Recht, Autonomie, Schicksal: Antigone

Es gehört zu den letzten ungelösten Menschheitsrätseln, warum sich ausgerechnet unter den Juristen so viele Literaturfreunde und Vielleser finden. Man sollte doch meinen, dass Leute, die beruflich den ganzen Tag damit beschäftigt sind, in einem hochkomplexen Spezialdeutsch abgefasste Texte zu lesen und zu interpretieren, bzw. solche vertrackten Texte selbst zu schreiben, in ihrer Freizeit nach einem anderen Ausgleich suchen, als sich erneut mit Buchstabenkaskaden vollgedruckte Seiten vors Gesicht zu halten. Aber die Erfahrung lehrt das Gegenteil: die paar Juristen, die ich im Leben bisher besser kennengelernt habe, waren allesamt höchst belesene Literaturkenner, und auch im Netz zeigt sich, dass überdurchschnittlich viele Literaturblogs von Juristen betrieben werden.

Vielleicht liegt es ja genau daran, dass literarische Werke nicht selten von den Themenkomplexen um Schuld und Sühne, den Aporien des Rechts und der Gerechtigkeit handeln. Wie dem auch sei: Irgendwas interessierte mich an dem Projekt, Blogtexte zum Thema „Recht in der Literatur“ zu sammeln, und da zum Mitmachen ausdrücklich auch Nicht-Juristen eingeladen waren und ich gleichzeitig sah, dass mit der Antigone von Sophokles ein für das Thema ganz grundlegender Text auf der Vorschlagsliste fehlte, beschloss ich, daran teilzunehmen.

Die Handlung der Antigone ist eigentlich ganz simpel und schnell erzählt, die Kompliziertheiten verstecken sich im Detail. Vorgeschichte: Eteokles und Polyneikes sind Brüder, die Söhne des unglücklichen Ödipus, und streiten sich um die Nachfolge ihres Vaters als Herrscher über Theben. Vorgesehen ist eigentlich ein alternierendes Königtum zwischen beiden, aber Eteokles weigert sich, den Thron gemäß der Abmachung für seinen Bruder zu räumen, woraufhin Polyneikes mit einem Söldnerheer gegen Theben zieht, um sein Recht gewaltsam durchzusetzen. Die Schlacht (beschrieben in Aischylos’ Tragödie „Sieben gegen Theben“) geht zugunsten von Eteokles aus, welcher aber selbst im direkten Zweikampf mit seinem Bruder fällt: gleichzeitig durchbohren sich Eteokles und Polyneikes mit ihren Waffen. An diesem Punkt setzt die „Antigone“ ein. Das durch den Tod der beiden Thronanwärter entstandene Machtvakuum befördert Kreon, den Onkel von Eteokles und Polyneikes, auf den Thron. Kreons erste Amtshandlung ist nun ein spontaner Erlass, wonach Eteokles ein ruhmreiches Heldenbegräbnis zuteil werden soll, Polyneikes aber als Hochverräter anzusehen sei und seine Leiche demnach nicht bestattet werden, sondern unbeerdigt vor den Toren der Stadt liegen bleiben soll. Auf Zuwiderhandlung setzt er die Todesstrafe an. Antigone, Schwester von Eteokles und Polyneikes, also auch Nichte des Kreon, außerdem die Verlobte von dessen Sohn Haimon, vollzieht trotz des Verbots die vorgeschriebenen Bestattungsrituale an der Leiche und bedeckt sie mit einer Staubschicht. Wächter erwischen sie dabei und bringen sie vor Kreon. Der zögert nicht, die Todesstrafe auch über seine Nichte und Schwiegertochter in spe zu verhängen. Weder Antigone selbst, noch Haimon oder der Chor können Kreon zu Milde oder Einsicht bewegen. Antigone wird lebendig in einem Felsengrab eingemauert. Erst dem blinden Seher Teiresias gelingt es, Kreon davon zu überzeugen, dass er einen Fehler gemacht hat. Kreon lässt den Polyneikes jetzt richtig bestatten, eilt dann selbst zu dem Felsgrab der Antigone, um es aufzubrechen, aber Antigone hat sich darin bereits erhängt. Aus Verzweiflung darüber tötet sich Haimon ebenfalls selbst, der Verlust des Sohnes treibt dann auch noch Kreons Frau Eurydike in den Selbstmord. Der zu spät einsichtig gewordene Kreon steht am Schluss alleine vor dem Leichenhaufen seiner Familie.

