Mythos und Wahrheit

Der einzige Gefallene, den meine Familie in zwei Weltkriegen zu beklagen hatte, war mein Großonkel Bruno, der Bruder meiner Großmutter. Ich weiß nicht viel über ihn, das einzige Bild, das ich von ihm habe, zeigt ihn eingerahmt von seinen beiden Schwestern, links im Bild meine Großmutter mit dem für sie charakteristischen melancholischen Blick.

Geschwister Junge

Sie schauen so erwachsen drein, diese Kinder, dass es mir schwerfällt, die Fotografie zu datieren. Vielleicht 1908, schätze ich mal ganz vorsichtig, dann wäre meine Großmutter neun, ihr Bruder zwölf Jahre alt. Wenige Jahre später sollte er fallen, am 4. November 1914 in der Flandern-Schlacht.

Meine Mutter, wann immer die Rede darauf kam, bediente sich immer der exakt gleichen Worte, wenn sie über diesen ihren Onkel sprach: „Das Notabitur in der Tasche und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ sei er bei der ersten Feindberührung bei Langemarck sofort getötet worden. Ich habe das nie hinterfragt, habe mir das immer bildlich genau so vorgestellt, wie er da singt und die Abitururkunde ihm aus der Jackentasche ragt, bis er getroffen wird und tot hinfällt. Umso überraschter war ich, im Münkler auf exakt dieselbe Formulierung zu stoßen:

Es fehlte diesen Einheiten jedoch an Erfahrung, an taktisch geschulten Offizieren und an Ausrüstung; sie verfügten nur über wenige Maschinengewehre, kaum Artillerie und hatten zudem das Zusammenwirken dieser Waffen auf dem Gefechtsfeld nicht geübt. All diese Mängel sollten sie durch Mut und Opferbereitschaft wettmachen. Das ist der Kern dessen, was in Deutschland dann als Langemarckmythos Verbreitung gefunden hat: die Erzählung vom todesmutigen Opfergang der aus den Universitäten zu den Fahnen geströmten Kriegsfreiwilligen, die bei Langemarck mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gegen die feindlichen Stellungen angestürmt seien. Diese Erzählung wurde schließlich so dominant, dass die deutsche Seite die gesamte, viel größere Schlacht in Flandern nach einem im Grunde strategisch unbedeutenden Gefecht benannte.
(Herfried Münkler, „Der große Krieg“, S. 207, Hervorhebung von mir.)

Man schickt also schlecht ausgebildete und schlecht ausgerüstete halbe Kinder in eine unsinnige Schlacht und erfindet dann nach der zu erwartenden verlustreichen Niederlage etwas von begeistertem Deutschlandliedgesinge, um die Katastrophe und das eigene Versagen irgendwie zu einem heroischen Opfergang umzudeuten. Und der Witz ist: es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass noch 100 Jahre später die Nachgeborenen mit denselben Floskeln über das Ereignis sprechen. Sowohl meine Tante als auch mein Onkel, die ich anrief, um noch mehr Informationen über meinen Großonkel zu erfragen, bedienten sich derselben Worte. Wen immer ich nach meinem Großonkel frage, er erzählt mir was vom Deutschlandlied. Münkler kommentiert trocken: „Ob es tatsächlich möglich ist, während eines Sturmangriffs zu singen, erscheint fraglich.“ (S. 208)

Im speziellen Fall meines Großonkels erscheint das alles noch tragischer, denn seine Mutter war gebürtige Engländerin. Englisch war im wahrsten Sinn des Wortes seine Muttersprache. Da vier oder fünf Schwestern meiner Urgroßmutter mit im Haus wohnten, wurde dort wohl tatsächlich mehr englisch als deutsch gesprochen. Und ausgerechnet er musste beim sinnlosen Anrennen gegen englische Stellungen den Tod finden, und dann dichtet man ihm auch noch ein „Deutschland, Deutschland über alles“ auf die Lippen.

Meine Urgroßeltern sollen den Verlust des einzigen Sohnes nie verwunden haben. Die Urgroßmutter starb 1918, viel zu jung, an gebrochenem Herzen, wie man übereinstimmend feststellte. Der Urgroßvater bat um seine Entlassung aus dem Schuldienst, da er nervlich zerrüttet sei und sich auf den Unterricht nicht mehr konzentrieren könne. Meine Großmutter musste dann noch einen Weltkrieg erleben. Wenn ich als Kind mit meiner Spielzeugpistole herumfuchtelte, ermahnte sie mich ruhig und eindringlich: das Schlimmste, was es auf der Welt gebe, sei der Krieg.

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16 Kommentare zu “Mythos und Wahrheit

  1. Der Langemarck-Mythos ist wirklich sehr erstaunlich und ein grandioser Erfolg der deutschen Propaganda. Ernst Piper schreibt in seinem Buch ‚Nacht über Europa‘ ebenfalls sehr lesenswert dazu (S. 90ff.).

