Klopfen und Stampfen

Paco de Lucia ist gestorben. In allen Nachrufen kann man jetzt lesen, dass er den Flamenco um Elemente des Jazz bereichert, das traditionelle Genre aus seinen engen Grenzen geführt hat. Das stimmt natürlich. Solche Bewegungen haben aber manchmal auch seltsame Rückkopplungseffekte beim Rezipienten.

Wäre mir Paco de Lucia nicht von gemeinsamen Aufnahmen mit meinem damaligen Jazzhelden John McLaughlin bekannt gewesen, wäre ich vielleicht überhaupt nie mit dem Flamenco in Berührung gekommen, den ich nur als ein Klischeebild mit einer komisch aufgetakelten und seltsam sich verrenkenden Tänzerin im Kopf hatte. Durch den Gewährsmann Paco de Lucia wagte ich einen Blick durch den Türspalt zu dieser Volksmusik hin. Und wollte sie von da an so unjazzig und unpoppig wie möglich. In ihrer Urform. Ein paar Leute, die um einen Tisch sitzen, sich langsam auf einen Rhythmus einklopfen, der immer komplexer wird, ein Gitarrist und ein Sänger, der mehr schreit als singt, von tiefstem Leid klagt, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und alle klopfen und klatschen und stampfen sich immer mehr in Ekstase.

Plötzliche Erinnerung, wie mir die blöde Wiesbuchnerin bei den Proben zu einem Streichquartett mal verbieten wollte, mit dem Fuß den Takt mitzustampfen. Es war ein Schubert Streichquartett, wie ich mich noch genau erinnere. Ob ich den Takt nicht auch ohne das verdammte Stampfen halten könne, man höre das so laut. Ich kochte innerlich. Nein, das könne ich leider nicht, sagte ich, und stampfte extra laut weiter.

Jede Musik lebt von diesem Stampfen und Klatschen und Klopfen und Schlagen. Von Geräuschen, die in keiner Partitur stehen, und dennoch wesentlich dazugehören. Die das Moment der jetzt und hier stattfindenden Aufführung erst hörbar machen. Das sind die Buschtrommeln, aus denen die Musik entstanden ist. Durch sie stellt sich die Kommunikation unter den Musikern erst her, und wenn es glückt, überträgt sich der jetzt lebendige Rhythmus auch auf die Zuhörer. Sobald das unterdrückt wird, ist es nur noch leblose Kunstmusik, tot.

Wie lebendig auch und gerade eine sehr alte Musik sein kann, habe ich von Leuten wie Glenn Gould und Paco de Lucia gelernt, die nicht nur irgendeine Partitur runternudelten, sondern sie mit ihrem Ächzen, Stöhnen, Klopfen und Stampfen zum Leben erweckt haben.

Dementsprechend Paco de Lucia hier nicht an der Gitarre, sondern nur als genialer Tischklopfer:

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