Nun zum Recht. Hegel hielt die Antigone für das „vortrefflichste, befriedigendste Kunstwerk“, und zwar genau deshalb, weil hier zwei Rechtsordnungen aufeinanderprallen, die einerseits zueinander im Widerspruch stehen und gleichzeitig aber – in ihrer Verkörperung durch Kreon und Antigone – innig miteinander verwoben sind. Kreon steht demnach für das Recht der Staatsgewalt, Antigone für das Recht der Familie und der Götter. Antigone als Königstochter, aber auch ganz einfach als Bürgerin von Theben, ist aber eben auch dem Staatsrecht unterworfen, gegen das sie sich auflehnt. Und Kreon, der neue König und Alleinherrscher, ist seinerseits Teil ebenjener Familie, deren Naturrecht von Antigone verteidigt wird. Für den Dialektiker Hegel eine exemplarische Konstellation: „So ist beiden an ihnen selbst das immanent, wogegen sie sich wechselweise erheben, und sie werden an dem selber ergriffen und gebrochen, was zum Kreise ihres eigenen Daseins gehört.“ (Hegel, Vorlesungen zur Ästhetik III, S. 549).

Beim Wiederlesen des Stückes erschien mir das alles aber plötzlich noch viel komplizierter, vor allem, wenn man es mal explizit auf die Frage nach Recht, Gesetz und Legitimität hin liest. Als Kreon am Anfang das verhängnisvolle Ad-hoc-Gesetz erlässt, dass Polyneikes nicht bestattet werden dürfe, tut er dies auf bemerkenswert propagandistische Weise. Polyneikes wird diffamiert als Vaterlandsfeind, der die Stadt niederbrennen und deren Bürger töten, die Überlebenden in die Sklaverei führen wollte. Dass Polyneikes in Wahrheit nur das ihm verweigerte Recht der im Jahreswechsel alternierenden Herrschaft gewaltsam erstreiten wollte, wird verschwiegen. Im ganzen Stück ist davon nicht die Rede, aber man muss bei der Lektüre der antiken Tragödien immer bedenken, dass die zeitgenössischen Zuschauer diese mythologischen Hintergrundgeschichten selbstverständlich kannten und mitdachten. Es scheint also eher so, als wolle Kreon zu Beginn seiner Herrschaft gleich ein Exempel seiner Macht und Stärke geben, auch wenn er vorgibt, seinen Beschluss aus höheren Grundsätzen abzuleiten: Wer dem Vaterland wohl will, wird geehrt, wer gegen das Vaterland zieht, ist ehrloser Abschaum. Vom Chorführer als dem Repräsentanten des Volkes bekommt er auch sofort nach dieser Rede die Zustimmung:

Chorführer:
Dies ist in deine Macht gestellt; Kreon, Sohn des Menoikeus,
im Hinblick auf den, der dieser Stadt übel als auch den, der ihr gut gesinnt ist:
jegliche Regelung zu treffen ist dir erlaubt
über die Toten als auch über die, die wir leben.
(Antigone, V. 211ff.)

Damit scheint Kreon als mit allen Kompetenzen ausgestatteter Alleinherrscher anerkannt und legitimiert. Er darf bestimmen über die Lebenden und sogar die Toten.

