Klopfen und Stampfen

Paco de Lucia ist gestorben. In allen Nachrufen kann man jetzt lesen, dass er den Flamenco um Elemente des Jazz bereichert, das traditionelle Genre aus seinen engen Grenzen geführt hat. Das stimmt natürlich. Solche Bewegungen haben aber manchmal auch seltsame Rückkopplungseffekte beim Rezipienten.

Wäre mir Paco de Lucia nicht von gemeinsamen Aufnahmen mit meinem damaligen Jazzhelden John McLaughlin bekannt gewesen, wäre ich vielleicht überhaupt nie mit dem Flamenco in Berührung gekommen, den ich nur als ein Klischeebild mit einer komisch aufgetakelten und seltsam sich verrenkenden Tänzerin im Kopf hatte. Durch den Gewährsmann Paco de Lucia wagte ich einen Blick durch den Türspalt zu dieser Volksmusik hin. Und wollte sie von da an so unjazzig und unpoppig wie möglich. In ihrer Urform. Ein paar Leute, die um einen Tisch sitzen, sich langsam auf einen Rhythmus einklopfen, der immer komplexer wird, ein Gitarrist und ein Sänger, der mehr schreit als singt, von tiefstem Leid klagt, in einer Sprache, die ich nicht verstehe, und alle klopfen und klatschen und stampfen sich immer mehr in Ekstase.

Plötzliche Erinnerung, wie mir die blöde Wiesbuchnerin bei den Proben zu einem Streichquartett mal verbieten wollte, mit dem Fuß den Takt mitzustampfen. Es war ein Schubert Streichquartett, wie ich mich noch genau erinnere. Ob ich den Takt nicht auch ohne das verdammte Stampfen halten könne, man höre das so laut. Ich kochte innerlich. Nein, das könne ich leider nicht, sagte ich, und stampfte extra laut weiter.

Jede Musik lebt von diesem Stampfen und Klatschen und Klopfen und Schlagen. Von Geräuschen, die in keiner Partitur stehen, und dennoch wesentlich dazugehören. Die das Moment der jetzt und hier stattfindenden Aufführung erst hörbar machen. Das sind die Buschtrommeln, aus denen die Musik entstanden ist. Durch sie stellt sich die Kommunikation unter den Musikern erst her, und wenn es glückt, überträgt sich der jetzt lebendige Rhythmus auch auf die Zuhörer. Sobald das unterdrückt wird, ist es nur noch leblose Kunstmusik, tot.

Wie lebendig auch und gerade eine sehr alte Musik sein kann, habe ich von Leuten wie Glenn Gould und Paco de Lucia gelernt, die nicht nur irgendeine Partitur runternudelten, sondern sie mit ihrem Ächzen, Stöhnen, Klopfen und Stampfen zum Leben erweckt haben.

Dementsprechend Paco de Lucia hier nicht an der Gitarre, sondern nur als genialer Tischklopfer:

Verstrahlungen

Mit einem Aufatmen hatte ich das Kriegstagebuch Jüngers zugeklappt, das ganze Thema Jünger und Krieg und Tagebücher war damit vorerst erledigt. Jetzt erstmal wieder eine Pause mit Tagebüchern. Auch das kürzlich erworbene Echolot muss noch ein bisschen warten, dachte ich, und weil so schönes Wetter war, beschloss ich, einen Spaziergang zu machen, beim Gehen kommt man ja oft auf die besten Gedanken, und tatsächlich fiel mir ein, ich könnte, statt immer beim bösen Amazon einzukaufen, auch noch den Umweg zur kleinen Buchhandlung nehmen und mir da neuen Lesestoff besorgen. Über Italo Calvinos „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ hatte ich kürzlich Rühmendes gelesen, das wär doch was. Ich ging also in den Buchladen rein, stöberte mich durchs Regal, den Calvino hatten sie natürlich nicht. Dann eben Primo Levi, dachte ich: „Das periodische System“, will ich seit Jahren lesen. Hatten sie auch nicht. Naja, um die Geschichte abzukürzen: Ich verließ den Laden mit „Strahlungen I“, Ernst Jüngers Tagebuch aus dem Zweiten Weltkrieg.

