Sichten und Ordnen

Es dämmerte schon fast und der Abend nahte, als H. beiläufig sagte, alte Möbel seien doch schöner als neue, weil ich mich über das immer im Weg rumstehende alte Nähkästchen mit dem kaputten Bein mokiert hatte, als mir einfiel, dass ich doch in dem Antiquariat gegenüber des Antikmöbelladens vor Wochen schon das „Echolot“ von Kempowski gesehen hatte, der Laden aber so seltsame Öffnungszeiten hat, dass er eigentlich immer zu ist, wenn ich daran vorbeigehe. Da er jetzt aber zu frühabendlicher Stunde offen haben müsste, ging ich hin, handelte zu meinem eigenen Erstaunen den Preis noch ganz gut runter, und erwarb die vier Bände.

Vier dicke Bücher, die nur aus Tagebuch- und Briefnotizen bestehen, geschrieben im Januar und Februar 1943. „Ein kollektives Tagebuch“, wie es im Untertitel heißt, ein Chor von Stimmen, völlig faszinierend. Während ich mit dem Kriegstagebuch von Jünger noch gar nicht durch bin, habe ich mir nun also schon den nächsten Tagebuchklotz ans Bein gebunden. Was fasziniert mich denn da so? Ort und Zeit immer im Krieg, Form immer Tagebuch.

Eine seltsame Obsession. Ich weiß es selber nicht, schlage den ersten Band des Echolots auf, wo Kempowski, der mir als Jugendlichem mit seinen „Tadellöser & Wolff“-Büchern ja wirklich eine Art Türöffner zur Literatur war, schreibt:

„Seit langem bin ich wie besessen von der Aufgabe zu retten, was zu retten ist, ich habe nie etwas liegenlassen können, ich habe aufgesammelt, was zu bekommen war, und ich habe alles gesichtet und geordnet.“

Verrückt, wie einen der eigene Blogtitel da unverhofft aus einem Buch heraus wieder anspringt. Der Name, auf den ich das Blog damals ja bloß in scherzhafter Anspielung auf Thomas Bernhards „Korrektur“ getauft habe, wo der Protagonist beim Versuch des Sichtens und Ordnens der ihm überlassenen Papiere, dieselben nur immer noch mehr durcheinanderbringt und er schließlich im Chaos ungeordneter Blätter sitzt, von denen er weiß, dass er sie nie wieder in die vorherige Ordnung wird bringen können.

Meine Gedanken zu Ernst Jünger sind ähnlich wirr und ungeordnet, vielleicht muss ich mich diesem initial gewählten, bernhardschen Bild der Wirrnis überhaupt wieder mehr überlassen in meiner bloggerischen Tätigkeit, sagte er, dachte ich, unter der Incredibles-Decke sitzend.

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Auf jeden Fall bald mehr zu Jünger und der Tagebuchform.

Augustiner-Express

Hamburg. Fast zwanzig Jahre lang habe ich diese Stadt gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Bei meinem letzten Aufenthalt dort hatte man mir zunächst im Goldenen Pudelclub kein Bier verkaufen wollen, mit dem Vermerk, Bayern würden hier leider nicht verköstigt, und am nächsten Tag hatte mich ein Herr, den ich unschuldig nach dem Weg irgendwohin gefragt hatte, auf den Kopf zugefragt, ob ich nicht aus Bayern sei, er glaube da einen gewissen Akzent zu hören. Ja, hatte ich erwidert, und der Herr hatte mir daraufhin eine akkurate Wegbeschreibung gegeben, die in der Bemerkung gegipfelt hatte, da sei dann der Bahnhof, da solle ich reingehen und gefälligst den nächsten Zug nach München nehmen. Und war ohne weitere Erläuterungen ums Eck gebogen. Als ich ein paar Tage später tatsächlich im Zug nach München saß, war das Kapitel Hamburg für mich erstmal abgeschlossen.

Nun aber lagen die Karten anders: der Spiegel hatte mich beauftragt, eine Exklusivgeschichte über eine Bloggerlegende, den berüchtigten und bekanntermaßen überaus medienscheuen Bob Macha, zu schreiben. Was hätte ich da sagen sollen: dass es mir aus persönlichen, mithin biografistischen Gründen leider unmöglich sei, die Stadt Hamburg zu betreten? Lächerlich. Ich fuhr also hin, am kältesten Wochenende des Jahres. Sibirischer Eiswind pfiff mir ins Gesicht, als ich aus dem Bahnhofsgebäude trat. Ich erkannte nichts wieder. Gottseidank hat man in der Zwischenzeit Telefone mit integrierten Stadtplänen erfunden, ich musste also niemanden nach dem Weg fragen, um zum Spiegel-Hochhaus zu finden, wo Spiegel-Redakteur Becker mir in aller Kürze noch einmal die allgemeinen Richtlinien seines Blattes sowie seine eigenen ungefähren Erwartungen an die zu schreibende Titelstory über Bob Macha erläuterte. Macha habe dieser Geschichte zur Überraschung der gesamten Redaktion zugestimmt, dann aber hinzugefügt, keinen Spiegelredakteur treffen zu wollen, ja dass überhaupt kein Spiegelmann diese Story schreiben dürfe, sondern er nur einem Blogger gegenüber bereit sei, dieses Interview zu führen, und nur einem solchen die zu enthüllenden Geheiminformationen aus den Hinterzimmern der Blogosphäre anvertrauen wolle, nur einem hervorragenden Blogger, wie er noch hinzugefügt haben soll, und eine vier Namen umfassende Liste zur Verdeutlichung dessen, was er, Macha, unter einem hervorragenden Blogger verstehe, der Email beigefügt, weswegen man, nach aufgeregter redaktionsinterner Debatte, schließlich an mich herangetreten sei usw. usw.

