Poppy Day

Übers Wochenende war der Schwiegervater aus England zu Besuch. England: Welch fremder Kontinent das ist. Die kennen noch nicht mal Ostereier, und wir sind hier im Gegenzug schon so verrückt, dass die bunten Eier auch zu Weihnachten im Supermarktregal liegen.

Ich befragte ihn zu diesem Poppy-Ritual in England am 11.11., von dem ich hier erfahren hatte, und das mich seither, wer weiß warum, nicht richtig loslässt. Die Engländer stecken sich an diesem Tag alle rote Mohnblumen an ihre Jacken, ursprünglich zum Gedenken an die britischen Gefallenen des Ersten Weltkriegs, der am 11.11.1918 durch die Unterzeichnung des Waffenstillstands zu Ende ging. In der Folge aber wohl, soviel ich verstehe, zum Gedenken an alle englischen Kriegsgefallenen seither. Mein Schwiegervater bestätigte: Ja, am elften November haben fast alle in England so eine rote Mohnblume am Revers. Ich musste aber nochmals nachhaken, bis er anfügte, dass er selbst an diesem Tag früher immer eine weiße Blume zu tragen pflegte, zum Zeichen, dass er gegen jeglichen Krieg sei, egal von wem, für wen, gegen wen. Seit Irak und Afghanistan sei dies aber nicht mehr möglich, sagte er. Man laufe nun Gefahr, angepöbelt oder gar zusammengehauen zu werden, wenn man am 11.11. mit weißer Blume herumlaufe. Daher trage er jetzt gar keine Blume mehr.

Der ganze Überwachungskomplex ist für ihn hingegen kein Thema. Wir stritten heftig, aber er blieb dabei: Seine Mails könnten die ruhig lesen. Wenn das ihn davor bewahrte, in der Londoner U-Bahn zu explodieren, sei es ihm gerade recht. Alternative Energien, Elektroautos, Windräder und Wasserkraftwerke – das seien für ihn viel dringlichere Themen, da engagiere er sich. Die Geheimdienste hingegen wirkten doch nur zum Guten, da solle man sich nicht so künstlich aufregen.

Jeder Generation ihr Thema, dachte ich resigniert, da ich ihn nicht von der Brisanz des Big-Data-Komplexes überzeugen konnte. Träum du weiter von deinen Windmühlen. Oder vielleicht bin doch ich der, der spinnt? Ich weiß fast nichts mehr.

 

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12 Kommentare zu “Poppy Day

  1. Gerade das, denke ich, sind die wichtigen Diskussionen, die in denen wir herausgefordert werden von Menschen, die wir schätzen, und nicht einfach abtun können als „die“, die sowieso immer im Unrecht sind. Es sind auch die einzigen, durch die sich das eigene Denken bewegt.
    Auch ich erlebe die von dir beschriebene Reaktion in der Diskussion mit US-amerikanischen Freundinnen und Freunden. Das ist wichtig, sich auch dieser Perspektive zu stellen, finde ich, statt immer in der Timeline mit denen Übereinstimmung herzustellen, die sowieso alles besser wissen.
    Und – das schätze ich auch an deinen Blog-Beträgen so sehr, dass sie diese Beweglichkeit des Denkens, die man negativ auch Unsicherheit nennen könnte, darstellen und ausdrücken. Ich wäre froh, wenn mehr Leute weniger „sicher“ wären in ihren Urteilen über die Welt im Allgemeinen und „die anderen“ im Besonderen.

