Kommentare auf Facebook und die in der Regel niveau- und stillosen postings der User digitaler Medien nicht für Literatur.“ Upps, das hat ja auch gar niemand behauptet, wo kommt denn jetzt die Literatur plötzlich her, mal ganz abgesehen von dem windschiefen Vergleich zwischen Schreiben/Twittern und Reiten/Autofahren. Wo es eben noch darum ging, Aufgabe der Schule sei es, Lesen und Schreiben als basale Kulturtechniken zu vermitteln, soll sie jetzt plötzlich noch was ganz anderes tun: Die Schüler in die Literatur einführen. Sie nicht nur alphabetisieren, sondern literarisieren. Man wird ganz wirr beim Versuch, die Liessmannschen Gedankengänge nachzuvollziehen. Hält er etwa deshalb 99% der Menschheit für Analphabeten, weil die alle nicht den ganzen Tag Goethe lesen oder Schiller zitieren? Ist alphabetisiert im eigentlichen Sinne für ihn nur einer, der die höheren Weihen der großen und wahren und wahrhaftigen Literatur erfahren hat?

Aber genug, ich will mich jetzt selber mit diesem Blödsinn nicht weiter beschäftigen. Ich hoffe, ich konnte zeigen, wie gerade ein Herr Liessmann, der mit absoluter Unbedingtheit auf korrektes Schreiben pocht, lauter Denk- und Sachfehler aneinanderreiht, bis ein zutiefst widersprüchlicher und inkohärenter Textquark resultiert. Alle Wörter richtig geschrieben natürlich, jedes Komma stimmt, die komplizierten Schachtelsätze grammatikalisch wunderbar gefertigt, nicht der kleinste Fehler. (Die typographisch falschen Bindestriche, die statt der Gedankenstriche eingesetzt sind, laste ich mit meiner Wahnsinnstoleranz mal der FAZ-Online-Redaktion an. (Verdammte Netzanalphabeten, die nur HTML können, aber kein Deutsch, herrgottsakra.)) Aber man kann noch so richtig schreiben im Sinne der Rechtschreibung – das macht die Gedanken noch nicht wahr, macht falsche Schlüsse nicht zu richtigen.

Welche Art Schule Liessmann, der „kinderfreundliche Lesedidaktiker“ für den Untergang von Literatur, Geist und Kultur verantwortlich macht, sich stattdessen wünscht, das drückt er auf bemerkenswert deutliche Weise aus: „Wer liest oder schreibt, dem muss im Wortsinn Hören und Sehen erst einmal vergehen. Der Sinn von Schule lag einmal darin, diese Negation erfahrbar zu machen und einzuüben.“ Wer lesen kann, der lese: Hören und Sehen vergehen: Im Wortsinn! Negation erfahrbar machen und einüben! Wow. Mein Vater hat den Rohrstock des Nazi-Studienrats noch auf seinen Fingern gespürt. Meine Mutter, die als Linkshänderin gezwungen wurde, mit rechts zu schreiben, hat qualvolle Jahre lang unter dem erbarmungslosen Schuldiktat gelitten und danach Bücher und Stifte nur noch mit spitzen Fingern angefasst. Beide haben mir eindrucksvoll beschrieben, wie ihnen da Hören und Sehen vergangen ist in dieser kinderfeindlichen Schule von vorgestern, die Herr Professor Liessmann so gerne restaurieren würde.

Wie kann man denn so etwas schreiben, wie kann man sowas denken und wollen? Ich frage es mich wirklich und finde keine Antwort, bin einfach sprachlos. Die Schule sollte doch die Kinder, neben dem Lesen und Schreiben, das Hören und Sehen auch lehren, anstatt es ihnen vergehen zu lassen. Die Augen und Ohren ihnen öffnen. Das Schulsystem von heute ist sicher nicht perfekt, aber doch tausendmal besser als der Horror, den die Generation meiner Eltern und Großeltern durchlitten hat, und den Liessmann jetzt allen Ernstes wieder als etwas Erstrebenswertes an die Wand malt. Der Skandal ist nicht, dass eine Lehrerin „Tieger“ schreibt. Der Skandal ist, dass so ein Liessmann-Text im Jahr 2014 in der FAZ erscheinen kann. Ich wage zu behaupten: Unter Schirrmacher wäre das nicht möglich gewesen.