Antigones Zuwiderhandeln speist sich jetzt interessanterweise aus einer Vielzahl von Quellen. Sie betrachtet die Bestattung des Bruders als ihre heilige Pflicht, dem Bruder selbst, vor allem aber den Göttern gegenüber. Antigones Schwester Ismene hingegen beugt sich dem Gesetz, sehr interessant dieser Wortwechsel, ganz zu Beginn des Stücks:

Ismene:
Nein, bedenken muß man dies einmal, daß als Frauen
wir geboren wurden, um gegen Männer nicht zu kämpfen.
Dann aber, daß wir beherrscht werden von Stärkeren
und daß wir dies hören müssen und noch Schmerzlicheres als dies.
Ich nun will die Unterirdischen bitten,
Verzeihung zu gewähren, weil ich gezwungen werde dazu, und
dem fest im Amte stehenden will ich mich fügen; denn das Vermessene zu tun hat keinen Sinn.
 
Antigone: […]
Sei nun, wie es dir richtig erscheint. Jenen aber werde ich
bestatten. Schön für mich, danach zu sterben!
Lieb werde ich bei ihm liegen, mit dem Lieben zusammen,
nach frommem Frevel. Denn länger ist die Zeit,
die ich gefallen muß den Unteren als denen hier oben.
(Antigone, V. 61ff.)

Was für eine Vielzahl an Motiven da aufschillert. Ismene als das passive Prinzip, beruft sich auf ihre Weiblichkeit, aber auch auf ihre Weltlichkeit schlechthin. Geboren um den Stärkeren zu gehorchen, unterwirft sie sich dem herrscherlichen Zwang. Antigone hingegen argumentiert auch streng rational und letztlich auch passiv: Weil sie längere Zeit bei den Göttern der Unterwelt sein muss als bei den Herrschern der Erde, macht sie sich lieber jenen gefällig.

In der direkten Konfrontation mit Kreon bringt Antigone dann noch eine andere Legitimation ihres gesetzeswidrigen Handelns ins Spiel, eine demokratische: Das Volk würde genauso denken wie sie, und nur aus Angst vor dem Herrscher schwiegen sie:

Antigone:
Und woher sollte ich rühmlicheren Ruhm
bekommen, als daß ich den eigenen Bruder ins Grab
lege? Daß diesen allen das gefällt,
könnte doch behauptet werden, wenn Furcht nicht schlösse ihren Mund.
Aber die Gewaltherrschaft hat in vielem ihren Segen,
und es ist ihr erlaubt, zu tun und zu sagen, was sie will.
(Antigone, V. 502ff.)

Auch Haimon, der beim Vater die Begnadigung der Antigone bzw. die Rücknahme des Nichtbestattungserlasses erwirken will, bringt das demokratische Argument ins Spiel:

Haimon:
Dein Blick ist erschreckend für den Mann im Volke
bei solchen Worten, die du nicht magst, wenn du sie hörst.
Mir aber ist es möglich, im Dunklen zu hören,
wie sehr die Stadt dies Mädchen bedauert,
daß von allen Frauen die unschuldigste
schimpflich zugrunde gehen soll für die rühmlichste Tat.
(Antigone, V. 690ff.)

Es ist aber sogar noch komplizierter. Denn der Chor als Repräsentant des Volkes, schwankt auch, und neigt sich einmal der Antigone zu, dann aber wieder dem Kreon. Im grandiosen vierten Auftritt, Antigones Abschied von der Welt vor ihrer Einmauerung im Lebendgrab, hält sie in großen lyrischen Gesängen Zwiesprache mit dem Chor, das ist schon völlig weltentrückt. Da sagt der Chor:

Aber berühmt und mit viel Lob
gehst du in diese Totengruft,
weder von verderblichen Krankheiten geschlagen
noch mit dem Lohn des Schwertes,
sondern dir selbst Gesetz, gehst du als einzige denn
von den Sterblichen zum Hades.
(Antigone, V. 817ff.)

