Ueber das correcte Buchstabiren

Christian Fischer und Maximilian Buddenbohm haben jüngst in ihren Blogs etwas darüber geschrieben, wie die Kinder heutzutage das Lesen und Schreiben lernen, mit Hilfe von Anlauttabellen nämlich, und dass das okay ist, man sich darüber nicht aufregen solle oder gar den Untergang des Abendlandes deswegen ausrufen, und dass man eventuell darüber nachdenken könne, ob hyperkorrektes Schreiben eigentlich gar nicht so wichtig sei, wie manche Leute, deren hauptsächliche Beschäftigung im Lesen und Schreiben besteht, uns weismachen wollen. Ich kann mich dem allem nur anschließen, empfehle ausdrücklich beide Artikel zur Lektüre. Dass da überhaupt so eine Panik herrscht, liegt wohl vor allem an einer Titelgeschichte des Spiegel vor einiger Zeit: „Die Rechtschreibkatastrophe“ (korrigiere: der Spiegel titelte im Wortlaut: „Die Rechtschreip-katerstrofe“). Ich habe das allerdings nicht gelesen, so wie ich überhaupt nur noch selten und in letzter Zeit eigentlich überhaupt nicht mehr den Spiegel lese. Ich spüre also relativ wenig von dieser Rechtschreibpanik, aber interessieren musste mich das natürlich trotzdem, denn meine Tochter geht jetzt auch seit drei Wochen in die Schule und lernt genau auf diese Weise das Lesen und Schreiben. Und, ja, die schreibt jetzt auch „MÄNSCH“ oder einen Satz wie „ÄS IST SCHÖN“, und ich sage dann: „Super geschrieben, toll gemacht!“ Und zwar nicht, weil eine Lehrerin mir gesagt hätte, dass ich mich so verhalten soll und die Fehler nicht korrigieren, sondern weil ich wirklich verblüfft und total stolz auf sie bin, dass sie das so hinkriegt nach drei Wochen Schule. Und wohlgemerkt sind dies keine Hausaufgaben, das ist nichts, was sie tun müsste, sondern sie sitzt so da, malt einen Dino und schreibt dann, völlig aus dem Eigenen heraus, daneben: „DINO“. Hat also Spaß daran, das in der Schule Gelernte aus eigenem Antrieb anzuwenden und auszuprobieren. Und sie geht gerne in die Schule, war letzte Woche, als sie zwei Tage krank war, wirklich traurig, dass sie nicht hindurfte. Das sind für mich die zwei wesentlichen Beobachtungen, diesen Schulanfang – vor dem ich einigen Bammel hatte, weil sie doch noch so klein ist, ein Schwellenkind, wäre sie eine Woche später geboren, würde sie jetzt noch in den Kindergarten gehen – für absolut geglückt zu halten. Die machen da etwas sehr richtig in dieser Schule, bin ich überzeugt, und sehe keinen Grund mich aufzuregen, einzumischen oder panisch nach dem alten Rechtschreibspiegel zu kramen, um mich davon irre machen zu lassen.

Tatsächlich ist die Lautiermethode des Lesenlernens älter als der Orthographiezwang. Heinrich Stephani führte sie 1807 ein mit seinem etwas umständlich betitelten Werk „Fibel für Kinder von edler Erziehung, nebst einer genauen Beschreibung meiner Methode für Mütter, welche sich die Freude verschaffen wollen, ihre Kinder selbst in kurzer Zeit lesen zu lehren“. Zu einer Zeit, wo alle noch so ziemlich schreiben durften, wie sie wollten, es weder Duden noch sonst verbindliche Regeln des Schreibens gab, erfindet Stephani die Lautiermethode als die simpelste und logischste Weise, den Kindern das Lesen beizubringen, nicht ohne die vorher gängigen Methoden, die Syllabier- und die Buchstabiermethode, mit einigem Spott zu überziehen:

