Unbekannte Fotografen

Ein Fotograf, der keine Fotos macht, natürlich faszinierte mich das sofort. Er widersprach mir aber: Nein, nein, hin und wieder fotografiere er schon auch selbst etwas mit seinem Smartphone. Aber hauptsächlich sammelt er die Fotos anderer, unbekannter, zumeist wohl toter Leute. Geht auf Flohmärkte und kauft Fotoalben. Farbfotos seien ihm lieber als Schwarzweiße, auch seien die billiger, die Farben im Lauf der Jahre schon verändert, verblasst, vieles gleitet in Richtung Lila ab. Ich besah sein Archiv. Er nimmt die Fotos aus den Alben und sortiert sie nach wiederkehrenden Motiven. Hier zum Beispiel Möwen, sagte er, und zeigte mir einen Briefumschlag mit lauter Möwenfotos. Oder Regenbögen, Gipfelkreuze, Wolken und Menschen. Dann sitzt er tagelang da und schiebt diese Fotos unter- und übereinander, auf der Suche nach Entsprechungen, geometrischen Fortführungen, formalen Ergänzungen. Manchmal, so sagte er mir, werde er fast wahnsinnig dabei. In all diesen Fotos sehe er eine wahnsinnige Leichtigkeit, der Wunsch des Menschen zu fliegen sei überall sichtbar, immer sei da ein Himmel und alles strebe dort hinauf. Wie uninteressant diese vergilbten Amateurfotos auch auf den ersten Blick aussähen, so sei das doch einmal jemandem wichtig gewesen, sonst hätte er es ja nicht fotografiert, nicht in ein Album geklebt. Noch das banalste Foto sei ein Fingerzeig: Schau mal hier! Und letztlich zeige alles hinauf, in den Himmel, Urmetapher für Transzendenz.

Unknown Photographers #32, (c) Andrés Galeano

Unknown Photographers #32, (c) Andrés Galeano

Ich hätte noch länger mit ihm reden wollen, musste aber weiter, er begleitete mich die Treppe hinab und auf die Straße. Ob es ihm in Berlin gefalle, fragte ich ihn beim Abschied, ob er hier länger bleiben wolle? Nein, noch drei Monate, dann sei er weg, sagte er und deutete nach oben in die öde, gräulich dahingezogene Wolkendecke: Der Himmel hier sei nichts für ihn. Mein Himmel ist das auch nicht, dachte ich, winkte ihm nach, wie er die Straße lang lief, und wandte mich zu den Meinen, die schon an der anderen Ecke warteten.

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Zonen und Perioden

Hinter dem nächstbesten Schalter kann unser Henker auftauchen. Heut stellt er uns einen eingeschriebenen Brief und morgen das Todesurteil zu. Heut locht er uns die Fahrkarte und morgen den Hinterkopf. Beides vollzieht er mit derselben Pedanterie, dem gleichen Pflichtgefühl. Wer das nicht bereits in den Bahnhofshallen und im Keep smiling der Verkäuferinnen sieht, geht wie ein Farbenblinder durch unsere Welt. Sie hat nicht allein fürchterliche Zonen und Perioden, sondern sie ist von Grund auf fürchterlich.“ (Ernst Jünger, Strahlungen II, 23. Mai 1945)

In meiner Kindheit, wie behütet auch immer sie gewesen sein mag, war die Drohung dieser vollkommenen Fürchterlichkeit der Welt noch präsent. In der Grundschule lernten wir, Feueralarm, Fliegeralarm und Atomalarm zu unterscheiden. Bei Atomalarm unter dem Schulpult verkriechen, lautete die Anweisung, und die Lehrerin, die uns dies beibrachte, fügte leise und mehr für sich noch an: „Bei Atomalarm ist eh schon alles wurscht.“ Der Ochsendampf, vielfach verwundeter Weltkriegsveteran, bestätigte dies: Der Ausgang des Dritten Weltkriegs könne uns völlig egal sein, denn die erste Atombombe falle sowieso auf Deutschland, wir seien vom ersten Tag dieses Krieges an weg vom Fenster, ausgelöscht, alle tot, den Rest würden die Amis und die Russen dann unter sich auskarteln, aber das sei ihm dann schon lange wurscht, sagte er, und ich höre ihn noch lachen.

Gleichzeitig herrschte völlig paradoxerweise das Bewusstsein, man lebe in einer schönen und friedvollen Periode und Zone der Weltgeschichte. Im nahen Osten mochte der Iran-Irak-Krieg toben, in Afrika undurchschaubare Bürgerkriege mit Hunger- und Elendsfolgen. Aber uns ging es doch gut. Iss auf, in Äthiopien verhungern die Kinder! Und als dann auch noch die Mauer fiel, schien die Herstellung des Weltfriedens sich quasi vor unseren Augen zu ereignen, ich glaubte das damals wirklich für kurze Zeit: Jetzt bricht das Goldene Zeitalter an, der Weltfriede, es schien mir logisch. Wenige Jahre zuvor hatte ich täglich meinen Tod erwartet, weil ich im Nieselregen stehend Sauerampfer gegessen hatte und kurz darauf hatte es geheißen, alles sei verseucht, verstrahlt, der Regen ein tödlicher Giftregen: Tschernobyl.

