Liest du noch oder spritzt du schon?

Ich bin ein langsamer Leser. Manchmal lese ich so langsam, das mich das Schneckentempo selber quält, das Gefühl, in einem Buch fast überhaupt nicht voranzukommen. Ein paar meiner Leser erinnern sich vielleicht noch, wie ich mich über Monate hinweg durch den Grünen Heinrich gebissen habe. Und jetzt geht es mir mit Jüngers Strahlungen genauso. Ok, ich hatte zwischenrein noch den auch nicht ganz dünnen Münkler geschoben, aber dennoch – dass ich bei Jünger jetzt immer noch im ersten Band bin, das ist ja schon fast peinlich, das kann ich ja gar keinem mehr erzählen.

Und andererseits: es ist eben mal so. Ich glaube, jeder Mensch hat so sein eigenes Grundtempo des Lesens, und dann hat jedes Buch auch noch einen eigenen Rhythmus, da resultiert für jeden Menschen und für jedes Buch ein spezifisches Tempo. Eine sehr individuelle Angelegenheit. Ich will deswegen hier auch gar nicht durchs Hintertürchen andeuten, mein Schleichlesen sei irgendwie besser oder besonders intensiv oder irgendsowas. Im Gegenteil: Ich liebe Bücher und würde gerne ein paar mehr davon lesen, das Leben ist ja eh so kurz. Man könnte also meinen, ich wäre die perfekte Zielgruppe für „Spritz“, die neue Schnelllese-App. Da muss man nicht mal mehr die Augen bewegen: Man starrt auf einen fixen Punkt auf einem Display und über diesen Punkt rasen dann einzeln eingeblendet die Wörter hinweg. Auf diese Weise ließe sich die Leseleistung von normal schnellen 150 Wörtern auf bis zu 1000 Wörter pro Minute steigern, so der Hersteller.

Aber mal ehrlich: Will ich das? Wollen wir das? Ich finde es ja schon seltsam, dass überall auf der Straße einzeln gehende oder stehende Leute so vor sich hin reden, ich halte die immer erstmal für Irre und habe mich bis heute nicht daran gewöhnen können, dass die halt telefonieren, mit nahezu unsichtbaren Telefonen. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass demnächst mit Google-Glass bebrillte Menschen ohne mit der Pupille zu zucken ins Nichts starren und das dann das neue Lesen ist, indem der Text den Leuten einfach mit Maximalgeschwindigkeit direkt ins Hirn geballert wird, da wird mir ja ganz anders. Kein Zurückblättern, kein reflektierendes Innehalten mehr, aber hey, stattdessen kann man sich Prousts Recherche einfach mal so an einem Nachmittag hinter die Stirn „spritzen“. Toll.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich technischen Innovationen ziemlich neugierig und aufgeschlossen gegenüberstand. Immer erstmal anschauen, ausprobieren, und dann erst urteilen, ob es was ist. Mittlerweile macht mir das alles nur noch Angst. Ich habe das Gefühl, die Body Snatchers sind schon unterwegs in unseren Straßen, und wenn wir nicht aufpassen, verwandeln wir uns bald alle in Zombies. (Aber immerhin sehr belesene.)

 

Advertisements

9 Kommentare zu “Liest du noch oder spritzt du schon?

  1. Das Irre daran ist ja: Lesen wird doch eigentlich zur Kunst erst durch die Distanz, die man als Leser zum Gelesenen aufbaut. Ein richtig tolles Buch zeigt seine Qualität ja, wenn ich mit der Haltung drangehe: „Ich hasse dieses Drecksding!“, und dann verführt es einen aber doch. Wie bei einem guten Bier, wenn man sich hundert Mal gesagt hat: „Den Abend schaffe ich auch ohne!“, und dann macht man aber doch eins auf, und dann das zweite, das dritte … Klar kann man sich den Alkohol mit Schnaps schneller in die Blutbahn injizieren! Aber wozu? Weil man dann sagen kann, man sei acht Mal mehr besoffen gewesen, als man es vor Erfindung des Schnaps geschafft hätte? Es gibt ja ohnehin kaum noch Leute, die ein Gefühl für Stilunterschiede haben, aber mit so einer Einspritzung von Alphabetismen wird da ja auch noch der letzte Rest eliminiert. Das Schlimmste sind diese 1.000-Seiten-am-Abend-Verschlinger, weil die genauso gut auch Tennis mit der Wii spielen könnten, oder was man als Technikjunkie so macht. Diese Spritz-Technik ist bestimmt nützlich für Präsidenten, die sich innerhalb allerkürzester Zeit Briefings zur Atompolitik Japans reinpfeifen müssen. Irgendwas bleibt ja im Hirn bestimmt kleben. Aber bei Proust, um bei Deinem Beispiel zu bleiben, bliebe wohl nur hängen: „Proust gelesen! Wollte ich schon immer mal machen!“ Und dieser grundstürzende Gedanke wird dann sofort getwittert. — Entschuldige die feindliche Übernahme Deines Blogs, den wir übrigens sehr schätzen, durch diesen ausufernden Kommentar. Dein Hermann

    • Immer gerne, lieber Hermann. Ich glaube ja, dass selbst Präsidenten sich das japanische Atomprogramm besser von einem Experten in einem viertelstündigen Referat darlegen lassen sollten. Für das hochgespritzte Powerlesen sehe ich in der Tat überhaupt keinen vernünftigen Verwendungszweck. Aber das mag auch mein persönlicher, verbohrter Konservatismus sein. Seit der NSA-Sache misstraue ich einfach jeglicher Technik und jeglicher Technikbegeisterung. Vorhin ging mein Handy von alleine aus und dann von alleine wieder an. Früher hätte man achselzuckend gesagt: Mei, es spinnt halt wieder mal ein bisschen. Heute gefriert einem fast das Blut in den Adern.

