Sichten und Ordnen

Es dämmerte schon fast und der Abend nahte, als H. beiläufig sagte, alte Möbel seien doch schöner als neue, weil ich mich über das immer im Weg rumstehende alte Nähkästchen mit dem kaputten Bein mokiert hatte, als mir einfiel, dass ich doch in dem Antiquariat gegenüber des Antikmöbelladens vor Wochen schon das „Echolot“ von Kempowski gesehen hatte, der Laden aber so seltsame Öffnungszeiten hat, dass er eigentlich immer zu ist, wenn ich daran vorbeigehe. Da er jetzt aber zu frühabendlicher Stunde offen haben müsste, ging ich hin, handelte zu meinem eigenen Erstaunen den Preis noch ganz gut runter, und erwarb die vier Bände.

Vier dicke Bücher, die nur aus Tagebuch- und Briefnotizen bestehen, geschrieben im Januar und Februar 1943. „Ein kollektives Tagebuch“, wie es im Untertitel heißt, ein Chor von Stimmen, völlig faszinierend. Während ich mit dem Kriegstagebuch von Jünger noch gar nicht durch bin, habe ich mir nun also schon den nächsten Tagebuchklotz ans Bein gebunden. Was fasziniert mich denn da so? Ort und Zeit immer im Krieg, Form immer Tagebuch.

Eine seltsame Obsession. Ich weiß es selber nicht, schlage den ersten Band des Echolots auf, wo Kempowski, der mir als Jugendlichem mit seinen „Tadellöser & Wolff“-Büchern ja wirklich eine Art Türöffner zur Literatur war, schreibt:

„Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe aufgesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“

Verrückt, wie einen der eigene Blogtitel da unverhofft aus einem Buch heraus wieder anspringt. Der Name, auf den ich das Blog damals ja bloß in scherzhafter Anspielung auf Thomas Bernhards „Korrektur“ getauft habe, wo der Protagonist beim Versuch des Sichtens und Ordnens der ihm überlassenen Papiere, dieselben nur immer noch mehr durcheinanderbringt und er schließlich im Chaos ungeordneter Blätter sitzt, von denen er weiß, dass er sie nie wieder in die vorherige Ordnung wird bringen können.

Meine Gedanken zu Ernst Jünger sind ähnlich wirr und ungeordnet, vielleicht muss ich mich diesem initial gewählten, bernhardschen Bild der Wirrnis überhaupt wieder mehr überlassen in meiner bloggerischen Tätigkeit, sagte er, dachte ich, unter der Incredibles-Decke sitzend.

P1020201

Auf jeden Fall bald mehr zu Jünger und der Tagebuchform.

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2 Kommentare zu “Sichten und Ordnen

  1. Das Echolot steht auf meiner antiquarischen Wunschliste (sie ist kurz, ich bevorzuge, wenn möglich, druckfrische Bücher) weit oben. Wenn das mal bei der passenden Gelegenheit einen Weg ins Regal findet, werde ich die Rücken liebevoll betrachten und auch ein wenig beunruhigt, denn lange darin zu lesen, drückt nieder. Signale des Schreckens, die wir darin abhören dürfen.

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