Die Buchstabirmethode geht von dem Irrthume aus, daß der Nahme der Buchstaben zugleich ihr Laut sey, und daß man folglich der Aussprache jeder Sylbe das Buchstabiren (das Hernennen der Buchstabennahmen) vorhergehen lassen müsse. Um die Zweckwidrigkeit dieser Methode völlig zu begreifen, nehmen Sie Beispielsweise das Wort schon, und lassen es in Gedanken von einem Kinde buchstabiren: Eß Zeh Hah o Enn. Glauben Sie denn nun, daß es wissen werde, wie die Laute dieser drei Buchstaben zusammen ausgesprochen werden, nachdem es jene Nahmen hergesagt hat? Nicht Nahmen verbinden wir, wenn wir ein Wort aussprechen (aus der Gesichtssprache in die Gehörsprache übersetzen), sondern Laute. (zitiert nach: Friedrich Kittler: Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 42)

Dieser 200 Jahre alte Text, der nach heutigem Verständnis voller schrecklichster Rechtschreibfehler steckt, ist vollkommen verständlich, und so lernen die Kinder heute (wieder) lesen: indem sie die Laute mit den Buchstaben verbinden, nicht die Buchstabennamen. Witzigerweise verband bereits Stephani mit seiner Methode ein nationales Vereinheitlichungs-Projekt, nicht des Schreibens, wohl aber des Sprechens: Seine Lautiermethode lehre, so schreibt er,

die Wörter so auszusprechen, wie die Sprache will, daß sie allgemein ausgesprochen werden sollen. Sie ist daher zugleich das Nationalmittel, alle verschiedene Mundarten nach und nach zu verdrängen, und eine ganz reine Aussprache an deren Stelle allenthalben zu verbreiten. (zit. nach: Kittler, Aufschreibesysteme 1800/1900, S. 46)

Das ist natürlich Unsinn, und trifft bei mir einen wunden Punkt, denn das Absterben und Aussterben der Dialekte verfolge ich mit großer Traurigkeit. „Die Sprache“ will überhaupt nichts, einen Willen haben nur die Sprecher, und 1807 waren das zu 100 Prozent Dialektsprecher, denn ein Hochdeutsch gab es gar nicht damals, genau wie es noch keinen Duden und keine Orthographie gab. Es gab bloß einen Willen zu nationaler Einheit der Deutschen, traumatisiert durch die napoleonische Fremdherrschaft, und da das zu dem Zeitpunkt politisch nicht herstellbar war, versuchte man es über die Sprache. Kulturelle Einheit, Volk der Dichter und Denker undsoweiter. Völkisch-nationalistischer Blödsinn letztlich, der regionale Differenzen ausmerzen musste, um eine Einheit, die es historisch nie gegeben hatte, (das Heilige Römische Reich deutscher Nation war ja nie ein Nationalstaat im eigentlichen Sinne gewesen, immer mehr ein sehr loser Zusammenschluss einer Vielzahl von Minifürstentümern), künstlich herzustellen. So wurde das Hochdeutsche erfunden, das Schriftdeutsche. Da damals Preußen die Oberhand hatte, naturgemäß eine eher norddeutsche Sache. Ich, der ich von meiner aus Bremen stammenden Großmutter nicht nur das Schreiben und Lesen, sondern zuvor auch schon das Sprechen gelernt hatte, war in meinem bayrischen Dorf ein ziemlicher Außenseiter als Kind. „Er redet nach der Schrift“, sagten die Leute, das fanden sie komisch. Heute laber ich die Leute in Berlin immer auf Bairisch an, aber das ist eine andere Geschichte.

