Tagebücher

Nachdem ich mit dem Holtrop durch war, fing ich sofort an, nochmal in „Abfall für alle“ herumzublättern, verbunden mit der vagen Hoffnung, hier könnte ich vielleicht doch nochmal lernen, wie das mit dem Bloggen eigentlich geht. Ich erinnere mich noch, wie der G., der damals, 1998, der erste mit Internet war, mir die Abfall-Seite zeigte: Schau mal, der Goetz schreibt Tagebuch im Internet. Ich las einen Eintrag: es interessierte mich nicht. Obwohl ich die Goetz-Bücher verehrte, war mir ein Bildschirmlesen damals völlig unmöglich, auch die Schnelligkeit und Gegenwartsnähe des Textes waren mir keine einleuchtenden Kriterien, im Gegenteil, ich dachte, wie ich mich noch genau erinnern kann: Ich warte, bis das als Buch rauskommt. Und als es dann als Buch herauskam wurde es mir zu einem absoluten Lebenstext, ich las es in kurzer Folge zweimal ganz durch, und alle paar Jahre nehme ich es wieder raus und blättere so drin herum.

Ich lese ja überhaupt wahnsinnig gern Tagebücher, die Tagebücher von Schleef zum Beispiel nahmen mich vor ein paar Jahren monatelang gefangen. Der hat gegen Ende seines Lebens alle seine Tagebücher abgetippt und dabei gleichzeitig immer Kommentare zu den alten Einträgen verfasst. Da steht dann manchmal hinter einem Eintrag aus den Siebzigerjahren noch der Kommentar von 1998, dann der Kommentar von 2000 und dann noch der von 2001. Diese Rekursivität, ermöglicht durch die einmal erfolgte Verschriftlichung, die dann immer neuen Text erzeugt, weil das Geschriebene nie ganz richtig, immer ergänzungs- und korrekturbedürftig bleibt, ergibt einen sehr faszinierenden Gesamttext. Ein Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Zeitebenen ein und desselben Lebens, widersprüchlich, diskontinuierlich, immer fragmentarisch: sehr lebendig. Während er den Eintrag von 1969 noch kommentiert, schreibt er ja 1999, 2000, 2001 auch gleichzeitig fort, Tag für Tag, alles verzahnt sich, wird immer dichter – vielleicht ist er deswegen so früh gestorben.

Aber ich schweife ab, wollte eigentlich ja berichten, wie alt mir plötzlich das Abfall-Buch vorkam. Je mehr Goetz sich in die Idee der Verschriftlichung totaler Gegenwart hineinverrennt, bis dahin, dass er alle paar Minuten die ganz exakte Uhrzeit mitnotiert, desto weiter weg wirkt das paradoxerweise von heute aus gesehen, irrsinnig vergangen. 1998, mein Gott, plötzlich wurde mir bewusst: Da war ja der Kohl noch an der Regierung, das kann man sich ja kaum noch vorstellen, während man sich gleichzeitig erinnert, dass man sich damals überhaupt nichts anderes vorstellen konnte, als dass der Kohl regiert, weil der Kohl einfach immer schon regiert hatte, seit man denken konnte. Und dann kommt da plötzlich bei Goetz die Meldung rein: Ernst Jünger gestorben. Verrückt, ich hatte immer in dem Irrglauben gelebt, der sei erst 2001 gestorben als „Mann, der in drei Jahrhunderten gelebt hat“. Falsch.

Augenblicklich legte ich „Abfall“ zur Seite und nahm die hier schon lang wartenden Kriegstagebücher Jüngers zur Hand: Sofort gebannt. Die „Stahlgewitter“ habe ich vor ein paar Jahren mal gelesen und dachte damals schon, dass mich das Originaltagebuch mehr interessieren würde als das später daraus resultierende und immer wieder stark umgearbeitete Buch. Die von keinem Stilwillen verfälschte Direktskizze aus dem Graben.

Und tatsächlich schlägt einem aus den Jüngertagebüchern nochmal eine ganz andere, akutere Gegenwarts- und Momentbesessenheit des Textes entgegen, nämlich die, dass es jederzeit auch aus sein könnte mit dem Autor. Die Gefahr schwebt über den Notaten, wie die Schrapnells über dem Kopf des Schreibenden. Normalität des Todes. Krass. Mehr dazu bald.

 

 

Advertisements

7 Kommentare zu “Tagebücher

      • Sicher? Gestern beispielsweise habe ich ein Kotelett im Supermarkt geklaut. Zu Hause legte ich mich nackt aufs Kanapee, das Kotelett zwischen den Schenkeln. Es war immer noch eiskalt. Möchten Sie wirklich nicht mehr darüber erfahren? Wie man fast besinnungslos werden kann vor Verlangen? Nein?

      • Vielleicht sollten Sie sich ein Blog zulegen, meine Verehrteste. „Koteletts der Begierde“, sowas steht derzeit hoch im Kurs in der Blogosphäre.

  1. Von Ernst Jünger ist „Siebzig Verweht“ ebenfalls lesenswert. Die Tagebücher von Julien Green sollen auch schön sein. Habe bisher aber nur eines von ihm gelesen.
    In den letzten Jahren so richtig bekannt geworden sind die Tagebücher von Samuel Pepys, die mittlerweile auch vollständig in deutscher Übersetzung vorliegen. Meine Kenntnis beschränkt sich auf ein Hörbuch. Die Gesamtausgabe wäre mir zu viel. Habe darin mehrmals geblättert, konnte mich aber nicht zu einem Kauf durchringen. Bei dem Preis und dem Seitenvolumen wohl auch nicht ganz verwunderlich. http://www.zweitausendeins.de/thema/buecher-werkausgaben/samuel-pepys-nur-bei-uns-erstmals-komplett-auf-deutsch.html
    Empfehlen kann ich die „Geheimen Tagebücher des Herzogs von Croy“, die als Taschenbuch herausgekommen sind. http://www.chbeck.de/Pleschinski-Nie-herrlicher-leben/productview.aspx?product=8527787 Hier erfährt man viel über das Leben am französischen Hof und die französische Gesellschaft am Vorabend der Revolution.

    • Vielen Dank für die Buchtipps. „Siebzig verweht“ habe ich schon, aber nur den ersten Band bisher gelesen. Von Pepys habe ich einen alten Auswahlband, die ungekürzte Fassung würde mich, glaube ich, umhauen, allein vom Umfang her. Der Herzog von Croy ist mir aber noch ganz unbekannt, das werde ich mir mal anschauen, und von Harry Graf Kessler habe ich auch schon viel Gutes gehört. Vielleicht sollte ich dieses Jahr ausschließlich Tagebücher lesen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s