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9 Kommentare zu “Lesen, Schreiben, Hören, Sehen

  1. Zu den Rechtschreibreformen: Im Grunde gab es in all der Zeit nur drei, von denen einzig die beiden letzten – 1901 und 1996 – überhaupt Ergebnisse zeitigten. Das Interessante daran: 1901 hat man sich auf ein recht überschaubares Set an Regel geeinigt. Da aber die Deutschen rote Flecken im Gesicht bekommen, wenn die Dinge der Welt nicht in Gesetzen und Verordnungen niedergelegt sind, haben sie über die weitere Zeit derart viele arbiträre Regeln erschaffen, dass sich die Rechtschreibung wie ein Karzinom entwickelte, mal hierhin, mal dahin wuchernd, ohne Sinn und Weitsicht. Das hat man in den Neunzigern dann zu reparieren versucht.

    Überhaupt lebt ja Sprache erst von der ihr innewohnenden Regellosigkeit. Daraus erwachsende Ambiguitäten lassen uns Lyrik auf diese Weise ebenso genießbar werden, wie Ostfrießen-Witze. Gegenprobe: »Versuchen Sie einen Witz in einer formalen Sprache zu erzählen. Beispiel: PHP!«.

    Zu Computern im Unterricht: Schreibenlernen ist das Anspruchsvollste überhaupt, wenn man sich den Prozess genau ansieht. Kognitive Strukturen wachsen bei Identifikation von Geschriebenem, motorische Prozesse entstehen bei der Produktion eigener Schriften, alles zudem verwoben mit einer Anspruchshaltung an den Inhalt: Die Mitteilung einer Kommunikationsabsicht in evolutionär beinahe nutzloser Form (Wäre sie nützlich, würden wir von Geburt an schreiben und in der Schule sprechen lernen). Wird dieser motorische Prozess mithilfe technischer Instrumente erlernt, d.h. der Stift durch den PC ersetzt, fürchte ich in der Tat um der Verlust dieser motorischen Fähigkeit, deren größte Vorteile die Universalität und Niedrigschwelligkeit sind. Man kann nämlich, einmal richtig „mit der Hand“ gelernt, praktisch mit allem Schreiben: Kuli, Füller, Bleistift, Kreide, Pinsel, Stock im Sand usw.

    Zudem bedeutet manuelles Schreiben mit Stiften auf Papier auch eine Entschleunigung im Kreativprozess, der nicht von Autokorrektur oder Wortergänzung sekundiert wird, oder beliebige Wortumstellungsmöglichkeiten per se anbietet. Schreiben heißt Festlegen heißt Denken heißt Systematik. Da muss man Liesmann vordergründig Recht geben.

    Betonung: »vordergründig«. Denn Liesmann geht es, wenn man seinen Schimpf weiterdenkt, um die leicht evaluierbare Absicherung von Standesgrenzen mit dem Mittel der Rechtschreibung. Wie Du schon richtig schriebst, gibt es Schüler, die immens kluge Gedanken in jedoch unrechter Schreibung zu Papier bringen. Die Noten sehen entsprechend aus, weil Rechtschreibung lupenrein quantifizierbar und somit beinahe schon gerichtsfest bewertbar ist. Das Grundübel ist also nicht der Hang zur korrekten Schreibung, sondern die gesellschaftliche Legitimierung von szientistisch anerkannten Distinktionsmerkmalen: des bloßen Auszählens von Fehlern. Darauf gibt es dann eine Schulnote, denn heute wie früher gilt die Prämisse: Fehlerlosigkeit = Intelligenz = Belohnung. Oder anders gesagt: Es nützt der klügste Aufsatz nichts, wenn die harten, zählbaren Indikatoren die klugen Gedanken überdecken dürfen, zu deren Hermeneutik und Interpretation mehr vonnöten wäre als Zeitdruck und Rechtfertigungsangst seitens der Lehrerschaft. Schule wird unter dem immer knapper werdenden Zeitdeputat der Lehrer zur reinen eine Bewertungsanstalt nach uralten Prämissen.

    Eine kleine inhaltliche Frage zum Posting selbst: »phonetischen Korrelate der Grapheme« – Eigentlich müsste es doch die »graphischen Korrelate der Phoneme« heißen, denn Letztere werden zuerst benutzt, d.h. noch vor der grafischen Repräsentation.