Zur Sicherheit hatte ich mich mit Macha in einem sogenannten „Münchner Wirtshaus“ verabredet, die jetzt scheinbar auch in Hamburg wie die Pilze aus dem Boden sprießen, selbst in den Hafenkneipen von St. Pauli soll mittlerweile schon Augustiner ausgeschenkt werden, wie ich mit klammheimlicher Freude gehört habe. Pünktlich auf die Minute stand Macha vor mir: eine imposante Erscheinung, dem jungen Orson Welles nicht ganz unähnlich, bestellte sofort Hefeweizen, tadelte mich leicht für die Wahl eines Hellen, machte aber insgesamt den allersympathischsten Eindruck auf mich. Als ich mein Notizbuch auf den Tisch legte, entriss er es mir sofort: Das solle ein Oktavheft sein, die berühmten Oktavhefte des Sichters und Ordners? Nie und nimmer sei das ein Oktavheft, ein schnödes A-5-Heft sei dies, und nichts anderes, sagte er knapp, überflog schnell meine Vorbereitungsnotizen und fing dann direkt an, mit dem Bleistift, den er mir ebenfalls aus der Hand genommen hatte, die Seiten zu füllen. Wie schnell er schreibt, dachte ich, er setzt kaum ab. Mit vollkommener Leichtigkeit flog der Stift übers Papier. Da er während des Schreibens meine Anwesenheit überhaupt nicht zu bemerken schien, ging ich nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen. Als ich zurückkam steckte er mir das Büchlein zu: Es steht alles drin, das Interview ist erledigt, wir können jetzt entspannt trinken, und gab der Kellnerin ein Handzeichen: nochmal dasselbe!

Am nächsten Morgen fand ich mich zu meiner eigenen Verwunderung auf dem Sofa des Herrn Becker wieder. Wie war ich hierher gekommen? Ich wusste nichts mehr. „Wie ist es gelaufen, was hat er erzählt?“, wollte Becker wissen. Ich fingerte das Notizbuch aus meiner Manteltasche und reichte es ihm. Er blätterte, riss die Augen auf, kniff sie wieder zusammen, und rief schließlich aus: „Das kann ja kein Mensch lesen, was steht denn da?“ Ich sah auf die Seiten. Tatsächlich: unentzifferbare Hieroglyphen. Verdammt. Macha, der elende Sauhund! Auf Wiedersehen, Spiegel-Titelstory. Aber was solls, dachte ich später: Es war ein irre lustiger Abend, sehr irre und sehr lustig, ich hab soviel gelacht, wie schon lang nicht mehr. Und lachte trotz immer noch leise pochenden Kopfschmerzes noch einmal leise auf, als ich schon wieder im Zug saß, nach Hause, in das ja ebenfalls schon fest in der Hand des Augustiner-Konzerns stehende Berlin.

Recht, Autonomie, Schicksal: Antigone

Es gehört zu den letzten ungelösten Menschheitsrätseln, warum sich ausgerechnet unter den Juristen so viele Literaturfreunde und Vielleser finden. Man sollte doch meinen, dass Leute, die beruflich den ganzen Tag damit beschäftigt sind, in einem hochkomplexen Spezialdeutsch abgefasste Texte zu lesen und zu interpretieren, bzw. solche vertrackten Texte selbst zu schreiben, in ihrer Freizeit nach einem anderen Ausgleich suchen, als sich erneut mit Buchstabenkaskaden vollgedruckte Seiten vors Gesicht zu halten. Aber die Erfahrung lehrt das Gegenteil: die paar Juristen, die ich im Leben bisher besser kennengelernt habe, waren allesamt höchst belesene Literaturkenner, und auch im Netz zeigt sich, dass überdurchschnittlich viele Literaturblogs von Juristen betrieben werden.

Vielleicht liegt es ja genau daran, dass literarische Werke nicht selten von den Themenkomplexen um Schuld und Sühne, den Aporien des Rechts und der Gerechtigkeit handeln. Wie dem auch sei: Irgendwas interessierte mich an dem Projekt, Blogtexte zum Thema „Recht in der Literatur“ zu sammeln, und da zum Mitmachen ausdrücklich auch Nicht-Juristen eingeladen waren und ich gleichzeitig sah, dass mit der Antigone von Sophokles ein für das Thema ganz grundlegender Text auf der Vorschlagsliste fehlte, beschloss ich, daran teilzunehmen.

Die Handlung der Antigone ist eigentlich ganz simpel und schnell erzählt, die Kompliziertheiten verstecken sich im Detail. Vorgeschichte: Eteokles und Polyneikes sind Brüder, die Söhne des unglücklichen Ödipus, und streiten sich um die Nachfolge ihres Vaters als Herrscher über Theben. Vorgesehen ist eigentlich ein alternierendes Königtum zwischen beiden, aber Eteokles weigert sich, den Thron gemäß der Abmachung für seinen Bruder zu räumen, woraufhin Polyneikes mit einem Söldnerheer gegen Theben zieht, um sein Recht gewaltsam durchzusetzen. Die Schlacht (beschrieben in Aischylos’ Tragödie „Sieben gegen Theben“) geht zugunsten von Eteokles aus, welcher aber selbst im direkten Zweikampf mit seinem Bruder fällt: gleichzeitig durchbohren sich Eteokles und Polyneikes mit ihren Waffen. An diesem Punkt setzt die „Antigone“ ein. Das durch den Tod der beiden Thronanwärter entstandene Machtvakuum befördert Kreon, den Onkel von Eteokles und Polyneikes, auf den Thron. Kreons erste Amtshandlung ist nun ein spontaner Erlass, wonach Eteokles ein ruhmreiches Heldenbegräbnis zuteil werden soll, Polyneikes aber als Hochverräter anzusehen sei und seine Leiche demnach nicht bestattet werden, sondern unbeerdigt vor den Toren der Stadt liegen bleiben soll. Auf Zuwiderhandlung setzt er die Todesstrafe an. Antigone, Schwester von Eteokles und Polyneikes, also auch Nichte des Kreon, außerdem die Verlobte von dessen Sohn Haimon, vollzieht trotz des Verbots die vorgeschriebenen Bestattungsrituale an der Leiche und bedeckt sie mit einer Staubschicht. Wächter erwischen sie dabei und bringen sie vor Kreon. Der zögert nicht, die Todesstrafe auch über seine Nichte und Schwiegertochter in spe zu verhängen. Weder Antigone selbst, noch Haimon oder der Chor können Kreon zu Milde oder Einsicht bewegen. Antigone wird lebendig in einem Felsengrab eingemauert. Erst dem blinden Seher Teiresias gelingt es, Kreon davon zu überzeugen, dass er einen Fehler gemacht hat. Kreon lässt den Polyneikes jetzt richtig bestatten, eilt dann selbst zu dem Felsgrab der Antigone, um es aufzubrechen, aber Antigone hat sich darin bereits erhängt. Aus Verzweiflung darüber tötet sich Haimon ebenfalls selbst, der Verlust des Sohnes treibt dann auch noch Kreons Frau Eurydike in den Selbstmord. Der zu spät einsichtig gewordene Kreon steht am Schluss alleine vor dem Leichenhaufen seiner Familie.