Sicher ist: 1871 wurde die nationale Einheit der Deutschen Realität, nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich. Und in der Folge fand ein wahnsinniger Akt der Vereinheitlichung statt. Heute würden alle Verwaltungsapparate durchdrehen wahrscheinlich, soviel Unterschiedliches musste plötzlich unter einen Hut gebracht werden: Währungen, Maßeinheiten, Steuersätze, was weiß ich nicht alles. Das ging wahnsinnig schnell. Bayern führte als letzter Teilstaat des Deutschen Reichs am 1. Januar 1872 das metrische System ein. Witzigerweise sagt der Bayer, dem doch immer so viel Konservatismus und Traditionalismus nachgesagt wird, heute „Meterstab“ zu dem Ding, das in Norddeutschland immer noch „Zollstock“ heißt.

Mit der Rechtschreibung dauerte es länger. 1880 veröffentlichte Konrad Duden sein erstes „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“. Völlig auf eigene Faust behauptete er, bestimmen zu können, wie man richtig schreibt. 1901 erst wurde die von Duden vorgeschlagene Rechtschreibung für ganz Deutschland und Österreich-Ungarn als verbindlich erklärt. Mich würde wirklich interssieren, wie vorher eigentlich der Schulunterricht ausgesehen hat, vor 1901, als es ein richtiges Schreiben schlichtweg noch nicht gab? Denn in meiner Grundschule war Rechtschreibung das Allerwichtigste überhaupt. Wichtiger als das Wissen, dass 5×5=25, war, dass man im Singular zwar „Saal“ schreibt, im Plural aber „Säle“, nur mit einem „ä“, nicht zwei, wie es logisch wäre. Ein konstruiertes, willkürlich festgesetztes Wissen vom richtigen Schreiben wurde zum heiligen Gral erklärt; ewiges, unrüttelbar wirklich wahres Wissen wie die Mathematik war zwar auch wichtig, aber Rechtschreibung ging vor.

Was ich damit sagen will: Angeblich richtiges Schreiben und Sprechen ist immer ein Kunstprodukt gewesen, zumal in Deutschland, das 1871 eben auch als ein totales Kunstprodukt zur Welt kam. Und wohl genau deshalb, weil dieses Deutschland nie auf so ganz selbstverständliche Weise existierte, war man gerade hier immer so darum bemüht, ein exklusives Deutschtum zu definieren: Deutsche Kunst, deutsche Dichtkunst, deutsches Wesen, an dem die Welt genesen solle, und die allgemein verbindliche deutsche Rechtschreibung – alles ein ausgedachter Krampf. So sehr ich selber ein Mensch der Schrift und der Bücher bin, muss man doch ehrlichkeitshalber einmal sagen: Das Lesen- und Schreibenlernen ist wichtig, vor allem als Basiswerkzeug, um mit dessen Hilfe andere Kenntnisse zu erwerben, mathematische, medizinische, juristische, whatever, oder um einfach den Sonderangebotsprospekt vom Lidl entziffern zu können, Kommentare auf Facebook zu posten, alles, einfach alles basiert ja auf Schrift. Als Analphabet kommt man auch im Internetzeitalter nicht besonders weit. Aber ob immer jedes Komma exakt gesetzt ist, jedes Wort dudengemäß geschrieben, das ist doch eigentlich wirklich nicht so wichtig.

(Das zu schreiben, ist für mich das reine Purgatorium. Denn logisch war ich immer der, der das wusste, mit „Saal“ und „Säle“, der auch das schwierigste Wort noch korrekt hinbuchstabiert hat, und total stolz war darauf: Ungeschlagener Sieger in der Königsdisziplin Rechtschreibung. Diktat null Fehler. Dass ich im zweitwichtigsten Fach „Schönschreibung“ schlecht war, die Lehrerinnen immer meine geschmierte Sauklaue monierten, war mir witzigerweise egal. Aber dass hinter diesen beiden Disziplinen „Schönschreiben“ und „Rechtschreiben“ noch ein ganz anderes, nicht aus Schrift bestehendes Universum liegt, habe ich erst viel später so richtig verstanden.)