Das ist für mich die Schlüsselpassage: Ein einziger Mensch wagte es, sich selbst Gesetz zu sein. Das geht über die Hegeldeutung hinaus, das konnte der Staatsfanatiker Hegel gar nicht in sein System integrieren, aber hier liegt der wahre Gehalt des Stückes: Götter, Familie, Volk, das mag ja alles sein, und von Antigone selbst auch als Rechtfertigung ihres Handelns aufgeführt werden – aber letzten Endes handelt sie einfach nach ihrem eigenen Gesetz, (αὐτόνομος, wie es im Text heißt). Und diese Autonomie stellt sich ja interessanterweise gegen ein Staatsgesetz, das ebenso individuell nur von einem einzigen Menschen gemacht ist, und nur kraft seines Amtes als Diktator zum Allgemeingesetz erhoben werden konnte. Aber der Chor, der ihr eben noch ein fast göttliches Tun in diesem autonomen Alleingang bescheinigt hatte, zieht dann doch wieder zurück:

Chor:
Die Toten ehren bedeutet frommes Tun,
Staatsgewalt, wem Staatsgewalt auch immer gehört,
darf keinesfalls übertreten werden.
Dich hat dein eigensinniges Aufbegehren zerstört.
(Antigone, V. 872ff.)

Die unglaubliche Spannung des an sich ja eher handlungsarmen Stücks erzeugt sich tatsächlich aus diesem juristischen Zwiespalt, dass Kreon zwar innerhalb des politischen Systems von Theben legitim handelt – und so ja auch argumentiert: Er hat ein Gesetz erlassen und Gesetze müssen befolgt werden, andernfalls bräche Chaos im Gemeinwesen aus – aber dennoch einen verhängnisvollen Fehler macht, der zwar nicht den Staat, aber doch ihn persönlich ins Unglück stürzt. Und Antigone, die etwas tut, was kein antiker und kein heutiger Jurist akzeptieren könnte, nämlich sich selbst Gesetz zu sein und sich so über die Gesetze des Staates hinwegzusetzen, ist dennoch gefühlt im Recht und hat die Sympathie des Volkes auf und des Publikums vor der Bühne klar auf ihrer Seite.

Am Ende sind alle tot, nur Kreon überlebt. Einsichtig geworden und dadurch doppelt gestraft, wünscht er sich ebenfalls den Tod, aber im Gegensatz zu den anderen, deren Tod er verschuldet hat, muss er weiterleben – brutalster Schicksalsbegriff der Griechen:

Kreon:
Es soll kommen, soll kommen
meiner Geschicke schönstes, soll erscheinen,
das den letzten Tag mir bringt
das allerletzte. Es komme doch
damit ich nicht mehr den nächsten Tag sehen muß.

Chor:
Das bringt die Zukunft. Das Nötigste besorgen
ist Gebot. Darum sich sorgen ist Aufgabe derer, denen es obliegt.

Kreon:
Nur, was ich wünsche, habe ich erbeten.

Chor:
Bitte um nichts mehr; denn aus dem bestimmten
Schicksal gibt es für Sterbliche keine Befreiung.
(Antigone, V.1328ff.)

Also, ich sag’s ungern, aber hier hatte Hegel ausnahmsweise recht: Die „Antigone“ ist wirklich das vortrefflichste Kunstwerk, da kann selbst der „Lear“ einpacken.

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3 Kommentare zu “Recht, Autonomie, Schicksal: Antigone

  1. Habe mir den sehr guten Text nun dreimal durchgelesen und bin mir immer noch nicht sicher, ob ich »Antigone« tatsächlich als „juristischen“ Text verstehen kann oder will. Einerseits ist da natürlich etwas Staatsphilosophisches enthalten, aber kann das andererseits tatsächlich als „juristisch“ eingeordnet werden? Ohne dem Berufsstand zu nahe treten zu wollen, aber ich denke, man läse Sophokles zu eng, wöllte man ihn aus dem globalen moralphilosophischen Kontext auf dieses eine Thema reduzieren.

    • Absolut richtig. Ein so monumentaler Text wie die Antigone zeichnet sich ja gerade auch dadurch aus, dass er sich auf keinen Einzelaspekt reduzieren lässt, also sozusagen ein unreduzierbares Moment in sich trägt. Aber ich fand es dennoch interessant, das Stück im Sinne der „Aufgabenstellung“ mal ausdrücklich auf diesen rechtlichen Aspekt hin zu lesen, wodurch natürlich aber andere im Stück enthaltenen Lesarten und Dimensionen unbeleuchtet blieben.

  2. #LawAndLit Beitragsübersicht | Buchguerilla

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