    • Ja, Widerspruch ist immer anregender für das Denken als wenn alle im Chor dasselbe sagen und einander auf die Schultern klopfen. Ebensowenig will ich in eine „Wir-gegen-Die“-Rhetorik einstimmen. Aber letztlich hat mich diese Diskussion dann doch in meinem Standpunkt bestärkt, dass diese Überwachungsaffäre eine wirkliche historische Zäsur darstellt, nicht zuletzt deswegen, WEIL so wenig Protest aus der Bevölkerung hörbar ist. Hier werden basale Grundrechte abgeschafft (Privatsphäre, Unschuldsvermutung, Pressefreiheit etc.) und keiner muckt auf, obwohl doch durch Snowdens Enthüllungen ganz klar geworden ist, dass die Terrorbekämpfung nicht das einzige und vielleicht nicht mal das hauptsächliche Ziel der Geheimdienste ist. Ich finde das alles den kompletten Irrsinn, auch die Nicht-Reaktion der deutschen Politik, sprich Merkel, und bin entschlossen, mir dieses Thema nicht aussitzen zu lassen, sondern immer wieder darauf rumzuhacken. Nicht, dass ich mit meinem Blog irgendwas bewegen könnte, aber es geht mir einfach wider die Vernunft: Mein Schwiegervater ist selber ein Leser des Guardian und lässt sich dennoch weismachen, dass es der Terrorbekämpfung diene, wenn Geheimdienstler in der Redaktion seiner Zeitung Laptops zertrümmern? Das kann doch alles nicht wahr sein, (ich reg mich schon gleich wieder so auf…)

      • Wir saßen mit einigen IT-lern im Auto als wieder eine dieser Enthüllungen kam, eigentlich war keiner überrascht, nur unser damaliger Chef hat sich echauffiert. Zurecht, auch wenn man von Geheimdiensten nichts andres zu erwarten hat.

        Klar sammeln Google und Facebook ja nicht aus reiner Vergnügungssucht Daten. Nur wie können diese Konzerne soviel Geld wert sein, frage ich mich – wenn es plötzlich Millionen von Menschen zu blöd wären auf ihre Dienste zurückzugreifen, wären sie dann einfach futsch? – Diese Big-Data Vokabel ist vielleicht auch ein Versuch, diese Frage zu kaschieren, auf die es so keine einfache Antwort gibt.
        Manchmal denke ich fast an Börsenblasen, nur heiße Luft,.. oder ist es so wie in einem NTV-Beitrag gestern behauptet wurde, dass unsre Datenprofile noch viel mehr wert seien und Facebook nur noch nicht den richtigen Hebel gefunden habe, das RICHTIG zu Geld zu machen. Da wurde mir ein bisschen übel…

        Ja, eigentlich wissen wir viel zu wenig. Vielleicht sollten wir es wie der CIA machen, der sich wenigstens selbst noch gezielt desinformiert.

      • Das ist exakt die zu klärende Frage: Was ist mein Datenprofil wert, und warum kassiert Facebook dieses Geld und nicht ich? Beziehungsweise: wie kann ich klar machen, dass es unverkäuflich ist? Bin ich nicht der Besitzer meines Datenprofils?

      • Es gibt ja diese Theoretiker des Kontrollverlusts, nach deren Ansicht wäre es sinnlos über unsere Daten, ja über unsere ganze digitale Identität, überhaupt verfügen zu wollen: es liegt nicht in unserer Hand. Ob es jedoch in den Händen obengenannter Konzerne, besser aufgehoben ist? Die Hoffnung bzw. die Theorie warum dieser Kontrollverlust überhaupt positiv gesehen werden kann, liegt vermutlich in der Dezentralität des Netzes, die es verhindern sollte das sich Daten oder Macht an einzelnen Stellen so konzentriert. (Wenn ich jetzt jedoch sehe, dass ca 80% von Fernsehwerbung einen Internetbezug hat und ein Konzern wie Google mal eben Frau Merkel als Werbeträger nehmen kann, dann zeigt das einmal mehr wie stark die wirtschaftlichen Interessen an diesem angeblich so freien Ort sind und ihn ja schon geprägt haben.)
        Ich teile diese Ansichten nicht, möchte zu Schluss aber noch etwas anderes zu Bedenken geben: Auch im Analogen ist ein beträchtlicher Teil unserer Identität extern; in den Köpfen anderer Personen oder fremden Papieren, und somit nicht unbedingt in unserer Gewalt. – Bewusst gemacht wurde mir dies durch die Geschichte eines Bekannten, der über 50 Jahre von allen nur mit einem Spitznamen angeredet wurde und nun zum Teil heftige Irritationen in seinem Umfeld hervorrief, als erst nun plötzlich mit seinem richtigen Geburtsnamen angesprochen werden wollte.

