Ohne Rest

Im Haus gegenüber ist kürzlich jemand gestorben. Es hat mir keiner erzählt, (ich kenn da ja gar niemanden), aber ich sah es an dem LKW, der plötzlich dastand, und in den man den kompletten Inhalt einer Wohnung verfrachtete. Ich wunderte mich selbst darüber, wie man auf den ersten Blick einen normalen Umzug von der Entrümpelung einer durch Todesfall plötzlich herrenlos gewordenen Wohnung unterscheiden kann. Es bestand gar kein Zweifel. Die Achtlosigkeit, mit der die Arbeiter die Sachen herumstießen, wie kreuz und quer alles auf dem Bürgersteig herumstand, um dann wahllos und lieblos in den Lastwagen geschmissen zu werden. Alte Möbel, bestimmt völlig wertlos, aber doch erzählend von langer und pfleglicher Benutzung; Kisten und Säcke voll hastig zusammengestopften Zeugs. Auf einen Blick erzählten diese Dinge davon, dass sie nur für einen einzigen Menschen je Bedeutung gehabt hatten, und mit dessen Tod jetzt so schnell wie möglich weg mussten. Je weiter die Ausräumung, die ich von meinem Balkon aus gut einsehen konnte, fortschritt, desto mülliger wurden die Dinge, die man da raustrug. Zuletzt eine ganze Wagenladung voller Bretter, die offenbar mal Holzdecken und Wandvertäfelungen dargestellt hatten. Alles, restlos alles musste raus und direkt zum Müll. Gearbeitet wurde rasch und effizient. Niemand, der nochmal irgendeinen Zettel oder Gegenstand in der Hand herum gedreht hätte. Fast hätte ich runter rennen mögen, mir irgendwas aus diesen Müllbergen herausnehmen, damit die Erinnerung an diesen Menschen, den ich doch selbst gar nicht gekannt hatte, nicht so vollkommen restlos ausgelöscht und weggemüllt würde.

Mythos und Wahrheit

Der einzige Gefallene, den meine Familie in zwei Weltkriegen zu beklagen hatte, war mein Großonkel Bruno, der Bruder meiner Großmutter. Ich weiß nicht viel über ihn, das einzige Bild, das ich von ihm habe, zeigt ihn eingerahmt von seinen beiden Schwestern, links im Bild meine Großmutter mit dem für sie charakteristischen melancholischen Blick.

Geschwister Junge

Sie schauen so erwachsen drein, diese Kinder, dass es mir schwerfällt, die Fotografie zu datieren. Vielleicht 1908, schätze ich mal ganz vorsichtig, dann wäre meine Großmutter neun, ihr Bruder zwölf Jahre alt. Wenige Jahre später sollte er fallen, am 4. November 1914 in der Flandern-Schlacht.

Meine Mutter, wann immer die Rede darauf kam, bediente sich immer der exakt gleichen Worte, wenn sie über diesen ihren Onkel sprach: „Das Notabitur in der Tasche und mit dem Deutschlandlied auf den Lippen“ sei er bei der ersten Feindberührung bei Langemarck sofort getötet worden. Ich habe das nie hinterfragt, habe mir das immer bildlich genau so vorgestellt, wie er da singt und die Abitururkunde ihm aus der Jackentasche ragt, bis er getroffen wird und tot hinfällt. Umso überraschter war ich, im Münkler auf exakt dieselbe Formulierung zu stoßen:

Es fehlte diesen Einheiten jedoch an Erfahrung, an taktisch geschulten Offizieren und an Ausrüstung; sie verfügten nur über wenige Maschinengewehre, kaum Artillerie und hatten zudem das Zusammenwirken dieser Waffen auf dem Gefechtsfeld nicht geübt. All diese Mängel sollten sie durch Mut und Opferbereitschaft wettmachen. Das ist der Kern dessen, was in Deutschland dann als Langemarckmythos Verbreitung gefunden hat: die Erzählung vom todesmutigen Opfergang der aus den Universitäten zu den Fahnen geströmten Kriegsfreiwilligen, die bei Langemarck mit dem Deutschlandlied auf den Lippen gegen die feindlichen Stellungen angestürmt seien. Diese Erzählung wurde schließlich so dominant, dass die deutsche Seite die gesamte, viel größere Schlacht in Flandern nach einem im Grunde strategisch unbedeutenden Gefecht benannte.
(Herfried Münkler, „Der große Krieg“, S. 207, Hervorhebung von mir.)

Man schickt also schlecht ausgebildete und schlecht ausgerüstete halbe Kinder in eine unsinnige Schlacht und erfindet dann nach der zu erwartenden verlustreichen Niederlage etwas von begeistertem Deutschlandliedgesinge, um die Katastrophe und das eigene Versagen irgendwie zu einem heroischen Opfergang umzudeuten. Und der Witz ist: es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass noch 100 Jahre später die Nachgeborenen mit denselben Floskeln über das Ereignis sprechen. Sowohl meine Tante als auch mein Onkel, die ich anrief, um noch mehr Informationen über meinen Großonkel zu erfragen, bedienten sich derselben Worte. Wen immer ich nach meinem Großonkel frage, er erzählt mir was vom Deutschlandlied. Münkler kommentiert trocken: „Ob es tatsächlich möglich ist, während eines Sturmangriffs zu singen, erscheint fraglich.“ (S. 208)

Im speziellen Fall meines Großonkels erscheint das alles noch tragischer, denn seine Mutter war gebürtige Engländerin. Englisch war im wahrsten Sinn des Wortes seine Muttersprache. Da vier oder fünf Schwestern meiner Urgroßmutter mit im Haus wohnten, wurde dort wohl tatsächlich mehr englisch als deutsch gesprochen. Und ausgerechnet er musste beim sinnlosen Anrennen gegen englische Stellungen den Tod finden, und dann dichtet man ihm auch noch ein „Deutschland, Deutschland über alles“ auf die Lippen.