    • Ja, was soll ich sagen, ich gebe dir in allem recht, auch was das Schreiben mit der Hand angeht. Vor allem die Niedrigschwelligkeit, die du nennst, ist hier hervorzuheben: Man braucht kein teures, kompliziertes und fehleranfälliges technisches Gerät, ein simpler Stift genügt, oder zur Not ein Stock und ein bisschen Sand. Soweit ich sehe, will aber auch die heutige Schule das Schreiben mit der Hand nicht durch Computertippen ersetzen. Meine Tochter jedenfalls lernt jetzt das Schreiben mit der Hand, genauso wie ich auch vor 33 Jahren. Soviel hat sich eigentlich gar nicht geändert, ist so mein erster Eindruck, nachdem sie jetzt 4 Wochen in die Schule geht.

      Zur „leicht evaluierbaren Absicherung von Standesgrenzen mit dem Mittel der Rechtschreibung“, wie du es wunderbar benennst, hätte ich eigentlich auch noch einiges schreiben wollen, aber dann wurde mir der Artikel schon zu lang. Das trifft es nämlich genau: Man will mit der Rechtschreibung ein leichtes Mittel an der Hand haben, um andere als minderbemittelte Idioten abqualifizieren zu können, ohne deren Gedanken inhaltlich überhaupt noch prüfen zu müssen. Es ist kein Wunder, dass gerade ein Philosophieprofessor, dessen Beruf rein aus Lesen und Schreiben besteht, da seine ureigenste Domäne bedroht sieht, wenn Richtigschreiben plötzlich nicht mehr diesen erhabenen Stellenwert in der Gesellschaft haben sollte. Christian Fischer hat das ja auch schön beschrieben, wie es gleichzeitig unter solchen Schriftmenschen fast schon zum guten Ton gehört, nicht besonders viel von Mathematik zu verstehen.

      Die Korrelation zwischen Phonemen und Graphemen sehe ich als eine wechselseitige (ungeachtet dessen, welches zuerst da war). Der Satz ist also so formuliert, weil die Gehörlosen eben die phonetische Seite der Relation nicht kennen.

  2. Ich erinnere mich, dass ich, als ich als junger Bursche versuchte, in
    Maschinensprache zu programmieren, weil es damals nur den C64 gab und kaum Software, einmal ein rudimentäres Programm schrieb (ich weiß, das hier IST öde, aber wir müssen da jetzt verdammt noch mal gemeinsam durch!), das ein Spiel antrieb, in dem von oben Raumschiffe oder Meteoriten oder sonst was kamen … und man schoss, als glücklicher Laserkanonenbetreiber, von unten hoch, um sich zu verteidigen, und wenn man so einen Intruder traf, explodierte der natürlich … d. h. natürlich nicht. In meinem Fall nicht. Explodierte nicht, das verdammte Ding.
    Ich ging das Programm durch und durch. Ich verstand nicht, was los war, aber
    es haute einfach nicht hin. Ich hatte, wenn ich die Motorhaube aufklappte, alles richtig gemacht. Und trotzdem lief alles falsch. Irgendwie müssen da zwei Zahlen vertauscht worden sein, an irgendeiner Stelle habe ich dem Computer ein F für ein A vorgemacht (Hexadezimalsystem!), und deshalb rasten die Meteoriten von oben durch, und die Laserfeuerwerke rasten von unten durch, und passiert ist nichts, außer dass die Laserkanone im Bann meines Joysticks hysterisch von links nach rechts raste und aus allen Rohren feuerte.
    Dabei bin ich mir sicher, dass der Computer mich genau verstanden hat! War ja alles nicht so schwer. Man braucht kein besonders brillantes Hirn, nicht mal als Computer, um zu verstehen, was ein 14-Jähriger einem mit so einem stümperhaften Code sagen will. Aber mein Rechner war einfach der Liessmann der C64s: Er kannte kein Pardon! Vermutlich ist er heute auch Professor.

    • Faszinierender Vergleich, Herr Cittler. Tatsächlich können Computer ja ein Programm wirklich nur verarbeiten, wenn alles bis aufs letzte i-Tüpfelchen korrekt geschrieben ist. Insofern trägt die Liessmannsche Pedanterie, die sich so althumanistisch-analog gebärdet, wirklich computerhafte Züge.

