Schirrmacher

Die Nachricht vom Tod Schirrmachers traf mich völlig unvermittelt. Ich lag mit 39° Fieber im Bett und las den Tweet: „Zum Tod von Frank Schirrmacher“ und war mir völlig sicher, mich verlesen zu haben, dass da eigentlich doch sicher stehen müsse „Zum Tod von XY, von Frank Schirrmacher“. Naja, trotz Fieber: ich hatte mich nicht verlesen.

In meiner Jugend in den Achtzigern und frühen Neunzigern galt die FAZ als ganz rechtsaußen. Selbst mein CSU-wählender Vater las neben dem Garmischer Lokalblatt nur die Süddeutsche, nicht die Frankfurter. Erst um die Jahrtausendwende kam es mir überhaupt in den Sinn, auch mal die FAZ zu lesen, und das lag an nichts anderem als am Feuilleton, das hier plötzlich viel mehr war, als eine bloße Aneinanderreihung von Buch-, Theater- und Ausstellungsbesprechungen. Plötzlich war das eine reichhaltige Fundgrube für allerlei abseitiges Zeug, hochinteressante Dinge, von denen man noch nie gehört hatte, von denen man aber sofort mehr wissen wollte. Links oder Rechts, Hochkultur oder Populärkultur – es war nicht so, dass die Grenzen zwischen derlei Kategorien poröser, die Übergänge fließender wurden. Es machte vielmehr überhaupt keinen Sinn mehr, sich in solchen beengenden Koordinatensystemen überhaupt noch zu positionieren. Vielleicht war das auch einfach der Zeitgeist dieser beginnenden Nullerjahre, aber in Schirrmachers FAZ-Feuilleton fand er für mich seinen besten Ausdruck. Eine Freude an unideologischem, dafür umso ernsthafterem Nachdenken, und eine Neugier auf Dinge abseits des Mainstream. Dass gerade er das Thema der Digitalisierung der Welt als etwas erkannte, das ins Feuilleton gehört und nicht nur zu „Technik & Motor“, etwas, das mit den Mitteln der Kulturkritik analysiert und beleuchtet werden müsse, erscheint da völlig logisch.

Ich habe Schirrmacher nur einmal live erlebt, auf dieser Netzkulturkonferenz letztes Jahr. Sein Vortrag war der beste, fundierteste der ganzen Veranstaltung, aber in der Erinnerung blieb mir vor allem, wie er nach Vortrag und Podiumsdiskussion nach draußen eilte und dort sofort das Gespräch mit demjenigen suchte, der ihm in der Diskussion am heftigsten widersprochen hatte: dem Herrn Urbach. Da wären reihenweise wichtigere, prominentere Menschen dagewesen, aber Schirrmacher wollte das mit dem Urbach noch weiter diskutieren. Ich beobachtete die Szene aus ein paar Schritten Entfernung, wie sie da standen, der FAZ-Herausgeber und der Computerer mit dem blaugefärbten Iro, und wie Schirrmacher mehrfach sagte, Urbach solle darüber doch einen Artikel schreiben. Diese vorurteilslose, vollkommen dünkelfreie Offenheit, das echte Interesse an einer anderen Meinung – das hat mir damals sehr imponiert.

Advertisements

Ein Kommentar zu “Schirrmacher

  1. Das FAZ-Feuilleton war traditionell immer eher „links“, der Wirtschaftsteil eben „kapitalistisch“ und die Beilage „Motor“ technikverliebt. Die FAZ war/ist vieles in einem. Und gerade darum hat sie auch einen wie den Autor des Methusalem-Komplott Frank Schirrmacher ausgehalten und weitgehend (nicht immer) machen lassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s