Nun zum Recht. Hegel hielt die Antigone für das „vortrefflichste, befriedigendste Kunstwerk“, und zwar genau deshalb, weil hier zwei Rechtsordnungen aufeinanderprallen, die einerseits zueinander im Widerspruch stehen und gleichzeitig aber – in ihrer Verkörperung durch Kreon und Antigone – innig miteinander verwoben sind. Kreon steht demnach für das Recht der Staatsgewalt, Antigone für das Recht der Familie und der Götter. Antigone als Königstochter, aber auch ganz einfach als Bürgerin von Theben, ist aber eben auch dem Staatsrecht unterworfen, gegen das sie sich auflehnt. Und Kreon, der neue König und Alleinherrscher, ist seinerseits Teil ebenjener Familie, deren Naturrecht von Antigone verteidigt wird. Für den Dialektiker Hegel eine exemplarische Konstellation: „So ist beiden an ihnen selbst das immanent, wogegen sie sich wechselweise erheben, und sie werden an dem selber ergriffen und gebrochen, was zum Kreise ihres eigenen Daseins gehört.“ (Hegel, Vorlesungen zur Ästhetik III, S. 549).

Beim Wiederlesen des Stückes erschien mir das alles aber plötzlich noch viel komplizierter, vor allem, wenn man es mal explizit auf die Frage nach Recht, Gesetz und Legitimität hin liest. Als Kreon am Anfang das verhängnisvolle Ad-hoc-Gesetz erlässt, dass Polyneikes nicht bestattet werden dürfe, tut er dies auf bemerkenswert propagandistische Weise. Polyneikes wird diffamiert als Vaterlandsfeind, der die Stadt niederbrennen und deren Bürger töten, die Überlebenden in die Sklaverei führen wollte. Dass Polyneikes in Wahrheit nur das ihm verweigerte Recht der im Jahreswechsel alternierenden Herrschaft gewaltsam erstreiten wollte, wird verschwiegen. Im ganzen Stück ist davon nicht die Rede, aber man muss bei der Lektüre der antiken Tragödien immer bedenken, dass die zeitgenössischen Zuschauer diese mythologischen Hintergrundgeschichten selbstverständlich kannten und mitdachten. Es scheint also eher so, als wolle Kreon zu Beginn seiner Herrschaft gleich ein Exempel seiner Macht und Stärke geben, auch wenn er vorgibt, seinen Beschluss aus höheren Grundsätzen abzuleiten: Wer dem Vaterland wohl will, wird geehrt, wer gegen das Vaterland zieht, ist ehrloser Abschaum. Vom Chorführer als dem Repräsentanten des Volkes bekommt er auch sofort nach dieser Rede die Zustimmung:

Chorführer:
Dies ist in deine Macht gestellt; Kreon, Sohn des Menoikeus,
im Hinblick auf den, der dieser Stadt übel als auch den, der ihr gut gesinnt ist:
jegliche Regelung zu treffen ist dir erlaubt
über die Toten als auch über die, die wir leben.
(Antigone, V. 211ff.)

Damit scheint Kreon als mit allen Kompetenzen ausgestatteter Alleinherrscher anerkannt und legitimiert. Er darf bestimmen über die Lebenden und sogar die Toten.

Antigones Zuwiderhandeln speist sich jetzt interessanterweise aus einer Vielzahl von Quellen. Sie betrachtet die Bestattung des Bruders als ihre heilige Pflicht, dem Bruder selbst, vor allem aber den Göttern gegenüber. Antigones Schwester Ismene hingegen beugt sich dem Gesetz, sehr interessant dieser Wortwechsel, ganz zu Beginn des Stücks:

Ismene:
Nein, bedenken muß man dies einmal, daß als Frauen
wir geboren wurden, um gegen Männer nicht zu kämpfen.
Dann aber, daß wir beherrscht werden von Stärkeren
und daß wir dies hören müssen und noch Schmerzlicheres als dies.
Ich nun will die Unterirdischen bitten,
Verzeihung zu gewähren, weil ich gezwungen werde dazu, und
dem fest im Amte stehenden will ich mich fügen; denn das Vermessene zu tun hat keinen Sinn.
 
Antigone: […]
Sei nun, wie es dir richtig erscheint. Jenen aber werde ich
bestatten. Schön für mich, danach zu sterben!
Lieb werde ich bei ihm liegen, mit dem Lieben zusammen,
nach frommem Frevel. Denn länger ist die Zeit,
die ich gefallen muß den Unteren als denen hier oben.
(Antigone, V. 61ff.)

Was für eine Vielzahl an Motiven da aufschillert. Ismene als das passive Prinzip, beruft sich auf ihre Weiblichkeit, aber auch auf ihre Weltlichkeit schlechthin. Geboren um den Stärkeren zu gehorchen, unterwirft sie sich dem herrscherlichen Zwang. Antigone hingegen argumentiert auch streng rational und letztlich auch passiv: Weil sie längere Zeit bei den Göttern der Unterwelt sein muss als bei den Herrschern der Erde, macht sie sich lieber jenen gefällig.

