Zonen und Perioden

Hinter dem nächstbesten Schalter kann unser Henker auftauchen. Heut stellt er uns einen eingeschriebenen Brief und morgen das Todesurteil zu. Heut locht er uns die Fahrkarte und morgen den Hinterkopf. Beides vollzieht er mit derselben Pedanterie, dem gleichen Pflichtgefühl. Wer das nicht bereits in den Bahnhofshallen und im Keep smiling der Verkäuferinnen sieht, geht wie ein Farbenblinder durch unsere Welt. Sie hat nicht allein fürchterliche Zonen und Perioden, sondern sie ist von Grund auf fürchterlich.“ (Ernst Jünger, Strahlungen II, 23. Mai 1945)

In meiner Kindheit, wie behütet auch immer sie gewesen sein mag, war die Drohung dieser vollkommenen Fürchterlichkeit der Welt noch präsent. In der Grundschule lernten wir, Feueralarm, Fliegeralarm und Atomalarm zu unterscheiden. Bei Atomalarm unter dem Schulpult verkriechen, lautete die Anweisung, und die Lehrerin, die uns dies beibrachte, fügte leise und mehr für sich noch an: „Bei Atomalarm ist eh schon alles wurscht.“ Der Ochsendampf, vielfach verwundeter Weltkriegsveteran, bestätigte dies: Der Ausgang des Dritten Weltkriegs könne uns völlig egal sein, denn die erste Atombombe falle sowieso auf Deutschland, wir seien vom ersten Tag dieses Krieges an weg vom Fenster, ausgelöscht, alle tot, den Rest würden die Amis und die Russen dann unter sich auskarteln, aber das sei ihm dann schon lange wurscht, sagte er, und ich höre ihn noch lachen.

Gleichzeitig herrschte völlig paradoxerweise das Bewusstsein, man lebe in einer schönen und friedvollen Periode und Zone der Weltgeschichte. Im nahen Osten mochte der Iran-Irak-Krieg toben, in Afrika undurchschaubare Bürgerkriege mit Hunger- und Elendsfolgen. Aber uns ging es doch gut. Iss auf, in Äthiopien verhungern die Kinder! Und als dann auch noch die Mauer fiel, schien die Herstellung des Weltfriedens sich quasi vor unseren Augen zu ereignen, ich glaubte das damals wirklich für kurze Zeit: Jetzt bricht das Goldene Zeitalter an, der Weltfriede, es schien mir logisch. Wenige Jahre zuvor hatte ich täglich meinen Tod erwartet, weil ich im Nieselregen stehend Sauerampfer gegessen hatte und kurz darauf hatte es geheißen, alles sei verseucht, verstrahlt, der Regen ein tödlicher Giftregen: Tschernobyl.

Und heute? Immer noch leben wir in der Illusion, hier auf einer von Stürmen umtobten Insel der Seligen leben zu dürfen. Aber wenn man aufs große Ganze schaut: Russland zeigt Zähne und expandiert wieder nach Westen. Der deutsche Ex-Kanzler Schröder busselt seinen Kumpel Putin dennoch ab, feiert mit ihm Geburtstag und findet das alles hochokay. Die USA betreiben auch nach fünf Jahren unter einem demokratischen Friedensnobelpreisträgerpräsidenten weiter das Folterlager in Guantanamo, sowie einen totalen Überwachungsapparat, von dem Hitler und Stalin in ihren schlaflosen Nächten geträumt haben dürften. Von der stillschweigenden Aushöhlung der Demokratie und rechtsstaatlicher Prinzipien ist in letzter Zeit immer wieder zu lesen, aber dass die Aushöhler und Abschaffer weiterhin auf Atombomben sitzen, erwähnt kaum jemand. Solange es uns gut geht, ist doch alles noch okay, scheint der Tenor.

Vielleicht habe ich mich in letzter Zeit auch etwas zuviel mit Weltkriegen und Weltkatastrophen beschäftigt, aber ich sehe das alles etwas düsterer, tendiere dazu, Jünger recht zu geben: Es gibt keine Zonen und Perioden: Es ist alles von Grund auf fürchterlich.

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5 Kommentare zu “Zonen und Perioden

  1. Als ich am Wochenende „Die Zeit“ las, fiel ich plötzlich herunter von der sturmumtobten Insel der Seligen. Es war ein Artikel von Eugen Ruge, der die Lage ähnlich düster wahrnimmt….

  2. „Ja, je mehr die Welt der Nützlichkeiten im Zunehmen ist, desto bleibender wird eine romantisch-irrationale Welt des Nichtnutzbaren im Verborgenen gedeihen. Sie bedeutet keine Verrücktheit, sondern resultiert aus einem ewigen Gesetz. Seltsamerweise wird der Mensch oder, vorsichtiger gesagt, mancher Mensch vom Abbild der Dinge oft tiefer befriedigt als von den Dingen selbst. Die alte Legende vom Maler Apelles berichtet, er konnte Früchte so lebensgetreu und so natürlich malen, dass die Vögel und die Insekten vom Himmel kamen, um davon zu naschen. Wie eingeschüchtert von den Naturwissenschaften klingt da die Erklärung eines Bescheidwissers, der sagte: ja, die Insekten kämen wohl, aber nicht, weil sie die Naturwahrheit erkannten; Insekten hätten ja ganz andere Wahrnehmungsorgane als wir Menschen. Nein, Herr Maler, die kamen angezogen durch das frische Malöl, vielleicht Leinöl oder Bienenwachs …
    Das ist genau die Zeit, in der wir leben: wir sind alle so schön aufgeklärt und haben die Phantasie den Geopolitikern überlassen und den Technokraten.
    Ja, ich singe noch einmal mein Liedchen für die Lebensnähe, gegen Konstruktionen des Intellekts und Theorien — noch einmal, bevor alles ausgelöscht ist auf der grauen Tafel der nahenden Zeiten, weggewischt von einem blutgetränkten Schwamm.“
    Aus: George Grosz, „Ein kleines Ja und ein großes Nein“, Reinbek, Oktober 1974

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