Strahlungen I

In den letzten Tagen kaum zum Lesen gekommen. Trotzdem heute nachmittag endlich den ersten Band von Jüngers Strahlungen beendet. In jeder Hinsicht das komplette Gegenteil zu seinem Kriegstagebuch aus dem Ersten Weltkrieg. Während er im ersten Weltkrieg wirklich immer nur sein direktes Sichtfeld beschrieb und der Krieg im Ganzen, die strategischen und politischen Überlegungen und Ziele ihn überhaupt nicht zu interessieren schienen, sondern immer nur das konkrete Geschehen an seinem konkreten Frontabschnitt, ist es im Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg das genaue Gegenteil: An eigentlichem Kriegsgeschehen oder Gefechtssituationen erlebt er gar nicht so viel, fast nichts eigentlich. Aber er horcht alles seismographisch ab und deutet die Geschehnisse erstaunlich präzise und richtig aus. An der Kaukasusfront, im Januar 1943, ist er sich über die aussichtslose Lage völlig im Klaren, konstatiert erschüttert die Erschöpfung der Truppe, die armseligen Bedingungen, unter denen hier die Stellung gehalten wird, die sechste Armee ist in Stalingrad bereits eingekesselt. Da ergeht er sich völlig überraschend in Naturbetrachtungen:

Hier oben gedachte ich so lange wie möglich zu bleiben und hin und wieder aufzusteigen in die Gletscherwelt. Ich fühlte mich heimisch und spürte, daß in diesen Massiven noch eine der großen Quellen lebt, wie das auch Tolstoi so stark empfand. Doch als ich die Einzelheiten meines Aufenthalts mit Schmidt besprach, kam aus Teberda der Funkspruch, daß unverzüglich der Rückzug notwendig geworden sei. Das heißt wohl, daß die Lage bei Stalingrad sich noch verschlechtert hat. (4. Januar 1943)

Und einen Tag später:

Am Vormittag noch einmal im Teberdatal, obwohl es ein wenig regnete. Wer weiß, wann wieder das Auge eines Deutschen auf diesen Wäldern ruht. Ich fürchte, daß nach dem Kriege große Teile des Planeten sich hermetisch abschließen. (5. Januar 1943)

Das finde ich schon sehr interessant: Auf dem Höhepunkt der deutschen Frontausdehnung ist sich Jünger ziemlich klar darüber, dass Deutschland diesen Krieg verlieren wird, und auch die Prognose der künftigen hermetischen Abschließung großer Weltteile war ja völlig zutreffend.

Insgesamt ist die Atmosphäre des Buchs beklemmend, auch weil die eigentliche Bedrohung nicht von der Feindesseite her kommt, sondern von innen, von den Nazis. Dieses beklemmende Abtasten von Gesprächspartnern, ob man mit ihnen offen reden könne oder nicht, das kommt immer wieder:

Im Zuge Oberst Rathke, Chef der Abteilung Heerwesen. Gespräch über die Lage bei Rostow, die er für reparabel hält. Dann über den Krieg überhaupt. Nach den ersten drei Werturteilen erkennt man den Angehörigen des anderen Lagers und zieht sich auf höfliche Allgemeinplätze zurück. (11. Januar 1943)

Einen Monat später dann lakonisch und ohne den Oberst Rathke noch mit einem weiteren Wort zu erwähnen:

Gestern eroberten die Russen Rostow. (15. Februar 1943)

Von der im überstürzten Rückzug befindlichen Ostfront heimkehrend, fährt er direkt zur Beerdigung seines Vaters. Fast wie der Grüne Heinrich. Aber hier unterscheidet sich das Tagebuch vom Roman: Der todessüchtige Jünger muss weiterleben, das Tagebuch geht weiter. Band II liegt schon parat.

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