Verstrahlungen

Mit einem Aufatmen hatte ich das Kriegstagebuch Jüngers zugeklappt, das ganze Thema Jünger und Krieg und Tagebücher war damit vorerst erledigt. Jetzt erstmal wieder eine Pause mit Tagebüchern. Auch das kürzlich erworbene Echolot muss noch ein bisschen warten, dachte ich, und weil so schönes Wetter war, beschloss ich, einen Spaziergang zu machen, beim Gehen kommt man ja oft auf die besten Gedanken, und tatsächlich fiel mir ein, ich könnte, statt immer beim bösen Amazon einzukaufen, auch noch den Umweg zur kleinen Buchhandlung nehmen und mir da neuen Lesestoff besorgen. Über Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ hatte ich kürzlich Rühmendes gelesen, das wär doch was. Ich ging also in den Buchladen rein, stöberte mich durchs Regal, den Calvino hatten sie natürlich nicht. Dann eben Primo Levi, dachte ich: „Das periodische System“, will ich seit Jahren lesen. Hatten sie auch nicht. Naja, um die Geschichte abzukürzen: Ich verließ den Laden mit „Strahlungen I“, Ernst Jüngers Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Erster Eindruck: Ganz anderer Stil als die schnell hingerotzten Hefte aus dem Ersten Weltkrieg. Brutal gestelzt, geheimnisschwanger, von übertriebenem Stilwillen geprägt. Aber doch auch interessant, das jetzt direkt hinter dem Kriegstagebuch des Ersten Weltkriegs hinterherzulesen. Eben sauste er noch als Zwanzigjähriger durch die Schützengräben, jetzt harkt er mit Mitte Vierzig seinen Garten um und sieht den nächsten Weltkrieg heraufziehen:

In diesen Wochen rückten die Deutschen in Böhmen, Mähren, Memel und die Italiener in Albanien ein. Alle Zeichen deuten auf Krieg in kurzer Zeit; ich tue daher gut, damit zu rechnen, daß ich die Arbeit niederlegen muß. […] Auf alle Fälle hat dann die Feder ganz zu ruhen, bis auf das Tagebuch. Die Arbeit muß den Augen übertragen werden, denn an Schauspiel wird kein Mangel sein. (16. April 1939)

Bemerkenswert, dass er jetzt der Tagebuchform wirklich vertraut, sie für das angemessene Gefäß dieser Erzählung nimmt. Ich habe ja im vorigen Text gar nicht genug deutlich gemacht, dass Jünger das Kriegstagebuch des Ersten Weltkriegs nie selber veröffentlicht hat. Er benutzte es zwar als Grundlage für die Stahlgewitter, aber die sind doch ein völlig anderes Buch, eher eine Art Tatsachenroman, der sich des Tagebuchmaterials nur wie aus einem Steinbruch bedient.

Wie gesagt, der Stil ist gewöhnungsbedürftig, mal sehen wie weit ich komme. Goetz schrieb über Jünger, er sei der schlechteste Schritsteller von Rang gewesen, und allein das habe er immer schon so toll gefunden. Mir wäre es lieber, wenn er ein bisschen besser – im Sinne von lockerer, unverkrampfter – geschrieben hätte. Aber dann fasziniert er mich einfach als Person wieder wahnsinnig: 102 Jahre, zwei Weltkriege mitgemacht, beide verloren, die Kriegerpose, das Käfersammeln, die Naturliebe, die Drogenexzesse, die Kälte des Denkens. Alles sehr widersprüchlich, dunkel, faszinierend. Voll verstrahlt, wie man früher gesagt hätte.

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Ein Kommentar zu “Verstrahlungen

  1. Die Kaukasischen Aufzeichnungen werden dann ziemlich elend.

    Mir Jünger vergällt worden, als ich als Oberstufenschüler die Feindseligkeit gegen ihn, als er den Goethepreis der Stadt Frankfurt erhielt, erlebte. Die allgemeine Meinung beeinflusste mich und er war tabu. Hätte ihn so früh aber eh besser nicht gelesen. Viel später mit Siebzig verweht aus der Bücherei eingestiegen und dann ziemlich viel gelesen. Stahlgewitter, Gärten und Straßen, Strahlungen wohl, Marmorklippen, das abenteuerliche Herz. Nichts Politisch-Programmatisches jedoch. Den Bruder auch nicht. Das kühl Ästhetische fand ich immer interessant, nahe Französischem. Kristallklar, unmenschlich, wie ein Glasperlenspiel, aber mit aufgepfropftem, übergestülptem Wertekorsett. Sich nur mühsam mit Schneid gegen dionysischen Urgrund behauptend.

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