Abriss der Gesellschaft

Früher, als die Winter noch lang und schneereich und die Sommer heiß und trocken waren, und überhaupt und sowieso alles besser war, da hätte mir das nicht passieren können, soviel steht fest. Da hatte ich nämlich noch kein Internet, vor fünfzehn Jahren sagen wir, und selbst vor zehn Jahren war ich mit meinem Einwählmodem noch so unfassbar langsam im Netz unterwegs, dass von Unterwegssein eigentlich gar nicht die Rede sein konnte. Ich schrieb ein paar Emails, aber das wars dann auch schon wieder, ein Ort des Lesens war das Netz mir damals nicht. Zeitweise hatte ich eine Zeitung abonniert, aber die las ich auch fast gar nicht, meist ging alles ungelesen ins Altpapier, und so bestellte ich sie wieder ab. Über das Weltgeschehen informierte mich ja schon die Glotze und vor den Segnungen der sogenannten Literaturkritik blieb ich auf diese Weise weitgehend verschont, weshalb ich einfach lesen konnte, was ich wollte, und das tat ich dann eben auch. Die richtigen Bücher kommen schon zu einem, die falschen natürlich auch, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Jedenfalls war es kein Zeitungsartikel, der mich vor vielleicht 20 Jahren dazu brachte, das Buch „Irre“ von Rainald Goetz aus einem Karton mit Gebrauchtbüchern vor der Münchner Uni zu ziehen und schließlich auch zu kaufen und zu lesen.

Das Buch elektrisierte mich vom Fleck weg, die Sprache, dieser Sound, das war mir völlig neu und ungehört, irrsinnig kraftgeladen und dennoch poetisch, toll. Ich las dann nach und nach so ziemlich alles von Goetz, manches fand ich besser, manches weniger gut, ganz normal. „Rave“ zum Beispiel ließ mich irgendwie kalt, vermutlich weil ich mit der realen Technopartywelt so überhaupt nichts anfangen kann. „Abfall für alle“ und „Klage“ dagegen ganz große Sternstunden für mich, ich glaubte damals wirklich, dass das Blog der legitime Nachfolger und Ablöser der veralteten Romanform sein könnte, und eigentlich glaube ich das heute auch noch ein bisschen, zumindest finde ich es immer noch bemerkenswert, dass die Kontinuität des zeitlichen Verlaufs, die im Roman ja immer nur eine vorgetäuschte und künstlich konstruierte ist, im Blog, das in Tagesportionen nicht nur geschrieben sondern auch direkt veröffentlicht wird, einen ganz anderen Ausdruck findet, einen sehr zerstückelt und diskontinuierlich daherkommenden interessanterweise, aber darüber müsste ich mal gesondert nochmal nachdenken.

Bei „Johann Holtrop“ war jedenfalls im Vorfeld schon durchgesickert, dass das wieder ein ganz klassisch auktorial erzählter Roman sein solle, kein Formexperiment, wie Goetz’ letzte, und eigentlich ja alle seine vorigen Bücher gewesen waren. Ich rannte dennoch direkt am Erscheinungstag in den Buchladen und holte mir den Holtrop, aber bevor ich noch anfangen konnte ihn zu lesen, prasselten per Netz die Kritiken auf mich ein, und die waren alle ziemlich zurückhaltend bis vernichtend, weswegen ich jetzt plötzlich Angst bekam, einem meiner absoluten Lieblingsautoren könnte hier vielleicht wirklich nichts anderes als ein tiefgekühlter Bockmist eingefallen sein und also sicherheitshalber lieber doch die Finger davon ließ.

