Glück

Wir ließen uns auf der Schlossparkwiese nieder, ein bisschen ausruhen nach einer aufreibenden Runde anarchischen Fußballtretens, als C. ganz unaufgeregt und fast beiläufig sagte, sie habe hier einen Glücksbringer, ob ich mal schauen wolle. Ich war mir sicher, sie würde mir im nächsten Moment eine halbvergammelte Buchecker oder irgendeinen Stein in die Hand drücken, aber nein: Sie hielt tatsächlich ein vierblättriges Kleeblatt in der Hand, das sie einfach so und ohne groß danach gesucht zu haben, in der Wiese entdeckt und gepflückt hatte. Ich konnte es kaum fassen. J.s Tränen, der das Blatt auch haben wollte, nahm ich in Kauf; das Risiko, dass er es zerrupfen würde, war zu hoch. Jetzt wäre ein Buch ausnahmsweise mal nützlich gewesen, um dieses Kuriosum der Natur sicher nach Hause zu transportieren, aber ich hatte keins dabei. Zum Lesen kommt man auf solchen Ausflügen mit den Kindern ja eh nicht, und wer denkt schon an die Möglichkeit, ein vierblättriges Kleeblatt zu finden, wenn er den Rucksack packt? Kurzentschlossen warf ich das Blatt in die Brötchentüte und legte diese obenauf in den Rucksack. Für C. war das alles ohnehin nicht so besonders, sie ließ mich gewähren, J. hatte auch gleich wieder alles vergessen und die beiden tollten herum und jagten einander in Strumpfsocken über die Wiese.

Später, als wir auf dem langen Rückmarsch zu Füßen des bronzenen Telefonmanns noch einmal eine Pause machten und uns dort zufällig wieder inmitten eines kleinen Kleefelds wiederfanden, da suchte sie gleich wieder drauflos und war ganz enttäuscht, nicht sofort wieder ein Vierblättriges zu finden. Ich erzählte ihr wahrheitsgemäß, dass ich in meinem fast vierzigjährigen Leben wirklich noch niemals ein vierblättriges Kleeblatt gefunden habe, sie aber in ihrem fünfeinhalbjährigen Leben nun immerhin schon eines, so dass dementsprechend grob statistisch umgerechnet das Finden dieses einen Blattes ihr Glück fürs ganze Leben spenden müsse und weitere Kleeblätter für ihr vollendetes Lebensglück gar nicht vonnöten seien. Das leuchtete ihr ein.

Zuhause aßen wir alle erstmal ein Eis, dann holten wir vorsichtig das Kleeblatt aus der Brötchentüte. Es war ein wenig angeschrumpelt, aber alle vier Blätter waren noch dran. Gemeinsam pressten wir es in ein dickes Buch von Thomas Pynchon, danach hauten wir uns, erschöpft von dem langen Ausflug, alle drei aufs Sofa, machten die Glotze an und waren glücklich.

 

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