Erster Eindruck: Ganz anderer Stil als die schnell hingerotzten Hefte aus dem Ersten Weltkrieg. Brutal gestelzt, geheimnisschwanger, von übertriebenem Stilwillen geprägt. Aber doch auch interessant, das jetzt direkt hinter dem Kriegstagebuch des Ersten Weltkriegs hinterherzulesen. Eben sauste er noch als Zwanzigjähriger durch die Schützengräben, jetzt harkt er mit Mitte Vierzig seinen Garten um und sieht den nächsten Weltkrieg heraufziehen:

In diesen Wochen rückten die Deutschen in Böhmen, Mähren, Memel und die Italiener in Albanien ein. Alle Zeichen deuten auf Krieg in kurzer Zeit; ich tue daher gut, damit zu rechnen, daß ich die Arbeit niederlegen muß. […] Auf alle Fälle hat dann die Feder ganz zu ruhen, bis auf das Tagebuch. Die Arbeit muß den Augen übertragen werden, denn an Schauspiel wird kein Mangel sein. (16. April 1939)

Bemerkenswert, dass er jetzt der Tagebuchform wirklich vertraut, sie für das angemessene Gefäß dieser Erzählung nimmt. Ich habe ja im vorigen Text gar nicht genug deutlich gemacht, dass Jünger das Kriegstagebuch des Ersten Weltkriegs nie selber veröffentlicht hat. Er benutzte es zwar als Grundlage für die Stahlgewitter, aber die sind doch ein völlig anderes Buch, eher eine Art Tatsachenroman, der sich des Tagebuchmaterials nur wie aus einem Steinbruch bedient.

Wie gesagt, der Stil ist gewöhnungsbedürftig, mal sehen wie weit ich komme. Goetz schrieb über Jünger, er sei der schlechteste Schritsteller von Rang gewesen, und allein das habe er immer schon so toll gefunden. Mir wäre es lieber, wenn er ein bisschen besser – im Sinne von lockerer, unverkrampfter – geschrieben hätte. Aber dann fasziniert er mich einfach als Person wieder wahnsinnig: 102 Jahre, zwei Weltkriege mitgemacht, beide verloren, die Kriegerpose, das Käfersammeln, die Naturliebe, die Drogenexzesse, die Kälte des Denkens. Alles sehr widersprüchlich, dunkel, faszinierend. Voll verstrahlt, wie man früher gesagt hätte.

Verschreibungen

Endlich durch mit Jüngers Kriegstagebuch. Ein irres Buch, das mir sehr viele Gedankenketten in ganz verschiedene Richtungen losgetreten hat, gleichzeitig auch eine quälende Lektüre, entsetzlich, ich musste mehrmals unterbrechen und mich danach fast zwingen, das weiterzulesen, man hält es kaum aus, wünscht sich, dass dieser Krieg endlich endet, damit das Buch endet, oder umgekehrt. Insgesamt brauchte ich jetzt einen guten Monat, um das durchzulesen. Für Jünger waren es knapp vier Jahre, um es zu schreiben und ja wirklich auch zu leben. Zu überleben. Je berichtender ein Text auftritt, je mehr er an der Wirklichkeit entlang schreibt, desto sichtbarer wird paradoxerweise die unüberwindbare Kluft zwischen Schrift und Leben.

Aber von vorn, und vorab noch etwas zur Form: Ich rühme ja immer das oft als unliterarisch geschmähte Tagebuch als die offenste Form des Schreibens überhaupt, dahinter gibt es bloß noch die völlige Formlosigkeit. Die einzige formale Bedingung, die das Tagebuch setzt, ist doch die, dass man das Geschriebene eines Tages unter dem Datum dieses Tages notiert. Das Tagebuch will ja auch gar nicht hohe Literatur sein, hat aber trotzdem, durch die reine Notation der Abfolge der gelebten Tage, eine Form, erfüllt also diese Grundbedingung für Literatur, gleichzeitig aber ohne den Zwang, unbedingt Literatur sein zu müssen.