In der direkten Konfrontation mit Kreon bringt Antigone dann noch eine andere Legitimation ihres gesetzeswidrigen Handelns ins Spiel, eine demokratische: Das Volk würde genauso denken wie sie, und nur aus Angst vor dem Herrscher schwiegen sie:

Antigone:
Und woher sollte ich rühmlicheren Ruhm
bekommen, als daß ich den eigenen Bruder ins Grab
lege? Daß diesen allen das gefällt,
könnte doch behauptet werden, wenn Furcht nicht schlösse ihren Mund.
Aber die Gewaltherrschaft hat in vielem ihren Segen,
und es ist ihr erlaubt, zu tun und zu sagen, was sie will.
(Antigone, V. 502ff.)

Auch Haimon, der beim Vater die Begnadigung der Antigone bzw. die Rücknahme des Nichtbestattungserlasses erwirken will, bringt das demokratische Argument ins Spiel:

Haimon:
Dein Blick ist erschreckend für den Mann im Volke
bei solchen Worten, die du nicht magst, wenn du sie hörst.
Mir aber ist es möglich, im Dunklen zu hören,
wie sehr die Stadt dies Mädchen bedauert,
daß von allen Frauen die unschuldigste
schimpflich zugrunde gehen soll für die rühmlichste Tat.
(Antigone, V. 690ff.)

Es ist aber sogar noch komplizierter. Denn der Chor als Repräsentant des Volkes, schwankt auch, und neigt sich einmal der Antigone zu, dann aber wieder dem Kreon. Im grandiosen vierten Auftritt, Antigones Abschied von der Welt vor ihrer Einmauerung im Lebendgrab, hält sie in großen lyrischen Gesängen Zwiesprache mit dem Chor, das ist schon völlig weltentrückt. Da sagt der Chor:

Aber berühmt und mit viel Lob
gehst du in diese Totengruft,
weder von verderblichen Krankheiten geschlagen
noch mit dem Lohn des Schwertes,
sondern dir selbst Gesetz, gehst du als einzige denn
von den Sterblichen zum Hades.
(Antigone, V. 817ff.)

Das ist für mich die Schlüsselpassage: Ein einziger Mensch wagte es, sich selbst Gesetz zu sein. Das geht über die Hegeldeutung hinaus, das konnte der Staatsfanatiker Hegel gar nicht in sein System integrieren, aber hier liegt der wahre Gehalt des Stückes: Götter, Familie, Volk, das mag ja alles sein, und von Antigone selbst auch als Rechtfertigung ihres Handelns aufgeführt werden – aber letzten Endes handelt sie einfach nach ihrem eigenen Gesetz, (αὐτόνομος, wie es im Text heißt). Und diese Autonomie stellt sich ja interessanterweise gegen ein Staatsgesetz, das ebenso individuell nur von einem einzigen Menschen gemacht ist, und nur kraft seines Amtes als Diktator zum Allgemeingesetz erhoben werden konnte. Aber der Chor, der ihr eben noch ein fast göttliches Tun in diesem autonomen Alleingang bescheinigt hatte, zieht dann doch wieder zurück:

Chor:
Die Toten ehren bedeutet frommes Tun,
Staatsgewalt, wem Staatsgewalt auch immer gehört,
darf keinesfalls übertreten werden.
Dich hat dein eigensinniges Aufbegehren zerstört.
(Antigone, V. 872ff.)

Die unglaubliche Spannung des an sich ja eher handlungsarmen Stücks erzeugt sich tatsächlich aus diesem juristischen Zwiespalt, dass Kreon zwar innerhalb des politischen Systems von Theben legitim handelt – und so ja auch argumentiert: Er hat ein Gesetz erlassen und Gesetze müssen befolgt werden, andernfalls bräche Chaos im Gemeinwesen aus – aber dennoch einen verhängnisvollen Fehler macht, der zwar nicht den Staat, aber doch ihn persönlich ins Unglück stürzt. Und Antigone, die etwas tut, was kein antiker und kein heutiger Jurist akzeptieren könnte, nämlich sich selbst Gesetz zu sein und sich so über die Gesetze des Staates hinwegzusetzen, ist dennoch gefühlt im Recht und hat die Sympathie des Volkes auf und des Publikums vor der Bühne klar auf ihrer Seite.

Am Ende sind alle tot, nur Kreon überlebt. Einsichtig geworden und dadurch doppelt gestraft, wünscht er sich ebenfalls den Tod, aber im Gegensatz zu den anderen, deren Tod er verschuldet hat, muss er weiterleben – brutalster Schicksalsbegriff der Griechen:

Kreon:
Es soll kommen, soll kommen
meiner Geschicke schönstes, soll erscheinen,
das den letzten Tag mir bringt
das allerletzte. Es komme doch
damit ich nicht mehr den nächsten Tag sehen muß.

Chor:
Das bringt die Zukunft. Das Nötigste besorgen
ist Gebot. Darum sich sorgen ist Aufgabe derer, denen es obliegt.

Kreon:
Nur, was ich wünsche, habe ich erbeten.

Chor:
Bitte um nichts mehr; denn aus dem bestimmten
Schicksal gibt es für Sterbliche keine Befreiung.
(Antigone, V.1328ff.)

Also, ich sag’s ungern, aber hier hatte Hegel ausnahmsweise recht: Die „Antigone“ ist wirklich das vortrefflichste Kunstwerk, da kann selbst der „Lear“ einpacken.

Johann Holtrop: Eine Katastrophenchronik

Bevor ich mit Jüngers Kriegstagebüchern weitermache, jetzt auf Anregung der Katastrophenchronistin doch noch einige zusätzliche Anmerkungen zu „Johann Holtrop“.

