PRINT

Wie wir alle wissen und nur nicht sagen, schreibt kein Mensch mehr.
Friedrich Kittler

Diese unendlich langen, unendlich leeren Sommernachmittage einer Kindheit in der Provinz in den Achtzigerjahren. Man kam aus der Schule, aß zu Mittag und hatte dann bis zum Abendessen eine schier unendliche Zeitmasse zur Verfügung. An einen dieser Nachmittage kann ich mich noch sehr plastisch erinnern: Ich radelte ziellos durchs Dorf, hierhin und dorthin, schließlich beim Ochsen vorbei, aber der Ochse war nicht da, so dass ich meine sinnlose Rundfahrt gerade schon wieder aufnehmen wollte als der T., ein Nachbar des Ochsen, mich auf der Straße abfing. Ich solle zu ihm reinkommen, er müsse mir etwas zeigen, etwas ganz Neues, ich würde staunen. Zögerlich ging ich mit ihm ins Haus. Wir waren nicht sonderlich befreundet, aber ich war doch neugierig auf die angekündigte Wahnsinnssensation. Es handelte sich bei dieser Sensation um einen „Commodore 64“. Ich glaube, das war tatsächlich der erste Computer, den ich je in der Wirklichkeit sah, auf jeden Fall der erste, der nicht in einem Geschäft oder Büro stand und nur von Erwachsenen, die dabei sehr wichtig taten, bedient werden durfte, sondern einer, der hier ganz fremd in einem Kinderzimmer auf dem Schreibtisch rumstand und dem Kind oder Jugendlichen in völliger Freiheit überlassen, damit er damit mache, was immer er wolle. Das war natürlich der Wahnsinn, aber die Enttäuschung folgte auf dem Fuß: Er hatte keinerlei Programme, habe aber, wie er sagte, bereits begonnen, die Programmiersprache BASIC zu erlernen und wolle sich die tollsten Spiele demnächst also selber programmieren. Es zeigte sich aber, dass seine Programmierkunst noch nicht allzuweit gediehen war, bisher reichte es nur dazu, dass er hinschrieb:

PRINT „Hallo“

– und dann schrieb der Computer das ihm vorgegebene Wort „Hallo“ nochmal auf den Bildschirm. Es belustigte uns für ungefähr fünf Minuten, den Computer auch noch Wörter wie „Arschgesicht“ und ähnliches schreiben zu lassen, der Rest war Enttäuschung. Ich absentierte mich schnell. Es blieb mir völlig unverständlich, was es mit diesen Computern auf sich haben sollte. Welcher Mehrwert darin liegen solle, einen Satz nicht einfach so mit einem Stift oder einer Schreibmaschine direkt aufs Papier zu schreiben sondern ihm stattdessen das nicht zum Text gehörige Wort PRINT voranzustellen und ihn somit von einem Computer schreiben zu lassen?

Zehn Jahre später, als ich begann zu studieren, hatte sich an dieser Situation nichts Grundlegendes geändert: ein Computer war für mich ein Schreibgerät, eine andere Funktion hätte ich mir für so einen Kasten nicht ausdenken können. Dennoch war klar, dass man eine Hausarbeit für die Uni jetzt, Mitte der Neunziger, nicht mehr auf einer Schreibmaschine schreiben konnte, ein Computer musste jetzt her. Ich erwarb ein Apple PowerBook 190, allen Unkenrufen der Computerfreaks aus meiner ehemaligen Zivildienststelle, wo ich weiterhin jobbte, zum Trotz, die mir was von Unkompatibilität erzählten und dass es die Firma Apple in zwei Jahren eh nicht mehr geben würde. Und auf diesem Computer waren nun neben dem für meine Unizwecke notwendigen Textverarbeitungsprogramm auch ein paar Spiele vorinstalliert, unter anderem „Eric’s Solitaire Sample“. Ich darf gar nicht daran denken, wieviele Stunden und Tage, an denen ich eigentlich Kant oder Wittgenstein hätte lesen sollen, ich damit verbracht habe, Karten auf einem Bildschirm hin- und herzuschnipsen. Ich meine: Patiencen legen, das war etwas, was meine MUTTER machte, am Frühstückstisch. Nie wäre ich auf die Idee gekommen, diese Karten, deren muffigen Geruch ich mir jederzeit noch heute ins Gedächtnis rufen kann, auch nur anzurühren.

Ich frage mich, ob das vielleicht die wahre Natur dieser Geräte ist: Uns dazu zu bringen, Dinge zu tun, die wir unter normalen Umständen niemals tun würden. So wie es 1985 keinen Grund gegeben hatte, das Wort „Arschgesicht“ auf einen Zettel zu schreiben und sich darüber totzulachen, und mir 1996 nichts Dümmeres hätte einfallen können als tausende von Patiencen zu legen.

Heute sind die Computer überall und ihr eigentliches Wesen wird sichtbarer: Die Welt verwandelt sich in eine Welt aus Zahlen. Wir schnallen uns einen Computer ums Handgelenk, damit er unsere Schritte zählt und uns dann ausrechnet, wieviele Kalorien wir dabei verbrannt haben. Wir denken uns lustige Aphorismen aus und schauen dann mit roten Bäckchen, wieviele Favs und Retweets wir damit einfahren und wie hoch unsere Mention-Reach der letzten Woche war. Unser sozialer Status ist ablesbar an der Anzahl unserer Facebookfreunde und Twitterfollower. Egal was du machst: es scheint sinnlos, wenn es sich nicht in irgendeiner Weise quantifizieren lässt. Und gab es für mich einen anderen Grund, diesen Text zu schreiben, als den, dass der blaue Balken meiner Klickstatistik schon wieder so bedenklich am Nullpunkt herumdümpelt?

 

Advertisements

6 Kommentare zu “PRINT

  1. FAZ: Herr Wolf, was ist Ihr Patentrezept für hohe Klickraten?
    AHW: Kittler zitieren! Das hilft immer.

  2. „Die Welt verwandelt sich in eine Welt aus Zahlen“ – Nö, das war sie schon vorher und längst, da wird mit den Möglichkeiten des PC nur bedient und potenziert, was seit je (bzw.: wann fing das eigentlich an?) unser Anliegen war, nämlich höher, weiter, schneller, besser, mehr; Erster sein, die meisten irgendwas besitzen usw. Erfolg und Ruhm maßen sich schon immer (hm, wirklich immer? Kaum zu glauben.) an Zahlen, leider. Behaupte ich mal.
    Davon abgesehen finde ich, dass Lesen (z.B. Tweets und Blogs anderer) satter macht als Zählen (z.B. von Favs und Likes unter eigenen Beiträgen).
    Und noch davon abgesehen: Eine schöne und schön erzählte Erinnerung, die Geschichte mit der ersten PC-Erfahrung. 🙂

  3. Dinge wandeln sich, aus Hallo und Arschgesicht wurden Seiten, Porno, keine Filmchen, likes, Kommentare, auch diese wandeln sich wieder und aus Zahlen wird Sammelei, aus dem Sammeln all der Daten werden Profile und aus den Profilen eine Norm.
    Was aus denen wird, die nicht dieser Norm entsprechen fragst du?
    Sie wandeln sich….

  4. „Ich frage mich, ob das vielleicht die wahre Natur dieser Geräte ist: Uns dazu zu bringen, Dinge zu tun, die wir unter normalen Umständen niemals tun würden.“ Dem ist nichts hinzuzufügen. Ganz wunderbar auf den Punkt gebracht.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s