Der Autor setzt bloß einen Indikator, der anzeigt, an welchem Tag er die dem Indikator folgenden Sätze geschrieben hat, bis das nächste Datum einen neuen Tag indiziert undsoweiter. Was der Autor dann da hinschreibt, ist völlig ihm überlassen, er muss ja nicht den indizierten Tag beschreiben – das ist ja ein häufiger Vorwurf gegen das Tagebuch: was interessiert es mich, wann der aufsteht, und wieviel Kaffee er wo trinkt usw. Nein, der Autor hat völlige Freiheit, etwas Vergangenes zu erinnern, einen philosophischen Gedanken zu erörtern, ein Gedicht, eine Geschichte zu erfinden. Auch ob er für Leser schreibt, das Tagebuch also im Blick auf künftige Veröffentlichung hin schreibt, oder dezidiert nur für sich, als private Notizen: all das liegt völlig in der Hand des Autors. Das sind, nebenbei bemerkt, gravierende Unterschiede zum Blog: Das Blog ist erstens per se öffentlich, und die Blogsoftware zeigt den Text immer unter dem Datum der Veröffentlichung an. Über den Zeitpunkt, da der Text geschrieben wurde, erfährt der Leser eigentlich nichts, ich könnte hier Uralttexte von mir posten, die von einem längst vergangenen „Heute“ reden, und keiner würde es merken.

Aber ich schweife schon ab, drücke mich um den Jünger herum, so geht das nicht. Jünger also jetzt. Erste Frage: Ist ein Kriegstagebuch nochmal was ganz anderes als ein normales Tagebuch? Für Jünger offenbar schon. Die sehr gut edierte und ausführlich kommentierte Ausgabe des Kriegstagebuchs weist nirgends darauf hin, dass Jünger vorher auch schon Tagebuch geführt hätte, das Kriegstagebuch scheint also nicht Teil eines ohnehin von ihm geführten Tagebuchs zu sein. Er gibt auch gleich dem ersten Heft, begonnen am 30.12.1914, die Überschrift „Kriegstagebuch“. Und daran hält er sich, beschrieben wird wirklich nur der Krieg, nichts anderes. Wenn er im Lazarett liegt oder auf Heimaturlaub ist, wo er mal ungestört vom Kanonendonner schreiben könnte, macht er keine Eintragungen. Am Ende sind es 14 Hefte, bestehend aus dem Wahnsinn dieses Krieges, man glaubt überhaupt nicht, dass der Schreiber das alles überlebt. Jünger wählt innerhalb der Freiheit, die das Tagebuch gewährt, die Unmittelbarkeitsvariante: Will so schnell wie möglich die allerjüngsten Ereignisse schriftlich fixieren. Auf den letzten Blättern von Heft 14 – das ist schon nicht mehr Tagebuch, sondern Vorarbeit zu dem Buch „In Stahlgewittern“, das er aus den Tagebüchern destillierte – heißt es programmatisch:

Ich habe mich während des ganzen Krieges bemüht, meine Impressionen sofort, zwischen zwei Sprüngen, spätestens am Abend des Kampftages zu Papier zu bringen. Es ist merkwürdig, wie rasch sich die Eindrücke verwischen, wie leicht sie schon nach einigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Angst, Schwäche und Kleinmut hat man schon am ersten Ruheabend vergessen, wenn man den Kameraden beim Becher seine Erlebnisse berichtet. Unmerklich stempelt man sich zum Helden. (S. 432)

Eine faszinierende Poetik: Bevor er den Kameraden im Suff die Heldengeschichte auftischt, vertraut er es so schnell wie möglich erstmal noch der SCHRIFT an, wie beschissen und unheldenhaft es wirklich war. Dass das nicht nur ein nachträglich da drauf geklebtes Motto war, sondern Jünger diese Poetik inmitten von Trommelfeuer, Feuerwalze, Artilleriebeschuss usw. wirklich befolgt und praktiziert hat, davon erzählt dieses Tagebuch. Ich konnte es kaum glauben, dass er, plötzlich aus dem Heimaturlaub mitten in die Somme-Schlacht geworfen, unter starkem Beschuss in einem Granattrichter im Dreck liegend, sozusagen live erstmal ein paar Notizen in sein Büchlein kritzelt.

Was auch auffällt: Er schreibt wirklich nur aus der absolut subjektiven Perspektive: Das, was er selber sieht und erlebt, nichts anderes. Keinerlei größere strategische Überlegungen, keine Prognosen oder Hoffnungen, ob man nun diesen Krieg vielleicht verlieren oder gewinnen wird. Keine vaterländischen Parolen. Nichts dergleichen. Nur das tatsächliche Geschehen an der Front. Das ergibt für den Leser die völlige Verwirrung, man versteht oft überhaupt nichts, was aber andererseits eben genau die Lage dieser Frontsoldaten perfekt erzählt, denn die verstanden auch nichts:

