Die Nimmersatt-Galaxis

Ich habe das Lesen sehr früh gelernt, mit vier oder fünf, von meiner Großmutter, die mir geduldig immer wieder alle Buchstaben zeigte und ihre Lautung vorsagte. Und plötzlich, offenbarungsartig, musste ich die Buchstaben nicht mehr einzeln mühsam hintereinander wegsagen, sondern sah jedes Wort klar vor mir, auf einen Schlag, und es erklang in meinem Hirn. Eine Welt tat sich auf. Auch die Erkenntnis: Man muss nicht wissen, was eine Regierungserklärung ist, um das Wort „Regierungserklärung“ fehlerfrei lesen, also auch vorlesen zu können, und die Erwachsenen nicken erstaunt und sagen: Ja, er kanns wirklich. Eine Eigenschaft von Schrift, die mir immer wieder begegnet ist: Man kann auch ganze Bücher über das transzendentale Subjekt lesen und dann Seminararbeiten darüber schreiben und Einser dafür kriegen, obwohl man nicht die geringste Ahnung hat, was ein transzendentales Subjekt eigentlich sein soll und ob es das überhaupt wirklich gibt.

Meine Großmutter bekam dann Alzheimer, von null auf hundert, und meine Eltern lagen im Krieg, redeten nichts mehr miteinander, und ich ging ins Sommerhäusl hinterm Haus und las. Wer hatte das Ding eigentlich „Sommerhäusl“ genannt, es war das ganze Gegenteil davon: ein finsterer Schuppen, voller Gerümpel, staubig, dreckig, von Spinnweben durchzogen: Mein Traumort. Dort kroch ich unter, las meine verbotenen Buffalo-Bill-Hefte, war lesend in einer der Welt entgegengesetzten Gegenwelt.

Im Kindergarten las ich alle Bücher, die es dort gab, eins nach dem andern durch, und wenn ich fertig war, alle nochmal von vorn. Lesen war auch hier die perfekte Strategie, um dem Gestreite aus dem Weg zu gehen, dem Sandwerfen, Prügeln, Bauklotz auf den Kopf werfen. Und las, wie ich mich noch genau erinnere, dort eines Tages die Raupe Nimmersatt, und redete dann mit der Kindergärtnerin darüber. Sie wies mich auf die Löcher im Buch hin, und dass die Raupe also offenbar tatsächlich all die Erdbeeren und Pflaumen und Äpfel und Birnen gegessen haben müsse, weil da ja diese Löcher im Buch waren. Von der leibhaftigen Raupe selber hineingefressen, wie die Kindergärtnerin behauptete. Das brachte mich ins Grübeln. Wenn die Raupe Nimmersatt selber diese Löcher gefressen hätte, so dachte ich, dann hätte sie ja in Wirklichkeit gar nicht Erdbeeren und Pflaumen und Eiswaffeln und Früchtebrot gefressen, sondern immer nur den Pappkarton, aus dem das Buch besteht. Ein philosophischer Moment. Wenn die ganzen Früchte nicht real sind, dann ist womöglich auch die Raupe nicht real, und gerade die Löcher im Buch, die die Wahrhaftigkeit der ganzen Geschichte belegen und unterstreichen sollen, entlarven das Ganze im Umkehrschluss als Farce. Ich versuchte, diese Gedanken der Kindergärtnerin zu erklären, und sehe sie noch, wie sie meine philosophischen Gedanken wegwischend lachte: Ich selbst sei diese Raupe, ein Bücherwurm, eine Bücherraupe, die das Papier der Bücher frisst. Ich blieb ratlos zurück. Stürzte mich für die nächsten dreißig Jahre konsequent in Bücher, vollführte dieses mir vorgegebene Programm, Schrift war mir immer näher als das sogenannte Reale, und plötzlich wachst du auf, die Gutenberg-Galaxis ist untergegangen, und merkst: Ich war wirklich diese Raupe: Immer nur Papier gefressen und gedacht, es wären köstlichste Früchte.

Als das Sommerhäusl abgerissen wurde, hatte mir vorher auch keiner Bescheid gesagt. Plötzlich stand der Bagger da und das Sommerhäusl war weg und mit ihm meine dort versteckten Buffalo-Bill-Hefte. Da hätte ich das alles eigentlich schon wissen können, wie das läuft.

Advertisements

5 Kommentare zu “Die Nimmersatt-Galaxis

  1. Wie großartig. Besonders schön finde ich die Anmerkung zum transzendentalen Subjekt und dann – als Gegenbild – den echten philosophischen Moment im Kindergarten. Trefflich auch die Formulierung der Erkenntnis mit ihrem gleich zweifachen Verlust.
    Meine Westernhefte hatte ich selbst vernichtet. Ob da auch eine Erkenntnis dahinterstand?

  2. Das transzendentale Subjekt gibt’s. Isch schwör, ey! Einser oder Doktortitel gibt’s aber im Seminar nicht, wenn eine/r ahnungslos ist, übers transzendentale Subjekt bloß faselt oder das Transzendente mit dem Transzendentalen durcheinander bringt: dann schon gar nicht. Gute Frage aber: Was sind Begriffe, muß man deren Bedeutung kennen oder schafft man sich, als das Kind noch ein Kind war, selber diesen Bedeutungsraum? Über den Begriff „Regierungserklärung“ wäre ich sicherlich gestolpert. Zumal es mir im Kindergarten Freude bereitete den Bundeskanzler Willy Brandt zu imitieren.

    Traurig ist es, wenn die Philosophie-Fragen der Kinder nicht ernst genommen werden. Fast alle Kinder stellen solche Fragen und fast alle Kinder werden am Ende abgebügelt. Den meisten wird eine bestimmte Art des Fragens schnell ausgetrieben.

    Gut gefielen mir die genannten Buffalo-Bill-Hefte. Gab es die wirklich? Ich kann mich kaum erinnern. Kürzlich erst entdeckte ich in einem Comic-Laden in Wien die Bessy-Hefte wieder. Mein erstes Buch war die Kinderbibel.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s