 

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14 Kommentare zu “Ueber das correcte Buchstabiren

  1. ich wünsche mir als (nicht grundschul-)lehrerin noch viel, viel mehr entspannte und ihre kinder so toll stützende eltern wie dich. lasst sie machen, die schule, die kinder, das wird schon werden.

  2. Woanders – diesmal mit dem Schulsystem, dem Streaming, der Ilias und anderem | Herzdamengeschichten

  3. Vielen Dank dafür!
    Als Sprecherzieherin und Kommunikationstrainerin werde ich Passagen mit in meine Seminare nehmen, wenn die (mittel- + süddeutschen) Teilnehmer*innen daran festhalten, dass wir doch schreiben und es deshalb völlig abwegig sei, „Hon – ICH“ zu sagen. Als stüde der Buchstabe über allem und wäre schon länger als das Sprechen in der Welt. Die größte Sorge gilt auch in dieser emotionalen Diskussion den Kindern: wie sollen die das Unlogische denn lernen. Dabei kommen diese bestens damit klar und sagen „SCH-ule“ und nicht „SK-hule“. Kinder wissen, dass wir Laute und keine Buchstaben sprechen, erst der erwachsene Wunsch nach Buchstabentreue bringt sie aus dem Tritt. Dabei wäre es aus sprachlicher Sicht auch korrekt „Tsahn“ zu schreiben statt , „Eidäxe“ statt .

    • Naja, ich als Bayer sage selbstverständlich auch „Honig“ und nicht „Honich“, obwohl ich natürlich weiß, dass „Honich“ die korrekte hochdeutsche Aussprache wäre. Das ist eigentlich genau eine Folge des Irrtums, den ich im Text zu vermitteln versuchte: Weil man ein Land, eine Nation ist, meinte man, auch das Schreiben und Sprechen bis ins kleinste Detail vereinheitlichen zu müssen und regionale Differenzen niederbügeln. Warum denn eigentlich, kapier ich gar nicht. Man lasse doch die Süddeutschen „Honig“ sagen und die Norddeutschen „Honich“, und lasse endlich mal ab von dem Wahn, eine der beiden Varianten müsse doch die „richtige“ sein. (Vielleicht schieb ich zu der Honig-/Honichproblematik bei Gelegenheit nochmal einen Artikel nach.)

      • Mei, so war das nicht gemeint. Als Schwäbin sage ich auch Honik. Und wenn ich unterrichte, Radiotexte spreche, sage ich Honich. Ist doch prima, Varianten zu haben, je nach Zuhörerschaft. Es wäre blöd, mit der süddeutschen Oma hochdeutsch zu sprechen, wenn man’s anders kann, aber ein Vortrag in Hamburg wird inhaltlich besser verstanden, wenn ich nicht meine Herkunft vor mir hertrage. „Wo genau kommen Sie denn denn her?“ ist manchmal ein netter Einstieg ins Gespräch, aber immer mog i des au ned.

  4. Sehr interessant. In England fängt man übrigens auch mit den Lauten an, den sogenannten Jolly Phonetics, bei denen ich mit meinem deutschen Akzent nur bedingt Übungshilfe leisten kann. Allerdings weiß ich nicht, ob ich so entspannt mit der deutschen Sprache umgehen könnte. Ich habe ja vor, meinem Sohn sozusagen nebenbei deutsch lesen und schreiben beizubringen und hoffe natürlich, dass das aufgrund der Sprachverwandtschaft nicht allzu schwierig wird. Ich glaube, ich würde bei allem Lob dennoch darauf hinweisen, wie es richtig geschrieben wird, genauso wie ich jetzt auch grammatikalische Fehler beim Sprechen verbessere. Wann soll man denn sonst anfangen, zu verbessern? Ich bin auch nicht der Meinung, dass es zum Schaden ist, dass es einheitliche Schreibregeln gibt. Es ist doch in unserem Zeitalter der Kommunikation sehr wichtig, dass man sich verständlich machen kann.