Und heute? Immer noch leben wir in der Illusion, hier auf einer von Stürmen umtobten Insel der Seligen leben zu dürfen. Aber wenn man aufs große Ganze schaut: Russland zeigt Zähne und expandiert wieder nach Westen. Der deutsche Ex-Kanzler Schröder busselt seinen Kumpel Putin dennoch ab, feiert mit ihm Geburtstag und findet das alles hochokay. Die USA betreiben auch nach fünf Jahren unter einem demokratischen Friedensnobelpreisträgerpräsidenten weiter das Folterlager in Guantanamo, sowie einen totalen Überwachungsapparat, von dem Hitler und Stalin in ihren schlaflosen Nächten geträumt haben dürften. Von der stillschweigenden Aushöhlung der Demokratie und rechtsstaatlicher Prinzipien ist in letzter Zeit immer wieder zu lesen, aber dass die Aushöhler und Abschaffer weiterhin auf Atombomben sitzen, erwähnt kaum jemand. Solange es uns gut geht, ist doch alles noch okay, scheint der Tenor.

Vielleicht habe ich mich in letzter Zeit auch etwas zuviel mit Weltkriegen und Weltkatastrophen beschäftigt, aber ich sehe das alles etwas düsterer, tendiere dazu, Jünger recht zu geben: Es gibt keine Zonen und Perioden: Es ist alles von Grund auf fürchterlich.

Schichten

Weiter in Jüngers Strahlungen II. Es geht jetzt dem Ende zu. Die Katastrophe, der Weltbrand, von Jünger die ganze Zeit schon antizipiert, nimmt jetzt finale Gestalt an. Die „Schinderhütten“, wie Jünger die Lager nennt und anfangs immer nur gerüchteweise davon hört und seine Reflexionen darüber anstellt – jetzt sieht er ein heimlich aufgenommenes Foto aus so einem Lager. Er, der große Bildbeschreiber, schweigt sich im Tagebuch darüber aus, was er da genau sieht, aber das Entsetzen teilt sich dem Leser dennoch mit. Dann die Landung der Alliierten in der Normandie, das Scheitern des Attentats vom 20. Juli, in dessen Plan Jünger wohl zumindest im Groben eingeweiht war, Selbstmorde und Hinrichtungen vieler seiner Freunde und Vertrauten aus der Pariser Zeit, die zerstörten, zerbombten Städte. Dann der überstürzte Aufbruch aus Paris, das wenige Tage später von den Amerikanern eingenommen wird, im Rückzug blindwütige Erschießungen von Deserteuren, Inhaftierung des eigenen Sohnes wegen einiger regimekritischer Äußerungen – all das beobachtet, erlebt, sieht und hört er und protokolliert es in seinem Tagebuch. Man sieht hier einem Menschen zu, der inmitten der totalen Hölle sich an die Mittel des Geistes und der Schrift klammert, um nicht einfach der Verzweiflung und der Resignation anheimzufallen. Die Menschen werden im Maschinenkrieg selbst zu Maschinen, er aber will Mensch bleiben. In der totalitären Staatsmaschine muss jeder erstmal den Turingtest bestehen und Jünger traut sich dieses Urteil zu:

Ob der, dem man begegnet, Mensch oder Maschine, enthüllt sich sogleich beim ersten Satz, den er beantwortet. (13. April 1944)

Er liest und schreibt wie ein Besessener, sammelt auch weiter seine Käfer und studiert die Pflanzenwelt, macht sich Gedanken über den rechten Gebrauch der Grammatik und gewisse stilistische Feinheiten der Sprache. Als ob es gerade darauf ankäme, den Geist, die Sprache und die Humanität nicht preiszugeben, inmitten des Vernichtungswahnsinns.

Wenige Tage vor dem Abzug aus Paris schreibt er:

Anläßlich eines Regenschauers kurz im Musée Rodin, zu dem es mich sonst nicht zieht. Des Meeres und der Liebe Wellen; die Archäologen späterer Epochen finden diese Bilder vielleicht gleich unter der Tanks und Fliegerbomben führenden Schicht. Man wird dann fragen, wie dergleichen so eng zusammenliegen kann, und geistreiche Hypothesen aufstellen. (30. Juli 1944)

Mir leuchtete bei dieser Stelle schlagartig auf, dass Jünger hier eigentlich etwas über sein eigenes Tagebuch sagt: Bemerkungen über die Schönheit der Natur oder den Stil eines Autors, den er schätzt, liegen hier Seite an Seite mit den Beschreibungen der Bomben, der Morde, des Schlachtens und der Brände. Man fragt sich eigentlich das ganze Buch über genau diese Frage: Wie kann dergleichen denn so eng beisammen liegen? Die Antwort ist in seinem Bild des zerbombten Museums vielleicht enthalten.