Schichten

Weiter in Jüngers Strahlungen II. Es geht jetzt dem Ende zu. Die Katastrophe, der Weltbrand, von Jünger die ganze Zeit schon antizipiert, nimmt jetzt finale Gestalt an. Die „Schinderhütten“, wie Jünger die Lager nennt und anfangs immer nur gerüchteweise davon hört und seine Reflexionen darüber anstellt – jetzt sieht er ein heimlich aufgenommenes Foto aus so einem Lager. Er, der große Bildbeschreiber, schweigt sich im Tagebuch darüber aus, was er da genau sieht, aber das Entsetzen teilt sich dem Leser dennoch mit. Dann die Landung der Alliierten in der Normandie, das Scheitern des Attentats vom 20. Juli, in dessen Plan Jünger wohl zumindest im Groben eingeweiht war, Selbstmorde und Hinrichtungen vieler seiner Freunde und Vertrauten aus der Pariser Zeit, die zerstörten, zerbombten Städte. Dann der überstürzte Aufbruch aus Paris, das wenige Tage später von den Amerikanern eingenommen wird, im Rückzug blindwütige Erschießungen von Deserteuren, Inhaftierung des eigenen Sohnes wegen einiger regimekritischer Äußerungen – all das beobachtet, erlebt, sieht und hört er und protokolliert es in seinem Tagebuch. Man sieht hier einem Menschen zu, der inmitten der totalen Hölle sich an die Mittel des Geistes und der Schrift klammert, um nicht einfach der Verzweiflung und der Resignation anheimzufallen. Die Menschen werden im Maschinenkrieg selbst zu Maschinen, er aber will Mensch bleiben. In der totalitären Staatsmaschine muss jeder erstmal den Turingtest bestehen und Jünger traut sich dieses Urteil zu:

Ob der, dem man begegnet, Mensch oder Maschine, enthüllt sich sogleich beim ersten Satz, den er beantwortet. (13. April 1944)

Er liest und schreibt wie ein Besessener, sammelt auch weiter seine Käfer und studiert die Pflanzenwelt, macht sich Gedanken über den rechten Gebrauch der Grammatik und gewisse stilistische Feinheiten der Sprache. Als ob es gerade darauf ankäme, den Geist, die Sprache und die Humanität nicht preiszugeben, inmitten des Vernichtungswahnsinns.

Wenige Tage vor dem Abzug aus Paris schreibt er:

Anläßlich eines Regenschauers kurz im Musée Rodin, zu dem es mich sonst nicht zieht. Des Meeres und der Liebe Wellen; die Archäologen späterer Epochen finden diese Bilder vielleicht gleich unter der Tanks und Fliegerbomben führenden Schicht. Man wird dann fragen, wie dergleichen so eng zusammenliegen kann, und geistreiche Hypothesen aufstellen. (30. Juli 1944)

Mir leuchtete bei dieser Stelle schlagartig auf, dass Jünger hier eigentlich etwas über sein eigenes Tagebuch sagt: Bemerkungen über die Schönheit der Natur oder den Stil eines Autors, den er schätzt, liegen hier Seite an Seite mit den Beschreibungen der Bomben, der Morde, des Schlachtens und der Brände. Man fragt sich eigentlich das ganze Buch über genau diese Frage: Wie kann dergleichen denn so eng beisammen liegen? Die Antwort ist in seinem Bild des zerbombten Museums vielleicht enthalten.

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4 Kommentare zu “Schichten

  1. Sehr, sehr spannend. Ich habe „Strahlungen“ nicht gelesen, daher sind die folgenden Fragen wirklich nur das: Fragen. „Schinderhütten“ – funktioniert der Begriff als jüngerscher Euphemismus? Vor sich selbst oder als Code gegen äußere Ertappung? (Muss er eigentlich seine Aufzeichnungen vor Zeugen schützen?) Auch daran ändert sich nichts, wenn er sich später ausschweigt? Ist sein Anspruch nach der Flucht aus Paris Hochmut, gepaart mit eklatanter Verdrängung? Das sind nur ein paar unbedarft aufgereihte Fragen, die mir kamen. Ich sollte es selbst lesen.

    • Ich weiß nicht, ob ich die Fragen alle richtig verstehe, aber ich versuchs mal so: Der Terminus „Schinderhütte“ ist ein Selbstzitat Jüngers, er verweist auf den noch vor dem Krieg geschriebenen Roman „Auf den Marmorklippen“, wo Jünger parabelhaft den Untergang der gesamten Kultur durch ein totalitäres Gewaltregime beschreibt, das deutlich die Züge des Dritten Reiches trägt. Später hat Jünger selbst geschrieben, dass die durchaus brutale und grausame Schilderung der Schinderhütte in den Marmorklippen vielleicht „noch etwas zu rosig“ geraten sei angesichts der realen Vernichtungslager. Über das wahre und volle Ausmaß der Barbarei in diesen Lagern hat Jünger aber wohl auch erst nach dem Krieg Kenntnis bekommen.
      Den Eindruck, dass er seine Aufzeichnungen schützen muss und manches nur andeutet oder verschlüsselt ausspricht, aus Angst, das Tagebuch könnte in die falschen Hände geraten – den Eindruck hatte ich beim Lesen auch vielfach. Dann aber gibt es wieder Passagen, die nahelegen, dass er dieses Risiko in Kauf nimmt, etwa wenn er das genaue Versteck eines geheimen Manuskripts, eines Aufrufs zum Frieden, preisgibt. Leider ist meine Ausgabe der „Strahlungen“, anders als das Kriegstagebuch 14/18 völlig unkommentiert, also kann ich auch nur vermuten. Aber die Tendenz des ganzen Tagebuchs ist unmissverständlich gegen Hitler und das Naziregime gerichtet. Er wird es wohl immer gut versteckt gehalten haben. Die Aufzeichnungen gehen weiter bis ins Jahr 1948, soweit bin ich aber noch nicht. Wird interessant, ob sich am Ton und an der Offenheit der Worte nach Kriegsende etwas ändert.

      • Vielen Dank für die ausführliche Antwort und Verzeihung für meine etwas unklar formulierten Fragen! Das Selbstzitat hatte ich nicht gekannt (zu den zwei, drei Büchern von Jünger, die ich gelesen hatte, gehören die „Marmorklippen“ nicht und ich hatte bislang nicht einmal eine ungefähre Ahnung, worum es darin geht). Danke auch für die Ausführung zum Thema Offenheit bzw. Geheimhalten. Und ja, die Frage, ob und wie sich nach Kriegsende etwas ändert an den Aufzeichnungen, finde ich auch spannend.

      • Kein Thema, die Fragen sind ja interessant und berechtigt. Vielleicht berichte ich nochmal, wenn ich mit den Strahlungen durch bin.

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