    • Klar, ich wollte jetzt auch nicht dafür plädieren, die Rechtschreibung einfach abzuschaffen. Bin nur für ein wenig mehr Lockerheit im Umgang damit, und dass sich mal die Erkenntnis durchsetzte, dass bloß richtiges Schreiben noch lange kein gutes Schreiben ist. Die Werke Kafkas – und als er sie schrieb war die Rechtschreibung wohlgemerkt schon in Kraft – strotzen in der Handschrift von Schreibfehlern. Wer wollte da hergehen und sagen: Oh Mann, der Typ konnte ja noch nicht mal richtig schreiben!?

      Beherrschung der Rechtschreibung wird heute in weiten Teilen der (gebildeten) Bevölkerung als DAS oberste Schulziel überhaupt angesehen, und das halte ich für einen Fehler, weswegen ich auf die historische Bedingtheit und Willkürlichkeit dieser Rechtschreibung mal hinweisen wollte. Sich verständlich machen konnten die Menschen ja vor 1901 auch schon, denke ich, und sie haben ja auch – der Aspekt kommt im Text vielleicht zu kurz – bemerkenswert einheitlich geschrieben, auch schon zur Goethezeit zum Beispiel, ganz ohne verbindliche Regeln und Wörterbücher. Darum halte ich den Trend beim Duden (von Bastian Sick philisterhaft kritisiert), öfter auch mal mehrere Schreibungen für ein- und dasselbe Wort zuzulassen, für ganz richtig und begrüßenswert. Wie sich unter den Bedingungen von Twitter, Facebook, WhatsApp etc. nicht nur das Schreiben sondern auch der gesellschaftliche Status des „Richtigschreibens“ verändert, wäre sicher Stoff für lohnende weitere Untersuchungen.

      Übrigens habe ich beim Schreiben auch schon immer an England gedacht und mich gefragt: Wie machen die das da wohl? Weil doch im Englischen die Buchstaben noch viel weniger als im Deutschen direkt und eindeutig bestimmten Lauten zuzuordnen sind, oder kommt mir das nur so vor? Also wenn du mal Lust hast, etwas ausführlicher über diese Jolly Phonetics zu bloggen – das würde mich tatsächlich interessieren.

      • Ehrlich gesagt, erschien mir deutsch noch nie so leicht. Bei uns spricht man ja fast alles so, wie es geschrieben wird. Ich bin gespannt, wie es dieses Schuljahr läuft. Ich habe auch noch keine Ahnung, ob beim Schreiben streng korrigiert wird. Bislang hat die Schule noch einen starken Vorschul-Charakter und es wird noch überwiegend gespielt. Vielleicht ergibt sich ja aus meinen Beobachtungen ein interessanter Post 🙂

  5. Als Lehrerin habe ich auf weiterführenden Schulen verschiedener Art gearbeitet und habe dabei vor allem eine Erfahrung gemacht: Wenn SchülerInnen zu lange die Schreiben-nach-Hören-Methode verinnerlichen, wird es schwer, das später wieder gerade zu biegen.
    Es ist jetzt vielleicht einzuwenden, dass man keine Regeln braucht und wir doch alle so schreiben könnten wie im Mittelalter, wo es keine einheitliche Rechtschreibung gibt, aber dahin wollen wir ja auch nicht zurück.
    Von daher bin ich dagegen, die Kinder zwei bis drei Jahre lang so schreiben zu lassen. Es gibt verschiedene Ansätze und am bewährtesten ist, soweit ich weiß, die Arbeit mit der Fibel. Ich finde es gut, dass Kinder durch das Schreiben nach Hören erst einmal Spaß daran gewinnen, doch dann muss man ihnen sehr bald mit und mit die Regeln erklären, damit es sich nicht falsch festsetzt, und Regeln bzw. Gründe für eine bestimmte Schreibweise gibt es ja durchaus. In dem anderen Artikel hieß es „Liebe“ und „Tiger“ würden keine Regeln folgen, doch stammt „Tiger“ meines Wissens aus dem Lateinischen und wurde darum nicht komplett eingedeutscht, was geheißen hätte, dass man „ie“ hätte schreiben müssen. Rechtschreibreformer würden sicherlich viel weiter gehen als die Rechtschreibreformen bisher gegangen sind. Und warum nicht? Warum nicht „Tieger“? Aber der Aufschrei wäre riesig ..