Das Buch besteht aus drei Teilen, der erste Teil zeigt Holtrop im Jahr 2000 auf dem Höhepunkt seiner Macht als Vorstandsvorsitzender des Medienkonzerns Assperg AG. Allein der Firmenname schon, und sofort beginnt alles zu schillern. Da steckt erstens natürlich das englische „Ass“ drin, also zu deutsch „Arschberg AG“. Dann denkt man natürlich gleichzeitig sofort an das Asperger-Syndrom, eine milde Form des Autismus, die den Betroffenen alle sozialen Interaktionen stark erschweren, da sie nicht in der Lage sind, Mimik und Körpersprache der anderen richtig zu deuten. Und drittens – es mag zu weit hergeholt erscheinen, aber mir drängte sich die Assoziation direkt auf – erinnert der Name an den „Auersberger“, bei dem der Ich-Erzähler von Thomas Bernhards „Holzfällen“ zum künstlerischen Abendessen eingeladen ist und sich dabei in seiner Erregung über die Verkommenheit des Kunst- und Kulturbetriebs in höchste Schimpfhöhen hinaufsteigert, wobei der Auersberger selbst die schiere Verkörperung all dieser Scheußlichkeiten darstellt. Alle drei Lesarten des Firmennamens charakterisieren das Buch „Johann Holtrop“ als Ganzes: Es geht um Ärsche, um deren Gestörtheit im Sozialen (ohne dass sie vom Asperger-Syndrom im klinischen Sinne befallen wären), und um einen Erzähler, der zwar anders als bei Bernhard nicht als Ich-Erzähler selbst in der Erzählung auftritt, aber dennoch keinen Zweifel daran lässt, wie scheußlich und grauenhaft er die Vorgänge in der Assperg AG findet. Und ähnlich wie bei Bernhard dient das Stilmittel der Übertreibung auch hier der Sichtbarmachung bestimmter Zusammenhänge und Zustände.

So wie „Holzfällen“ Bernhards Hasserklärung an den Kulturbetrieb war, so ist „Johann Holtrop“ Goetz’ Hasserklärung an die neoliberal entfesselte Wirtschaft der letzten zwanzig Jahre.  Das Buch besteht aber (ebensowenig wie „Holzfällen“) nicht aus bloßer unreflektierter Hassrede, sondern beschreibt sehr treffsicher die verfehlte Geisteshaltung der Akteure und die Mechanismen, die schließlich zum Platzen der Blase und dem Zusammenbruch führten. Im ersten Teil geht es vor allem darum, dass Holtrops einstiger Weggefährte Thewe von Holtrop abgesägt wird. Den kann er aber nicht einfach rausschmeißen, stattdessen werden Beraterfirmen engagiert, deren Evaluationen ergeben sollen, dass Thewe weg muss. Das liest sich bei Goetz dann so: Die Beraterfirma präsentiert ihre Ergebnisse:

In ein schülerhaft ordentliches Schema wird die Pseudopräzision einer möglichst angeberhaft abstrakten Begrifflichkeit, hier billig der Systemtheorie entlehnt, quasi automatisch hineingefüllt. Die so erzeugte Wissenschaftlichkeitsanmutung war dazu da, das Gutachten möglichst weit weg von der Realität der begutachteten Wirklichkeit zu positionieren, um seiner Funktion zu entsprechen, Realwissen über Realität zu stören. Der Boom der Beraterindustrie seit den eben vergangenen 90er Jahren des XX. Jahrhunderts hatte auch darin seine Ursache, dass den Leuten in Entscheiderpositionen das Urteilszutrauen verlorengegangen war, es fehlte die Freude daran und der Mut, das Wirre der Realität mit eigenen Urteilsintuitionen erfassen zu wollen. Lieber wurden vier Gutachten eingeholt, je teurer, umso besser, als dass man sich in der irrational witternden Weise, so wie die Vernunft der Urteilskraft es vorgab, selbst ein Bild vom zu beurteilenden Gegenstand, hier etwa den insgesamt klandestinen Strukturen am Asspergstandort Krölpa, gemacht hätte. Außerdem lieferte schon der Prozess der Begutachtung von außen erwünschte Nebeneffekte mit, die jede Innenanalyse als falsch ausgewiesen hätte, die vom Auftraggeber des Gutachtens aber genau gewollt waren: das Gutachten sollte auch Unruhe stiften, Angst erzeugen, Instabilität schaffen. (S. 48f.)

In dieser Passage ist fast schon der Kern des Romans in starker Verdichtung enthalten. Holtrops Verleugnung der Realität durch einerseits Unkenntnis, Unfähigkeit und Verdrängung nach innen, und seine Reaktion: Erzeugung von Angst und Instabilität nach außen hin, also in Richtung der Untergebenen.

Solche Strukturen werden im ersten Teil sehr detailliert, manchmal fast überpräzise dargestellt, Holtrop ist ganz oben, er spielt mit der Macht, aber er ist ein Visionär ohne Vision, das kann nicht gut gehen, man ahnt es schon. Sehr interessant ist nämlich, wovon im Roman überhaupt nicht die Rede ist, ein vom Autor sicherlich ganz bewusst gesetzter blinder Fleck: Von dem, was die Firma Assperg überhaupt macht, was für ein Produkt da eigentlich verkauft wird. Irgendwas mit Medien, aber konkreter wird der eigentliche Geschäftskern nie angegeben. Beschrieben werden dezidiert immer die Machtstrukturen innerhalb der höchsten Managerebene. Was produziert wird und wie sich das verkauft und warum, oder warum nicht, das wird nie thematisiert, dem Holtrop werden immer nur unendliche Zahlenkolonnen vorgelegt, die er selber nicht versteht und deshalb umso entschlossener abnickt. Ich halte das für ein sehr gelungenes Bild von der Entwicklung, die wir ja real in den letzten 20 Jahren miterlebt haben: Die Entkopplung des reinen Geldes von den Produkten, mit denen dieses Geld eigentlich verdient wird. Holtrop jongliert ziemlich besinnungslos mit Millionen, die nirgendwo geerdet sind, keine Entsprechung in der Realität mehr haben, weswegen die Blase ja dann letztlich auch platzen muss.

Im zweiten Teil geht es bergab mit der Assperg AG und dementsprechend auch mit Holtrop. Während er früher eigentlich nur zwischen Hongkong und New York hinundherflog und die großen Geschäfte abwickelte, kniet er sich jetzt wieder in sein irgendwo in der deutschen Provinz gelegenes Büro hinein, verstört aber durch diese plötzliche Präsenz seine Mitarbeiter nur noch mehr, alles geht immer noch schneller den Bach runter.