Selbst das Regiment und die Division weiß noch nicht einmal, wo wir eigentlich liegen wie die Front verläuft. Auch die Engländer wissen nicht wo wir liegen, wir nicht, wo die Engländer liegen, obwohl wir anscheinend oft nur 20 m weit voneinander liegen. (S. 176)

Überhaupt interessant: Was Jünger da beschreibt, ist über vier Jahre lang ein Kampf ausschließlich gegen Engländer. Das sind dann manchmal auch Inder, Südafrikaner oder Schotten, auch das ist ja heute gar nicht mehr so präsent, mir jedenfalls, dass England damals noch Kolonialmacht war und tatsächlich Inder auf französischem Boden in einem Krieg kämpfen mussten, der sie doch gar nichts anging. Je weiter man liest, je mehr man das reflektiert, desto irrsinniger erscheint einem das alles. Aber Franzosen sind nie der Gegner, immer nur Engländer, „Tommys“, wie Jünger sie anfangs interessanterweise nie nennt, und am Schluss dann nur noch. Franzosen treten im ganzen Buch nur als Zivilpersonen auf, denen er mit großem Respekt und Verständnis begegnet, auch die Engländer achtet er hoch als Gegner. Einem gefallenen englischen Offizier lässt er extra ein Kreuz bauen und ordnet ein feierliches Begräbnis an, das kam mir schon fast seltsam vor, da im Text die ganze Zeit so krass über Leichen gestiegen wird, dass man denkt: da sind sowieso nur noch Tote, wer denkt denn da noch an große Staatsbegräbnisse? Er lobt auch immer wieder die Engländer: wie gut die schießen, wie unerschrocken und tapfer die seien. Wenn er mit Patrouillen loszieht, ist es immer sein Ziel, Gefangene zu machen, nicht alles tot und platt machen. Erst ganz am Schluss in der letzten Schlacht, in der er selbst mit Lungendurchschuss verwundet wird und der Soldat, der ihn vom Schlachtfeld schleppen will, vom Kopfschuss getroffen tot unter ihm wegsackt – erst in dieser Extremsituation schreibt er: „Jedenfalls gibt es von jetzt an mehr denn je für mich nur einen wünschenswerten Zustand des Gegners, das ist der Tod.“ (S. 430) Da ist es plötzlich vorbei mit der sportsmännischen Kriegsauffassung, mit der er vorher oft gerne posiert, da resultiert dann nach Jahren der Zermürbung doch noch der blanke Hass und Vernichtungswunsch gegen den eigentlich ja in genau derselben Lage befindlichen Gegner. Fatale Logik des Krieges.

Während des Lesens immer wieder ganz unvermittelt der Gedanke: wie jung der damals war. Als der Krieg endet ist er 23, da hatte der Jahre des Grabenkriegs hinter sich: Was für Erfahrungen. Tagelanges Trommelfeuer, links und rechts von ihm sinken immer wieder die Toten hin, über Jahre hinweg, das kann man sich als Heutiger gar nicht vorstellen. Er schreibt selbst oft von Abstumpfung, auch seine Selbstwahrnehmung ist keine jugendliche:

Dann ging ich mit meinen 5 Mann an den linken vorderen Waldrand und sah, was dort los wäre. Hinter einem eingeschossenen Betonstand war ein vorgeschobener Doppelposten, der ab und zu auf im Vorgelände herumlaufende Gestalten schoß. Gleichzeitig flogen einem aus verschiedenen Granattrichtern abgeschossene englische Gewehrkugeln um die Ohren.
Aus einem Trichter tauchte ein alter Bekannter aus meiner Ausbildungszeit am Waterlooplatz auf, der Vzfw. Höhlemann. Wir drückten uns die Hand und stellten fest, daß dies eine Ecke nur für ganz alte, im Pulverdampf ergraute Krieger wäre. Links neben uns ging dann auch eine Schützenlinie der 7. Comp. vor. Der Führer, Ltn. Schmidt erschien und nahm Anschluß. Ich setzte mich darauf gemütlich in einen tiefen Granattrichter, aß eine Büchse Schweinefleisch, stopfte mein Pfeiflein und las „Cäsars Denksäulen“ von Ignatius Donelly.
(S. 288)

Erstaunliches Selbstbild eines zweiundzwanzigjährigen Menschen: Ganz alt. Im Pulverdampf ergraut. Und so gleichgültig gegen den Tod, der ihn jede Sekunde ereilen kann, dass er eine Pfeife raucht und ein bisschen liest, im Granattrichter sitzend. Sehr fremd kommt das rüber für mich. Er beschreibt ja selber, wie um ihn herum die Leute den Verstand verlieren unter dieser Dauerbelastung. Selbstmord, Fahnenflucht, Durchdrehen. Er selbst bleibt fast immer ruhig, als ginge ihn das alles kaum was an.

