Augustiner-Express

Hamburg. Fast zwanzig Jahre lang habe ich diese Stadt gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Bei meinem letzten Aufenthalt dort hatte man mir zunächst im Goldenen Pudelclub kein Bier verkaufen wollen, mit dem Vermerk, Bayern würden hier leider nicht verköstigt, und am nächsten Tag hatte mich ein Herr, den ich unschuldig nach dem Weg irgendwohin gefragt hatte, auf den Kopf zugefragt, ob ich nicht aus Bayern sei, er glaube da einen gewissen Akzent zu hören. Ja, hatte ich erwidert, und der Herr hatte mir daraufhin eine akkurate Wegbeschreibung gegeben, die in der Bemerkung gegipfelt hatte, da sei dann der Bahnhof, da solle ich reingehen und gefälligst den nächsten Zug nach München nehmen. Und war ohne weitere Erläuterungen ums Eck gebogen. Als ich ein paar Tage später tatsächlich im Zug nach München saß, war das Kapitel Hamburg für mich erstmal abgeschlossen.

Nun aber lagen die Karten anders: der Spiegel hatte mich beauftragt, eine Exklusivgeschichte über eine Bloggerlegende, den berüchtigten und bekanntermaßen überaus medienscheuen Bob Macha, zu schreiben. Was hätte ich da sagen sollen: dass es mir aus persönlichen, mithin biografistischen Gründen leider unmöglich sei, die Stadt Hamburg zu betreten? Lächerlich. Ich fuhr also hin, am kältesten Wochenende des Jahres. Sibirischer Eiswind pfiff mir ins Gesicht, als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat. Ich erkannte nichts wieder. Gottseidank hat man in der Zwischenzeit Telefone mit integrierten Stadtplänen erfunden, ich musste also niemanden nach dem Weg fragen, um zum Spiegel-Hochhaus zu finden, wo Spiegel-Redakteur Becker mir in aller Kürze noch einmal die allgemeinen Richtlinien seines Blattes sowie seine eigenen ungefähren Erwartungen an die zu schreibende Titelstory über Bob Macha erläuterte. Macha habe dieser Geschichte zur Überraschung der gesamten Redaktion zugestimmt, dann aber hinzugefügt, keinen Spiegelredakteur treffen zu wollen, ja dass überhaupt kein Spiegelmann diese Story schreiben dürfe, sondern er nur einem Blogger gegenüber bereit sei, dieses Interview zu führen, und nur einem solchen die zu enthüllenden Geheiminformationen aus den Hinterzimmern der Blogosphäre anvertrauen wolle, nur einem hervorragenden Blogger, wie er noch hinzugefügt haben soll, und eine vier Namen umfassende Liste zur Verdeutlichung dessen, was er, Macha, unter einem hervorragenden Blogger verstehe, der Email beigefügt, weswegen man, nach aufgeregter redaktionsinterner Debatte, schließlich an mich herangetreten sei usw. usw.

Zur Sicherheit hatte ich mich mit Macha in einem sogenannten „Münchner Wirtshaus“ verabredet, die jetzt scheinbar auch in Hamburg wie die Pilze aus dem Boden sprießen, selbst in den Hafenkneipen von St. Pauli soll mittlerweile schon Augustiner ausgeschenkt werden, wie ich mit klammheimlicher Freude gehört habe. Pünktlich auf die Minute stand Macha vor mir: eine imposante Erscheinung, dem jungen Orson Welles nicht ganz unähnlich, bestellte sofort Hefeweizen, tadelte mich leicht für die Wahl eines Hellen, machte aber insgesamt den allersympathischsten Eindruck auf mich. Als ich mein Notizbuch auf den Tisch legte, entriss er es mir sofort: Das solle ein Oktavheft sein, die berühmten Oktavhefte des Sichters und Ordners? Nie und nimmer sei das ein Oktavheft, ein schnödes A-5-Heft sei dies, und nichts anderes, sagte er knapp, überflog schnell meine Vorbereitungsnotizen und fing dann direkt an, mit dem Bleistift, den er mir ebenfalls aus der Hand genommen hatte, die Seiten zu füllen. Wie schnell er schreibt, dachte ich, er setzt kaum ab. Mit vollkommener Leichtigkeit flog der Stift übers Papier. Da er während des Schreibens meine Anwesenheit überhaupt nicht zu bemerken schien, ging ich nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Als ich zurückkam steckte er mir das Büchlein zu: Es steht alles drin, das Interview ist erledigt, wir können jetzt entspannt trinken, und gab der Kellnerin ein Handzeichen: nochmal dasselbe!

Am nächsten Morgen fand ich mich zu meiner eigenen Verwunderung auf dem Sofa des Herrn Becker wieder. Wie war ich hierher gekommen? Ich wusste nichts mehr. „Wie ist es gelaufen, was hat er erzählt?“, wollte Becker wissen. Ich fingerte das Notizbuch aus meiner Manteltasche und reichte es ihm. Er blätterte, riss die Augen auf, kniff sie wieder zusammen, und rief schließlich aus: „Das kann ja kein Mensch lesen, was steht denn da?“ Ich sah auf die Seiten. Tatsächlich: unentzifferbare Hieroglyphen. Verdammt. Macha, der elende Sauhund! Auf Wiedersehen, Spiegel-Titelstory. Aber was solls, dachte ich später: Es war ein irre lustiger Abend, sehr irre und sehr lustig, ich hab soviel gelacht, wie schon lang nicht mehr. Und lachte trotz immer noch leise pochenden Kopfschmerzes noch einmal leise auf, als ich schon wieder im Zug saß, nach Hause, in das ja ebenfalls schon fest in der Hand des Augustiner-Konzerns stehende Berlin.

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10 Kommentare zu “Augustiner-Express

  1. Aber doch eine charmante Suggestion! Du bist der blogozentriker, mit großem, bayerischem B geschrieben, und ich widme mich dem Handwerk des Sichtens und Ordnens. Wer weiß, wenn wirklich alles, was Borges je schrieb, stichhaltig ist, dann gibt es eine Welt, spiegelverkehrt (und womöglich spiegelrichtig), in der es sich exakt so verhält!

      • Ich rate nur zur Vorsicht. Nachher übernimmt dieser Bob Macha wirklich deinen Blog und deine Kommentatoren fallen über dich her, wie es mir passiert ist. – Dabei wurde auch schon von einem Leser gefordert, ich solle doch wieder was über Bob Macha schreiben. Der lässt einen nie wieder los der Typ.

      • Egal was wir schreiben oder nicht schreiben: Es wird immer ein Schreiben oder Nichtschreiben über Bob Macha sein. Er ist überall, es gibt nichts mehr, was nicht im Grunde Macha wäre.

  2. Lafcadios Loch

  3. Ich wußte nichts mehr, als das Bayern hier leider nicht verköstigt würden …

    Köstlich, köstlich, muß ich sagen; und merci vielmals für diese leichtgängige, den Leser sozusagen umschmeichelnde Geschichte.

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