  3. Woanders – diesmal mit Tatu und Patu, Alarmismus, Aufklärung und anderem | Herzdamengeschichten

  4. [..] denn alles was entsteht / Ist werth daß es zu Grunde geht | Lafcadios Loch

  5. Man kann hier einiges über die Funktionalität von Medien lernen: Liessmann hat ein neues Buch geschrieben, eine Streitschrift und bewirbt diese: Sie taucht im Standard auf, in der NZZ, in der FAZ, jeweils mit einem leicht gekürzten Kapitel (in der Presse findet sich ein Interview mit ihm und ein weiterer Beitrag zu seinem Buch). Liessmann ist nicht unbekannt und hat sich (nicht nur) in der Bildungsdebatte immer wieder zu Wort gemeldet, deswegen veröffentlicht man seine Texte, da zählt nicht (nur) die Qualität; andere greifen das auf, Taschner z.B. oder der Chefredakteur der Presse, Rainer Nowak (Taschner hat schon ein paar Mal bewiesen, dass Intellekt und Unredlichkeit ganz gut zusammengehen [falls man von Intellekt reden möchte, aber das nur nebenbei]). — Alle verlinkten Texte sind, mit einer Ausnahme, ca. 14 Tage vor dem Erscheinen von Liessmanns Buch veröffentlicht worden: Was für ein Zufall!

    Eine Gegenpolemik dort, eine abwägende Verteidigung Liessmanns, dort.

    Liessmanns Polemik (man muss eine Streitschrift allerdings als solche lesen und darf nicht eine objektiv Analyse erwarten) liest sich nicht einmal gut und in dem oben verlinkten Interview findet man an sachlichem erstaunlich wenig. Dennoch: Man muss zwischen beiden Lagern einen Dialog führen: Liessmanns Frage nach dem ökonomischen Ursprungs der Kompetenzorientierung und dem universitären Umbau und einer Reduktion von Bildung auf Verwertbarkeit und Nutzen muss man unbedingt nachgehen, denn Bildung hat ihren Ursprung doch darin, dass sie gerade darüber hinausgeht und Fragen ohne unmittelbarem Nutzen stellt (aus Gründen von Neugier, Interesse, Faszination, etc.); ich glaube auch, dass die Wissensvermittlung wesentlich ist, weil nur das, was ich unmittelbar parat habe, eine Einordnung und Prüfung dessen erlaubt, was gerade gelesen oder auf anderem Weg wahrgenommen wird (alles nachzuschlagen ist ein Aufwand der nicht zu leisten ist; wenn ich nicht einmal eine Ahnung davon habe, dass etwas falsch sein kann, wird es kaum kritisiert werden). Andererseits: Der klassische Bildungsbegriff ist sicherlich hinsichtlich naturwissenschaftlichem Basiswissen erweiterungsbedüftig; empirische Zugänge helfen dort weiter, wo logisch keine Entscheidung möglich ist, weil mehrere Möglichkeiten existieren; neue Methoden und Zugänge sind kein Teufelszeug, aber auch kein Allheilmittel (der Einsatz digitaler Technik muss wohl überlegt sein; und auch hier gibt es versteckte ökonomische Interessen: Welche Firma möchte nicht gern eine Schule mit Computern ausstatten?). Und: Der Gedanke, dass viele Menschen Talente besitzen oder Fähigkeiten entwickeln können müssen, ist schon deshalb wichtig, weil der Bildungsprozess auch eine individuelle Aufgabe ist. — Beim Lesen von Liessmanns Texten hatte ich den Eindruck, dass sich da womöglich „Dinge“ entkoppeln, die zusammengehören (oder es zumindest können): Kompetenz, Wissen und Verstehen sollten sich wechselseitig entwickeln, nicht von einander abgelöst werden, eine Deutschmatura ohne literarische Kenntnisse bestehen zu können mutet zumindest seltsam an; die Entwicklung von philosophische Kompetenzen, muss mit den Texten und dem Werk von Autoren einhergehen und schließt Wissen mit ein (Liessmanns Text in der NZZ ist schon lesenswert, s.o.).

    Alle Beteiligten können sich vielleicht auf den Grundsatz einigen, dass eine Demokratie, sollte man sie ernst nehmen, gebildete und denkende Bürger benötigt und zwar Legionen davon; allerdings bedeutet Bildung eine Anstrengung, ist Wille, der vermittelt, aber nicht abgenommen werden kann (eine Notiz dazu, dort).

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