Wirklich

Sitze mit den Kindern im Eiscafé, schon leicht genervt, weil ich eigentlich gar kein Eis wollte, auch das Wetter ist ja gar nicht danach, und C. redet ununterbrochen auf mich ein und J. kreischt, weil irgendwas an seinem Eis ihm nicht passt, ich aber nicht verstehe, was um Himmels willen denn das Problem sein soll, als plötzlich eine alte Frau, bucklig, auf zwei Krücken gestützt, neben unserem Tisch steht. „Macht der Papa wieder nicht, was er soll?“, fragt sie. Die hat mir jetzt grade noch gefehlt. Da J. nur fragend in die Gegend schaut, wendet sie sich an C.: Ob das Eis gut schmecke? Bei ihr ist sie an der richtigen Adresse: Ja, das Eis schmecke köstlich, außerdem sei sie fünf Jahre alt und komme diesen Sommer in die Schule. – Ah, wie schön, sie sei auch in der Schule gewesen, habe immer gute Zeugnisse gehabt und danach auch einen Beruf erlernt. – Einen Beruf wolle sie lieber nicht lernen, erwidert C., dann habe sie ja gar keine Zeit mehr für all die andern Dinge, die man so machen könne im Leben, immer nur Beruf, Beruf, Beruf. – Die Frau lacht, ein paar Sachen habe sie schon erlebt, trotz Beruf, sei sogar zur See gefahren usw. Mir gefällt jetzt, wie die beiden sich unterhalten, wie die Alte das Kind ernst nimmt und mit ihr redet, ohne augenzwinkernde Seitenblicke zu mir rüber, völlig auf Augenhöhe irgendwie, als sie sich unvermittelt plötzlich doch mir zuwendet: Zu der Zeit sei sie im KZ gewesen. Ich bringe nichts heraus, bin völlig vor den Kopf gestoßen, presse mühsam ein „Wirklich?“ hervor. „Ja“, sagt sie, „in dem Alter, im KZ, hier in Sachsenhausen“, und macht eine deutende Handbewegung, als läge das wirklich direkt hier um die nächste Straßenecke. Mir schnürt es innerlich alles zu, ich kann nichts sagen, die Zunge versteinert. Vielleicht bemerkt sie meine Beklommenheit, sie wechselt das Thema, wendet sich jetzt noch einmal J. zu, was für schöne blaue Augen er habe. Ich bin so verwirrt, dass ich erst gar nicht richtig verstehe. „Blaue Augen zum Verlieben“, wiederholt sie, verabschiedet sich, und ist auf ihren zwei Krücken so schnell ums Eck, wie sie aufgetaucht war.

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9 Kommentare zu “Wirklich

  1. Was soll man da auch sagen? Die Menschen, die dabei waren, haben Jahrzehnte gebraucht, um ihre Sprache über das Geschehene wiederzufinden. Die deutsche Literatur wurde für tot erklärt, weil die Sprache von Nazis instrumentalisiert wurde. Weil man keinen Satz mehr formulieren konnte, weil „er stets soviel Ungesagtes mit einschließt“. Ich kann Deinen Ärger über Deine eigene Reaktion verstehen, aber glaub mir dieses: Mehr wäre Dir vermutlich auch in vielen, vielen Stunden gemeinsamen Gesprächs nicht eingefallen. Und ich glaube, es ist auch gar nicht nötig.
    Ich hatte mal das Privileg, die jüngste Auschwitz-Überlebende kennen zu lernen. Ihre Geschichte hatte ich vorher schon in ihrer Autobiographie nachgelesen. Mir ist angesichts ihres Schicksals nicht einmal ein „Wirklich“ eingefallen. Weißt Du, was ich zu ihr gesagt habe? „Danke.“

    Danke. Na, wer kriegt jetzt den Idiotenpreis? 🙂

  2. Links #2 | bullenscheisse

  3. Wenn man einmal sprachlos ist, dann ist es eben so: Sprachlosigkeit kann ohne weiteres angemessen sein (wozu solche spontanen Regungen ins Korrekte drehen wollen?).

    • Völlig richtig, ich hab ja auch nicht das Gefühl, etwas fundamental Falsches gesagt oder getan zu haben. Es geht nicht um Korrektheit. Mehr das Gefühl, eine vielleicht nie mehr wiederkehrende Möglichkeit, mit einer Augenzeugin zu sprechen, versäumt zu haben, aus Sprachlosigkeit den Moment einfach vorüberziehen lassen.

      • Ich wäre nach dem Lesen Deines Texts gar nicht auf die Idee gekommen warum Du das tun hättest sollen (Du hast das ja völlig unerwartet mitbekommen, zudem sprach die Frau mit Deinen Kindern).

  4. Trotz allem (vielleicht gerade deswegen, ich meine damit die Sprachlosigkeit, die Unmöglichkeit „angemessen“ (was auch immer das in diesem Fall sein soll) zu reagieren, eine sehr bewegende Begegnung. Schön, dass ich lesend daran teilhaben durfte.

    • Mir ist noch etwas eingefallen, das ich nachtragen möchte. vor einigen Wochen gab es in der Zeit ein Interview zu lesen mit einer „Überlebenden“, die selbst sagte: nun, fragt uns doch endlich, bald ist niemand mehr da, der Antworten geben kann. Das klingt ein wenig mit in Deiner Geschichte, das Angebot, etwas zu erzählen. Aber ich bin die Letzte, die nicht wüsste, wie unendlich schwer es ist, die richtigen Fragen zu stellen, überhaupt Fragen zu stellen, in so einem Augenblick.

      • Ja, ich hatte auch das Gefühl, dass sie darüber reden möchte, dass sie gefragt werden möchte. Daher der gewisse Ärger über mich selbst, dass ich spontan nicht wusste wie und was sagen oder fragen. Vielleicht begegne ich ihr ja noch einmal. Sollte mir vielleicht ein paar Sätze zurechtlegen für den Fall.

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