Staade Zeit

Kürzester Tag des Jahres, umso länger die Nacht. Heute morgen schon mit C. den Christbaumschmuck inspiziert. Sie findet alles wunderschön, jede Kugel, jedes Figürchen und jeden Strohstern drehte sie minutenlang in der Hand. Wie wunderschön das alles sei, und wie genau richtig, dass der Hauptstern für obendrauf nicht glitzrig und glimmrig ist, sondern aus Stroh. Fantastisch finde sie das, einfach fantastisch. Sie, die sonst oft so mäkelig ist. Gestern beim Baumkauf kam es zu fürchterlichen Szenen, weil ich nicht den Baum kaufte, den sie auserkoren hatte, da der einfach viel zu dicht und buschig und daher für unsere Echtkerzenaufsteckung völlig ungeeignet war. Dann allein raus zur Wilmersdorfer Straße, Ente gekauft und allerlei anderes Zeug, die Geschenke sind ja glücklicherweise schon besorgt, jetzt geht es ums Essen, jetzt fängt die Weihnachtszeit an für mich. Ich muss Weihnachten wirklich lieben, anders ist das nicht zu erklären. Die Kraft der Illusion: Auf der Wilmersdorfer war es so wuselig, viel zu viele Leute, alle kaufen wie die Wahnsinnigen, die übergrelle Dekoration überall, gigantische Plüscheisbären, die mit mechanischer Stimme „Jingle Bells“ singen und dazu hilflos mit den Armen rudern, und ich mittendrin, keine Baumkerzen mehr bei dm, leicht panisch rüber zu Rossmann, wo ich den Restbestand friedlich mit einem anderen Kerzenkäufer aufteilte: kurze Verhandlung: er sechs Pakete, ich acht. Wir beide zufrieden. Keine Kerzen mehr bei Rossmann.

Um mich herum der Irrsinn, in mir die staade Zeit. Wieder zuhause, ein paar Seiten im Holtrop gelesen, dann sofort Mittagschlaf. Aufgewacht, die Ente gebraten, zwei Stunden bei 160°, parallell die Soße bereitet. Zeigte C., die erst neulich wieder sagte, sie wolle Ärztin werden, und sich auch sonst sehr für Anatomie interessiert, die Innereien der Ente: Herz, Leber, Lunge. Deutlich zu erkennen die zwei Herzkammern, die Herzkranzgefäße. Sie sah es sich interessiert an und brach gleich darauf in Tränen aus: wie gemein das sein, warum die Ente habe sterben müssen, die arme Ente. Sie hat recht, eigentlich hat sie recht, dachte ich, als ich eine Zigarette rauchend über die Frage nachdachte, während im Ofen die ja nun schon tote und nicht wieder zum Leben zu erweckende Ente weiter schmorte. Wir dankten der Ente, als wir sie aßen, dafür, dass wir sie essen durften, sie schmeckte sehr gut.

Kinder dann auch noch ewig wach, im Ferienmodus, irre laut und überdreht, ständig gehen sie einander an die Gurgel, aber in mir, als hätte einer den Schalter umgelegt: alles still, weil: staade Zeit.

Jetzt aber schlafen sie, und gebloggt wäre damit ja dann auch, also jetzt noch ein bisschen ganz staad Captain Beefheart hören, und balde ruhe ich auch.

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