    • Ich bin ja kein Lehrer, nur ein Vater einer Erstklässlerin, insofern kann ich da nur begrenzt mitreden, weiß auch nicht genau, was ich mir unter „Arbeit mit der Fibel“ vorzustellen habe und inwiefern die Fibelarbeit einen unvereinbaren Gegensatz mit der phonetischen Methode darstellt. Ich warte das jetzt einfach mal ab, aber bis jetzt habe ich keinen Grund zur Sorge, finde die Fortschritte meiner Tochter beim Lesen und Schreiben nach wie vor bemerkenswert.

      „Tiger“ stammt tatsächlich aus dem Lateinischen, aber das kann nur als eine behelfsweise Erklärung für die Schreibung des Wortes gelten, nicht als verlässliche und in der Praxis anwendbare Regel. Denn andere lateinische Wörter wurden in ihrer Schreibung ja schon eingedeutscht, sonst müsste man ja tatsächlich „correct“ schreiben, um nur ein Beispiel zu nennen. Außerdem, selbst wenn: Man kann schwerlich verlangen, dass jedermann Latein könne und daher Herkunft eines Wortes und seine lateinische Schreibweise jederzeit im Gedächtnis parat habe. Und ganz gewiss kann man so ein Wissen nicht für Erstklässler voraussetzen. Es bleibt also dabei, dass die Schreibung jedes einzelnen Wortes im Grunde willkürlich gesetzt ist bzw. dem Leseanfänger als willkürlich erscheint, da er die Regel nicht verstehen und nicht anwenden kann, und daher im Prinzip die Schreibung jedes einzelnen Wortes gesondert einprägen muss. Damit plädiere ich nicht für ein Abschaffen von Rechtschreibung, aber man muss sich einfach mal klar machen, was für ein gewaltiges Lernpensum das darstellt. Ich halte deswegen einfach das Lamento für übertrieben, wenn Fünftklässler noch nicht total sicher in der Rechtschreibung sind. Ich muss heute noch manches Wort im Duden nachschauen, weil ich mir nicht ganz sicher bin, wie man es schreibt. Komme dennoch lesend und schreibend ganz gut durchs Leben.

      • Von meinen 65 Fünftklässlern fielen mir zehn oder elf als stark förderbedürftig auf. (Bei der späteren LRS-Erhebung waren es sogar noch mehr …) Es waren nur Jungs und sieben von ihnen waren durch die Schreiben nach Hören-Methode bis ins 3. Schuljahr geschult worden. Sie haben sich, meines Erachtens, die Wörter falsch eingeprägt, weil man sie über Jahre hat so schreiben lassen, wie sie es sich aufgrund von Anlauttabellen herleiten konnten. Weil so unser System aber letztlich nicht ist, bin ich mir nicht sicher, ob das für die SchülerInnen, die sich als schwächer zeigen, eine sinnvolle Methode ist.
        Natürlich haben von den 65 SchülerInnen auch einige weitere nach der Methode Schreiben gelernt und es hat gut funktioniert, aber da haben bei einigen auch die Eltern schon früh gegen gelenkt.
        Ich halte einen zu langen Einsatz der Methode aufgrund meiner Erfahrungen für zu gefährlich – und zwar besonders für schreibschwache Schüler.

  6. deutliche Aussprache? Übungen zum Artikulationstraining - Training Bonn

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