Dabei sind gerade die ersten Kriegsjahre so geschildert, dass ich als Leser dachte: Da muss man doch durchdrehen. Er kommt ja interessanterweise erst Ende 1914 ins Feld, da ist die deutsche Offensive schon lang gestoppt. Der Krieg, der Weihnachten vorbei sein sollte, nach schneller Überrennung Frankreichs, hat sich in den Albtraum des Grabenkriegs verwandelt. Beim Jüngerlesen fragt man sich irgendwann unwillkürlich: Was machen die da eigentlich? Sitzen in diesen Gräben, rennen da auf und ab, tief eingegraben in die Erde, und über ihnen donnern ständig die Geschütze, einer nach dem andern wird getötet oder grässlich verstümmelt. Was soll das denn? Die völlige Perspektivlosigkeit dieses unerbittlichen und verlustreichen „Die-Stellung-Haltens“ ist so spürbar. Warum hören die denn nicht auf? Warum gibt es keine vernünftigen Friedensverhandlungen? Fragen, die Jünger so niemals formuliert, die sich dem Leser aber umso heftiger aufdrängen.

Jünger hat wohl schon früh, vielleicht sogar von Beginn an den Gedanken gehegt, das schnell und spontan geschriebene Tagebuch später, nach dem Krieg, zu einem publikationsfähigen Buch auszuarbeiten. Das wurden dann die Stahlgewitter, die ich vor ein paar Jahren auch schon mal gelesen habe. Bei der Lektüre des originalen Tagebuchs wurde mir jetzt aber die Diskrepanz viel deutlicher zwischen literarischem Plan und erlebter Wirklichkeit. Er will eigentlich eine Heldengeschichte schreiben, von mutigem Kampf, Tapferkeit des Einzelnen usw. Und erfährt aber das Gegenteil. Die absolute Bedeutungslosigkeit des einzelnen Menschen in der besinnungslos ballernden Materialschlacht. Letztlich die Sinnlosigkeit eines solchen Krieges überhaupt. Auch wenn er das so nie schreibt, aber es wird sichtbar, aus seiner Schrift.

Was die da eigentlich machen, blieb mir beim Lesen fast immer unverständlich. Trotz seiner selbstgemalten Lagekarten, trotz der Karten und Erläuterungen im Anhang. Immer wenn Bewegung aufkommt und Jünger durch das verworrene Geflecht der Gräben rennt, dann wieder übers freie Feld, verliert man als Leser sofort den Überblick, kann sich kein Bild machen. Es nervte mich fast, dass in meinem Kopf die Bilder des Kubrickfilms „Wege zum Ruhm“ dann immer diese Lücke füllten. Ein Hollywoodfilm bebildert mir das Jüngertagebuch, das ist doch falsch, dachte ich. Aber so war es. Einen Film im Kopf kann Jünger einfach nicht herstellen, aber er fotografiert dafür sehr genau:

Neben dem Keller lag mit zerfetzter Uniform ein Toter auf dem Bauche. Sein Kopf war abgerissen, das Blut war in einen Wasserpfütze geflossen. Als ein Sanitäter ihn herumlegte, um ihm seine Wertsachen abzunehmen, sah man, daß am Stumpfe seines Armes nur noch ein Daumen emporragte. Aus der schmutzigen Wunde hingen gleich weißen Fäden die Sehnen heraus. (S. 238)

Oder auch hier:

Ein 76er mit dem Gesichtsausdruck eines richtigen Hamburger Bullen schoß ohne seinen Kopf zu decken, eine Kugel nach der andern ab, bis es einen Krach gab und er blutüberströmt mit einem Kopfschuß zusammenbrach. Er knickte in seiner Grabenecke zusammen und verblieb mit dem Kopf gegen die Grabenwand gelehnt, in kauernder Stellung. Sein schnarchendes Röcheln ertönte in immer längeren Abständen, bis es ganz aufhörte. Während der letzten Zuckungen gab er sein Wasser von sich. Ich kauerte neben ihm und registrierte diese Vorgänge mit Sachlichkeit. (S. 390)