      • Grauenvoll. Aber probiert selbst.

        Das Ganze ist eine Forderung des Informationszeitalters, um noch schaffen was man schaffen muss, oder meint zu müssen, ein Verschieben (eine Fortsetzung), aber keine Lösung unseres Zeitproblems (an Literatur hat da niemand gedacht).

      • Grauenvoll, du sagst es. Danke für den Link. Man wird ja fast wahnsinnig, wenn man das nur für ein paar Minuten ausprobiert. Maschinell getaktetes Turbolesen, das einen Dialog des Lesers mit dem Text völlig verunmöglicht. Mitdenken unerwünscht, nur reinpressen in den Schädel. Ließe sich für Propagandazwecke schön nutzen, so ein vorgetaktet technifiziertes Lesen.
        An Literatur hat da in der Tat niemand gedacht, und an Literatur denkt ja wahrscheinlich sowieso kaum jemand überhaupt noch. Vielleicht wächst von hier her der Literatur wieder eine neue Bedeutung zu – ich knabbere ja immer noch an deinem Versuch, den Begriff zu definieren – als eine Form von Widerstand gegen die totale Technifizierung von allem?

      • Ich glaube, ich würde mir kaum etwas merken, eben weil man gar nicht in einen Dialog treten kann (und als Suchmöglichkeit auch nicht geeignet, daran dachte ich eigentlich zuerst).

        Welche Definition meinst Du?

      • Hast du mehrere Definitionen auf Lager? Ich meine den Artikel bei Begleitschreiben, vor einem halben Jahr ungefähr. Du hattest da unter anderem auch auf mich verlinkt, weswegen ich immer dachte, ich müsste da auch mal was dazu sagen. Aber mir fiel nie was Vernünftiges ein.

      • Nein (vielleicht, wenn ich noch einmal darüber nachdenke). Aber ein Link soll keine Verpflichtung darstellen, die Diskussion bei Dir hat mich erst dazu angeregt, insofern muss ich „danke“ sagen!

      • Warum ist’s eigentlich so grauenvoll? Könnte ja auch eine Erleichterung sein. Dieses lineare Abscannen ist ja doch mühselig, viele Augenbewegungen und wenn man dann auch noch beim Zeilenumbruch verrutscht; nervtötend. (Aber das ist natürlich Aufgabe des Typographen: einen lesbare Schrifttyp zu kreiieren und den Schriftsatz ordentlich zu halten.)

        Was mich schmunzeln ließ: Dass sie eine Rubrik „The Science“ haben und auch mit irgendwelchen wissenschaftlich klingenden Abkürzungen wie „OPR“ oder so ähnlich um sich werfen… während es mir ziemlich problematisch vorkommt, dass der Text in jedes einzelne Wort zerhackt wird – ich hätte erwartet, dass man zumindest mehrere Wörter zusammenpackt.. aber dann hätte man wohl schon wieder eine Zeile. Allerdings geht so für mich der Kontext verloren, bzw. gibt es ja unnütze Füllwörter oder Kopula, die man eigentlich überspringen kann und es müsste ja einen Unterschied machen, ob da „ist“ angezeigt wird oder „Krokodilstränenvergießer“ – wahrscheinlich werden’s dass alles schon bedacht haben, aber ein bisschen skeptisch bin ich schon, was da passiert wenn man da Thomas Mannsche Satzperioden drüberhaut. (Nebenfrage: Wie ist das dann eigentlich bei automatisierten Sprachausgaben; hilft uns die Phrasierung, etc. die ein menschlicher Vorleser automatisch macht beim Textverständnis? Wäre mal eine interessante Untersuchung) Das Zeug is‘ vielleicht für (simple) English noch am Besten, tja. Aber Top-Marketing haben’s wohl und der Name is‘ doch immerhin ganz amüsant.

  2. Gerade für Nachrichten kann ich es mir gut vorstellen – nicht die maximale Geschwindigkeit, aber schon. Wenn man ein Thema über eine längere Zeit verfolgt, fällt einem auf, wie wenig sich am Informationsgehalt und der Sprache ändert – ich kapituliere dann meist, weil ich es als Zeitverschwendung erachte und lese nurmehr die Überschriften und die Appetizer.
    Für Literatur und neue, schlecht geschriebene oder komplizierte wissenschaftliche Lektüre kann ich es mir allerdings nicht vorstellen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s