Hinter Panzerglas und Nebel taumelte Holtrop durch die erste Hälfte der Woche. Die üblichen Sitzungen verliefen wie sonst auch. Am Mittwoch hatte sich der Eiter aus dem linken Oberlid nach innen auf den Augapfel ergossen, die Schmerzen hatten nachgelassen, aber das Auge und der Gesichtsteil darunter waren dramatisch angeschwollen und feuerrot entflammt. So stand Holtrop am Donnerstagmorgen im Badezimmer vor dem Spiegel. So stand er ein paar Stunden später hinter dem Vortragspult im Berliner Kongresszentrum ICC, um den leider ja wieder sehr massenhaft erschienenen, aufs allerherzlichste begrüßten Klein- und Kleinstaktionären im Bilanzvortrag seine Sicht der katastrophalen Lage der Assperg AG zu erläutern: Die Lage sei unkatastrophal. Die ergriffenen Maßnahmen eins bis neun seien alternativlos. Ihre Wirkung beginne bereits zu greifen. Dies sei auch zu beweisen. Dann folgte das einschlägige Feuerwerk der Zahlen, das Holtrop abfackelte, ohne es selbst verstanden zu haben. Zum ersten Mal, seit er diesen Job als CEO bei Assperg machte, kam er sich dabei wie ein Hochstapler vor. (S. 241)

Natürlich war Holtrops Treiben von Anfang an eine Hochstapelei, aber solange die Zahlen stimmten, hatte das niemand bemerkt, auch er selber nicht. Darin besteht auch die Tragik der Figur Holtrop.

Der dritte Teil ist mit 60 Seiten der kürzeste, gleichzeitig umfasst er den längsten Zeitraum, von Holtrops Entlassung bei Assperg 2002 bis zu seinem Tod 2010. In einer Kritik wurde das als liebloses Heruntererzählen gebrandmarkt, ich empfand es als eine dem Rhythmus der Erzählung ganz angemessene Beschleunigung des Tempos. Holtrop kommt innerlich mit dem Machtverlust nicht zurecht, ein als romantisches Wochenende mit seiner Frau geplanter Paris-Trip gerät zur Katastrophe:

Vor dem Restaurant George V saßen Pia Holtrop und ihr Mann auf der Terrasse beim Abendessen, es war eine warme Sommernacht, die Autos auf den Champs Élysées summten und leuchteten, das großstädtische Bewegtsein des Verkehrs euphorisierte Holtrop, auch das Essen war natürlich außerordentlich, und Holtrop textete manisch seine neuesten Pläne und seine augenblickliche Begeisterung auf seine Frau hin ein, genau so wie er früher immer seine Untergebenen zugetextet hatte, wenn ihm gerade danach war. Die Rücksichtslosigkeit Holtrops beschämte seine Frau. Sie war müde, wollte ihm aber gern die Freude machen, sich an dieser absurd kurzfristig angesetzten Parisreise zu freuen. (S. 295f.)

Aber die innere Kaputtheit Holtrops ist nicht mehr zu reparieren, weder durch Parisromantik noch durch die Geduld seiner Frau. Holtrop dreht endgültig durch und wird in die Psychiatrie eingeliefert:

Am Tag der Wahl zu einem neuen Bundestag hatte Holtrop die von ihm geforderte Selbstvernichtungserklärung freiwillig unterschrieben, anders als Jenny Gröllmann, fünfhunderttausend Leute stünden seither Schlange, die von ihm erlassenen Tagesbefehle, egal ob im Neuen Deutschland publiziert oder in der alten Deutschen Allgemeinen, zu lesen und auch zu befolgen! Dieser Rückfall in die Manie wurde von Dr. Hayel mit der iterierenden Nachschockmethode behandelt, Insulin, Doxycyclin, Dexamethason und Methadon in streng iterierender Rollatur, keine zwei Wochen später war Holtrop wieder maniefrei. Im Folgezustand des Stupor periodicus wurde Holtrop dann Anfang Oktober als Liegendtransport von Tegernsee zur finalen Endtherapie nach Schloss Blüthnerhöhe verlegt und dort zunächst mit Hirnwäsche und Blutabsaugung erfolgreich stabilisiert. Die für die Rückkehr in den Alltag nach Ansicht des Blüthnerhöhechefs erforderliche Endzerstampfung der Patientenpersönlichkeit wurde in Gespräch- und Basteltherapiestunden auch am Patienten Holtrop so erfolgreich durchgeführt, dass eine Entlassung auf Probe nun also ärztlicherseits versucht werden konnte. (S. 302f.)

Das ist für mich in erster Linie mal allerhöchste Sprachkunst, lustig und schockierend im selben Moment. Man hat hier wirklich Mitleid mit Holtrop, den man 300 Seiten lang vor allem als selbstverliebten Vollidioten und intriganten Fiesling kennengelernt hat, wenn man ihn jetzt, nach erfolgter Persönlichkeitszerstampfung, in der psychiatrischen Bastelstunde sitzen sieht.

Natürlich ist das in der konkreten Darstellung übertrieben, aber ich glaube, einen gewissen Wahrheitskern hat die Idee, dass diese Managerkarrieren in der Wirtschaftswelt von heute, wo Menschlichkeit kein gültiges Kriterium und kein Maßstab mehr ist, ihren logischen Fluchtpunkt in der Psychiatrie haben. Dass die Mehrzahl der professionellen Literaturkritiker, die doch immer den Mangel an Welt- und speziell Arbeitsweltbezug in der Gegenwartsliteratur beklagen, dann den Holtrop aber doch als zu kühl und zu negativ ablehnten, bleibt mir unverständlich. Nächtlich arbeitende Putztrupps eröffnen und beschließen das Buch, auch das ein eindringliches Bild: das Heer der namenlosen Billigarbeiter, die nachts in denselben Räumen arbeiten, wie tags die irren Holtrops. Am Ende putzen sie die Kühlhalle der Rechtsmedizin aus, wo Holtrops Leiche liegt.