Es schaudert einen manchmal vor dieser Sachlichkeit Jüngers. Manchmal fügt er ein „entsetzlich“ oder „furchtbarer Anblick“ bei, aber insgesamt wirkt er meistens kühl, distanziert, beobachtend. Die Rechtschreib- und Grammatikfehler in den Zitaten folgen übrigens immer genau der Vorlage. Eine editorische Großtat, wie ich finde, hier keinerlei Berichtigungen und Glättungen vorzunehmen, sondern alles buchstabengetreu so abzuschreiben, wie es in diesen Heften handschriftlich notiert ist. Die Unmittelbarkeit des Schreibens, die Nähe zum Geschehen, wird durch diese Verschreibungen ganz sichtbar.

Im Grunde ist das ganze Kriegstagebuch eine einzige Verschreibung. Er wollte von heldenhaftem Kampf berichten und musste das Elend und den Wahnsinn beschreiben. Am Ende heißt es:

Ich will nicht beschreiben wie es hätte sein können, sondern wie es war. (S. 432)

Ich bleibe ratlos zurück. Der Erste Weltkrieg, wie er war, nicht wie er hätte sein können, bleibt mir immer noch unverstehbar, ist vielleicht gar nicht beschreibbar, nicht vom Geschichtsbuch, nicht vom Tagebuch des Infanteristen Jünger. Aber immerhin eine Annäherung.

Gegen Ende, bei der letzten deutschen Großoffensive im März 1918, stolperte ich über den kleinen Satz „Wütend schritt ich voran.“ (S. 379), holte den zuletzt gelesenen Johann Holtrop nochmal vor, und tatsächlich: Genau diesen Satz hat Goetz dem Holtrop als Motto vorangestellt, ohne allerdings Jünger als den Autor zu vermerken. Stattdessen setzt Goetz unter das Motto nur das Wort „KRIEG“. Ist das nicht seltsam? Erst lese ich Holtrop, dann blättere ich in Abfall für alle, wo mich die Erwähnung von Jüngers Tod auf dessen Kriegstagebücher bringt, in denen ich dann wiederum unverhofft auf das Holtrop-Motto stoße. Was will mir das nur sagen?

Rumpelstilzchen

Mit der Mülltüte in der Hand trete ich hinaus auf den Hof, es ist völlig finster und still, tiefste Dunkelheit um sieben Uhr abends, ich gehe in Richtung Tonne, als ich die beiden Mädchen bemerke, die sich im Dunkel bei den Fahrradständern herumdrücken, Nachbarskinder. „Hey, hallo, na, was geht?“ Die Mädchen schweigen.

Ich schmeiße den Müll in die Tonne, gehe zurück, da stellt sich die Größere mir in den Weg: „Du. Was ist denn nun mit euch? Kriegt ihr jetzt noch ein drittes Kind?“ In der Finsternis kann ich ihre Gesichtszüge kaum erkennen, nur das Weiße ihrer Augen funkelt mich an. Die Frage überrumpelt mich komplett, wer hat denn je von einem dritten Kind geredet? Diese fürchterlichen Mädchen, ich bin ganz hilflos. „Wa-, äh, wie bitte? Warum fragst du denn das?“, frage ich zaghaft zurück. „Weil du es mir schenken musst!“, erwidert sie ohne zu zögern. Ich erstarre, kann nichts sagen. Sie tritt noch einen Schritt näher auf mich zu, ist jetzt ganz nah: „Das erste nicht. Das zweite nicht. Aber euer drittes Kind gehört mir!“

Panik ergreift mich. Sie schweigt, aber der fordernde Blick bohrt weiter. Das muss der Teufel sein. Ein elfjähriges Mädchen. Schwefelgestank in der Luft. Witzigkeit vortäuschend winde ich mich an ihr vorbei, plötzlich ist mir, als existierte dieses dritte Kind wirklich, als müsste ich es vor ihrem teuflischen Zugriff schützen, rase das Treppenhaus rauf, am Einbeinigen vorbei, der mir noch irgendwas zuruft, das ich nicht verstehe, gute Nacht Käpt’n Ahab, sage ich nicht, denke es nur, für zwei Minuten in einer Mythenwelt abgetaucht, wo Rumpelstilzchen persönlich mir mein Kind wegnehmen will, trete oben atemlos in die Wohnung: Licht, zwei Kinder, Geschrei: Alles wieder normal.