  2. Mir sagte vor nicht langer Zeit, kurz vor der Bundestagswahl, ein Schriftsteller zum Thema Überwachung: „D e i n e Mails lesen die doch nicht, mach Dir also keine Sorgen.“ Das fand ich eher befremdlich, weil wenn, dann sollen sie meine Mails natürlich auch lesen! Dieser besagte Schriftsteller, der sich sonst auf vielerlei Diskussionen einläßt, ist beim Thema NSA-Skandal ganz unbeteiligt und bleibt demzufolge auch ganz ruhig, was ich gut verstehen kann, obwohl ich durchaus nicht ruhig bleibe und ganz und gar nicht seiner Meinung bin. Auf eine Diskussion habe ich mich aber nicht eingelassen, ich kenne ja alle Argumente aller Seiten (die deutschen und die „nichtdeutschen“), und überzeugen will ich ohnehin niemanden, der selbständig, aus welchen Gründen auch immer, zu seinen Ansichten gelangt ist, denn das empfände ich als einen aggressiven Akt. Dann doch lieber zusammen ein Bier trinken gehen und darüber reden, daß, wie ich gestern las, der wahre Adel des Menschen in schönen Beinen liegt.

  3. Die Überwachungsdebatte berührt scheinbar nur wenige Briten. Ich denke, das hängt teilweise mit unserer unterschiedlichen Geschichte zusammen und natürlich auch damit, dass die Briten die Überwacher-Assistenten der USA sind, und die Deutschen in diesem Fall die Überwachten.

    • Ich glaube, es hat eher damit zu tun, dass die Engländer rein redensartlich wissen, dass man den Kuchen nicht zugleich haben und ihn essen kann!

    • Ja, mag sein, dass man als Deutscher da noch ein bisschen sensibler ist beim Thema Überwachungsstaat. Meine Mutter erinnert sich noch, wie ihre Eltern ganz leise englische Feindsender gehört haben im 2. Weltkrieg, und ihr dann eingeschärft haben, dass sie mit absolut niemandem darüber reden dürfe, denn in jedem war ein potenzieller Nazi-Denunziant zu vermuten. Die automatisierte Digital-Überwachung folgt natürlich ganz anderen Spielregeln, die wir erstmal langsam begreifen müssen, aber das Verrückte ist doch, dass auch aus der deutschen Bevölkerung jetzt nur schwacher Protest hörbar ist, den meisten ist es egal, und die Politik schweigt sich auch aus. Ich kapiers nicht.

      • Ich komme aus dem Osten und kann mich noch gut erinnern, dass, wenn mein Vater etwas systemkritisches sagte, meine Mutter immer ganz ängstlich antwortete: „sprich nicht so laut, du weißt nicht, wer mithört.“ Daher ist meine eigene Reaktion auch Empörung. Aber vielleicht sind die Leute ja tatsächlich im heutigen Medienzeitalter abgestumpfter.

  4. Jede Generation hat ihr Thema, das stimmt, und ich erinnere mich noch sehr gut, wie ich … oh, Sorry, sehe grade: Ich hab schon kommentiert!

  5. In Kleinstschritten, die für manchen aber wohl leider als groß genug gelten, passiert ja nun etwas in Sachen Schutz vor vollständiger Ausspähung aller Unschuldigen, denn nun hat die UN-Vollversammlung eine unter Federführung Deutschlands und Brasiliens ausgearbeitete Resolution zum Schutz der Privatsphäre im digitalen Zeitalter endgültig angenommen, wie es heißt. Die Geschichte und die Gegenwart aber zeigt, wer sich nicht an solche Resolutionen halten will, der tut das auch nicht. Der Schaden ist allerdings ohnehin schon längst angerichtet, denn „die“ halten „uns“ trotzdem alle für Verbrecher, und „wir“ „die“. Ich fürchte also, erst wenn alles Vertrauen verbraucht ist, werden wir alle wirklich spüren, daß man es nicht einfach wieder ausbrüten oder an der nächsten Ecke mit ein bißchen Geld kaufen kann.

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