 

Tagebücher

Nachdem ich mit dem Holtrop durch war, fing ich sofort an, nochmal in „Abfall für alle“ herumzublättern, verbunden mit der vagen Hoffnung, hier könnte ich vielleicht doch nochmal lernen, wie das mit dem Bloggen eigentlich geht. Ich erinnere mich noch, wie der G., der damals, 1998, der erste mit Internet war, mir die Abfall-Seite zeigte: Schau mal, der Goetz schreibt Tagebuch im Internet. Ich las einen Eintrag: es interessierte mich nicht. Obwohl ich die Goetz-Bücher verehrte, war mir ein Bildschirmlesen damals völlig unmöglich, auch die Schnelligkeit und Gegenwartsnähe des Textes waren mir keine einleuchtenden Kriterien, im Gegenteil, ich dachte, wie ich mich noch genau erinnern kann: Ich warte, bis das als Buch rauskommt. Und als es dann als Buch herauskam wurde es mir zu einem absoluten Lebenstext, ich las es in kurzer Folge zweimal ganz durch, und alle paar Jahre nehme ich es wieder raus und blättere so drin herum.

Ich lese ja überhaupt wahnsinnig gern Tagebücher, die Tagebücher von Schleef zum Beispiel nahmen mich vor ein paar Jahren monatelang gefangen. Der hat gegen Ende seines Lebens alle seine Tagebücher abgetippt und dabei gleichzeitig immer Kommentare zu den alten Einträgen verfasst. Da steht dann manchmal hinter einem Eintrag aus den Siebzigerjahren noch der Kommentar von 1998, dann der Kommentar von 2000 und dann noch der von 2001. Diese Rekursivität, ermöglicht durch die einmal erfolgte Verschriftlichung, die dann immer neuen Text erzeugt, weil das Geschriebene nie ganz richtig, immer ergänzungs- und korrekturbedürftig bleibt, ergibt einen sehr faszinierenden Gesamttext. Ein Hin- und Herspringen zwischen den verschiedenen Zeitebenen ein und desselben Lebens, widersprüchlich, diskontinuierlich, immer fragmentarisch: sehr lebendig. Während er den Eintrag von 1969 noch kommentiert, schreibt er ja 1999, 2000, 2001 auch gleichzeitig fort, Tag für Tag, alles verzahnt sich, wird immer dichter – vielleicht ist er deswegen so früh gestorben.

Aber ich schweife ab, wollte eigentlich ja berichten, wie alt mir plötzlich das Abfall-Buch vorkam. Je mehr Goetz sich in die Idee der Verschriftlichung totaler Gegenwart hineinverrennt, bis dahin, dass er alle paar Minuten die ganz exakte Uhrzeit mitnotiert, desto weiter weg wirkt das paradoxerweise von heute aus gesehen, irrsinnig vergangen. 1998, mein Gott, plötzlich wurde mir bewusst: Da war ja der Kohl noch an der Regierung, das kann man sich ja kaum noch vorstellen, während man sich gleichzeitig erinnert, dass man sich damals überhaupt nichts anderes vorstellen konnte, als dass der Kohl regiert, weil der Kohl einfach immer schon regiert hatte, seit man denken konnte. Und dann kommt da plötzlich bei Goetz die Meldung rein: Ernst Jünger gestorben. Verrückt, ich hatte immer in dem Irrglauben gelebt, der sei erst 2001 gestorben als „Mann, der in drei Jahrhunderten gelebt hat“. Falsch.

Augenblicklich legte ich „Abfall“ zur Seite und nahm die hier schon lang wartenden Kriegstagebücher Jüngers zur Hand: Sofort gebannt. Die „Stahlgewitter“ habe ich vor ein paar Jahren mal gelesen und dachte damals schon, dass mich das Originaltagebuch mehr interessieren würde als das später daraus resultierende und immer wieder stark umgearbeitete Buch. Die von keinem Stilwillen verfälschte Direktskizze aus dem Graben.

Und tatsächlich schlägt einem aus den Jüngertagebüchern nochmal eine ganz andere, akutere Gegenwarts- und Momentbesessenheit des Textes entgegen, nämlich die, dass es jederzeit auch aus sein könnte mit dem Autor. Die Gefahr schwebt über den Notaten, wie die Schrapnells über dem Kopf des Schreibenden. Normalität des Todes. Krass. Mehr dazu bald.

 

 

Abriss der Gesellschaft

Früher, als die Winter noch lang und schneereich und die Sommer heiß und trocken waren, und überhaupt und sowieso alles besser war, da hätte mir das nicht passieren können, soviel steht fest. Da hatte ich nämlich noch kein Internet, vor fünfzehn Jahren sagen wir, und selbst vor zehn Jahren war ich mit meinem Einwählmodem noch so unfassbar langsam im Netz unterwegs, dass von Unterwegssein eigentlich gar nicht die Rede sein konnte. Ich schrieb ein paar Emails, aber das wars dann auch schon wieder, ein Ort des Lesens war das Netz mir damals nicht. Zeitweise hatte ich eine Zeitung abonniert, aber die las ich auch fast gar nicht, meist ging alles ungelesen ins Altpapier, und so bestellte ich sie wieder ab. Über das Weltgeschehen informierte mich ja schon die Glotze und vor den Segnungen der sogenannten Literaturkritik blieb ich auf diese Weise weitgehend verschont, weshalb ich einfach lesen konnte, was ich wollte, und das tat ich dann eben auch. Die richtigen Bücher kommen schon zu einem, die falschen natürlich auch, aber das tut jetzt nichts zur Sache. Jedenfalls war es kein Zeitungsartikel, der mich vor vielleicht 20 Jahren dazu brachte, das Buch „Irre“ von Rainald Goetz aus einem Karton mit Gebrauchtbüchern vor der Münchner Uni zu ziehen und schließlich auch zu kaufen und zu lesen.