Bis ich jetzt, nach über einem Jahr, den Holtrop dann doch aus dem Regal nahm und siehe da: Super Buch! Ein wirklich gültiges und wahnsinnig gut geschriebenes Panorama deutscher Geschichte von 2000 bis 2010, die sogenannten Nullerjahre, vom New Economy-Boom und seinem Platzen bis zur Finanz- und Bankenkrise und dem folgenden und ja letztlich bis heute andauernden Kater. Das alles legt Goetz aber eben nicht abstrakt und schematisch dar, wie es ein Sachbuch oder Wirtschaftsartikel machen würde, sondern er erzählt es anhand unglaublich präziser Psychogramme und der sozialen Konstruktionen und Abläufe zwischen den Menschen auf der höchsten Managerebene, diesen Machern und Entscheidern, die da mit den Milliarden jonglieren, ohne richtig zu kapieren, was sie da eigentlich tun. Die Wahnhaftigkeit dieser außer Kontrolle geratenen Kapitalismusmaschine expliziert Goetz nicht anhand von Börsenmodellen, sondern der Fokus ist ganz mikroskopisch eingestellt: Wie Holtrop als Oberchef strategisch einen Untergebenen, der in letzter Zeit vielleicht etwas zu vorlaut und selbstbewusst geworden ist, einfach dadurch wieder ein paar Stufen degradiert, indem er über einen seiner Witze in der Morgenkonferenz nicht lacht, sich deswegen auch kein anderer der anwesenden Unterchefs traut, über den Witz zu lachen – wie auf diese Weise die per Posten und Gehaltsklasse ja eigentlich schon manifeste Hierarchie Tag für Tag neu bewiesen und hergestellt werden muss, und wie Holtrop umgekehrt genau daran, dass diese Mechanismen plötzlich nicht mehr funktionieren, merkt, dass seine Zeit als Oberchef abgelaufen ist, lang bevor er wirklich rausgeschmissen wird: diese mit dem soziologischen Mikroskop betrachteten Konferenzraumszenen erzählt Goetz wahnsinnig fesselnd und analysiert sie gleichzeitig mit höchster Präzision.

Allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen, den Spaß gibts gratis obendrauf. Denn natürlich, das hat auch die offizielle Literaturkritik ziemlich einhellig verstanden und erklärt, ist das kein Schlüsselroman. Holtrop ist nicht Thomas Middelhoff, (genausowenig wie der „Schirrmacher“ aus „Loslabern“ in dem Sinne der Herr Frank Schirrmacher war), und Holtrop ist auch nicht Hitler, aber trotzdem fand ich es einfach total lustig, dass der durchgeknallte CEO Holtrop, der gerade merkt wie seine Felle davonschwimmen und dass die zur Rückeroberung der Marktmacht geplante „Schönhausenoffensive“ ihm zur rein defensiven und letztlich hoffnungslosen Chefsesselverteidigungsaktion gerinnt, sich Stärkungsspritzen von einem „Dr. Morell“ geben lässt, denn das war ja wirklich der Name von Hitlers Leibarzt. Das muss man nicht witzig finden, aber ich lachte bei derlei grotesken Einschüben und Querverweisen laut auf, genauso wie bei der Stelle, als der zwischenzeitlich in einer Irrenanstalt am Tegernsee internierte Holtrop ein Kurkonzert der „Donalfonskosaken“ zur „Einübung in den Weltkontakt“ besuchen darf.

Der Untertitel „Abriss der Gesellschaft“ stellt keine Doppeldeutigkeit im Sinne eines Rätsels dar, sondern meint genau beides: Es ist ein Abriss vom Abriss der Gesellschaft. Und dieser Abriss geht ja weiter. Der scheinbare Trost des Romans, dass er 2010 mit Holtrops Tod endet, ist seine romanhafteste Tücke.

Vielleicht schreib ich bald noch mehr über den Holtrop, wenn es jemanden interessiert, ich hab soviel mit Bleistift angestrichen, wie schon lang in keinem Buch mehr. Aber für heute reichts.

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6 Kommentare zu “Abriss der Gesellschaft

  1. Ich glaube, einer der kritischen Einwände war, Goetz sei nicht Balzac. Das sind dann so kritische Punktierungen, die einen wirklich wahnsinnig machen können!

    • Verflucht, jetzt hatte ich schon gedacht, den Holtrop stillschweigend ins Regal zurückstellen zu können, und dann kommst du daher. Aber im Ernst, das freut mich natürlich. Ich mag immer keine so klassisch-feuilletonmäßigen Rezensionen schreiben, aber vielleicht schiebe ich dann doch bald nochmal was nach zum Holtrop.

      • Tu das!
        Ich mag ja klassisch-feuilletonmäßige Rezensionen.
        Ich möchte geren etwas von dem Text sehen, der mir vorgestellt wird.
        Wenn du den Holtrop also noch ein bisschen draußen lässt, freue sicher nicht nur ich mich.

      • Ich mag solche Rezensionen auch (manchmal), ich mag sie bloß nicht schreiben. Aber ich schreib noch was zum Holtrop, mit viel Textauszügen, versprochen.

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