    • Ja, dabei ist das Ganze ja so offensichtlich widersinnig. Münkler schreibt ganz klar: „Jedem, der militärische Kommuniqués zu lesen verstand, musste klar sein, dass die Opfer der Freiwilligenregimenter militärisch völlig sinnlos gewesen waren.“ Erstaunlich, dass sich der Propaganda-Unsinn dennoch durchsetzen konnte gegen die simple Wahrheit.

      • Piper erklärt das damit, daß diese Version an traditionelle Vorstellungen vom Krieg anknüpfen konnte.
        Den Münkler nehme ich als nächstes in Angriff.

      • Interessant. Münkler beschreibt nämlich, dass wegen veralteter Vorstellungen von Kriegsführung gerade am Anfang des Kriegs militärisch so verhängnisvolle Fehler gemacht wurden, unter anderem eben in Flandern. Das korrespondiert gewissermaßen.

  2. Veraltete Taktiken treffen auf veraltete Heldenmythen. Und doch schafft es der Krieg nicht bis nach Deutschland. Kaum vorstellbar, welcher Blutzoll hier entrichtet worden ist, damit keine einzige Kampfhandlung den Deutschen in der Heimat angesichtig wurde.

    • Stimmt nicht ganz. In Ostpreußen haben die Russen ganz schön gewütet damals. Das ist aber völlig vergessen heute, ich weiß es auch erst jetzt durch die Münklerlektüre. Aber das nur am Rande. Die Tragik besteht ja darin, dass die veralteten Taktiken bald abgelegt wurden, da waren die Deutschen sehr lernfähig und lernbereit. Aber die veralteten Heldenmythen waren langlebiger, von Langemarck bis hin zur Dolchstoßlegende, die am Aufkommen der Nazis und damit dem 2. Weltkrieg dann auch ihren Anteil hatte. Und da wimmelte es ja dann auch wieder von erlogenen Heldenmythen.

  3. Die Sonntagsleserin #KW11 | Literaturen

  4. Für den ersten Weltkrieg gilt im Besonderen, dass keiner im Vorhinein wusste wie grausam dieser Krieg werden würde. Der Langemarck-Mythos entstand wohl aus der in Teilen tatsächlich vorhandenen Kriegsbegeisterung und der notwendig gewordenen Verklärung der Gemetzel (unbewusst und bewusst). Man könnte auch sagen: Viele der Freiwilligen stellten sich den Krieg so vor (man darf auch nicht den siegreichen Krieg und die Reichsgründung 1870/71 vergessen, das hatten sicherlich viele vor Augen).

    • Das ist richtig. Deswegen wäre es umso wichtiger gewesen, diese Freiwilligen erstmal vernünftig auszubilden, damit ihnen klar wird, dass jetzt der Krieg eben nicht mehr so ist, wie sie es sich nach der Lektüre ihrer patriotischen Abenteuerbücher vorstellten. Wie grausam der 1. Weltkrieg werden würde, wusste 1914 zwar wirklich niemand, aber dass die Flandernschlacht am Scheitern des Schlieffenplans nichts mehr ändern würde, wussten die erfahreneren Militärs auch damals schon. Dort dennoch unerfahrene Freiwillige zu verheizen war fahrlässig und dumm. Im Nachhinein einen Mythos daraus zu stricken eine propagandistische Sauerei.

      • Vielleicht erhoffte man sich doch noch durchzubrechen, jedenfalls brauchte man rasch neue Kräfte (oder meinte das zumindest). — Verantwortungslos war es in jedem Fall (ich vermute, dass der Mythos auch gewachsen ist, nicht nur propagandistisch gemacht wurde).

      • Der Mythos vom Deutschlandlied hat seinen Ursprung tatsächlich in einer Mitteilung der Obersten Heeresleitung, die offensichtlich der Verschleierung und Beschönigung der katastrophalen Lage dienen sollte. Aber es stimmt natürlich, dass solche Mythen dann im Lauf der Zeit eine gewisse Eigendynamik entwickeln und erst auf diese Weise dann wirklich zu Mythen im Wortsinne werden.

  5. Beim Einrücken in den WK I hieß es immer ritualisiert: „Mit dem ‚Faust‘ im Tornister.“ Witzig, dass auch der Sichter und Ordner erst den „Faust“ las (mit wenig Gewinn), um sich dann in die Schützengräben bei Verdun und andernorts zu stürzen!

    • Ich dachte immer, der Spruch hieße „Mit Hölderlin im Tornister“. Oder war das schon die Phrase, mit der man im 2. Weltkrieg die Wehrmacht zu einem Club von poetischen Feingeistern stilisieren wollte? Bin schon ganz verwirrt.

  6. Es ist auch interessant wie das die Vorstellung von Krieg prägt. Dass man es tatsächlich für möglich hält, dass man mit schwerem Gepäck auf den Schultern und vermutlich auch Angst im Nacken noch in der Lage ist das Deutschlandlied „aus voller Brust“ zu singen.

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