Das Buch elektrisierte mich vom Fleck weg, die Sprache, dieser Sound, das war mir völlig neu und ungehört, irrsinnig kraftgeladen und dennoch poetisch, toll. Ich las dann nach und nach so ziemlich alles von Goetz, manches fand ich besser, manches weniger gut, ganz normal. „Rave“ zum Beispiel ließ mich irgendwie kalt, vermutlich weil ich mit der realen Technopartywelt so überhaupt nichts anfangen kann. „Abfall für alle“ und „Klage“ dagegen ganz große Sternstunden für mich, ich glaubte damals wirklich, dass das Blog der legitime Nachfolger und Ablöser der veralteten Romanform sein könnte, und eigentlich glaube ich das heute auch noch ein bisschen, zumindest finde ich es immer noch bemerkenswert, dass die Kontinuität des zeitlichen Verlaufs, die im Roman ja immer nur eine vorgetäuschte und künstlich konstruierte ist, im Blog, das in Tagesportionen nicht nur geschrieben sondern auch direkt veröffentlicht wird, einen ganz anderen Ausdruck findet, einen sehr zerstückelt und diskontinuierlich daherkommenden interessanterweise, aber darüber müsste ich mal gesondert nochmal nachdenken.

Bei „Johann Holtrop“ war jedenfalls im Vorfeld schon durchgesickert, dass das wieder ein ganz klassisch auktorial erzählter Roman sein solle, kein Formexperiment, wie Goetz’ letzte, und eigentlich ja alle seine vorigen Bücher gewesen waren. Ich rannte dennoch direkt am Erscheinungstag in den Buchladen und holte mir den Holtrop, aber bevor ich noch anfangen konnte ihn zu lesen, prasselten per Netz die Kritiken auf mich ein, und die waren alle ziemlich zurückhaltend bis vernichtend, weswegen ich jetzt plötzlich Angst bekam, einem meiner absoluten Lieblingsautoren könnte hier vielleicht wirklich nichts anderes als ein tiefgekühlter Bockmist eingefallen sein und also sicherheitshalber lieber doch die Finger davon ließ.

Bis ich jetzt, nach über einem Jahr, den Holtrop dann doch aus dem Regal nahm und siehe da: Super Buch! Ein wirklich gültiges und wahnsinnig gut geschriebenes Panorama deutscher Geschichte von 2000 bis 2010, die sogenannten Nullerjahre, vom New Economy-Boom und seinem Platzen bis zur Finanz- und Bankenkrise und dem folgenden und ja letztlich bis heute andauernden Kater. Das alles legt Goetz aber eben nicht abstrakt und schematisch dar, wie es ein Sachbuch oder Wirtschaftsartikel machen würde, sondern er erzählt es anhand unglaublich präziser Psychogramme und der sozialen Konstruktionen und Abläufe zwischen den Menschen auf der höchsten Managerebene, diesen Machern und Entscheidern, die da mit den Milliarden jonglieren, ohne richtig zu kapieren, was sie da eigentlich tun. Die Wahnhaftigkeit dieser außer Kontrolle geratenen Kapitalismusmaschine expliziert Goetz nicht anhand von Börsenmodellen, sondern der Fokus ist ganz mikroskopisch eingestellt: Wie Holtrop als Oberchef strategisch einen Untergebenen, der in letzter Zeit vielleicht etwas zu vorlaut und selbstbewusst geworden ist, einfach dadurch wieder ein paar Stufen degradiert, indem er über einen seiner Witze in der Morgenkonferenz nicht lacht, sich deswegen auch kein anderer der anwesenden Unterchefs traut, über den Witz zu lachen – wie auf diese Weise die per Posten und Gehaltsklasse ja eigentlich schon manifeste Hierarchie Tag für Tag neu bewiesen und hergestellt werden muss, und wie Holtrop umgekehrt genau daran, dass diese Mechanismen plötzlich nicht mehr funktionieren, merkt, dass seine Zeit als Oberchef abgelaufen ist, lang bevor er wirklich rausgeschmissen wird: diese mit dem soziologischen Mikroskop betrachteten Konferenzraumszenen erzählt Goetz wahnsinnig fesselnd und analysiert sie gleichzeitig mit höchster Präzision.

Allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen, den Spaß gibts gratis obendrauf. Denn natürlich, das hat auch die offizielle Literaturkritik ziemlich einhellig verstanden und erklärt, ist das kein Schlüsselroman. Holtrop ist nicht Thomas Middelhoff, (genausowenig wie der „Schirrmacher“ aus „Loslabern“ in dem Sinne der Herr Frank Schirrmacher war), und Holtrop ist auch nicht Hitler, aber trotzdem fand ich es einfach total lustig, dass der durchgeknallte CEO Holtrop, der gerade merkt wie seine Felle davonschwimmen und dass die zur Rückeroberung der Marktmacht geplante „Schönhausenoffensive“ ihm zur rein defensiven und letztlich hoffnungslosen Chefsesselverteidigungsaktion gerinnt, sich Stärkungsspritzen von einem „Dr. Morell“ geben lässt, denn das war ja wirklich der Name von Hitlers Leibarzt. Das muss man nicht witzig finden, aber ich lachte bei derlei grotesken Einschüben und Querverweisen laut auf, genauso wie bei der Stelle, als der zwischenzeitlich in einer Irrenanstalt am Tegernsee internierte Holtrop ein Kurkonzert der „Donalfonskosaken“ zur „Einübung in den Weltkontakt“ besuchen darf.

Der Untertitel „Abriss der Gesellschaft“ stellt keine Doppeldeutigkeit im Sinne eines Rätsels dar, sondern meint genau beides: Es ist ein Abriss vom Abriss der Gesellschaft. Und dieser Abriss geht ja weiter. Der scheinbare Trost des Romans, dass er 2010 mit Holtrops Tod endet, ist seine romanhafteste Tücke.

Vielleicht schreib ich bald noch mehr über den Holtrop, wenn es jemanden interessiert, ich hab soviel mit Bleistift angestrichen, wie schon lang in keinem Buch mehr. Aber für heute reichts.