Meine Urgroßeltern sollen den Verlust des einzigen Sohnes nie verwunden haben. Die Urgroßmutter starb 1918, viel zu jung, an gebrochenem Herzen, wie man übereinstimmend feststellte. Der Urgroßvater bat um seine Entlassung aus dem Schuldienst, da er nervlich zerrüttet sei und sich auf den Unterricht nicht mehr konzentrieren könne. Meine Großmutter musste dann noch einen Weltkrieg erleben. Wenn ich als Kind mit meiner Spielzeugpistole herumfuchtelte, ermahnte sie mich ruhig und eindringlich: das Schlimmste, was es auf der Welt gebe, sei der Krieg.

Krieg

Ich weiß, ich müsste mich auch mal wieder mit etwas anderem beschäftigen als immer nur mit Krieg. Mir ist selber schleierhaft, warum mich dieser Dämon im Moment einfach nicht loslässt. Die Jüngerschen „Strahlungen“ musste ich dennoch jetzt mal unterbrechen. Es ist kein schlechtes Buch, im Gegenteil, interessante Beobachtungen und Reflexionen, aber ein Übermaß an Melancholie strömt aus dieser Sprache – das knüppelt einen auf die Dauer nieder. Obwohl es faszinierend zu lesen ist, wie Jünger sich auch auf dem Höhepunkt der militärischen Erfolge der Deutschen keinerlei Illusionen hingibt, weit entfernt von patriotischem Hurrageschrei im völlig klaren Bewusstsein darüber ist, hier einer absoluten Menschheitskatastrophe beizuwohnen. Ich brauchte trotzdem mal eine Pause.

Und wenn ich nicht so richtig weiß, was ich lesen soll, dann ist es eine alte Strategie von mir, mich den Klassikern zuzuwenden. Goethe, dachte ich, das kann man doch mal kurz einschieben, die Iphigenie vielleicht, die findet doch der Robert so toll. Aber zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass ich die Iphigenie gar nicht besitze. Ich war mir sicher, sie müsste bei den Reclams irgendwo rumstehen. Tat sie aber nicht. Dann eben den Faust, den habe ich ja auch seit der Schulzeit nicht mehr in der Hand gehabt, das ist doch ein großartiges Stück Literatur, und ganz ohne Krieg. Genau die Abwechslung, nach der ich gesucht hatte, dachte ich.

Aber es ging nicht. Diese Verse kamen mir so abgenudelt vor, so ausgeleiert und verbraucht, es war furchtbar. Außerdem verstand ich beim besten Willen das Problem nicht, unter dem dieser Faust so leidet, dass er sich mit dem Teufel einlässt. Dieser seltsame Wissenswahn, die irre Suche nach einem echten Wissen, das kein Bücherwissen wäre. Die Zaubersprüche, Geistergesäusel, die ganze Sache mit den zwei Seelen in der Brust: Unverständlich. Als dann das biedere Gretchen noch dazukam, musste ich das Buch endgültig weglegen.

Jetzt also doch Herfried Münklers dickes Buch über den Ersten Weltkrieg. Von der ersten Seite an fesselnd, die perfekte Gegenperspektive zu Jüngers Kriegstagebuch 1914–18. Manchmal drängt sich ein Thema einfach an einen heran, man weiß nicht warum, aber man muss sich dann wohl fügen. Widerstand scheint zwecklos, Flucht unmöglich.

Halb und halb und durch und durch

Zu Lewitscharoff ist ja alles schon gesagt. Ich hatte eigentlich nicht vor, mich dazu auch nochmal eigens zu äußern. Bis mir heute nachmittag, während ich so ganz langsam und kontemplativ in der Küche eine Lasagne zusammenbastelte, einfiel, dass ich ja eventuell sogar selbst als so ein Halbwesen zu gelten habe, vor denen es der Lewitscharoff so graust.

Meine Eltern, die sich sehnlich Kinder wünschten und ewig keine bekamen, gingen schließlich zum Arzt, ließen sich untersuchen. Ich hoffe es sehr und bin mir aber auch ziemlich sicher, dass dies nicht die einzige Gelegenheit war, wo mein Vater sich über das biblische Onanieverbot hinwegsetzte. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass eine gewisse Dysfunktion im Körper meiner Mutter dafür verantwortlich war, dass sie mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nie Kinder kriegen würde. Ein operativer Eingriff am Eierstock könne aber die Wahrscheinlichkeit um einiges heraufsetzen. Meine Mutter unterzog sich diesem Eingriff und bald darauf kam meine Schwester zur Welt. Drei Jahre später ich selbst.

In dunkleren Momenten meines Lebens habe ich mir selber manchmal eingeredet, dass ich natürlicherweise ja gar nicht hätte entstehen können und daher auch nicht hätte leben sollen, sagt doch schon Sophokles, das Beste sei es, nicht geboren zu werden, das Zweitbeste aber, schnell dahin zurückzukehren, woher man kam: ins Nichts. Von machbarkeitsbesessenen Frankensteins, die mit ihren Messern den Körper meiner Mutter manipuliert haben, fühlte ich mich da unrechtmäßig und widernatürlich in die Existenz gezwungen.

Aber naja, was soll ich sagen: Das Leben hellt sich dann auch wieder auf, und heute, als ich so gemütlich die Lasagne kochte, die Abendsonne schien noch in die Küche rein, und dann kam H. mit den Kindern nach Hause, wir aßen und spaßten herum – da fühlte ich nichts von einem Geburtsfehler in mir. Ich atme, denke, perzipiere. Bin durch und durch und ganz und gar ein Mensch. Nicht mehr und nicht weniger.